Das Verschwinden der Produkte

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Weltweit verbrauchen wir zu viel Material und Energie für immer ressourcenintensivere Lebensstile. Eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit mittels transformativer Produkte ist notwendig. Doch wie diese gestaltet sind und welche Wirkungen sie haben, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Wir haben den Trendforscher Peter Wippermann, den Technikfolgenabschätzer Ortwin Renn und den Transformationsdesigner Harald Welzer nach ihren gefragt.

Von Ralf Bindel

Beziehungen statt Produkte

Für den Zukunftsforscher Peter Wippermann ist das Smartphone zumindest ein transformatives Element gegenwärtiger Gesellschaften. „Das Smartphone wird auf absehbare Zeit die Fernbedienung für unseren Alltag sein, angeschoben durch technische Vernetzung“, sagt er factory im Interview. Die modernen Handycomputer gehören für ihn zum kulturellen Allgemeinverständnis und sie verändern den Ressourcenverbrauch. „Energie wird extrem wichtig, jedoch nicht mehr die Ölindustrie dominiert, sondern die Elektronikindustrie.“

Transformative Produkte spielen für Wippermann aber nur eine untergeordnete Rolle. Er findet es interessanter, die klassische Idee des Produkts zu verlassen, es zum Verschwinden zu bringen. Das Smartphone ist nur ein Mittel, die Fernbedienung, das Display. Das eigentliche transformative Produkt ist für den Trendforscher die Vernetzung. Beziehungen sind das neue große Ding, das auch zu mehr Nachhaltigkeit führt.

„Schon heute und gerade auch in Zukunft dreht sich alles sowohl im privaten wie ökonomischen Bereich um Beziehungen“, sagt Wippermann. „Auch in der Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft spielen Beziehungen eine wichtigere Rolle als Produkte, Stichwort Share Economy.“

Beziehungen würden überall funktionieren, wo es Netzwerke gibt, nicht nur in Industrieländern. „Kein Land der Erde verzichtet auf Netzwerke. Grundsätzlich sind sie die Welten, in denen Wandel stattfindet.“ Die heutige Gesellschaft ist von ihnen geprägt, nicht von Produkten, wie noch in der Industriekultur, ist Wippermann überzeugt.

Durch Netzwerke wird nicht nur der Energiemarkt neu sortiert: Dezentral statt zentral die Energieproduktion, Quellen und Verbraucher über das Smartgrid verbunden. „Die Mengen werden behandelt wie Datenpakete im Internet.“

Vernetzung ist die eigentliche Transformation, der entscheidende Schritt, so Wippermann. Die Kontrolle und Verwertung von Daten, ob für Produktion in der Industrie 4.0, für Carsharing oder für die Beteiligung des Verbrauchers als Prosument hätten die größte transformatorische Wirkung.

Dass der Prosument sich emanzipiere von der klassischen Produktion und stärker autonom werde, schade nicht dem kapitalistischen System. „Nur die alten Industrien müssen ihre Pfründe aufgeben.“ Der Trendforscher sieht in der Vernetzung den entscheidenden transformativen Trend: „Das einzelne Produkt verbindet sich mit anderen, der Mensch bringt Dinge in Verbindung, die er bisher nicht verbinden konnte.“

Sein Fazit: Produkte sind nicht länger wichtig, ihre Anschlussfähigkeit für die Transformation schon. Wippermann definiert transformative Produkte schließlich so: „Produkte, die sich nicht einlinken lassen, sind nicht nachhaltig.“

Rebound berücksichtigen

Transformative Produkte sind Produkte, die Veränderungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft auslösen können. Wie ein neues Verkehrsmittel oder ein neues Verkehrsverhalten, das eine Abkehr vom Privatverkehr ermöglichen würde. Genauer: Produkte sind transformativ, wenn sie die damit verbundene Dienstleistung komfortabler und auch effektiver erbringen als die bisherigen. Sie dienen der Nachhaltigkeit, wenn sie zudem einen Beitrag zu Dematerialisierung oder Dekarbonisierung leisten, also den Verbrauch an Rohstoffen und die Emission von klimaschädlichen Gasen erheblich reduzieren. So definiert es Ortwin Renn, Professor für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart und renommierter Technikfolgenabschätzer für factory im Interview.

„Produktkonzepte, die beispielsweise einfachere Geräte erstellen, wie Trockenleine statt Elektrotrockner, oder die empfehlen, statt mit dem Bagger mit der Schaufel zu arbeiten, dienen zwar der Nachhaltigkeit, sie sind aber keine transformativen Produkte“, sagt Renn der factory im Interview. Transformativ sind diese Produkte erst, wenn sie die gewünschte Dienstleistung effektiver oder effizienter  erstellen und gleichzeitig dafür weniger Material und Energie verbrauchen.

