Die bis zur Brust im Meer stehende Freiheitsstatue in New York City
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Die Freiheit in Zeiten des Klimawandels

Mittlerweile dürfte die Mehrheit den Klimawandel als Bedrohung wahrnehmen: Besonders im globalen Süden, aber auch in den Küstenregionen sehen inzwischen viele Menschen ihre Lebensgrundlagen und -räume gefährdet, andere fürchten durch Klimaschutz-Auflagen um ihre bisherige Freiheit und warnen lautstark vor der Ökodiktatur, wieder andere fordern strengere Regeln, um schneller und konsequenter die Erderhitzung und ihre Folgen zu begrenzen. Der Begriff der Freiheit wird in der Debatte um den richtigen Weg gern als Spielball missbraucht. Was Freiheit bedeutet und wie sie mit Nachhaltiger Entwicklung zusammenwirkt, zeigt ein kurzer Blick in die Philosophiegeschichte.

Von Bernd Draser

Die Freiheit als Skandal: Angesichts der drängenden Klimaprobleme ist ein zunehmendes Bedürfnis wahrnehmbar, einerseits alles politische Handeln konsequent dem Primat des Klimaschutzes nachzuordnen, um so zu retten, was (noch) zu retten ist – so rufen eine wachsende Zahl an Städten und Ländern (EU) den Klimanotstand aus. Andererseits wird die Bedrohung der Freiheit als Argument herangezogen, wenn es um notwendige Regeln für Produktion und Konsum geht. Grundlage unseres westlichen Lebensstils ist schließlich die freiheitliche Grundauffassung, wie sie als „the pursuit of happiness“ in der Declaration of Independence der USA von 1776 formuliert ist. Sie stellt das Streben nach individueller Lebenserfüllung des autonomen Individuums in den Mittelpunkt staatlichen Handelns. 

Nicht wenige empfinden dieses pursuing of happiness inzwischen als Skandal, als individualistisches Selbstverwirklichen auf Kosten der Biosphäre und der Lebenschancen künftiger Generationen. Ob und wie nun also der Planet und die Zukunft der Menschheit zu retten sind, wenn „ein jeder nach Seiner Faßon Selich“ wird (wie Friedrich der Große 1740 recht ungelenk notierte), steht derzeit lebhaft zur Debatte. Zur Positionierung zwischen freiheitlicher Grundordnung auf der einen, und der Freiheit des und der Einzelnen auf der anderen Seite, soll ein kurzer philosophischer Blick auf den Begriff der Freiheit helfen. 

Jener ist komplex – steht er doch schon immer im Mittelpunkt des Denkens. Mit einigen prominenten Positionen lässt sich jedoch in aller Grobheit ein Feld abstecken, auf dem sich die aktuellen Bezüge ausfechten lassen.

Freiheit als Möglichkeits-Sinn

Freiheit wird stets im Verhältnis zum Determinismus diskutiert: Wie frei oder festgelegt sind wir als Menschen in unserer Freiheit des Willens? Am einen Ende stehen die Stoiker, der heilige Augustinus und ein Teil der sunnitischen Theologie, des Weiteren der Calvinismus mit seinen besonders weitreichenden Wirkungen in ein wachstumszentriertes Wirtschaften hinein, diverse esoterische Weltanschauungen und eine bunte Reihe philosophisch sich abmühender Neurobiologen, die den freien Willen auf Basis schlecht gedeuteter Empirie in Abrede stellen. Sie alle versichern, der Wille sei Trugschluss und das Handeln vorab entschieden durch unverfügbare Instanzen wie das Schicksal, das Kausalitätsprinzip, die Sterne, Gottes Ratschluss, das Gehirn, die Gene, die Psyche und andere obskure Mächte. 

