Ein fröhlicher Paketbote liefert Pakete auf einer Sackkarre und auf der Schulter
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Handel im Wandel

Die Digitalisierung wälzt den Handel um, wie viele andere Wirtschaftsbranchen auch. Der Online-Handel, die Bestellung von Waren via Internet, erobert immer größere Marktanteile. Die Virtualisierung des Verkaufs hat auch reale Folgen problematischer Art: Der Lieferverkehr nimmt zu, Fachgeschäfte in den Innenstädten müssen schließen. Schon keimt eine Gegen-Bewegung: „Slow-Retail“ setzt nach dem Muster der Ernährungs-Alternative Slow Food auf einen entschleunigten Handel. In Städten und Dörfern werden „Späties“ und Tante-Emma-Läden als soziale Orte des Einkaufs neu entdeckt.

Von Manfred Ronzheimer

Konsumgüter an den Endkunden zu bringen ist ein Milliardengeschäft. Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes wurden 2013 von den 306.000 Unternehmen des Einzelhandels in Deutschland mit 3,3 Millionen Beschäftigten Umsätze von 491 Milliarden Euro erwirtschaftet. Der Anteil des stationären Einzelhandels mit eigenen Laden­lokalen lag nach Erhebungen des Kölner IFH Instituts für Handelsforschung im gleichen Jahr bei knapp 90 Prozent; bereits zehn Prozent der Umsätze wurde über Online-Bestellungen generiert. Vier Jahre zuvor waren es erst sechs Prozent. Für das Ende des Jahrzehnts 2020 prognostiziert das IFH einen Anteil des stationären Handels von nur noch 78 Prozent. „Da der Onlinehandel wächst, der Gesamtmarkt aber stagniert, befindet sich der gesamte Einzelhandel aktuell in einem Verdrängungswettbewerb“, stellen die Kölner Handelsforscher fest.

Immer mehr Verbraucher schätzen Preisvergleiche per Internet und ordern gleich elektronisch per Smartphone oder PC. In Befragungen des IFH gaben 38 Prozent der Konsumenten an, durch zunehmende Online-Käufe weniger in die Innenstädte zu fahren, 27 Prozent weniger in die Supermärkte am Stadtrand. Die Folge: Die Zahl der Verkaufsstellen sinkt. Selbst in klassischen Geschäftsstraßen stehen immer mehr Geschäfte leer. „Welche Perspektiven kann man angesichts solcher Trends entwickeln?“, fragte Bundeskanzlerin Angela Merkel Mitte November besorgt auf dem Deutschen Handelskongress in Berlin. „Wie kann man die Versorgung strukturschwacher Regionen sicherstellen? Wie kann man der Verwaisung von Innenstädten vorbeugen?“ Antworten darauf, teilte die Regierungschefin mit, wolle jetzt eine Dialogplattform Einzelhandel des Bundeswirtschaftsministeriums liefern. Natürlich im Internet.

Die dynamische Veränderung des Handels treibt auch die Logistik. „Der Lieferverkehr parkt in der zweiten Reihe, Paketboxen und Versandzentren schießen aus dem Boden, in der Stadt und auf der grünen Wiese“, beschreibt das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) die Lage, die es jetzt in einer neuen Studie untersucht. Ob allein dem Online-Handel der „Schwarze Peter“ zuzuschieben ist, bezweifeln die Berliner Stadtforscher allerdings. „Er ist ein Trendverstärker, jedoch nicht der Auslöser für Probleme des stationären Handels“, sagt Difu-Forscherin Ricarda Pätzold. Die Branche befinde sich in einem tief greifenden Strukturwandel: „Vergleichbar mit dem Einschnitt, wie ihn der Übergang auf die Selbstbedienung in den Geschäften in den 60er Jahren dargestellt hat“.

Gebündelt statt individuell

Beim genaueren Blick durch die Öko-Brille stellen sich auch Überraschungen ein. So fand eine im Oktober vorgestellte Studie des Deutschen Clean Tech Instituts (DCTI) heraus, dass die Klimawirkung des Online-Handels durch den Ausstoß von Kohlendioxid-Emissionen beim Transport im Durchschnitt sogar geringer ist, als wenn der Kunde den Artikel im stationären Handel kauft. „Das positive Ergebnis für den Online-Handel ergibt sich vor allem durch den verdichteten Transport der Sendungen durch die Paketdienste, die je Anfahrt immer mehrere Kunden beliefern“, heißt es in der Untersuchung, die im Auftrag des Versandhändlers Otto Group und dem Logistik-Unternehmen Hermes erstellt wurde. „Die CO2-Bilanz dieser gebündelten Verkehre ist damit der individuellen Anfahrt vieler Kunden mit dem PKW in die Innenstadt deutlich überlegen“.

