Der Erhalt und Ausbau der Ökosysteme und damit der Biodiversität ist der beste Schutz gegen die fortschreitende Erderhitzung und die damit einhergehenden Bedrohungen für Wirtschaften und Gesellschaften weltweit – inklusive dem Wandel zur Klimaneutralität. Ohne einen besseren Schutz der natürlichen Ressourcen auf einem begrenzten Planeten werden auch die wirtschaftlichen schwächer und damit die sozialen.
Mit seinem Bericht „Business and Biodiversity“ hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES erstmals umfassend analysiert, wie eng wirtschaftliches Handeln und biologische Vielfalt miteinander verflochten sind – und wie riskant es ist, diese Abhängigkeit weiterhin zu ignorieren.
Der Befund ist eindeutig: Jedes Unternehmen hängt von Biodiversität ab, jedes Unternehmen beeinflusst sie. Der fortschreitende Verlust von Arten und Ökosystemen stellt demnach inzwischen ein kritisches, systemisches Risiko für Wirtschaft, Finanzstabilität und menschliches Wohlergehen dar.
Der Bericht wurde von 79 Expertinnen und Experten aus 35 Ländern erarbeitet und listet mehr als 100 konkrete Maßnahmen, mit denen Unternehmen ihre Abhängigkeiten von der Natur erfassen und negative Auswirkungen verringern können. Gleichzeitig zeigt er schonungslos, warum Biodiversität bislang kaum Teil unternehmerischer Entscheidungen ist.
Biodiversität in Unternehmen bislang kaum berücksichtigt
Ein zentrales Ergebnis: Weniger als ein Prozent der berichtspflichtigen Unternehmen analysiert bislang systematisch seine Auswirkungen auf Biodiversität. Einer der Hauptgründe ist fehlendes Wissen über geeignete Mess- und Steuerungsinstrumente.
„Biodiversität ist ein großes Problem, das in der Wirtschaft nur sehr beschränkt beachtet wird“, sagte Prof. Stephan Pfister von der ETH Zürich dem Science Media Center (SMC). Während große wirtschaftliche Werte auf Kosten der Natur geschaffen würden, fehle es an Mechanismen, um diese Schäden zu erfassen und zu bepreisen. Freiwillige Maßnahmen allein reichten nicht aus.
Hinzu kommen strukturelle Fehlanreize. Dr. Ina Sieber (Universität Kassel) verweist in der Expert*innenbefragung des SMC auf Kurzfristdenken, Quartalslogiken und falsche Subventionen, die ökologischen Regenerationszyklen entgegenstehen. Was gut für die Natur sei, sei häufig nicht profitabel – und umgekehrt. Diese Logik begünstige ein „Business as usual“, das Naturzerstörung systematisch fortschreibt.
Auch die politische Ebene trägt zur Unsicherheit bei. Prof. Sarah Jastram (HSBA Hamburg) beschreibt ein zähes Ringen zwischen Politik und Wirtschaft um neue Berichtspflichten. Unternehmen kritisierten Bürokratie, während zugleich klare, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen fehlten, die Investitionen in regenerative Geschäftsmodelle belohnen würden.
Biodiversitätsverlust als Risiko für alle Branchen
Der IPBES-Bericht macht deutlich: Alle Wirtschaftsbereiche sind betroffen, nicht nur Landwirtschaft oder Rohstoffsektoren. Landnutzung, Umweltverschmutzung, Klimawandel und invasive Arten gefährden Lieferketten, Produktionsstandorte und Märkte.
„Artenverlust bedroht die gesamte Wirtschaft“, betont Dr. Marten Winter (iDiv Leipzig). Gerade deshalb seien verbindliche Berichts- und Transparenzsysteme notwendig. Die Verwässerung entsprechender EU-Vorgaben sei eine verpasste Chance – auch für Unternehmen, weil Risiken unsichtbar blieben.
Besonders sichtbar sind die Abhängigkeiten im Agrar- und Ernährungssektor. Prof. Martin Hamer (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) verweist darauf, dass über 50 Prozent der globalen Biodiversität in Böden leben. Nachhaltige Landnutzung, Bodenschutz und regenerative Produktionsweisen stärkten nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch Erträge, Resilienz und Klimaschutz.
Finanzströme und politische Rahmenbedingungen als Hebel
Wie groß die Schieflage ist, zeigen die Finanzzahlen des Berichts: Weltweit flossen 2023 rund 7,3 Billionen (7.300 Milliarden) US-Dollar in Aktivitäten mit negativen Auswirkungen auf die Natur, davon 4,9 Billionen aus dem Privatsektor und 2,4 Billionen US-Dollar in umweltschädlichen Subventionen. Demgegenüber stehen lediglich 220 Milliarden US-Dollar, die für Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität aufgewendet werden.