Auf der anderen Seite stehen die Apologeten menschlicher Autonomie, denen die Freiheit mehr als ein Detailthema ist, sondern ein „ins-Ganze-Fragen“, wie Heidegger 1930 formuliert. Fichte versteht gar die gesamte Philosophie als eine „Analyse des Begriffs der Freiheit“; in die Fichte-Tradition ist auch der Existenzialismus nach Sartres Prägung einzuordnen, der mit der knackigen Formulierung, Bedingungen seien keine Bestimmungen, den Diskurs in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts prägte. Eine der klügsten und boshaftesten Abrechnungen mit dem Determinismus verdanken wir dem hellenistischen Satiriker Lukian (2. Jh.), der in seinem Dialog „Der tragische Zeus“ mit einem Loriot-artigen Humor den Göttervater als einen der Vorherbestimmung hilflos Ausgelieferten zeigt.

Bereits seit der Antike wird dieser Freiheitsbegriff als „Könnens-Bewusstsein“ verstanden, also die grundsätzliche menschliche Fähigkeit, sich nicht einfach einem als gesetzt gedachten Schicksal zu ergeben, sondern das zu entwickeln, was Robert Musil einen „Möglichkeits-Sinn“ nennt. Gerade im Nachhaltigkeitsdiskurs, dem gelegentlich unter dem Gewicht des eingeborenen protestantisch-apokalyptischen Ballasts die Puste ausgeht, bemühen sich einige Autoren, einen gut gelaunten Möglichkeitssinn der Akteure wiederzubeleben (Pinker, Rosling, Schneidewind, Welzer u.v.a.). Das ist verdienstvoller denn je in Zeiten, da ein Teil der aktivistischen Szene die Panik als modus operandi anempfiehlt („I want you to panic!“), die sich bislang stets als kürzester Weg zur Katastrophe erwiesen hat. 

Freiheit als Autonomie

Nicht erst seit Kant ist die Freiheit an die Vernunft geknüpft, denn Aufklärung ist für Kant eben die Befreiung aus der Unmündigkeit. Seine Ermutigung lautet daher auch: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Freiheit ist also nicht die Abwesenheit von Regeln, sondern das Mündigwerden des Einzelnen durch Bildung. Die Antike hat das bereits weniger streng als Kant, aber lebensweltlich überzeugender vorgedacht. Foucault hat in „Der Gebrauch der Lüste“ (1984) die klassischen antiken Diskurse auf ihren Umgang mit den sinnlichen Leidenschaften, insbesondere der Sexualität und der Ernährung untersucht. 

Er arbeitet detailliert heraus, wie der freie Mensch sich zuallererst durch die Beherrschung seiner selbst, durch Autonomie auszeichnet, und nicht Spielball seiner Begierden ist. Freiheit besteht also insbesondere in der Fähigkeit, sich nicht der Willkür der Begierden zu unterwerfen, sondern Herr seiner selbst zu sein, also ganz wörtlich auto-nom, denn „nomos“ bedeutet „Gesetz“. Die Freiheit ist in diesem Falle das Gegenteil von Willkür. Stand zu Foucaults Zeit noch die Sexualität im Zentrum, erweist sich dem heutigen Leser die antike Ernährungs-Diätetik als besonders aktuell, angesichts der allerorten zu beobachtenden Talibanisierung des gegenwärtigen Ernährungsdiskurses. 

Dass Freiheit überhaupt nur als Autonomie und nicht als Willkür einen Sinn für Menschen ergibt, können zwei schlichte Beispiele illustrieren, ein sprachliches und ein politisches: Die Beherrschung einer Sprache und Grammatik (also das Einhalten bestimmter Regeln und Gesetzmäßigkeiten) eröffnet uns erst die Freiheit, Sagbares auch zu sagen, über alles Denkbare zu kommunizieren. Lehnten wir die Grammatik ab, weil sie uns in unserer Freiheit des willkürlichen Frei-Schnauze-Quatschens beschränkt (und das tut sie ja), verschlössen wir uns den Zugang zum Reich der Kommunikation. 