Schon heute kann von Hermes in 96 Prozent der Fälle die Lieferung direkt an den Kunden oder seinen Nachbarn zugestellt werden. Durch weitere Versandoptionen wie Zeitfensterzustellung oder Paketboxen soll eine hundertprozentige Erstzulieferung erreicht werden. „Grundsätzlich belegt die Studie, dass nur die Vermeidung von unnötigen Verkehren zur weiteren CO2-Einsparung führen kann“, erklärt Hanjo Schneider, Vorstand Services Otto Group und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hermes Europe GmbH. „Deshalb arbeiten wir weiter mit Hochdruck daran, unser Angebot noch effizienter zu gestalten.“ Das Öko-Institut Freiburg hat das methodische Vorgehen, die Annahmen und Berechnungen der DCTI-Studie 2015 einer kritischen Prüfung unterzogen, wie Philipp Wolff, Geschäftsführer des DCTI, mitteilt. Er ist überzeugt: „Die Studie wird für das Thema sensibilisieren und Anlass geben, kontinuierlich weiter in diesem Bereich zu forschen, zu beobachten und zu optimieren“.

Der Trend zum „Handel 4.0“, wie die Digitalisierung nach dem vergleichbaren Prozess in der Produktionswelt Industrie 4.0 bereits bezeichnet wird, schreitet voran – hat aber womöglich seinen Höhepunkt schon in einigen Jahren erreicht. Wenn sich der Online-Handel nun auch auf das Frische-Regal erstreckt, dann sieht Alexander von Keyserlingk bald einen Sättigungsgrad in elektronischer Vernetzung erreicht: „Ich denke, in fünf Jahren werden wir uns keine Gedanken mehr über die mühsame, wöchentliche Beschaffung von Milch, Getränken und Waschmittel machen – alles wird irgendwie immer im Haushalt sein und es wird hierfür Automatismen geben, wie wir regelmäßig damit beliefert werden.“ Gerade in dieser Automatisierung liegt für den Handels-Berater und Erfinder des Begriffs „Slow Retail“, eine große Chance – nämlich in der Wiederentdeckung des Kunden und seiner individuellen Bedürfnisse. „Wenn die Faszination des technisch Neuen, des Online- oder Mobile Shoppings, einmal verflogen ist, werden viele Kunden eine neue Sehnsucht nach haptischem Erlebnis, nach Austausch und Inspiration entwickeln“, sieht von Keyserlingk voraus. „Hier kommt Slow Retail ins Spiel, die Individualisierung des Einzelhandels, mit realer statt virtueller Kundenbindung“.

Soziale Qualitäten

Auf seiner Webseite slowretail.de und mit Vorträgen wie auf der Slow Living-Konferenz in Berlin gibt der Handelsexperte viele Beispiele, wie sich allmählich – slow – auf Händler- wie auf Kundenseite ein neues Bewusstsein bildet, das Geschäfte und Läden neuer Art generiert: „Kaufen als Genuss“. Kayserlingk nimmt in ersten Ansätzen „eine neue Form der Fachgeschäfte wahr: Läden, die sich aber nicht wie früher auf Branchen oder Warengruppen spezialisieren, sondern die sich an ihrer klar definierten Zielgruppe orientieren“. Diese Händler müssen wissen, in welcher Welt ihre Kunden leben, was ihnen gefällt, welche Präsentationsformen sie ansprechen und welche Serviceleistungen sie erwarten. „Das sind neue Store-Typen, die sich davon freimachen, reine Warenbevorrater zu sein“, erläutert Slowretailer von Kayserlingk: „In den Städten erwarten Kunden künftig Unerwartetes, Qualität in der Inspiration und cleveren Service“.

Dabei zeichnen sich auch Mischformen zwischen Online- und stationärem Handel ab. Beispiele sind die Webshops von Manufactum.de mit dem Angebot hochwertiger Handwerks- und Haushaltsprodukte, dem Biolebensmittel-Lieferanten Genusshandwerker.de und dem Schokoladen-Hersteller Fassbender-Rausch. Allen gemeinsam ist, dass sie ausführliche Produktinformationen per Internet offerieren, während die individuelle Kundenansprache am besten im stationären Geschäft stattfindet. Selbst Online-Großhändler Amazon will nach seinem ersten Store in Seattle demnächst in Berlin vor allem Bücher verkaufen.

Andere Qualitäten, die nicht als unmittelbares Warenangebot „eingepreist“ sind, können auch den Mini-Läden wie dem „Späteinkaufs-Kiosk“ in den Städten oder dem „Dorfladen“ auf dem flachen Land zu neuer Wertschätzung und Kundschaft verhelfen: als Orte des sozialen Kontakts und direkter Kommunikation außerhalb des Chatrooms. Mit dem Trend zur regionalen Direktversorgung erhalten Hofläden für landwirtschaftliche Produkte eine wachsende Nachfrage – teilweise mit Lieferservice. Und in den Städten gehen zuweilen sogar nicht-kommerzielle Faktoren in die sozialräumliche „Handelsbilanz“ ein. So hat die Berliner Polizei festgestellt, dass die Kriminalitätsrate in Stadtvierteln mit länger geöffneten „Späti“-Läden geringer ist als andernorts.

Manfred Ronzheimer ist Wissenschaftsjournalist in Berlin und schreibt für zahlreiche Medien wie z. B. die taz.


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