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    Dienstag, 05. April 2022

    IPCC-Klimabericht zur Minderung des Klimawandels vergleicht Klimaschutzmaßnahmen und ihre Effizienz

    Der dritte Teil des seit 1990 sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC zeigt, wo die größten Hebel sind, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden: Sonnen- und Windenergie, Entwaldung stoppen, Ökosysteme renaturieren, CO2-arme Landwirtschaft, Wasserstoff in der Industrie. Daneben gibt es viele weitere Maßnahmen, die jedoch wesentlich teurer und weniger wirksam sind.

    Die Klimaberichte des Weltklimarats IPCC sind nicht nur Berichte von weltweit Hunderten von Wissenschaftler*innen über den Stand des globalen Klimawandels. Sie enthalten auch ihre Empfehlungen zu seiner Bekämpfung – und diese sind sogar bereits mit Politikvertreter*innen abgestimmt. Die Maßnahmen sind also tatsächlich auf dem harten Boden der so genannten Realpolitik machbar, die Beratung ist erwünscht.

    Dass es nicht einfach ist, wenn solchen Empfehlungen alle 195 Mitgliedsregierungen zustimmen müssen, kann man sich vorstellen. Auf einer virtuellen Sitzung des Weltklimarats hatten diese am 4. April jedoch die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger mit Verspätung angenommen.

    Man könnte also eigentlich davon ausgehen, dass die Welt sich einigermaßen einig sein müsste. Zumindest über das, was zu tun ist, um die größte hausgemachte globale Krise der Bedrohung ihrer Lebensgrundlagen zu bekämpfen. Denn vor den Folgen und Kosten des Nicht-Handelns hat der Klimarat schon früher gewarnt. Und jetzt begleiten und verstärken die Klimakrise weitere global spürbare Entwicklungen: die Artenkrise, sich möglicherweise häufende Pandemien, eine bedrohlich wachsende Ungleichheit, wiederkehrende Wirtschafts- und Finanzkrisen, zunehmende kriegerische Konflikte, wachsender Nationalismus ...

    Ein Weckruf für die Welt

    Selbst den größten Optimist*innen ist klar: Die Welt befindet sich in einer anthropogenen multiplen Krise, die die Menschheit gemeinsam lösen muss. Jegliche Rückkehr zu einer Normalität, auch einer regionalen, ist illusorisch. Veränderung, Change, gibt es und wird es geben, by Desaster or by Design.

    Insofern ist auch dieser dritte Teil des sechsten Sachstandsberichts von 2021/2022 nicht nur ein weiterer Weckruf, die Welt zu verändern, statt sie für ein Weiter-so aufzugeben. Der fast 3000 Seiten umfassende Bericht ist ebenfalls wieder ein weiter konkretisierter Maßnahmenkatalog für dringend anstehende Entscheidungen. Sehr genau beschreibt der Bericht, wie sich die globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 mit größter Wahrscheinlichkeit entwickeln wird, je nachdem, welche der empfohlenen Klimaschutzmaßnahmen wo in welchem Umfang ergriffen werden.

    Die Bedeutung dieses Berichts für die globale Klimaschutzpolitik ist also entsprechend groß. Der nächste "Assesment Report Nr. 7" wird wahrscheinlich erst gegen Ende dieser entscheidenden Dekade erscheinen. Zu befürchten ist, dass in Zeiten des Krieges der aktuelle sechste Bericht und damit die Empfehlungen der Klimawissenschaft wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, auch wenn viele Medien darüber berichten.

    Andererseits dürfte die Dringlichkeit einer schnellen Energiewende und der Abkehr von fossilen Energielieferanten mit dem Krieg in der Ukraine auf auf größere Einsicht stoßen. Zumal es bei einem Weiter-so zu weiteren Krisen mit wesentlich größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen kommen dürfte, wie auch dieser Klimabericht bestätigt.

    Kurs auf Katastrophe

    Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Die menschengemachte Treibhausgasproduktion steigt zwar weiter, aber seit 2010 langsamer als im Jahrzehnt davor. Dennoch steuert die Welt damit auf eine Erderhitzung von 3,2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Zeiten zu.

