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    Freitag, 02. September 2016

    Das Anthropozän wird die Naturproduktivität beschleunigen müssen

    Der Mensch hat sein eigenes geologisches Zeitalter geschaffen, er ist zur stärksten Naturkraft geworden. Mit der internationalen Anerkennung des Begriffs Anthropozän ist der Mensch auch wissenschaftlich akzeptiert hauptverantwortlich für die Lebensbedingungen auf der Erde. Während die einen stärkeren Schutz vor seinem zerstörerischen Wirken fordern, plädieren andere für eine Beschleunigung der Naturproduktivität – um im Anthropozän überleben zu können.

    Der 29. August 2016 ist ein historisches Datum: Auf dem Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt wurde mit überwältigender Mehrheit für die Einführung des Begriffes Anthropozän als Bezeichnung unserer Erdepoche gestimmt. Der Begriff wurde schon zuvor vielfach verwendet, um damit das von Menschen geprägte Zeitalter zu bezeichnen, wissenschaftlich anerkannt war das aber bisher nicht. Die Geologen stritten noch um den wirklich geologischen Einfluss des Menschen. Jetzt gibt es für sie keine Zweifel mehr: Der Mensch hat sein eigenes geologisches Zeitalter geschaffen, das Anthropozän. Seinen Beginn verorten die Geologen in der Mitte des 20. Jahrhunderts, es beendet damit das Holozän, die gemäßigte Warmzeit, die in den letzten 12.000 Jahren die Zivilisationsgeschichte geprägt hat. 

    Damit ist in der 4,6 Milliarden Jahre alten Geschichte der Erde erstmals der Mensch zur stärksten Naturkraft aufgestiegen. Allerdings werde dies nur kurze Zeit der Fall sein, denn ohne ein radikales Umdenken sei damit auch seine letzte Epoche eingeleitet, meint Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands. "Anthropozän bedeutet, dass wir eine Zukunftsethik und eine neue Qualität menschlicher Verantwortung entwickeln müssen. Das Schneller, Höher, Weiter muss vorbei sein, andernfalls droht die ökologische Selbstzerstörung." Jetzt komme es darauf an, wie die Menschen mit dieser Verantwortung umgehen. Müller erwartet von der bundesdeutschen Politik eine offene und breite Debatte darüber, welche Konsequenzen aus der Entscheidung des Geologischen Kongresses zu ziehen sind.

    Die Konsequenzen sind für Birger P. Priddat, Ökonom an der Universität Witten/Herdecke, seit langem klar. Er plädiert im factory-Magazin dafür, die Produktivität der Natur im Anthropozän zu erhöhen – und zwar wegen der Unfähigkeit der Menschen zum globalen Handeln. Da die Menschen weder kulturell  noch politisch nicht in der Lage seien, die globalen Naturprobleme effektiv anzugehen, weil sie die Lösungen viel zu sehr nach Markt- wie Machtinteressen ausrichten. Selbst politische Hebel nützten wenig, wenn die Wirtschaft – und damit auch die Politik – weiterhin auf Konkurrenz und Wettbewerb basiere.

    Seiner Meinung nach betone der Name Anthropozän die humane Verantwortung für den Zustand der Natur – als Grundlage für die Ökonomie. Um diese "Produktion für Menschen" zu erhalten, seien wir darauf angewiesen, Allmendegüter einzurichten. Diese globalen öffentlichen Güter zu produzieren benötige eine umfassende Kooperation nicht nur der Menschen untereinander, sondern vor allem mit der Natur. Dazu müssten die Menschen das Wachstum der Wirtschaft forcieren, schließlich seien die neuen Formen der Kooperation mit der Natur kapital- und materialintensiv. 

    "Im Anthropozän werden wir die Natur mehr fordern als bisher: aber in Kenntnis ihrer Leistungsfähigkeit, nicht in Abschöpfung ihrer evolutiven Produkte", so Priddat in factory. Die evolutiven Prozesse müssten beschleunigt werden, die vom Menschen angeregten  Naturproduktionen müssten die Produktion der Natur überholen. Was für die gegenwärtige Generation noch ein Schreckensszenario wäre, werde die nächste IT-neotechnisch infizierte pragmatischer angehen. "Das Anthropozän wird das Zeitalter der pragmatischen Steigerung von artifiziellen Naturproduktionen."

    Den Standpunkt Beschleunigung der Naturproduktivität. Eine Skizze über das Anthropozän lesen Sie online im Themenbereich oder im kostenlosen PDF-Magazin Sisyphus, das fein illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen ist.



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