Gunter Pauli und die Blue Economy

Gunter Pauli
© Bert Beyers
Gunter Pauli

Bessere Qualität zu geringeren Preisen, das ist der Anspruch der Blue Economy. Ihr Erfinder ist Gunter Pauli, Unternehmer, Berater, Buchautor, Vortragsreisender und Pädagoge. Mit der blauen Wirtschaft will er die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigen, und zwar mit dem, was lokal zur Verfügung steht. Von Bert Beyers

Ihr Konzept trägt den Namen Blue Economy – warum?

Pauli: Ich war 30 Jahre lang sehr aktiv, um eine grüne Wirtschaft, eine Green Economy, voran zu bringen. Vor etwa zehn Jahren ist mir dann klar geworden: Alles, was gut für die Gesundheit und die Umwelt ist, ist teuer. Es kostet zu viel Geld. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ist mir dann endgültig klar geworden, dass Grün nur für diejenigen gut ist, die Geld haben. Das ist nicht gut. Wir sollten eine Wirtschaft schaffen, die die Grundbedürfnisse aller Menschen sicher stellen kann – und zwar mit dem, was zur Verfügung steht. Deswegen bin ich der Meinung, dass die Blue Economy sehr stark auf Innovationen setzen muss, wir sollten Entrepreneur sein, wir sollten die Gesellschaft nicht spalten in Gut und Schlecht, und wir sollten nur das Beste wählen.

Warum Blue?

Pauli: Die Erde aus dem Weltraum betrachtet ist eben blau und nicht grün. Es gibt auch einen blauen Himmel und ein blaues Meer.

In der Blue Economy, so wie ich sie bisher verstanden habe, geht es immer um Beziehungen: zwischen den Dingen und den Menschen, und zwar auf allen möglichen Ebenen, um Beziehungen und kluge Synergien, wie sie auf den ersten Blick gar nicht auffallen. Geben Sie doch bitte einmal ein Beispiel der Blue Economy!

Pauli: Weil wir hier miteinander eine Tasse Kaffee trinken, liegt die Frage nahe: Was haben wir hier eigentlich drin, in der Tasse? Antwort: Nur 0,2 Prozent des Materials, wie es von einem Kaffeebauern in Kolumbien oder Kenia geerntet worden ist. Also noch einmal: 0,2 Prozent, und kein Kaffeetrinker hat sich bisher schlecht gefühlt, weil er 99,8 Prozent des aufgewendeten Materials verschwendet. Bei den Teetrinkern ist es sogar nur 0,1 Prozent. Was die meisten Kaffee- oder Teetrinker nicht sehen: Wir haben eine erhebliche Menge Abfallstoff, der verrottet und in Methangas umgesetzt wird.

Sie sprechen vom Kaffeesatz, der übrigbleibt?

Pauli: Der Kaffeesatz und die Schale und die restlichen Teile der Kaffeepflanze, die nicht weiter gebraucht werden. Seltsam, dass die Wertschöpfung nur an den 0,2 Prozent hängt, die wir in der Tasse haben. Der Rest ist Abfall. Einer der größten Verarbeiter von Kaffee beispielsweise ist Nestlé, das Unternehmen verbrennt etwa drei Millionen Tonnen Kaffeeabfall bei der Herstellung von Nescafe. Drei Millionen Tonnen werden genutzt als Energiequelle. Genau das sind die Prozesse, wie sie derzeit laufen. Man hat es einfach nicht besser gewusst, als man die Produktionsprozesse gestaltet hat. Dann haben wir dank der Forschungsaktivitäten der Universität in Hongkong im Jahr 1991erfahren, dass man auf einem Kilo Kaffeesatz ein halbes Kilo Shiitake-Pilze züchten kann. Vor 20 Jahren war Shiitake kein Begriff, heute weiß man, dass es ein hochwertiger Pilz ist, ohne Fettsäure, ohne Cholesterol, also ein Produkt, von dem wir mehr essen sollten.

