Menschen, von oben gesehen, auf einem Raster stehend, mit deutlichem Abstand
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Von der Chance zum Change

Eine Krise definiert sich weder durch ein bestimmtes Schadensmaß, noch über ihre Plötzlichkeit oder Bedrohlichkeit. Krisen können wenige Minuten oder viele Jahre andauern, sich wie die Klima- und Biodiversitätskrisen sogar über Jahrzehnte vorankündigen. Was eine Krise ausmacht, ist die Unterbrechung, der Verlust von Normalität und Sicherheit. Weil dieser Bruch den Grund der Krise in sich trägt, ist er zynischerweise immer auch „Change“, dessen Ausgestaltung wir bestimmen können.

Von Andres Friedrichsmeier

„In der Krise“ sind alle Abläufe unterbrochen, die das Leben sonst weitgehend unsichtbar strukturieren und steuern, zuvorderst Routinen und Selbstverständlichkeiten. „Krise“ meint im Kern einen Riss der vorangehenden Normalität und der normal stattfindenden Typisierungen. Krisen durchbrechen sowohl unsere kognitiven als auch die nur auf Verhaltensebene ablaufenden Skripte und Heuristiken – letztere steuern unser Verhalten ohnehin wesentlich mehr als kognitive Erwägungen und rationale Entscheidungen.

Soziologen kennen dafür Begriffe wie „Habitus“ oder „praktische Praxis“ von Bourdieu, Sozialpsychologen nennen es eher „script based“ und „rule based behavior“. Erst diese Skripte machen uns im Alltag handlungsfähig. Und genau weil sie in einer Krise stocken und nicht zur Anwendung kommen, fühlt sich eine Krise immer ein wenig unwirklich an: Unser Zeitgefühl schwimmt, wir fühlen uns nur eingeschränkt handlungsfähig, oft eine Spur hilflos.

Zwar schafft uns das auch Raum für neue Beobachtungen – etwa berichteten sehr viele Menschen, schon lange keinen Frühling mehr so bewusst erlebt zu haben wie in der Corona-Zeit; hier entdeckt ein Paar, dass es sich schon lange trennen wollte, dort entdecken WG-Partner, dass sie für einander eigentlich mehr sind als bloße Mitbewohner. Aber ein Mehr an Aufmerksamkeit folgt oft erst aus einem Weniger an Handeln: Im Großen und Ganzen reicht die rationale Kapazität unserer Großhirnrinde einfach nicht aus für einen ernsthaften Tagesablauf.

Die Sehnsucht nach Normalität

Deshalb liegt es wortwörtlich in unserer Natur, sich in einer Krise „Normalität“ zurückzuwünschen. Allerdings kann auch Krisenbewältigung zu neuer Normalität führen, sie wird es sogar ohne unser Zutun ganz automatisch. Aber das bestätigt umso mehr, dass die meisten von uns eine Form von Normalität brauchen, um sich handlungsfähig zu fühlen. Der dann naheliegende Gedanke, „alles soll wieder normal werden“, ein von seiner Struktur her durch und durch konservativer Wunsch, ist insofern „natürliche“ Folge jeder länger andauernden Krise.

Ein prominentes historisches Bespiel ist die Renaissance der Hausfrau in westlichen Staaten nach den Schreckensjahren des zweiten Weltkriegs. Obwohl Millionen von Frauen in den Kriegsjahren selbstbewusst und erfolgreich die an die Front gezogenen Männer in den Betrieben und vielen anderen Positionen ersetzt hatten und das Hausfrauenmodell für breite Schichten vorher ohnehin nie Normalität gewesen war, trug die Sehnsucht nach Normalität zum teils freiwilligen, teils erzwungenen Rückzug sehr vieler Frauen an den Herd bei.

Das Beispiel zeigt, dass es die alte „Normalität“ nach einer Krise so nicht mehr gibt, man also bei genauer Betrachtung auch umso weniger zu ihr zurückkehren kann, je länger die Krise anhält und je stärker sie fortwirkt. Denn die alte Normalität existierte bloß in einem Netzwerk von Verhaltensskripten, gegenseitigen Erwartungen und ähnlichem, das sich auf Knopfdruck – also durch den Krisenauslöser – zwar aus-, aber nicht wieder einschalten lässt. 

Ist das wirklich so? Schließlich kennen wir auf individueller Ebene ja durchaus, dass man nach einem einschneidenden Erlebnis, also einer Krise, später trotzdem wieder „in den alten Trott“ verfallen kann, also zumindest oberflächlich der vorherigen Normalität nahe kommen kann.

