Ansicht eines Strandes mit Hippiezelt
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Inseln gegen den Strom

Den meisten Menschen fehlt es an Vorstellungen, wie ein glückliches Leben alternativ zum sozial- und klimaschädlichen „Immerweiterso“ aussehen könnte. Dabei gibt es sie durchaus, die konkreten Utopien der Gegenwart, im kleinen wie im großen Maßstab. Fast immer entstehen sie durch persönliche Suche nach Alternativen – und bewähren sich selbst im kapitalistischen Mainstream als neue Geschäftsmodelle. Damit haben Transition Towns, Bruttoinlandsglück und Kartoffelkombinate nicht nur Charme, sondern auch Transformationspotenzial.

Von Isabella Haffner

Es hätte alles so schön werden können im 21. Jahrhundert, in Deutschland. Wir haben die dreckigen Zeiten der Industrialisierung hinter uns und in ärmere Länder outgesourct, erleben die längste, inländische Friedenszeit, die Gleichberechtigung ist einigermaßen erkämpft, die Mauer ist weg, die Demokratie hat Kaiserreiche und Diktaturen ersetzt. Heute geborene Mädchen werden in Deutschland im Schnitt knapp 84 Jahre alt, Jungen 79, die Medizin vollbringt wahre Wunder. Nicht mehr die Familie entscheidet, wo wir leben, was wir arbeiten und wen wir lieben. Im Supermarkt werden Nahrungsmittel der halben Welt angeboten. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt eine Volksweisheit – „Der Mensch ist zur Freiheit verdammt“, schreibt Jean-Paul Sartre. Er hat die Qual der Wahl. 

Schmiedet er sich auch sein Unglück selbst? Westliche Gesellschaften leben in Saus und Braus, als gebe es kein Morgen. Gelbes oder rotes Kleid? Beide… Schnäppchen. Morgen „hole“ ich mir ein neues Smartphone. Im Kühlschrank drei abgelaufene Joghurts, ein unfitter Salat. Weg! Aber wie lecker die Litschis aus China und die Bananen aus Costa Rica noch nach zwei Wochen aussehen. Ach Costa Rica! Nächster Urlaub? Erstmal der Wochenend-Trip nach London und morgen muss ich mit dem Frühflieger ins Werk nach Stuttgart. Abends zurück. Noch schnell mein Haargel im Internet bestellen. 

Welch‘ barocke Zeiten! Mit dem Unterschied, dass damals das hungernde Volk Kuchen essen sollte, wenn kein Brot mehr da sei, wie Königin Marie-Antoinette angeblich ausrichten ließ. Heute leben wir durch alle Gesellschaftsschichten hindurch über unsere Verhältnisse. Wann merken wir, dass wir unser Fahrzeug in rasantem Tempo gegen die Wand fahren und treten auf die Bremse? Weltweit pusten wir mehr als 36 Gigatonnen CO2 pro Jahr in die Luft, essen Fleisch bis zum Umfallen und haben als Europäer Angst vor gebärfreudigen Afrikanern und Asiaten. Ein US-Amerikaner bräuchte derzeit laut Living Planet Report 2014 des WWF vier Planeten, um seinen Konsumdurst zu stillen, ein Deutscher 2,6, ein Inder weniger, als ihm zustehen würde. Noch... Mahatma Gandhi sagte einmal: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Doch die Religion, die „Wachstum gleich Fortschritt gleich Wohlstand gleich Glück“ verspricht, breitet sich missionarisch über die Erdkugel aus. Deshalb sind wir Wohlstandsmenschen so glücklich. 

Wachstums- und wohlstandsgesättigt

Tatsächlich hängen finanzieller Wohlstand und Glück oft zusammen. Wer sich nicht ums Geld sorgen muss, ist glücklicher. Bekannt ist aber neueren Studien zufolge auch: Es gibt eine finanzielle Glücksgrenze. Für US-Amerikaner lag die in den Jahren 2008 bis 2009 bei monatlich 6250 US-Dollar (ca. 5000 Euro) brutto. Jeder Dollar mehr brachte keinen Glücksfortschritt mehr, stellten der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Ko-Autor Angus Deaton in einer großen Studie mit 450.000 Teilnehmern fest. Auch wer über ein regelmäßiges Einkommen verfügt, ist noch lange nicht glücklich: Noch nie haben die Krankenkassen derart viele Langzeitausfälle von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen verzeichnet. 

