Das richtige Wachstum zur richtigen Zeit

Wachstum um jeden Preis, das war einmal. Für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sind andere Ziele wichtig. So ergeben sich fast natürliche Grenzen des Wachstums - oder eben nicht, denn für grünes und blaues Wachstum einer nachhaltigen Wirtschaft ist noch viel Platz. Unternehmen, die wachsen wollen, Wachstum anregen, sich teilen oder nicht wachsen wollen. Von Ralf Bindel

Die GLS Bank: Wachstum für mehr Nachhaltigkeit

© Frank Rogner
Hauptsitz der GLS Bank in Bochum

Wieder ein volles Haus. Und das am Samstag. Über 600 Mitglieder waren gekommen, nach Bochum, zum Sitz der GLS Bank. Sie wollen, dass die Bank mehr gesellschaftlichen Wandel möglich macht. Dafür braucht sie mehr Eigenkapital. Zur Finanzierung der Realwirtschaft, der echten ökologisch und sozial gerechten.

Die Generalversammlung ist die zweite in diesem Jahr, diesmal eine „außerordentliche“. Sie macht wieder deutlich, dass das Wachstum der Bank anhält. Mehr als 37 Prozent im Jahr 2010 in der Bilanzsumme und 22 Prozent in der Vergabe von Krediten. Monatlich kommen knapp 2000 Kunden hinzu. Sie möchten bestimmen, wohin ihr Geld fließt, oder sie benötigen Kredit, für ökologischen Landbau, soziale Einrichtungen oder ökologisches Bauen.

“Ganz klar, wir spüren im positiven Sinne die aktuelle Finanzmarktkrise”, sagt Pressesprecher Christof Lützel. “Immer mehr Menschen ist es nicht egal, was mit ihrem Geld geschieht. Wir finanzieren ausschließlich nachhaltige Unternehmungen, vom Bioladen bis zum Solarprojekt. Und wir veröffentlichen jeden Kredit.” Diese Transparenz ist attraktiv. Nebenan wird im nächsten Jahr ein weiteres Gebäude bezogen, die Zahl der Mitarbeiter stieg um 34 Prozent, nun sind es fast 400. Der Plattenbau wird kernsaniert, nach den Gold-Richtlinien der Gesellschaft für nachhaltiges Bauen.

“Wir wachsen nachhaltig, um mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen”, sagt Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank. Er hat kein Problem mit Wachstum, dem richtigen, ökologisch und sozial gerechten. Deshalb auch die Generalversammlung, die mit großer Mehrheit (94%) die Einführung einer Dividende beschließt. Ungewöhnlich für die Genossenschaftsbank, doch notwendig für das Wachstum. “Damit schaffen wir die Voraussetzungen für mehr Mitglieder und mehr Eigenkapital”, sagt Jorberg. “Wenn wir wachsen, wächst auch die Nachhaltige Entwicklung – und umgekehrt.”

Stadtwerke Bochum: Mehr Öko aus Energie

© Stadtwerke Bochum
Die neue Hauptverwaltung der Stadtwerke Bochum

Gleicher Standort, ein paar hundert Meter weiter, Nähe Hauptbahnhof: Die Stadtwerke Bochum in ihrem schwarz glänzenden Neubau, gegründet auf Betonpfählen zur Erdwärmenutzung. Die Bochumer bieten ihren Strom seit zwei Jahren im gesamten Bundesgebiet an, demnächst soll es auch mit Gas so gehen. Das Einflussgebiet ist gewachsen, die Verantwortung auch.

Die Liberalisierung der Energiemärkte hat einerseits vier Energiekonzerne mit großem atomar-fossilem Kraftwerkspark und Netzbetreiber zementiert, andererseits auch kleinen Stadtwerke neue Kräfte wachsen lassen. Bekanntestes Beispiel sind die ehemaligen Stromrebellen, die als EWS Schönau aus dem Schwarzwald als einer der vier großen Ökostromanbieter bundesweit auftreten.