Dies passiert umso wahrscheinlicher, je mehr der Einschnitt nur einen selbst betrifft und alle anderen weiter machen wie bisher, die alte Normalität also fortleben lassen. Deshalb ist es für kognitiv schnell überlastete Wesen wie uns Menschen das Einfachste, sich wieder in diese alten Routinen einzuklinken. Ein bekanntes Beispiel: Wer etwa vom Konsum von Alkohol, Heroin oder auch gegrilltem Nackenkotelett wegkommen will, muss sich leider zwangsläufig auch spürbar von einem sozialen Umfeld distanzieren, welches diesen Konsum ins Zentrum seines Miteinanders stellt. 

Was normal ist, verändert sich ständig

Anders sieht es aus, wenn das Netz aus Normalität und sie tragenden Routinen für alle abgerissen ist. Dann müssen die Betroffenen die gegenseitigen Erwartungen und Typisierungen zunächst wieder über eine neu aufzunehmende Praxis stabilisieren, in der man erst einmal die anderen aufmerksamer beobachten muss, wer sich nun wie normal verhält. Die Gesellschaftsmitglieder müssen sich neu aufeinander und auf die zwischen ihnen geltenden informellen Regeln einstellen.

Aus diesem Grund ist eine Krise gut geeignet, um den schon vorher eingesetzten Verschiebungen in einer Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen. Beim Beispiel der Frauenarbeit nach dem zweiten Weltkrieg war es die Tendenz zur Verbürgerlichung in der Arbeiterklasse und bei den niedrigeren Angestellten. Der kollektive Weg in eine Re-Normalisierung nach der Krise, welche sich aus den individuellen Wünschen nach dem Wiedergewinn von individueller Planungs- und Handlungsfähigkeit speist, kann schon per se keine Rückkehr in das tatsächliche Davor der Krise sein. Allenfalls führt er zu einer hegemonialen Interpretation und somit Neuerfindung des Vorherigen. Und in einer solchen Erfindung des zurückersehnten Neuen bekommen dann fast automatisch wiederum diese Tendenzen und Trends mehr Gewicht, die schon vorher deutlich zu spüren waren.

Die so krisentypische Sehnsucht nach Rückkehr von Normalität richtet sich also nie auf ein fotografisches, realitätsgenaues Abbild der vorherigen Normalität, sondern betont solche Elemente, die schon vorher einer Aufwertung unterlagen. Jedoch ist keinesfalls ausgemacht, welche Elemente verändert werden. Das kann auch gar nicht anders sein, weil sich eine Normalität immer zu hohem Anteil auf weder vollständig mit sprachlichen Mitteln reflektierbare noch in ihrer komplexen Dynamik protokollierbare Elemente wie Verhaltensskripte, Heuristiken, aber auch Weltbilder, wechselseitige Interpretationsschema und vieles mehr stützt.

Wiederherstellungsversuche nach einer Krise können sich auf einzelne dieser Elemente der vorangehenden Normalität oder auch auf ausgewählte ihrer Strukturprinzipien (etwa „Kapitalismus“) konzentrieren, aber sie fokussieren automatisch viel enger auf einen Ausschnitt der bisherigen Normalität. Schließlich ist Normalität, gerade in modernen Gesellschaften, stets etwas Dynamisches, im stetigen Wandel Begriffenes – nur vorgestellt ist sie statisch.

Beispielhaft Trends, deren weitere Verstärkung denkbar wäre:
Digitalisierung, Medialisierung
Vom Massenkonsum zur Singularisierung
Von der klassischen Arbeitsgesellschaft hin zur Tätigkeitsgesellschaft
Trend zum Postmateriellen
Kleinfamilie, Eigenheim, Privatsphäre und SUV als weltweite kulturelle Ideale
Orientierung auf Sicherheit

 

Der Krise folgt der Change 

Eine Krise trägt demnach nicht bloß ein naturgemäß konservatives Moment in sich, sondern auch ein ähnlich in ihrer Krisennatur angelegtes Moment für den Durchbruch schon vorher angelegter Tendenzen, mindestens also für einen Kurswechsel, letztlich aber auch für einen „System Change“.

