Mit Systemsprüngen zu ressourcenleichten Lebensstilen

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Die große Transformation ist zu einem zentralen Topos der Nachhaltigkeitsdebatte geworden. Das globale Zwei-Grad-Ziel, die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf ein klimapolitisch gebotenes Niveau zu begrenzen, gerät angesichts der kontinuierlichen Steigerungsraten des Ausstoßes klimaschädlicher Treibhausgase ins Wanken. Ein Überspringen normativer Grenzen und Aufbrechen von Gewohnheiten könnte den notwendigen Wandel schneller erreichen.

Von Klaus Burmeister, Holger Glockner, Maria Schnurr

Nicht die Verhinderung des Klimawandels, sondern regionale Anpassungsstrategien gewinnen aktuell an politisch-strategischer Bedeutung. Nicht die Reduktion des Ressourcenverbrauchs, sondern die Suche nach und die Exploration von neuen Quellen erfahren verstärkt politisch-strategische Aufmerksamkeit. Die globale Ressourcen- und Klimaproblematik bleibt damit auch nach 20 Jahren intensiver Debatten um eine nachhaltige Entwicklung akut und ungelöst. Aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung, dem ökonomischen Wachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer und der damit verbundenen fortschreitenden Industrialisierung sowie nachholender Konsummuster ist eine schnelle und tiefgreifende Lösung auch weiterhin nicht in Sicht. Darüber hinaus mehren sich die Anzeichen, die auf eine dauerhaft volatile Wirtschaftsentwicklung deuten. Begleitend und getrieben durch die sozio-kulturellen und ökonomisch-politischen Folgen der informationstechnischen Durchdringung der Arbeits- und Lebenswelten werden weitere tiefgreifende Umbrüche in den globalen, ökonomischen Austauschprozessen erwartet. 

Bisherige Maßnahmen und Strategien, den Klimawandel oder die Verknappung der Ressourcen zu verlangsamen, sind vor dem Hintergrund der oben genannten zentralen Treiber als ungenügend anzusehen. Insbesondere sind die Anstrengungen zur Steigerung der Ressourceneffizienz unzureichend, angesichts der sogenannten Rebound-Effekte. Die bisherigen Effizienzsteigerungen werden durch Verbrauchssteigerungen mehr als kompensiert, sie sind zu gering, um ein gesamtgesellschaftliches Umsteuern in Gang zu setzen. 

Vor diesem Hintergrund haben die Fragen, wie gesellschaftliche Systeme vorausschauend auf diese Unsicherheiten reagieren und wie langfristige Transformationsprozesse politisch gestaltet werden können, eine hohe und nicht nur wissenschaftliche Brisanz. Der politische Handlungsdruck wächst und die letztlich nicht mit Sicherheit zu beantwortende Frage, wie viel Zeit bleibt, um wirksam die Folgen des Klimawandels und der Ressourcenverknappung zu bewältigen, führen zu Überlegungen, ob nicht auch und unter welchen Bedingungen Systemsprünge in eine ressourcenleichte Gesellschaft vorstellbar sind.

Zehn Tonnen sind leicht

Genau dieser Fragestellung widmet sich das in diesem Sommer gestartete Forschungsprojekt „Erfolgsbedingungen für Systemsprünge und Leitbilder einer ressourcenleichten Gesellschaft“ des Umweltbundesamtes, das unter Federführung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und mit Beteiligung von Z_punkt The Foresight Company und sociodimensions umgesetzt wird. Der klare Fokus der Untersuchung liegt dabei auf den Veränderungsmöglichkeiten von Lebensstilen und Alltagsroutinen.

