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Deutschlands CO2-Emissionen sanken 2023 auf Rekordtief

Der Kohlendioxid-Ausstoß in Deutschland fiel 2023 auf den niedrigsten Stand seit den 1950er Jahren: wegen geringerer Kohleverbrennung und Produktionsrückgang der energieintensiven Industrie. Der Verkehrs- und der Gebäudesektor verfehlten die Klimaziele erneut, zeigt eine erste Studie.

Krisen zeigen ihre Wirkung in der Klimabilanz Deutschlands: Mit der Corona-Krise waren sie 2020 um 8,7 Prozent gesunken, mit dem Anstieg der Produktion 2021 erneut um 4,5 Prozent gestiegen

2022 sanken die Treibhausgasemissionen um 1,9 Prozent, weil Haushalte und Industrie Energie aufgrund gestiegener Preise Energie einsparten und die erneuerbare Energieversorgung wuchs. Nötig wäre allerdings eine Reduktion um sechs Prozent gewesen, um die Klimaziele zu erreichen.

Nach vorläufiger Abschätzung des Agora Energiewende-Thinktanks kam es 2023 zu einem weiteren deutlichen Rückgang um fast zehn Prozent: 673 gegenüber 746 Megatonnen CO2-Emissionen 2022. Hauptgrund für die Emissionsminderungen sei die geringere Industrieproduktion in Folge der fossilen Energiekrise kombiniert mit einer verbesserten Lage am europäischen Strommarkt, sagen die Autor*innen der Agora-Studie.

Zwar erzeugten die erneuerbaren Energien 2023 mehr Strom als je zuvor, doch die Problemsektoren Gebäude und Verkehr lieferten zum wiederholten Mal keine signifikanten Emissionsminderungen. Von einer Mobilitätswende oder gar einer Bauwende also bisher keine Spur, während die Ressourceneinsparungen von Industrie und Verbrauchern aufgrund hoher Preise deutlich werden.

Niedrigste Emissionen seit 1950er Jahren

Auf den ersten Blick seien der starke Gesamtrückgang und die Entwicklung der Erneuerbaren positive Botschaften: Schließlich gingen die Emissionen um 46 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 zurück – und fielen auf den niedrigsten Stand seit den 1950er Jahren.

Zugleich lag der CO₂-Ausstoß rund 49 Millionen Tonnen CO₂ unter dem vom 2021 verbesserten Klimaschutzgesetz abgeleiteten Jahresziel von 722 Millionen Tonnen CO₂.

Das Klimaschutzgesetz soll 2024 wieder novelliert werden, um einzelne Sektoren aus der Verbesserungspflicht bei Nichterreichung ihrer Ziele zu nehmen. Nach wie vor erhalten bleiben soll das Ziel, die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, bis 2040 um 88 Prozent.

Nach den Ergebnissen des Klimagipfels COP28 in Dubai könnte jedoch eine weitere Verschärfung notwendig werden, heißt es. Dort war eine Abkehr von fossilen Brennstoffen erstmals als explizites Ziel formuliert worden.

Weniger Stromnachfrage, geringere Industrieproduktion

Verantwortlich für den Rückgang von 73 Millionen Tonnen CO₂ gegenüber 2022 waren im Wesentlichen zwei Entwicklungen, so die Agora Energiewende: Erstens sank die Kohleverstromung auf den tiefsten Stand seit den 1960er Jahren, wodurch allein 44 Millionen Tonnen CO₂ eingespart wurden.

Gründe hierfür waren ein deutlicher Rückgang der Stromnachfrage, vermehrte Stromimporte aus Nachbarländern – rund die Hälfte davon aus Erneuerbaren Energien – sowie im gleichen Umfang gesunkene Stromexporte und eine leicht gestiegene Ökostromerzeugung.

Zweitens gingen die Emissionen aus der Industrie deutlich zurück. Ursächlich hierfür war insbesondere der krisen- und konjunkturbedingte Produktionsrückgang der energieintensiven Unternehmen. Während die gesamtwirtschaftliche Leistung nach vorläufigen Zahlen um 0,3 Prozent schrumpfte, ging die energieintensive Produktion 2023 um 11 Prozent zurück.