Die hier gemeinten Krisen gesellschaftlichen Ausmaßes sind immer gleichzeitig ein Diskursereignis. Sie eignen sich, um die Zeit in ein „davor“ und „danach“ einzuteilen, sie legitimieren die Gesellschaft die Frage nach den Konsequenzen aus der Krise überhaupt erst zu stellen. Und die Durchbrechung der vorherigen Normalität macht kollektiv spürbar, dass Gesellschaft auch ganz anders sein kann. Schließlich sind vorher absolut unerschütterlich erscheinende Gewissheiten durch die Krise ausgesetzt: Die Typisierungen sind unterbrochen, Selbstverständlichkeiten zerronnen, das Feste ist zumindest ins Wanken geraten – wie etwa bei Autobranche und Fußballbundesliga.

Aber die Krise selbst trägt nur die Wahrscheinlichkeit von Richtungswechseln und Umbrüchen in sich, nicht deren Richtung. Eine Gesellschaft kann aus einer Krise mutige Konsequenzen ziehen – als Beispiel gilt oft die Türkei nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs – oder sich sogar noch unbedingter und fanatischer an das klammern und das restituieren, was sie einst in die Krise geführt hat – wie die Außenpolitik der USA nach dem 11. September 2001. Ähnlich wahrscheinlich ist eine Mischung und Koexistenz von beidem – wie in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg. Möglich ist, neben radikalem Neuaufbruch, auch radikaler Rückzug – ein Beispiel ist die Bildung jüdisch-orthodoxer Communities nach dem Holocaust und nach zeitlich davor liegenden Pogromerfahrungen.

Welchen Ausgang die Corona-Krise nehmen wird, hängt von uns ab und ist noch offen. Wir beobachten aber bereits, wie in der Krise Fragen, die theoretisch schon immer politisch entscheidbare waren, aber früher immer so behandelt wurden, als seien sie es nicht, nun auf die politische Ebene rücken: etwa die Frage, ob die deutschen Automobilkonzerne 2020 in erster Linie nur noch Elektroautos herstellen sollen und ob es überhaupt gesellschaftlich wünschenswert ist, dass weiter Autos mit Verbrennungsmotor gebaut werden.

Obwohl eine Krise deutlich vor Augen führt, dass eine zuvor vermeintlich unverrückbare Gesellschaft eben doch ganz anders gestaltet werden könnte, verdeckt sie eher die Tatsache, dass die bloß vermeintliche „Rückkehr“ in die Normalität notwendig ein neuer Aushandlungsprozess ist, bei dem sich soziale Gewichte, Werte und Wertigkeiten selbst dann verschieben, wenn man weitgehend alles so wiederherstellen will, wie es vorher war.

Folgt man dieser Interpretation, haben die an Emanzipation und Erhalt der Zivilisation interessierten Kräfte gar keine andere Wahl, als sich in diese Neuaushandlung, in welche Normalität es nach der Krise gehen soll, einzubringen – andernfalls gibt es keine Rückkehr in die vorherige Normalität, sondern nur in eine düstere Variation von dieser. Gleichwohl muss jeder Vorschlag für eine bessere Normalität mit dem gegenläufigen Impuls sehr Vieler rechnen, „nun lasst uns doch erst einmal wieder Normalität herstellen, in der wir uns handlungsfähiger fühlen als in der Krise; sehen wir erst danach weiter, statt jetzt das Chaos zu verstärken“.

Nur gemeinsamer Diskurs führt zu neuer Sicherheit

Bei ihrem sich-Einbringen in die Neuaushandlung müssen diese an Emanzipation und Fortbestand der Zivilisation Interessierten deshalb besonderes Augenmerk auf die kollektive Interpretation des Krisenereignisses legen, denn sie strukturiert den Aushandlungsprozess über die künftig Normalität grundlegend mit.

Was nämlich die Krise mitverursacht hat, will auch derjenige nicht wiederherstellen, dessen erster Impuls das oben angeführte „lasst uns erstmal zu Normalität zurückkehren“ war. Die gesellschaftliche Aushandlung darüber, in welche Normalität man nach der Krise zurück will, beginnt demnach mit der Interpretation der Krise selbst, ihrer Ursachen und was ihre Folgen verschlimmerte. Einige Beispiele dafür enthält die Tabelle am Ende dieses Beitrags.

Fassen wir also zusammen: Eine größere Krise bringt immer automatisch gesellschaftliche Richtungswechsel, die größer ausfallen als in anderen Jahren. Sich in die unvermeidlich stattfindende Neuaushandlung über Normalität einzubringen, ist dann alternativlos. Weil dieses Engagement gern als „Ausnutzen“ oder „Instrumentalisieren“ der Krise empfunden wird, muss es gerade an der Interpretation des Krisenereignisses ansetzen.