Im Himalaya-Staat Bhutan müssten die Menschen zutiefst unglücklich sein: Ein dickes Konto haben die meisten nicht. Doch neuerdings schielen die Industrienationen hinüber ins buddhistische Land, wo der Staat seine Bürger fragt: „Wie sehr genießen Sie Ihr Leben?“ Wohlstand wird dort nicht als Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen, sondern als „Bruttoinlandsglück“, es ist seit 2008 in der Verfassung verankert. Glück schließt neben Gesundheit und Lebensstandard auch spirituelle Bedürfnisse und die Verwendung von Zeit mit ein. Wie der Sozial- und Wirtschaftsstaat Bhutan und damit seine Bewohner davon profitieren, erzählt der Reisebericht Besser als BIP im factory-Magazin Glück-Wunsch.

Zwar wurde seit der Veröffentlichung der Studie Die Grenzen des Wachstums 1972 durch den „Club of Rome“ außerhalb des kapitalistischen Mainstreams über alternative Lebensqualität-Messinstrumente diskutiert. Doch erst die Wirtschaftskrise und dann wohl auch Bhutan haben Industrieländer wachgerüttelt. In Deutschland hat sich eine Enquete-Kommission der Bundesregierung mit der Vermessung des Wohlstands befasst. In ihrem Abschlussbericht im Jahr 2013 schlägt sie einen neuen Begriff von Wohlstand und eine neue Messung vor: Neben materiellem Wohlstand sollten auch soziale und ökologische Dimensionen von Wohlstand abgebildet werden – utopisch ist das nicht, wie Bhutan zeigt. Die Vereinten Nationen haben mittlerweile den Human Development Index eingeführt, der unter anderem Lebenserwartung und Anzahl der Schuljahre miteinbezieht; die OECD den Better Life Index, der etwa um Lebenszufriedenheit und Gemeinsinn erweitert. Der Happy Planet Index schaut auf die gesamte Nachhaltigkeit.

Solches Umdenken ist ganz im Sinne des Franzosen Serge Latouche. Der heute 76-jährige Ökonom und Philosoph hat sich schon früh für Wachstumsrücknahme eingesetzt und führt mit seinen Gedanken inzwischen Postwachstums-, Degrowth- oder Decroissance-Bewegungen an. Mit seinem 2009 erschienenen Buch „Farewell to Growth“ hat er sich deshalb bei Politikern nicht gerade beliebt gemacht. Dabei will er stets Aufbruchstimmung verbreiten, indem er für einen Mix aus Schrumpfung und Regionalisierung plädiert. Als Rezept dafür, wie es mit der Umwandlung in eine Postwachstums­gesellschaft klappen kann, nennt er seine „8 R“. Zu denen zählen unter anderem Reduzieren, Recylen, Restrukturieren und vor allem das Zurückkehren zu regionalen Kreisläufen – eine Jeans muss nicht 20.000 Kilometer zurücklegen, um am Bein des Kunden zu landen. Selbst in Deutschland gibt es Ansätze, die Wachstumsrücknahme, Regionalisierung und persönliche Zufriedenheit in gelebten Utopien verbinden – und unseren 3,1-Erden-Verbrauch schrumpfen lassen könnten.

Regionale, solidarische Wirtschaft

Auf der Schwäbischen Alb, bei Ulm, haben sich die Menschen von jeher vernetzt, haben ihre Lebensmittel gegenseitig ausgetauscht und so im regionalen Fluss gelassen. Dort oben, wo der Boden karg war und die Dörfer „weit ab vom Schuss“, blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Vielleicht ist das aber mit ein Grund, warum dort noch heute eine Bäuerin Wacholder und Zitronenthymian anbaut, die der örtliche Apotheker destilliert, damit der benachbarte Fruchtsafthersteller seinen Streuobstwiesen-Säften eine spritzige Note verleihen kann. Oder warum Woldemar Mammel, der weißbärtige Biopionier, 1985 eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, die Linse, zurück auf die Alb geholt hat. Zuvor hatte er eine uralte Sorte der Gegend in einer russischen Saatgutdatenbank entdeckt. Die züchtete er nach. Bald war die Nachfrage so groß, dass sich andere Bio-Landwirte ebenfalls an den Anbau wagten und er eine Genossenschaft gründete. Die Öko-Erzeugergemeinschaft Alb-Leisa hat heute 80 Mitglieder. Das Kultgericht der Schwaben „Linsen mit Spätzle“ gibt es nun wieder mit der echten, schwäbischen Linse. 

