Design

Für eine Erweiterung des Designs

Design ist ein aufgeladener Begriff. Handelsüblicherweise geht es um Mode, Möbel und (Auto)Modelle. Um Smartphones, Games, Interior. Um gutes, schlechtes, sexy, ästhetisches, funktionales Design. Nachhaltigkeit spielt immer noch, obwohl seit Jahrzehnten Thema, nur eine Nebenrolle – die bisherigen Marktanteilen zeigen das deutlich.

Fakt jedoch ist, dass es ohne eine Änderung des Designs nicht gelingen wird, Klimaneutralität und Schutz der Biodiversität bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen – und dabei halbwegs sozial gerecht zu bleiben. Ohne wirksame Änderungen der Gestaltung dieser Waren- und Wirtschaftswelt werden wir die Lebensgrundlagen so stark verändern, dass Design nur noch für wenige Menschen eine ästhetische Rolle spielen wird.
Dabei geht es nicht länger um die Gestaltung von Produkten, Produktion oder Dienstleistungen. Eigentlich ging es nie nur darum beim Design des Wandels, der Transformation, der Transition. Das ist zwar auch keine neue Erkenntnis, sondern seit den „Grenzen des Wachstums“ 1972 und spätestens seit der Agenda 21 des UN-Erdgipfels in Rio 1992 bekannt.

Aber seit die Folgen der menschengemachten ökologischen und atmosphärischen Entwicklung auch in den Verursacherländern zu spüren sind, wird vielen ihrer Bewohner*innen auch hier klar, dass Produktdesign, Sharing- und Circular Economy nur Teile eines „Designs“ des notwendigen Change sind.
„Ressourcenschutz ist der beste Klimaschutz“, die beste Sicherung von Naturschutz und beste Zukunftssicherung, darum ging es im factory-Magazin immer. Die Design-Konzepte dafür sind bekannt, aber kaum realisiert, denn es fehlt ihnen oft an der Durchsetzung, begleitet von einer „sozialen Dimension“ und der entsprechenden Kommunikation.

Angesichts eines Transformationsdesigns zu Wasserstoff, LNG, Industriestrom-, CO2-Preis, E- statt Verbrenner, Wärmepumpe und Co. wachsen in den Bevölkerungen die Befürchtungen, im Wandel unterzugehen, statt die Bedingungen des Überlebens zu verbessern. Nationalismus, Ausgrenzung und Ablehnung nehmen weltweit zu und die sich dadurch verstärkende Machtbasis hat erst Recht kein Interesse an „gerechtem“ Design.

Dieses factory-Magazin „Design“ plädiert deswegen für einen erweiterten Designbegriff. Für die Verbindung aller politischen, sozialen und kreativen Gestaltungsmöglichkeiten, um „Ressourcenschutz“ als zukunftssicherndes Designkonzept doch noch zu etablieren.

Da beschreibt der Designer und Buchautor Elmar Sander die Prinzipien nachhaltigen Designs, erläutert die Expertin für nachhaltige Produktions- und Dienstleistungssysteme Christa Liedtke vom Wuppertal Institut die Instrumente des Transitiondesigns und fordert der Designtheoretiker Christian Bauer zur logischen Verknüpfung von Ästhetik, Ethik und Klimagerechtigkeit auf.

Konkret wird es dann mit dem Ressourcenschutz durch Circular Design im Beitrag der EFA-Expert*innen Linda Dierke und Stefan Alscher. Wie die Gesellschaft bei der Gestaltung des Wandels mitzunehmen wäre, zeigt der Soziologe Andres Friedrichsmeier. Und wie wirksam die populären Auszeichnungen für gutes (Eco)Design wirklich sind, berichtet die Klimajournalistin Verena Kern.

Wir hoffen, dass wir mit dieser etwas anderen „Design“-Ausgabe mehr Interesse für die Ausweitung der Gestaltung wecken können – ganz im Sinne von Design statt Desaster.
Ralf Bindel und das Team der factory

Zum Titelbild: 
Kolibris sind die einzigen Vögel der Welt, die seitwärts und sogar rückwärts fliegen können – wegen des außergewöhnlichen Designs der Arme und Schultern. Bezogen auf die Körpergröße sind sie die schnellsten Wirbeltiere der Welt, mit 385 Körperlängen pro Sekunde und zehnfacher Erdbeschleunigung (zum Vergleich: Ein MiG-25-Kampfjet mit Mach 4 erreicht max. 40-fache Gesamtlänge/Sek.). Als Hinweis für Ästhetik und Funktionalität natürlichen Designs …
 

Zum Design dieses Magazins:
Die Bilder dieser „Design“-Ausgabe stammen aus den „Kunstformen der Natur“, einem Buch des Zoologen Ernst Haeckel (1834 – 1919). Es wurde ursprünglich in zehn Einzelbänden zwischen 1899 und 1904 und schließlich 1904 als Komplettausgabe veröffentlicht. Enthalten sind 100 Drucke mit Bildtafeln verschiedener Organismen, die größtenteils zum ersten Mal von Haeckel beschrieben wurden. Zur künstlerischen Ausführung seiner Zeichnungen arbeitete Haeckel mit dem Lithographen und Druckereiinhaber Adolf Giltsch (1852 – 1911) zusammen.
Das Buch war ein epochales Werk, das Schmuckstück jeden bürgerlichen Haushalts. Haeckel begründete seinen Zweck als ästhetischen und gleichzeitig wissenschaftlichen Zugang zu den „Schätzen der Schönheit“, die wegen ihrer Größe verborgen seien. Die Kunstformen der Natur beeinflusste und war Teil der "Art Noveau", des Jugendstils, und bot eine Brücke zur Wissenschaft.

Tafel 85 – Cynthia. Ascidiae, Seescheiden
Seescheiden (Ascidiae oder Ascidiacea) sind sessile Manteltiere, die weltweit die Meere vom Schelf bis zur Tiefsee besiedeln. Die Seescheiden sind mit rund 3.000 Spezies die artenreichste Gruppe der Manteltiere. Aufgrund ihrer Fähigkeit, einen Mantel zu bilden, und da sie als innere Mikrofiltrierer die Produktivität des freien Wasserkörpers ausschöpfen können, sind die Seescheiden eine der erfolgreichsten Tiergruppen.

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