Die Stadtwerke Bochum haben ebenfalls Ökostrom im Angebot, kostengünstigen Strom aus österreichischen Wasserkraftwerken (für ein Euro mehr pro Monat) oder höherpreisig zum Aufbau lokaler erneuerbarer Energiequellen. Gleichzeitig bauen sie im Verbund mit vielen anderen Stadtwerken unter dem Projektführer Trianel auch ihren ersten Offshore-Windpark. Allerdings errichtet Trianel auch weiterhin Kohle- und Gas-Kraftwerke.

Das Wachstum der lokal aktiven und demokratisch kontrollierten Stadtwerke bedrängt jedoch die ehemaligen Monopolisten. An ihren traditionellen Standorten befinden sie sich im Wandel, weil Stadtbevölkerungen schrumpfen oder Strom, Gas und Wasser sparen, im Verbund werden sie stark genug, auch große Kapazitäten und Netze zu schaffen. Dabei liegt der Fokus der Bochumer auf der Stärkung regionaler Energiequellen und der Kraft-Wärme-Kopplung.

Dezentrale Versorgung durch lokale Kleinwasserkraftwerke, Deponie-, Grubengas- und Blockheizkraftwerke, Photovoltaikdächer wachsen bei den Stadtwerken schneller als bei einem Großkonzern wie RWE oder EnBW. “Wachstum ist für uns kein Unternehmensziel”, zieht Pressesprecher Thomas Schönberg das Fazit, “wir wollen eher möglichst viele Kunden zufrieden stellen.”

Wächst die Bilanzsumme, so bleibt aber auch genug Kraft, um den öffentlichen Nahverkehr mitzufinanzieren oder andere Energie- und Wasserversorger zu rekommunalisieren. Wachstum ist also auch hier im Sinne der Kommune. Schönberg: "Wir sind nur ein Beispiel von vielen Stadtwerken, denen es genauso geht."

Stadtwerke München: Mehr Bio im Land

© Stadtwerke München
Der Mangfalltal Ökobauernhof

Bleiben wir noch bei den Stadtwerken, aber springen wir aus dem Ruhrgebiet rund 600 Kilometer Richtung Südwest, nach München. Als eine der wenigen deutschen Städte mit positiver Einwohnerentwicklung erlebt sie seit 2009 sogar einen regelrechten Baby-Boom. Die Stadtwerke München, kurz SWM, Deutschlands größter kommunaler Versorger mit Strom, Gas, Wasser, Fernwärme und öffentlichen Bädern, wächst.

In der 1,3-Millionenstadt beziehen immerhin schon fast 170000 Kunden Ökostrom aus Wasserkraft. Weitere Ökotarife fördern lokale Wasserkraftwerke. Strom für die beliebten Elektrofahrräder und zukünftigen Elektroautos haben die Münchner auch, sogar ökologisch korrekt nur regenerativ erzeugt. Die Erneuerbaren sollen auch in München wachsen: Bis 2025 könnte Ökostrom aus eigenen Anlagen die ganze Stadt versorgen.

Das Besondere aber ist das Wachstum des ökologischen Landbaus rund um München, gefördert durch die SWM. Anders in vielen europäischen Städten, wo die Wasserversorgung privatisiert wurde und ihre Auswirkungen der Bevölkerung allmählich vor die Füße fallen, kaufen die Münchner Stadtwerke schon seit Jahrzehnten Land zur Sicherung der Trinkwasserqualität. Die Grundstücke im Einzugsbereich der Wassergewinnungsanlagen verpachten sie ausschließlich an Ökolandwirte. Zu günstigen Konditionen, damit die, die bisher keine waren, mit dem ökologischen Landbau beginnen.

Und es klappt: Schon mehr als 110 Bauern haben seit 1992 ihre Betriebe auf Ressourcenschonung und artgerechte Tierhaltung umgestellt. “Zusammen bewirtschaften sie 2700 Hektar und damit das größte zusammenhängend ökologisch bewirtschaftete Gebiet in ganz Europa”, berichtet Oberbürgermeister Christian Ude im Film Water Makes Money.

Die Stadtwerke fördern die Bauern finanziell und unterstützen sie bei der Vermarktung der Ökoprodukte. Dabei profitieren beide: Die Münchner sichern ihre Trinkwasserqualität und halten Aufwand und Kosten zur Aufbereitung gering, gleichzeitig verbessern sie die Versorgung mit gesunden, regionalen Produkten und sichern Existenzen.