Erneuter Emissionsanstieg erwartet

Nur 15 Prozent des CO2-Rückgangs seien langfristige Einsparungen, die sich vor allem aus dem Zubau Erneuerbarer Energien, Effizienzsteigerungen sowie dem Umstieg auf CO₂-ärmere oder klimafreundliche Brennstoffe beziehungsweise Alternativen ergeben.

Etwa die Hälfte der Emissionminderungen geht der Analyse zufolge auf kurzfristige Effekte zurück, wie krisenbedingte Produktionsrückgänge und einen geringeren Stromverbrauch.

Daher weist die Denkfabrik darauf hin, dass der Großteil der Emissionseinsparungen 2023 weder industrie- noch klimapolitisch nachhaltig sei – so könnten Emissionen konjunkturbedingt wieder steigen oder sich längerfristig Teile der Industrieproduktion ins Ausland verlagern.

Gebäude und Verkehr weiter klimaintensiv

Der CO₂-Ausstoß von Gebäuden und Verkehr blieb 2023 nahezu unverändert – damit rissen die Sektoren ihre Klimaziele zum vierten beziehungsweise dritten Mal in Folge. 

Mit den ausbleibenden Emissionsminderungen in diesen beiden Bereichen verfehlt Deutschland voraussichtlich bereits 2024 seine europäisch vereinbarten Klimaziele aus der sogenannten Effort Sharing Regulation, so die Agora. Eine solche Zielverfehlung muss die Bundesregierung mit dem Zukauf von Emissionsrechten aus anderen EU-Mitgliedstaaten kompensieren – ansonsten drohen Strafzahlungen.

Zubau bei Photovoltaik gut, bei Wind schwach

Die erneuerbaren Energien deckten 2023 erstmals über 50 Prozent des Stromverbrauchs, dafür fiel die Kohleverstromung mit 132 TWh auf einen historischen Tiefstand. Zubau-Sieger war die Photovoltaik mit 14,4 GW gegenüber dem schwachen Zubau bei der Windkraft mit 2,9 GW. 2,3 Prozent des Stromverbrauchs wurden importiert, rund die Hälfte davon erneuerbar.

Mit dem Karlsruher Haushaltsurteil werde die Finanzierung von Klimaschutzinvestitionen zum zentralen Thema für 2024, so eine der Kernaussagen der Studie.

Denn nach dem mit Abstand heißesten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und dem Beschluss der COP 28 zum „Übergang weg von fossilen Energien“ seien Investitionen in Klimaneutralität dringender denn je.

Um das 2030-Klimaziel zu erreichen, seien deswegen 2024 weitere Instrumente zur Absicherung dieser Investitionen und der Finanzierung sozialer Ausgleichsmaßnahmen notwendig. Für das im Koalitionsvertrag versprochene Klimageld hat die Regierung bisher kein Konzept.

Schließlich habe die Debatte um das Gebäudeenergiegesetz Spuren in der Bevölkerung hinterlassen, was das Vertrauen in die praktische Umsetzung und soziale Ausgewogenheit klimapolitischer Maßnahmen angeht.

Bisher profitierten vor allem vermögende Haushalte von den Fördermaßmitteln bei Energieeffizienzinvestitionen beim Bauen und Sanieren oder dem Neukauf von Elektroautos, während die wachsenden Vermögensungleichheit zu einer größeren Distanzierung von Klimaschutzmaßnahmen dieser Art führt. 

Das Umweltbundesamt wird seine abschließende Analyse der Treibhausgasemissionen Deutschlands für das Jahr 2023 wahrscheinlich erst im März 2024 veröffentlichen. Erfahrungsgemäß sind die Ergebnisse jedoch auf ähnlichem Niveau.

Weitere Informationen mit Grafiken und der kompletten Studie auf den Seiten der Agora Energiewende.

Mehr Informationen zum Wandel per Gestaltung in den factory-Magazinen Change und Design – oder in den entsprechenden Themenbereichen.

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