„Wenn wir jetzt die großen Trends der Zukunft bewältigen wollen, vor allem zu dematerialisieren und zu dekarbonisieren, dann sind alle Produkte, die dazu beitragen, aus meiner Sicht Transformationsprodukte“, stellt der Risikoforscher fest.

Vernetzung, wie sie Wippermann als transformativ benennt, ist für Renn ähnlich wie Dezentralisierung nur Mittel zum Zweck. Diese Mittel können effektiv sein, müssen es aber nicht. Entscheidend sei immer die Frage: Tragen sie etwas zur Dekarbonisierung und Dematerialisierung bei oder nicht? „Beantworten wir diese Frage mit Ja, müssen wir uns um Nachhaltigkeit keine Sorgen machen“, so Renn. Vernetzung könne zwar zur Dekarbonisierung beitragen, müsse aber nicht. Als Design­orientierung reiche sie nicht aus, wie die Rebound-Effekte durch zunehmende Smartphone-Verwendung zeigten.

Renn meint aber ebenfalls, dass das Internet der Dinge wohl die nächste Welle der IT-Transformation sei, und das Smartphone der treue Helfer, der zunehmend unabhängig und intelligent Aufgaben erledigen wird. Die Wirkung auf den Verbrauch von Material und Energie wird jedoch recht unterschiedlich sein, schätzt er.

Das gilt nicht nur für die industrialisierte Welt. Renn war gerade dreieinhalb Wochen in Afrika und berichtet, dass dort alle Menschen moderne Handys hätten. „Das Handy ist inzwischen das meistverbreitete Gerät auf der ganzen Welt, mehr als Waschmaschine, Transistorradio oder Elektropumpe“, so Renn. „Gerade über die Handykultur werden wir in die ärmsten Länder neue Technologien und neue Kommunikationsformen einspeisen können, weil dies die einzige Infrastruktur ist, die dort überraschend gut und flächendeckend funktioniert.“ Der notwendige Transformationsprozess werde in den Entwicklungsländern viel stärker über die Mobiltelefonie laufen als in Europa. Die neue Kommunikation über Handys biete für die afrikanische Bevölkerung eine völlig neue Situation, an die man vor 15 Jahren noch nicht gedacht hatte. „Ich denke, dass dort  der Informationsaustausch über Mobilkommunikation wirklich der Schlüssel zu Innovation, Bildung und Entwicklung ist.“

Dass Smartphones zu Prestige-Objekten geworden sind, wenn Nutzer ständig die neuesten Modelle besitzen müssen, sieht Renn nicht als problematisch. „Sofern das einhergeht mit Dematerialisierung und Dekarbonisierung, ist an der symbolischen Verknüpfung von Produkt und Prestige nichts auszusetzen.“ Ein Smartphone benötige immer noch weniger Material und weniger Energie als ein Mercedes.

Die Rebound-Effekte machen ihm da schon mehr Sorgen. Sie kompensieren die Effizienzrevolution von transformativen Produkten, weil doch wieder mehr Material und Energie dadurch verbraucht werde, weil einfach mehr Konsumware zur Verfügung stehe. Genau das ist das Problem: „Transformative Produkte alleine machen es nicht. Es muss mit den transformativen Produkten auch eine Lebensstilveränderung einhergehen, damit nicht alles wieder überkompensiert wird.“ Zwar gebe es in Ballungsräumen einen Trend zu mehr ÖPNV und Carsharing, auch der Spritverbrauch von Pkw habe abgenommen, in der Gesamtmobilität nehme der Verbrauch aber zu. Ähnliches gilt für andere Konsumbereiche.

Dass transformationale Produkte durch Verhaltensmotivierung diese Rebound-Effekte verhindern könnten, hält Renn für einen frommen Wunsch. Er beobachtet zwei Effekte: Die einen würden durch die Beschäftigung mit ökoeffizienten Produkten vom Ehrgeiz gepackt, noch mehr zu dekarbonisieren, die anderen verhielten sich nach dem Motto: Jetzt da ich spare, kann ich mir auch mehr leisten.

Leichte Lebensstile verbreiten

Der Soziologe Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign am Norbert-Elias-Center der Universität Flensburg, ist ebenfalls skeptisch, was die Rebound-Effekte von transformativen Produkten angeht. Er bezweifelt, dass es überhaupt Produkte gibt, die diese vermeiden. „In dem Augenblick, wo man über neue Produkte nachdenkt, erhöht man zunächst den Aufwand – zum Erstellen, zum Entwickeln, zum Testen, zum Implementieren solcher Produkte“, sagt er im factory-Interview. Statt das Pferd von hinten über die Produkte aufzuzäumen, fordert er dazu auf, über Aufwandsreduktion nachzudenken. „Wir müssen darüber nachdenken, wie man vermeiden kann, dass überhaupt neue Produkte in die Welt kommen und dass die, die schon da sind, um ein erhebliches Maß reduziert werden. Das transformative Produkt kann ich mir in diesem Sinne gar nicht richtig vorstellen.“