Was sagt denn Nestlé zu Ihren Ideen?

Pauli: Ich war mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, Helmut Maucher, damals in Davos zusammen. Und da hat er gesagt, das ist ja eine Spitzenidee. Und dann haben wir uns die Zahlen angeschaut und gesagt, mit Ihren drei Millionen Tonnen könnten Sie eineinhalb Millionen Tonnen Shiitake herstellen. Innerhalb von vielleicht zehn Jahren könnte Nestlé der größte Hersteller von gesunden Pilzen der Welt werden. Und könnte in Wettbewerb zu den Chinesen treten, die heute bereits für 17 Milliarden Euro Pilze exportieren.

Und wie ist die Sache weitergegangen?

Pauli: Nestlé sagt, unser Kerngeschäft ist Kaffee, wir verkaufen keine Pilze. Und weil die keine Pilze verkaufen, haben sie auch keine Kernkompetenz im Pilzbereich. Und deswegen sagen sie, wir tun das nicht. Und da sage ich, Sie haben doch ein supply chain management oder Sie könnten das Verfahren outsourcen. Aber da haben sie den Eindruck, dass die Vermarktung nicht möglich ist.

Kaffee und Shiitake haben aber trotzdem zueinander gefunden.

Pauli: Weltweit sind es bereits 15 000 Angestellte, die in der Verwertung von Kaffee-Nebenprodukten beschäftigt sind, in Zimbabwe, in Tansania, in Kolumbien und in Brasilien. Aber auch hier in Europa entsteht ja Kaffeesatz. Und in Berlin gibt es einen Ort, wo zehn Spitzenköche entschieden haben, 14 verschiedene Sorten Pilze auf diesem Kaffeesatz zu züchten. Es gibt eine Vereinbarung in den Niederlanden mit La Place und eine weitere mit der Firma Kraft in Paris und eine in Madrid mit Starbucks. Jetzt fängt es richtig an. Heute ist im Bewusstsein, dass Europa eine Krise durchmacht, wodurch Arbeitsplätze gefährdet sind. Starbucks in Madrid schafft so 60 weitere Arbeitsplätze. Weil hier Wertschöpfung gemacht wird.

Wie sind Ihre Kommunikationserfahrungen mit Unternehmen?

Pauli: Ein Beispiel, das wir mit Unilever erarbeitet haben: Es geht um Tomaten. Die Tomatenhaut ist ja reich an Farbstoffen, und die könnte Unilever direkt in den eigenen Produktionsabläufen verwenden. An diesem Thema haben wir Jahre gearbeitet, um zu erklären, wie das wissenschaftlich funktioniert. Aber wenn das Unternehmen dann endlich soweit ist, dann kommen weitere Schwierigkeiten, dann muss man nämlich das supply chain management ändern. Allerdings gibt es kaum ein großes Unternehmen, das dazu bereit wäre. Weil es mit Risiken verbunden ist. Der einzige, der das ändern könnte, ist der Finanzdirektor, wenn er sieht, dass der cash flow vergrößert wird.

Und wie löst man das?

Pauli: Wenn wir heute ein Gespräch mit einem Unternehmen führen – vor einem Monat war ich beispielsweise bei einem Treffen der wichtigsten Unternehmen der chemischen Industrie in Madrid –, dann muss ich meine Rede umschreiben, übersetzen in cash flow und die Vorteile für die Bilanzen herausstellen. Dann habe ich Erfolg. Wenn ich dagegen nur über die Technik spreche, dann gibt es das Problem, dass meine Zuhörer zu wenig im Thema sind.

Es geht um eine gemeinsame Sprachebene.