    Will die Menschheit die Temperaturerhöhung wirklich auf 1,5 Grad begrenzen, um die größten Schäden für ihre Lebenswelt zu vermeiden, dürfen die CO2-Emissionen maximal noch bis 2025 ansteigen. Danach müssten sie innerhalb von fünf Jahren bis 2030 um mindestens 43 Prozent gesunken sein. Auch ein Drittel der Methan-Emissionen müsste vermieden werden. Doch selbst dann werde es zu einer zeitweisen Überschreitung von 1,5 Grad Celsius kommen, zeigen die Berechnungen der Wissenschaftler*innen.

    "Wir sind auf der Überholspur Richtung Klima-Desaster unterwegs", beschreibt UN-Generalsekretär Antonio Guterres den momentanen Weg der Klimapolitik. Ohne massive, schnelle Emissionsreduktion wird es nicht gelingen, die Erderhitzung zu verringern. Auch bei einem Zielpfad von zwei Grad müsste der Rückgang mindestens 25 Prozent betragen – im weltweiten Durchschnitt.

    "Für die Industriestaaten bedeutet das immer deutlich höhere Werte. Die 50 am wenigsten entwickelten Länder haben bisher zum gesamten menschengemachten Treibhauseffekt nur 0,4 Prozent beigetragen. Auch das stellt der Bericht klar", schreibt Werner Eckert bei tagesschau.de.

    Die bisher an das UN-Klimasekretariat gemeldeten nationalen Klimaschutzzusagen reichen nicht aus – es sind lediglich Ankündigungen von Umsetzungen. Sie würden immer noch zu 2,8 Grad Celsius Erwärmung führen. So würde allein die bestehende Infrastruktur an Kraftwerken und Industrieanlagen mehr als ausreichen, um das verbleibende Kohlenstoffbudget zu verbrauchen. Und: Vier Fünftel des Emissionsbudgets für eine 50-prozentige Chance auf 1,5 Grad Celsius sind aufgebraucht, so der Bericht.

    "Litany of broken climate promises"

    Für Antonio Guterres ist der Klimabericht wiederholt Anlass für klare Worte: "This IPCC report is a litany of broken climate promises. It is a file of shame, cataloguing the empty promises that put us firmly on track towards an unlivable world. Some government and business leaders are saying one thing, but doing another. Simply put: they are lying. And the results will be catastrophic. This is a climate emergency."

    Dabei gibt es genügend Vorschläge, wie sich dieser Klimanotstand beenden ließe. Die Potenziale der einzelnen Maßnahmen hat der Bericht detailliert untersucht, die Auswahl bleibt den Regierungen überlassen. In einem der zentralen Diagramme beschreiben die längsten Balken den größten Nutzen: Sonnenenergie, Windkraft und weniger Waldzerstörung sind die "Königswege im Kampf gegen die Klimakrise" schreibt Eckert.

    Bis zehn Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen lassen sich so jeweils reduzieren. Wirtschaftlich ist das jetzt schon lohnend oder kostet nur geringfügig mehr. Schließlich sind die Kosten für Sonnen- und Windenergie sowie Batterien seit 2010 um bis zu 85 Prozent gesunken.

    Daneben gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen mit geringerer Wirkung – die aber möglicherweise teurer sind. Wie zum Beispiel Kohlendioxid aus Abgasen abzuscheiden, auszufiltern und endzulagern. Dennoch sagen auch die Klimaexpert*innen inzwischen, dass es ohne diese aufwändigen und teuren Verfahren nicht gehen wird, sehr wahrscheinliche Temperaturerhöhungen über 1,5 oder zwei Grad wieder zu reduzieren und verfahrensbedingte nicht-vermeidbare Restemissionen zu neutralisieren.