Welzer geht es um das Verschwinden der Produkte, jedoch nicht wie Wippermann durch Digitalisierung und Vernetzung, sondern durch Transformationsdesign. Dabei meint er nicht das Design von Produkten, das sich wandeln muss, „das würde zu kurz greifen“. Sein Institut beschäftigt sich mit der Frage, wie moderne Gesellschaften gestaltet werden können, so dass sie hinsichtlich ihres Umgangs mit Energie und Material wieder zukunftsfähig werden. „Da wir dringend eine Transformation unserer Lebensstile und unseres Ressourcenverbrauchs brauchen, um nicht im Desaster zu enden, müssen wir eine gestaltete Transformation haben, deshalb Transformationsdesign.“ Statt ein anderes Produktdesign zu entwerfen, schlägt Welzer vor, eine gesellschaftliche Praxis zu designen, in dem man Produkte vermeidet und zum Verschwinden bringt.

Mit dem Austausch „irgendeines Energie-Features“ sei es im Transformationsdesign nicht getan, sondern es gehe bei den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen sowohl um die Veränderung von soziologischen Gegebenheiten als auch von psychologischen. Die nachhaltige Entwicklung hat, meint Welzer, bisher nicht viel gebracht. Seitdem sie gefordert wird, haben sich Material- und Energieverbrauch in die nicht-nachhaltige Richtung verändert, so der Soziologe. „Es kann natürlich sein, dass moderne Gesellschaften genau so mit dem Problem umgehen, in dem sie die Menge des Sprechens über das Problem erhöhen, um an dem Problem selber nicht arbeiten zu müssen.“

Sicher werden auch im Transformationsdesign nicht alle Produkte verschwinden. Die des täglichen Bedarfs und Lebensmittel müssten unter Veränderung der Produktionsbedingungen weiter entstehen, doch schon beim Bedarfsfeld Bauen und Wohnen müsse man fragen, wie groß der nötige Raum denn sein dürfe, so Welzer. Beim Thema Mobilität ist der Transformationsdesigner besonders ungnädig: „Irgendwie ist das eine in Marmor gemeißelte oder durch göttliches Gebot dekretierte Erscheinungsform, unsere Mobilität. Nicht veränderbar, nicht reduzierbar, nicht rückführbar.“  Es sei eines der großen ungelösten Rätsel der Menschheit, warum sie immer bessere Kommunikationsmittel produziere und gleichzeitig immer mehr Mobilitätsaufwand. Auch technologische Entwicklungen wie der Hyperloop, eine Art Mega-Personen-Rohrpost, die die Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco auf eine halbe Stunde verkürzen soll, sind für Welzer falsche Wege. „Ich halte es auch für eine mentale Fehlentwicklung, wenn man innerhalb eines solchen fehlentwickelten Systems Prozesse optimiert.“ Die Optimierung und Hinzufügung von Technologien führe zu nichts anderem als zu neuen Problemen.

Nun ist Welzer dennoch kein Prediger des Verzichts für eine Transformation. In seinem Konzept eines mündigen Konsumenten entscheidet jeder selbst, war für seine qualitätsvolle Lebensgestaltung notwendig ist. „Die gegenwärtige Konsumpraxis und dieses Einreden von irgendwelchen Innovationen sind Entmündigungstechniken“, sagt er. Bestimmte Formen gemeinschaftlicher Produktion und Konsumption würden zu einem qualitätsvolleren Leben und zu weniger Material- und Energieverbrauch führen. „Ich wüsste überhaupt nicht, was daran Verzicht sein sollte.“

In einem Forschungsprojekt Von der Nische in den Mainstream am Norbert-Elias-Center wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie sich diese ressourcenleichten Arten der Produktion und der Gemeinschaftlichkeit aus den Nischenbereichen in gesellschaftlich dominante Dimensionen entwickeln. Zwar entstehen immer mehr Best-Practice-Beispiele in Nischenbereichen, wie die Bedingungen für ihre breite Durchsetzung, für ihre Skalierung aussehen, ist jedoch bisher nicht untersucht. „Die große Frage für die Transformation ist die der Skalierbarkeit“, sagt Welzer. Viele Projekte können nur in der Nische existieren und sind nicht im Mainstream-Maßstab vorstellbar, andere, wie genossenschaftliche Energieproduktion, sind ohne weiteres skalierbar. „Für das Design von Transformationsprozessen ist von großer Bedeutung, was mainstreamfähig ist und was nicht.“

Die Interviews erscheinen zu einem späteren Zeitpunkt im Original ebenfalls bei factory online.

Mehr zu transformativen Produkten und Transformationsdesign nicht nur in den vollständigen Interviews mit Prof. Peter Wippermann, Prof. Dr. Ortwin Renn und Prof. Dr. Harald Welzer unter www.factory-magazin.de sondern vor allem im factory-Magazin Trans-Form. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

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