Im Dokumentarfilm “Water Makes Money” gilt das Münchner Beispiel als Vorbild für die Pariser Wasserversorgung, die damit erst vor kurzem begonnen hat - nach dem Rückkauf durch die Kommune. Die deutsch-französische Koproduktion ist inzwischen übrigens in voller Länge auf Youtube zu sehen.

W. L. Gore & Associates: Das Mehr wird geteilt

Gore Associates Logo

Von München setzen wir zur Wachstums-Betrachtung von Unternehmen über den großen Teich. Kandidat dort ist W. L. Gore & Associates, mit dem “Headquarter” in Newark, Bundesstaat Delaware, in der Mitte der Ostküste der USA und flächenmäßig der zweitkleinste Staat. Reich geworden ist dieser durch die Familie DuPont, Gründer eines der größten Chemiekonzerne der Welt.

Dort arbeitete der Chemiker Wilbert (Bill) Lee Gore 16 Jahre bis er sich 1958 mit seiner Frau selbständig machte. Er arbeitete mit Polytetrafluorethylen, dem berühmten PTFE, bekannter unter dem Handelsnamen Teflon von DuPont. Er entwickelte aus diesem Stoff Gore-Tex, die Textilfasermembran für wasserdichte, atmungsaktive Bekleidung.

So bekannt die isolierende, wetterfeste Faser auch ist, so wenig wissen die meisten Menschen von der Anti-Wachstums-Kultur dieses Multimillionendollar-Unternehmens. Dabei wächst das Unternehmen sowohl in Bilanzsumme, an Mitarbeitern, Patenten und Produkten stetig weiter, allerdings immer nur in Einheiten von etwa 150 Mitarbeitern.

Diese Zahl, identisch mit der so genannten Dunbar-Zahl, hat sich für Gore als funktionsfähige Größe für Wachstum ergeben. “Wir entdeckten immer wieder, dass die Dinge schwerfällig werden, wenn wir größer als 150 werden,” sagte Bill Gore einmal in einem Interview. Also werden zwar neue Fabriken und Gebäude gebaut, aber immer als eigenständige Einheiten.

“Wir bauen einen neuen Betrieb und 150 Parkplätze. Wenn wir sehen, dass die Leute auf dem Rasen parken, wissen wir, dass es Zeit für eine neue Fabrik ist”, erklärt ein “Associate” das Wachstumsprinzip. Sämtliche Mitarbeiter sind bei Gore “Partner”, Titel gibt es dort keine, unabhängig von Verdienst, Verantwortung oder Anstellungsdauer.

Sie haben keine Abteilungsleiter, Chefs oder Vorgesetzte sondern Sponsoren und Mentoren, die sie selbst dazu bestimmen, weil diese am besten ihren Bedürfnissen gehorchen. Es gibt keine Organigramme, keine Budgets, keine Strategiepläne, Gehälter werden kollektiv festgesetzt. Die schönsten Räume in den Gebäuden sind Konferenz- oder Freiräume, so dass sich niemand über die Lage seines Büros definieren kann.

Regelmäßig landet Gore & Associates auf den ersten Plätzen im Wettbewerb der beliebtesten Arbeitgeber der Welt. Von einer kleinen Firma mit wenigen Angestellten in den 1960er Jahren hat sich Gore & A. zu einem drei Milliarden US-Dollar Umsatz schweren Unternehmensverbund in privater Hand entwickelt – mit 9500 Mitarbeitern, pardon, Associates, die in autonomen und nur ihrer Unternehmenskultur verpflichteten 150er Einheiten in 30 Ländern arbeiten.

Ein faszinierendes Wachstumsmodell, das der empirischen Dunbar-Zahl folgt, welche soziale Gruppen zwischen 80 bis 230 Individuen für die vitalsten, innovativsten und überlebensfähigsten hält. In Deutschland gibt es zwei Gore-Werke in der Nähe von München, jeweils nicht mit mehr als 150 Associates.

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