Zum politischen Beispiel: Eine freie Gesellschaft ist keine regellose Gesellschaft, weil die Individuen in einer solchen regellosen Gesellschaft im permanenten Zustand der Selbstverteidigung gefangen blieben, ohne ihre Möglichkeiten unangefochten entfalten zu können. Erst die Regeln, auf die auch der Staat verpflichtet ist, eröffnen dem Einzelnen das Reich der Freiheit. Gleiches gilt für die Freiheit des Marktes: Er ist nicht dann frei, wenn man ihn aller Regeln entblößt (das Missverständnis des Neoliberalismus), sondern wenn die Regeln seine Freiheit erst sichern (die Position des Ordoliberalismus). Die „freie Fahrt für freie Bürger“ (ADAC 1974) wäre mit Sicherheit weniger frei, wenn die Straßenverkehrsordnung aufgehoben würde, hingegen ein Tempolimit würde das schnellere und bequemere Fortkommen aller Verkehrsteilnehmer deutlich mehr befördern als behindern. Staat wie Straße wie Markt: Die Regeln sind das Medium der Freiheit. 

Freiheit oder Klima-Primat

Müssen wir angesichts des sich zuspitzenden Klimawandels also unsere Demokratie beschleunigungsfördernd abschalten, weil sie zu langsam ist, um angemessen zu reagieren? Es gibt eine Reihe von Gründen, die dagegen sprechen. Einen entscheidenden hat Peter Graf Kielmansegg (FAZ, 15.09.2019) jüngst als Politikwissenschaftler ausgearbeitet: Wie könnte eine sektorenspezifische gutartige Klimadiktatur von allen anderen gesellschaftlichen Segmenten getrennt werden? Wer eine Diktatur will, müsse sie schon ganz wollen, in allen Bereichen, schließt er. 

Es gibt darüber hinaus ausgezeichnete historische Gründe, die dagegen sprechen: Diktaturen haben langfristig keinen Bestand, weil sie keine Legitimität haben. Was würde aber passieren, wenn eine Klimadiktatur hinweggefegt würde? Fegte man mit ihr nicht auch alle Klimaziele hinweg? Verlören sie dadurch nicht ihre gesamte Legitimation? Wer eine Klimadiktatur einführen will, entzieht allen klimarelevanten Transformationsbemühungen die Legitimität. 

Eine einzelne Klimadiktatur in Deutschland könnte angesichts des globalen Rahmens nur wenig bewirken (zwei Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen durch ein Prozent der Weltbevölkerung), eine weltumspannende Ökodiktatur hingegen vermag tatsächliche Effekte zu erzielen. Wie wäre eine Weltdiktatur vorzustellen? Und wie zu erreichen? Entsprechende eschatologische Phantasmagorien sind ja bereits vor einem guten Jahrhundert um die kommunistische Weltrevolution ersponnen worden. Das Ironische ist, dass eine Ökodiktatur noch nicht einmal einen Vorbildcharakter hätte; die Kritik von Rosa Luxemburg an der Russischen Revolution war 1918 bereits formuliert, noch bevor sie ihre ganze destruktive Kraft überhaupt erst entfalten konnte. Eine freiheitliche Demokratie, die eine Bewältigungsstrategie mit den Klimaherausforderungen hinbekommt, ist hingegen genau das – ein nachahmenswertes Modell. 

Es ist fast zu trivial, um es zu erwähnen, aber Diktaturen haben sich bislang als wenig umweltfreundlich herausgestellt, weil in ihrer Logik die Systemstabilisierung zunächst immer Priorität hat. Daher haben ökologische Bewegungen bislang nur in freiheitlichen Ordnungen eine Relevanz erlangt. Diktaturen ziehen ihre Legitimität aus der Kongruenz von Anspruch und Umsetzung. Aber alle Klimamechanismen sind aus naturgesetzlichen Gründen für menschliche Maßstäbe sehr langsam. Selbst wenn alles Denkbare sofort und mit aller Härte umgesetzt würde, kehrte sich kein Trend um, bliebe die erlösende Wende aus, und die Klimadiktatur verlöre ihre Legitimität, und mit ihr auch alle umgesetzten Maßnahmen. 

Wie könnte überhaupt der legitime Übergang in eine Klimadiktatur aussehen? Es müsste ja doch eine große Mehrheit dafür sein, sich als Gesellschaft dazu zu zwingen. Wenn es aber diese Mehrheit gäbe, warum könnte man das Nötige nicht auch einfach demokratisch umsetzen, wenn doch die Mehrheit vorliegt? Wenn man nicht gerade den Staatsstreich einer Klima-Elite der starken Hand erträumt, kann man sich kein Szenario ausdenken, das unsere freiheitliche Grundordnung in eine Klima-Diktatur überführt. 