Pauli: Ich glaube, wir als Grüne oder als Blaue, haben eine Sprachebene, die bisher nur im Bereich von corporate social responsibility und in der Welt der Nachhaltigkeit verstanden wird, aber nicht im Geschäftsbereich. Und deshalb müssen wir, als diejenigen, die diese Innovationen in Richtung auf eine nachhaltige Gesellschaft wollen, unsere Sprache ändern, um unsere Argumente für große Unternehmen verständlich zu machen. Als wir Starbucks in Spanien gezeigt haben, wie man den brand des Unternehmens mit supergesunden Pilzen aufwerten und zugleich noch Arbeitsplätze schaffen kann – das ist etwas anderes als Corporate Social Responsibility. Das ist ein neuer Ansatz für Starbucks, um ihr Geschäftsmodell zu ändern. Nun können sich Filialen in anderen spanischen Städten auf einmal nicht mehr vorstellen, dass sie keine Pilzzuchten haben. Weil sie nun merken, dass der Kunde das schätzt, wenn er die Pilze für die Hälfte des bisherigen Preises bekommt. Genau das ist die Blue Economy: Es muss günstiger sein, und wir schaffen Arbeitsplätze. Unser Ansatz liegt in der Verknüpfung.

Wie steht die Blue Economy zum Thema Wachstum?

Pauli: Ich bin der Meinung, dass wir nicht blind über Wachstum diskutieren sollten. Ich habe in Südamerika gelebt, auch in Asien, und wenn weltweit eine Milliarde Menschen in bitterer Armut leben, dann muss es Wachstum geben. Aber Wachstum nicht nach den europäischen oder amerikanischen Standards. Wir brauchen ein neues Wachstum. Und für uns bedeutet Wachstum erst einmal, dass die Grundbedürfnisse der gesamten Bevölkerung befriedigt werden. In diesem Sinne müssen wir neue Geschäftsmodelle entwickeln. Wenn wir eine Wasserkläranlage haben, dann kostet die Geld. Wenn wir eine Mülldeponie haben, dann kostet die ebenfalls Geld. Dafür zahlen die Menschen üblicherweise Steuern. Da wird Geld aus der Wirtschaft entnommen, um diese Entsorgungsleistungen zu erbringen. Wenn wir aber eine vernünftige Chemie verwenden, wie das beispielsweise in Korea bereits der Fall ist, dann sind wir in der Lage, mit dem Schlamm von Wasserkläranlagen und mit organischem Abfall der Mülldeponie das Vierfache an Biogas herzustellen, mehr als die besten Wissenschaftler es für möglich gehalten haben. Wir reden zwar über smart grids, aber nicht über smart chemistry.

In welchen Kategorien denken Sie Wachstum?

Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dem Planeten mit einem Konzept von Mangel. Für die anderen Lebewesen war es immer ausreichend oder gar zu viel. Und wenn es nicht reichte, passte man sich eben an. Seltsam ist doch, dass wir das einzige Lebewesen mit einer linearen Idee von Wachstum sind. Ein Grundbedürfnis ist zum Beispiel Wasser. Das bedeutet aber nicht, dass wir 40 Liter Wasser bei jedem Toilettengang verschwenden, wie es in den USA der Fall ist. Das macht keinen Sinn. Wir sollten vielmehr Toiletten entwickeln, die eineinhalb Liter benötigen – und das Wasser anschließend wieder zurückgewinnen. Die ganze Debatte über Wachstum ist eine Scheindebatte: Bist du dafür oder dagegen? Das ist aber nicht die Frage. Die Frage lautet vielmehr: Was ist die beste Lösung?

www.faktor-x.info/wirtschaft/blue-economynovember-2011/interview-gunter-pauli.html

www.TheBlueEconomy.org

www.zeri.org/ZERI/

Kommentare

24. Januar 2016 um 17:01 Uhr | Robbie Attwood

I am in grade 10 at school in South Africa.i am doing a project on " I think South Africa would benefit greatly by following the blue economy principles." Please if you have information that would help my argument I would love to be in touch. Kind regards. Robert Attwood


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