Besondere Chancen bietet eine Krise zur Korrektur von solchen Verhaltensweisen, die nie bewusst entschieden wurden. Diese sind deshalb auch weniger gut durch explizite politische Entscheidungen korrigierbar, sondern nur durch eine Richtungsänderung gesellschaftlicher Normalität – die breiter verstanden werden muss, als es z. B. die marxistischen Konzepte wie „Kapitalismus“, „Charaktermaske“ und „Formbestimmung“ ausdrücken.

Schließlich hat niemand von uns je bewusst entschieden, durch sein Urlaubs-, Mobilitäts- oder sonstiges Konsumverhalten den Planeten für Milliarden heutiger und zukünftiger Generationen unbewohnbar zu machen und den Rest der Menschen mit einiger Wahrscheinlichkeit in fatale künftige Verteilungskriege zu stürzen. Die Klimakrise ist für das, was wir heute unter Zivilisation verstehen, um Größenordnungen gefährlicher als die Coronakrise.

Letztere zwar als Krise, gleichzeitig aber auch als eine Art „Chance“ sehen zu müssen, ist unglaublich traurig, ja sogar ein Stück weit zynisch, aber dies ist die Traurigkeit und der Zynismus einer der Krise vorangegangenen Normalität. Es ist nicht der Zynismus jener, denen auffällt, dass Krise immer auch „Change“ sein wird; hingegen zu ignorieren, dass Krise automatisch auch Change bedeutet, wäre die zynischere Option.

 

Beispielhaft: Was führte (tiefer) in die Krise und verschlimmerte deren Auswirkungen Alternative Modelle aus emanzipatorischer Perspektive
Auf Kante genähtes, just-in-time, hyperspezialisiertes global parzelliertes Wirtschaften mit Abhängigkeit von riesigen Transportströmen beschleunigt die Krisenausbreitung und vertieft die Krisenfolgen Resilienz, Regionalisierung, öffentliche Vorsorge
Ein Wachstumsmodell, das dichte Besiedlung und Massenmobilität bis in die letzten Archipel der Wildtierbestände hineinträgt und die Ausbeutung immer weiterer Gebiete bewirkt, führt dazu, dass die Zahl neuartiger Viren, die auf den Menschen überspringen, seit einigen Jahrzehnten exponentiell steigt Degrowth, steady economy, Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln
Massentierhaltung ist mit einem hohen Seuchenrisiko verbunden Vegetarismus, Veganismus, Slow Food
Das Zögern und zeitliche Aufschieben von Gegenmaßnahmen gegen eine bekannte Bedrohung bewirkt erheblich höhere Folgekosten im Vergleich zu einem frühzeitigen und konsequenten Eingreifen Sofortiger Klimaschutz, ambitioniertere und verbindliche Klimaziele
Individuelle Vorteilsorientierung der Einzelnen statt gemeinsamer Verantwortlichkeit behindert effektiven Gesundheitsschutz Commons, postmaterielle Orientierung
Arbeitsmarktbewertung von Berufen, z.B. von Pflegekräften, und deren gesellschaftliche Nützlichkeit gehen stark auseinander Preisregulierung, Eingriff in Tarifautonomie, progressive Einkommenssteuern
Hohe Ungleichheit in der Verfügung über Wohnraumgrößen, eigenen Garten oder digitale Arbeitsmöglichkeiten bei Schulkindern stehen einheitlich auf alle gleich angewendeten Infektionsschutzmaßnahmen entgegen Öffentliche Verwaltung von Wohnraum
Schadensregulierungsansprüche und Nothilfeprogramme lassen sich nicht gleichzeitig gerecht, bürokratiearm und missbrauchsarm umsetzen bzw. beantworten Universal basic income
Privatisierung und Rückbau öffentlicher Infrastruktur wirken sich negativ aus Civilisation de la gratuité, Ausweitung öffentlicher Infrastruktur
Nationale Alleingänge und Egoismen bei einem nicht an Landesgrenzen haltmachenden Virus schaden Infektionsschutz und Impfstoffentwicklung Weltregierung. Öffentlich finanzierte internationale Forschung

 

Dr. Andres Friedrichsmeier ist Organisationssoziologe und arbeitet für das Thüringer Bildungsministerium. Im factory-Magazin Freiheit schrieb er über das Grundeinkommen als Perspektive.

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