Essen, das aus der Region kommt, wird zunehmend beliebter, ja „hipper“. Regional ist nicht nur das neue Bio. Da gibt es Commons-Konzepte wie die Solidarische Landwirtschaft, etwa das Münchner Kartoffelkombinat, dessen Mitglieder mit ihren Genossenschaftsanteilen Landwirte der Umgebung unterstützen und im Gegenzug Gemüse erhalten. Die Bauern unterliegen keinem Marktdruck, die „Kunden“ garantieren die Abnahme und fangen auch schlechte Ernten mit ihrem Anteil auf. Für eine solche, teils auf neue Art aktivierte Allmende-Wirtschaft plädiert Friederike Habermann. Überhaupt stellt sie erfreut fest: „Seit ein paar Jahren entstehen immer mehr Wirtschaftsformen, die das Gemeinsame betonen. Auch in der Gemeinwohlökonomie sehe ich viele gute Konzepte.“ Habermann ist Historikerin und Volkswirtin und lebt – glücklich – in einem Ökodorf. In ihrem aktuellen Buch Ecommony beschreibt sie derzeitige Tendenzen solcher Commons-based Peer Production, die auf den Prinzipien „Besitz statt Eigentum“ und „Beitragen statt Tauschen“ beruhen statt auf dem „strukturellem Hass der Konkurrenz“. Ihr Lieblingsbeispiel sind die griechischen Solidarkliniken, die anhand von Spenden und des großen Einsatzes von Ärzten funktionieren und als politisches Projekt gegen Sparmaßnahmen verstanden werden sollen. 45 solcher Einrichtungen sind bereits gegründet worden. 

Gemeinsam mag es auch eine Wohngemeinschaft in der Nähe von Freiburg lieber. Mehr als zehn Personen, alle mit gut bezahltem Job, haben sich – inklusive zweier Kinder – auf einem alten Bauernhof mit großem Gartengrundstück und Schuppen niedergelassen. Sie zahlen nur eine geringe Miete, legen allerdings selbst Hand an, wenn etwas renoviert werden muss oder sogar das Dach neu gedeckt wird. Der eine hat sich im Garten ein Lehmhaus gebaut und duscht unter einer DIY-Solarbrause im Garten. Der andere hat sich im Schuppen einen Raum gezimmert und rutscht über ein Bambusrohr wie ein Feuerwehrmann seine Feuerwehrstange hinunter ins Erdgeschoss. Aus Bambus hat er sich auch ein Rad gebaut, mit dem er von Istanbul nach Freiburg gefahren ist. Die anderen WG-Mitbewohner haben sich im Haupthaus eingerichtet. Während der warmen Monate wird die Küche nach draußen verlegt, wo gemeinsam gekocht und gegessen wird. Fast alles spielt sich dann draußen ab. In einem aus Folien und ausrangierten Bettenlatten gebauten Gewächshaus, das aussieht wie ein „Dome“, wachsen massenhaft Tomaten. Um sie haltbar für den Winter zu machen, haben zwei Mitbewohner, Ingenieure, eine Dörrobstanlage entwickelt, die mit einem Vakuumluftröhrenkollektor funktioniert. Einmal im Jahr gibt’s ein großes Fest. Dann werden die Gäste mit containertem Essen versorgt – erbeutet aus Supermarkttonnen, in die es trotz guter Qualität entsorgt wird –, die Getränke bezahlen sie selbst und unterstützen damit stets eine Hilfsaktion.

Nochmal zum Essen aus der Nachbarschaft: Mittlerweile gibt es in Deutschland fast flächendeckend klassische Ökokisten, in denen Gärtnereien, Bauernhöfe oder Genossenschaften überwiegend regionales Obst und Gemüse vor die Haustür liefern. Wer es richtig gut machen will, bestellt saisonal. Zwar kosten die Kisten oft mehr als Vergleichbares im Supermarkt, doch sie punkten mit anderem: Der Kunde wird überrascht, was drin steckt, entdeckt neue Sorten und unterstützt, dass auf den Feldern ökologisch gewirtschaftet wird, dass auf Klärschlamm zum Düngen, Pestizide und Monokulturen verzichtet wird. Das Münchner Start-up Etepetete liefert seine Gemüseretterboxen für alle, die sogar „Lust auf schräge Sachen haben“. Denn bis zu 50 Prozent der Früchte deutscher Äcker gelangen aufgrund ihres Aussehens nicht in den Handel, weil sie nicht vermarktbar sind, so der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Zu klein, zu groß, zu krumm, zu fleckig. Inzwischen finden auf immer mehr öffentlichen Events Schnippeldiskos statt – wer Lust hat, schnippelt aussortiertes Gemüse von Landwirten mit, danach wird gegen eine Spende an einem Stand das Gericht ausgegeben. Der Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt haben auch Tanja Krakowski und Lea Brumsack. Die Berliner Designerinnen verarbeiten für ihren Cateringdienst Culinary Misfits und ihr per Crowdfunding finanziertes Café ebenfalls krummes Gemüse.