Auf dem Weg zu einer ressourcenleichten Gesellschaft wandeln die Menschen ihre Lebensstile so um, dass sie ihren Ressourcenverbrauch im Mittel auf 10 Tonnen pro Kopf und Jahr TMC (= Total Material Consumption) reduzieren, so die Definition des Wuppertal Instituts. Der gesamte Materialverbrauch umfasst sämtliche nachwachsenden und nicht nachwachsenden Rohstoffe sowie die Bodenerosion in der Landwirtschaft, die der Konsum in einem Land verbraucht bzw. verursacht. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch derzeit bei 60 Tonnen pro Jahr, in Italien bei 30 Tonnen, in den USA bei 75 Tonnen, in der EU im Durchschnitt bei 45 Tonnen.

Die möglichen Wege in eine ressourcenleichte Gesellschaft sind von den bekannten Konzepten einer Steigerung der Effizienz geprägt. Sie sollen erweitert und anschlussfähig werden für eine Verbreitung suffizienter Lebensweisen oder einer Ausrichtung unserer Produktions- und Konsummuster an kreislaufwirtschaftlichen Ansätzen (z. B. Cradle-to-Cradle). Neben diesen – durchaus nicht trivialen – technologischen und organisationalen Veränderungen ist eine Transformation solchen Ausmaßes auf umfassende soziale Veränderungen angewiesen. Nicht selten ist ein Aufbrechen liebgewonnener Routinen und gesellschaftlicher Strukturen erforderlich, um die nötigen Weichenstellungen zu treffen. 

Leichtes Leben ist nicht schwer

Entscheidend für die Akzeptanz transformativer Entwürfe ist unter anderem eine Grundhaltung, die die Pioniere der Transformation dabei selber einnehmen und von der Gesellschaft auch abverlangen. Dabei ist es wichtig, den Bürger und Konsument nicht als Objekt, sondern als Subjekt von Systemsprüngen in Richtung einer ressourcenleichten Gesellschaft zu gewinnen. Starthilfe liefern sicher auch Experimentatoren, die schon heute das Morgen vorleben und ihre Erfolge in den Netz-Communities bereitwillig mit anderen teilen. Ist früher Robert Jungk mit seinem Katalog der Hoffnung als Wegbereiter für eine mit zu gestaltende Zukunft aufgetreten, so propagiert Harald Welzer es heute mit seiner FuturZwei Stiftung, Niko Paech es mit seiner Postwachstumsökonomie.

Beispiele, wie ein Jahr lang mit nur 100 anstatt mit den üblichen 10.000 Besitzgegenständen zu leben, Wasser aus der Leitung statt aus Flaschen zu trinken oder Dienstwagen durch Dienstfahrräder zu ersetzen, zeigen bereits im Kleinen, wie das Große individuell nachvollziehbar erreicht werden kann. Es geht um inszenierte Veränderungen der Alltagsroutinen, eingebettet und getragen von Leitbildern, die nicht auf Verzicht oder Rückschritt basieren, sondern eine neue Form der Lebensqualität definieren. Keime einer ressourcenleichten Gesellschaft finden wir bereits heute. Ob und wie solche Ansätze zu Systemsprüngen führen können, welche Beispiele und Erfahrungen es dafür gibt, steht im Fokus der anstehenden Analysen. 

Die große Transformation zu einer ressourcenleichten Gesellschaft ist ein historisch einmaliges Experiment. Wir brauchen dazu kreative Lernprozesse und eine flexible und von den Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mitgestaltete Anpassung von Maßnahmen und Zielsetzungen.

Klaus Burmeister und Holger Glockner sind Mitglieder der Geschäftsleitung von Z_punkt The Foresight Company in Köln, Maria Schnurr ist dort Foresight Consultant mit den Schwerpunkten Mobilität und Nachhaltigkeitsstrategien. Holger Glockner schrieb in der factory Selbermachen über DIY – Konturen einer neuen Lebens- und Wirtschaftskultur.

Welche Wege zu ressourcenleichten Lebensstilen für die große Transformation wir noch haben zeigen weitere interessante Beiträge im factory-Magazin Trans-Form. Anders als die hier vertretenden Online-Beiträge enthält das PDF-Magazin zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

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