Auch deutsche Bundesminister*innen sehen hier dringenden Handlungsbedarf.
So betont auch Umweltminister Carsten Schneider anlässlich des Berichts, dass Unternehmen viele Möglichkeiten hätten, aktiv zum Erhalt der Natur beizutragen – und dass dies in ihrem langfristigen Eigeninteresse liege. Aufgabe der Politik sei es, geeignete Anreize und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wirtschaftlicher Erfolg, Umwelt- und Ressourcenschutz zusammen gedacht werden.
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär hebt die Rolle von Forschung, Innovation und Technologie hervor. Intakte Ökosysteme seien eine Voraussetzung für Wohlstand, stabile Lieferketten und Wettbewerbsfähigkeit. Der IPBES-Bericht zeige, dass Methoden, Daten und Technologien bereits vorhanden seien, um Biodiversität systematisch in Unternehmensstrategien zu integrieren.
Das deutsche Lieferkettengesetz wirkt auch auf Biodiversität
Ein anschauliches Beispiel dafür, dass Regulierung wirkt, liefert das seit 2023 geltende deutsche Lieferkettengesetz (LkSG). Untersuchungen von Germanwatch und Misereor zeigen, dass Unternehmen weltweit das Gesetz bereits nutzen, um Menschen- und Umweltrechte entlang ihrer Lieferketten durchzusetzen – etwa LKW-Fahrer in Deutschland, Beschäftigte in Westafrika beim Bauxitabbau oder Gewerkschaften in der Türkei. „Mit dem Lieferkettengesetz können auftraggebende Unternehmen in die Verantwortung genommen werden, um Verstöße bei Zulieferern zu unterbinden“, erklärt Finn Schufft von Germanwatch.
Gleichzeitig warnt die Studie, dass geplante Abschwächungen des Gesetzes die bisherigen Erfolge gefährden könnten. Sanktionen bei unzureichender Risikoanalyse sollen entfallen, wodurch die Präventivwirkung deutlich schwächer würde. Armin Paasch von Misereor betont: „Menschenrechtsverletzungen würden wahrscheinlicher.“
Für die wirtschaftliche Praxis zeigt das Gesetz, wie verbindliche Vorschriften Unternehmen dazu bringen, sozial-ökologische Verantwortung systematisch zu übernehmen – ein Konzept, das sich auch auf die Biodiversität übertragen ließe. Die Verbindung von Menschenrechten, Lieferkettenverantwortung und ökologischen Standards illustriert, wie Unternehmen unter klaren Rahmenbedingungen gezielt Risiken reduzieren und nachhaltige Geschäftsmodelle etablieren können.
Von „Business as usual“ zu „nature positive“
Und so macht auch der IPBES-Bericht wieder deutlich: Der notwendige Wandel ist möglich – aber nur, wenn Wirtschaft, Politik, Finanzsektor und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln. Unternehmen müssen Biodiversität ähnlich ernst nehmen wie finanzielle Risiken. Die Politik muss Fehlanreize abbauen, Transparenz schaffen und Investitionen umlenken.
Und Finanzmärkte müssen Naturverlust als das behandeln, was er ist: ein systemisches Risiko. Die zentrale Botschaft des Berichts für Unternehmende und ihre politischen Vertreter*innen ist klar: Biodiversität ist kein Nachhaltigkeits-Nebenthema mehr, sondern das Fundament wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit. Unternehmensverantwortliche, die sie weiter ignorieren, gefährden nicht nur die Natur – sondern auch die Zukunft ihrer Unternehmen.
- Die Grundlage: Jeder Bereich menschlichen Lebens ist abhängig von der Leistungsfähigkeit der Ökosysteme. Die Verantwortung einer naturausbeutenden Wirtschaft ist immens.
- Vielfalt ist viel wert: Das gilt nicht nur für die Biodiversität, sondern auch für Geschäftsmodelle, Wirtschaftsordnungen, Geschmack und vieles mehr. Wie auch für das factory-Magazin Vielfalt.
- Fakten zählen: Der Schutz natürlicher Ressourcen – und mithin ihrer Vielfalt – ist seit zwanzig Jahren das Anliegen des factory-Magazins. Eine Auswahl der Wege dahin findet sich im factory-Magazin "Fakten".
- Ressourcen zirkulieren lassen: Voraussetzung für eine zirkuläre Wirtschaftsweise ist eine gute Bilanzierung des Verbrauchs. Mit den Emissionen lässt sich starten – und damit effizient Ressourcen schützen.