    Viel Wirkung für wenig Geld

    "Der neue IPCC-Bericht zeigt, dass das richtige Management der Landnutzung eine der kosteneffektivsten Maßnahmen sein kann - also mit viel Wirkung für relativ wenig Geld", sagt Alexander Popp. Er ist Leiter der Forschungsgruppe zu Land-Nutzungs-Management am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Leitautor des entsprechenden Berichtskapitels. "Was wir auf Äckern und in Wäldern machen, trägt weltweit heftige 20 Prozent zum Ausstoß von Treibhausgasen bei. Wenn wir etwa die Viehhaltung verringern, Wälder schützen und aufforsten, Moore erhalten und wieder vernässen, dann senkt das den Ausstoß von Treibhausgasen. Mehr noch: Böden und Pflanzen können sogar CO2 wieder aus der Atmosphäre herausholen."

    Zwar haben laut IPCC-Bericht optimierte Ackerbaumethoden und Aufforstung zur CO2-Speicherung große Potenziale, sind aber mit hohen Kosten verbunden. Dabei geht es wesentlich günstiger, nahezu kostenfrei: mit gesunder, vor allem fleischarmer Ernährung. Das bringt sogar mehr als die Nutzung von Kernenergie. Denn nur bereits existierende Atomkraftwerke sind günstig, neue dagegen extrem teuer. Günstiger wäre dagegen, die Lecks in Erdgasleitungen und die Abgase von Kohlegruben und Ölförderanlagen zu schließen. Sie führen zu sechs Prozent der globalen Treibhausgasemissionen – 50 bis 80 Prozent davon ließe sich mit geringem Aufwand vermeiden.

    Dass der Nutzen des Klimaschutzes seine Kosten deutlich übersteigt, ist für die Wissenschaftler*innen des Potsdam-Instituts klar. "Die Hälfte der global nötigen Emissionsminderungen können mit Technologien erbracht werden, die bereits bei einem CO2-Preis unter 100 Euro pro Tonne rentabel wären", sagt Ottmar Edenhofer, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und leitender Mitautor des fünften Berichts von 2014. Der Einstieg sei also zum Greifen nahe. "Nun muss die Politik auch zupacken", fordert Edenhofer. "Der Kredit des Himmels ist begrenzt. Nicht die Energiequellen sollten den Preis für seine Verschmutzung bestimmen, sondern seine CO2-Aufnahmefähigkeit", schrieb er im factory-Magazin Schuld & Sühne. "Internationale Klimapolitik könnte erfolgreich sein, wenn ein Großteil der Ressourcen im Untergrund bliebe."

    Klimaneutral nur mit mehr Natur

    "Der aktuelle Bericht des Weltklimarats zeigt klar, dass der Schutz der Ökosysteme, Wiederaufforstung und nachhaltige Landwirtschaft essentiell sind, um die gefährlich hohen Treibhausgaswerte zu senken", kommentiert Johan Rockström, neben Edenhofer ebenfalls Direktor des Potsdam-Instituts. "Wir müssen dringend unsere Energiesysteme umbauen, wir brauchen saubere Technologien. Doch nur mit mehr Natur schaffen wir Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts."

    Der letzte, fünfte Sachstandsbericht war 2014 in mehreren Teilen erscheinen. Mit dem nun vorliegenden dritten Teil ist auch der sechste Sachstandsbericht seit 1990 fast komplett. Der erste Teil erschien bereits im August 2021 und forderte eine globale jährlich Emissionsreduktion bis 2030 um 50 Prozent, der zweite Teil folgte im Februar 2022 und beschrieb die wahrscheinlichen Auswirkungen selbst bei einem Zielpfad von 1,5-Grad maximaler Erwärmung. Der im Herbst 2022 erscheinende Synthesebericht soll die Erkenntnisse der drei Bände abschließend zusammenführen.

    Weitere Beiträge anderer:
    Der Standard: Sieben Schritte aus der Klimakrise: Was jetzt zu tun ist
    Klimareporter.de: Die Zeit läuft ab, 1,5 Grad erfordern globale CO2-Neutralität schon Mitte des Jahrhunderts


    Dateien:
    factory_1_2021_vielfalt_web_09.pdf [5.5 M]
    factory_2_2020_change_final_16.pdf [5.0 M]
    factory_2_2021_industrie_web_08.pdf [7.6 M]

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