Die Sehnsucht nach der starken Führungspersönlichkeit, die mit harter Hand durchgreift, über bremsende Strukturen und Eliten hinwegfegt, diese Lust an der apokalyptischen Endschlacht ist aber nichts Anderes als die Flucht des Einzelnen vor der eigenen Verantwortung, es ist eine Entlastungssehnsucht. Sie erweist sich als das, was Adorno den „autoritären Charakter“ nennt, beseelt vom Unwillen, die Bequemlichkeit der selbstverschuldeten Unmündigkeit aufzugeben. Wollen wir denen wirklich unsere Zukunft überlassen?

Es bleibt bei der Freiheit

Die freiheitliche Grundordnung hat noch weitere sachliche Vorzüge: Ein „wicked problem“ wie der Klimawandel ist komplex und nichtlinear. Aus Prinzip sind daher nur plurale, diverse Ansätze geeignet, Lösungswege zu finden. Den einen monokausalen und linearen Lösungsansatz gibt es gar nicht, den eine Diktatur durchdrücken könnte.

Wenn wir die Sustainable Development Goals oder das Modell der Planetary Boundaries tatsächlich ernst nehmen, kann ein Primat des Klimaschutzes nicht infrage kommen, weil der  Klimawandel zwar eine bedeutsame von insgesamt neun planetaren Belastbarkeitsgrenzen ist, aber eben nur eine von neun. Maßnahmen gegen den Klimawandel sind eines der 17 Ziele, eines neben 16 anderen. Ein Primat der Klimapolitik zöge die Nachordnung nicht minder drängender Herausforderungen nach sich und ginge zuallererst auf Kosten des globalen Südens.

Nur eine freiheitliche Gesellschaft ermöglicht einen Diskurs, der Legitimität erzeugt. Diskurs bedeutet aber: Unübersichtlichkeit, Streit, Anstrengung, divergierende Interessen, Rückschläge, Ärgernisse, Enttäuschungen, dumme Argumente, Fake News, Leugnen, Widerspruch. Das muss man aushalten. Genau das meint der Begriff der Toleranz: Das auszuhalten, was man ablehnt. Sonst wäre es auch keine Anstrengung. Rosa Luxemburg schrieb in ihrer Kritik der Russischen Revolution schon 1918 den legendären Satz: „Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden“. Das 20. Jahrhundert hat nicht den Schatten eines Zweifels daran gelassen, dass Diktaturen diese Freiheit nicht ertragen. 

Der philosophische Rückblick zeigt, dass Freiheit, wenn man sie ernst nimmt, niemals die Abwesenheit von Regeln, sondern stets Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit ist. Das gilt auch für alle Regulierungen, die den Klimawandel betreffen. Unser Verhalten den Tatsachen anzupassen, führt nicht zu einem Verlust, sondern einem Zugewinn an Freiheit. Es bedeutet keine Verletzung der individuellen Freiheit, ein Tempolimit in die StVO aufzunehmen. Es bedeutet noch weniger eine Verletzung der individuellen Freiheit, klimaschädliche Subventionen zu streichen. Und es kann niemals eine Verletzung der individuellen Freiheit sein, Menschen im gesetzlichen Rahmen demokratisch legitimiert darauf zu verpflichten, angesichts objektiver Tatsachen verantwortlich zu handeln. Denn Freiheit ereignet sich stets nur im Rahmen der Tatsachen – als „objektive Realität“, wie Kant es formuliert.

Es bedeutet also durchaus keinen Verlust an Freiheit, uns durch gesetzliche Rahmen oder freiwilliges Entschließen der objektiven Realität des Klimawandels anzupassen. Wir erweisen uns erst dann als frei, wenn wir unserer selbst mächtig sind und nicht Spiel willkürlicher Launen. Es ist ein anspruchsvoller und durchaus strenger Freiheitsbegriff. Aber der einzige, der unserer würdig ist.

Bernd Draser ist Philosoph und lehrt an der Ecosign-Akademie in Köln. Zum Thema Utopien schrieb er über Die nächsten 500 Jahre.

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