Eine edle Küchenzeile.
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Opulenz ist das Gebot der Stunde

Die Ressourcenschulden von gestern sind unsere Ressourcensicherheit von morgen. Wie gut, dass wir wertvolle Rohstoffe auf den Müll geworfen und ressourcenintensiv gebaut haben. Doch was machen wir, wenn die urbanen Minen erschöpft sind? 

Eine Glosse von Klaus Dosch

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Die Zukunft seiner Rohstoffversorgung liegt daher im Recycling, in der Identifizierung und Nutzbarmachung wertvoller Rohstoffe aus vormals entsorgten Dingen. Urban Mining heißt das auf Neudeutsch und meint die Rohstoffgewinnung in und aus den Resten der Stadt. Kupfer, Stahl, Aluminium und viele andere wertvolle metallische und mineralische Rohstoffe lassen sich in den großen und kleinen Hinterlassenschaften moderner Zivilisationen finden und herausfabrizieren. So werden beispielsweise aus Stahlträgern Kotflügel oder aus Bierdosen Leichtbaumotoren. Ein vielversprechender Ansatz, denn andere Strategien zur Rohstoffsicherung waren historisch gesehen weit weniger erfolgreich: Die kurze Kolonialzeit brachte weder den Zugang zu wesentlichen Ressourcen noch trug es dem Deutschen Reich belastbare Freundschaften ein. Auch gewaltsame Interventionen zur Sicherung dringend benötigter Rohstoffe brachten unterm Strich neben unermesslichem menschlichem Leid und Tod keinerlei stofflichen Gewinn. So erscheint nun zu Recht das Urban Mining der Schlüssel zur Ressourcensicherheit von morgen. Die Frage ist nur, was wir denn demnächst urban minen möchten.

Leider müssen wir feststellen, dass wir Deutschen – und nicht nur wir – auf diese neue Schlüsseltechnologie unzureichend vorbereitet sind. Unsere Konsummuster müssen sich ändern, wollen wir uns eines Tages von Rohstofflieferungen unsicherer Kantonisten lossagen. Die Erkenntnis schmerzt, doch müssen wir ihr schonungslos ins Auge sehen. 

Sehen wir uns moderne Kaffeemaschinen an: Kunststoffe dominieren, ein wenig Elektronik. Wenn die netzfähige High-Tech-Kaffeemaschine nach zweieinhalb Jahren planmäßig ihren Geist aufgegeben hat, lohnt ein Aufheben zwecks späteren urbanen minings kaum. Wie anders hingegen einige Ikonen des Recyclingzeitalters: Chromblitzend, beinahe zentnerschwer tun sie dampfend ihren Dienst in der Küche. In ehrlichen Kupferkesseln erhitzen sie große Mengen an Wasser und Dampf, schwere Siebträger entlocken dem Kaffeepulver wunderbare Aromen. Und wenn sich ein solches Wunderwerk irgendwann in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, geben die verbauten Materialien wirklich etwas her: Zwei, drei Kilo Kupfer, jede Menge Edelstahl, Aluminium. 

Andere Beispiele: Kupferdachrinnen werden zu unrecht verteufelt. Sie sind ein wunderbares urbanes Lager für den wertvollen Rohstoff Kupfer. Oder Stromleitungen. Unsere belgischen Nachbarn sind uns auf diesem Gebiet allerdings weit voraus: Jede 230 V-Leitung muss dort einen Querschnitt von 2,5 mm² haben. Da stecken zwei Drittel mehr Kupfer zum späteren Recycling drin, als in unseren mickrigen 1,5 mm² Leitungen – Chapeau!

Vor diesem Hintergrund müssen wir auch die gegenwärtigen Entwicklungen bei der Effizienzsteigerung von Automobilen anders sehen. Anfangs konnte man meinen, einem Schildbürgerstreich aufgesessen zu sein: Massereiche Kraftwagen erreichen eine bessere Effizienzklasse als kaum Sprit verbrauchende Kleinwagen? Diese hybriden PS-Monster mit Vierradantrieb und einem Normverbrauch von unter drei Litern? Nicht Wahnsinn oder übertriebene Industriefreundlichkeit haben dem Gesetzgeber die Feder geführt. Nein, es ist die gezielte und stringente Annäherung unserer Gesellschaft an das Urban Mining. Wenn diese massereichen Vehikel ihrer Außerbetriebnahme entgegensehen, freut sich jeder Recyclingbetrieb: Hunderte Kilo an Stahl, wertvolles Lithium, enorme Mengen an Kupfer und Aluminium, Gold und Silber in unzähligen Steuergeräten und Computern. Und wegen der zum Laden der Krafthybride notwendigen stabilen Elektrizitätsinfrastruktur können diese Fahrzeuge auch nicht als Altfahrzeuge in Drittweltstaaten exportiert werden. Denn dort fehlt es am Strom für die Akkus. Wahrhaft ein genialer Schachzug zum Erhalt strategisch wichtiger Rohstoffe! 

Factorys Fazit: Metall statt Plastik, Hybrid- statt Kleinwagen, Opulenz statt Effizienz. Unsere urban minenden Nachkommen werden es uns danken.

Klaus Dosch ist wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy-Beys, die Mitherausgeberin der factory ist. Zuletzt schrieb er in factory Vor-Sicht über die Szenarientechnik zur Abbildung möglicher Zukünfte.

Weitere Beiträge zum Thema Ressourcenschulden gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem factory-Magazin Schuld & Sühne zum kostenlosen Download. Das ist wie immer schön illustriert und vor allem gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen – außerdem enthält es sämtliche Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

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