Kommunikation und Erfindung

Auch urbane Gemeinschaftsgärten haben Konjunktur, viele Namen und Formen. Die interkulturellen Gärten, deren Prototyp in den 90ern in Göttingen entstand, sind am bekanntesten. Es folgten Kiezgärten, Nachbarschaftsgärten, Selbsternteprojekte, Stadtteilgärten und Guerilla Gardening-Aktionen. Die Bremer Gemüsewerft betreibt ihre Subsistenzwirtschaft nicht nur auf einem Gartenstück. In einem alten Bunker werden auch Pilze gezüchtet. Die Ernte landet unter anderem auf den Tellern im integrierten Café, das offen für jeden ist. Die Münchner Plattform Anstiftung, die mit sozialen, kulturellen und ökologisch-ökonomischen Projekten zur Lösung von Gegenwartsfragen beitragen will, vernetzt all die Formen gemeinschaftlichen Gärtnerns und informiert: „Vielen neuen Gartenformen gemeinsam ist, dass der städtische Gemüsegarten als Medium (…) für Themen wie Stadtökologie und Stadtplanung, (Welt-)Ernährung, Nachbarschaftsgestaltung, lokalen Wissenstransfer oder transkulturellen Austausch fungiert.“ „Hier werden neue, weniger ressourcenintensive und attraktive Lebensweisen erfunden“, schreibt Andrea Baier im factory-Magazin Selbermachen.

Daniel Überall von der Anstiftung vernetzt mit seinem Team auch die Reparaturtreffs, Elektronikhospitals oder Repair Cafés, die weltweit aus dem Boden sprießen. 40 Initiativen waren es in Deutschland im Januar 2014, anderthalb Jahre später 270. Was für viele Ü70-Jährige früher selbstverständlich war – Flicken, Reparieren, Upcyclen und damit aus etwas Altem, vielleicht Kaputtem, etwas Neues zu kreieren – all das boomt. Mit ein Grund war auch die erfolgreiche Initiative Murks? Nein danke! von Stefan Schridde, die das absichtlich in viele Produkte eingebaute Verfallsdatum anprangerte, die geplante Obsoleszenz. Ihn beauftragten die Bundestags-Grünen in der Folge mit einer Studie, die 2013 mit viel beachteten Lösungsvorschlägen erschien. Und dennoch verwundert es, dass mittlerweile in so vielen Seniorenheimen, Schulen und Hinterhöfen Menschen mit Werkzeugkisten einmarschieren, um den jeweiligen Patienten, dem Fernseher, Handy oder Radio, zu helfen. Manches Repair-Café avanciert so zum Szene- oder Nachbarschaftstreff. Lynn Quante, die bei der Anstiftung das Phänomen erforscht, sagt: „Reparatur-Initiativen stiften Menschen zu umweltfreundlichem Ungehorsam an.“ Sie spricht von einer neuen Form sozial-ökologischer, zivilgesellschaftlicher Bewegung. „Die legt Hand an Konsum- und Wegwerfpraxen an und schraubt am Verständnis dessen, was wir als Verbraucher können, sollen und dürfen“. Es geht darum, die Nutzungsdauer eines Produkts zu verlängern, Ressourcen zu sparen und Obsoleszenz-Tricks von Firmen ein Schnippchen zu schlagen.

Welche Entfaltungskraft Selbermachen haben kann, zeigen die Repair-Cafés in Freiburg und Bielefeld, die dort 2014 und 2013 als Transition-Town-Projekte entstanden sind. Es sollten Alternativen erprobt werden für ein Leben in der Zeit des Übergangs in eine Postwachstumsgesellschaft. In Freiburg war die Strahlkraft so groß, dass zusätzlich ein Näh-Café und ein Holz-Café mit Werkstatt gegründet wurden. Damit überall repariert werden konnte, wurde Repair-Carl erfunden, ein Reparaturwerkstatt-Fahrradanhänger auf drei Rädern. Eine elektrische Version für 150 Kilogramm Zuladung vermarktet jetzt das Startup Carla Cargo, die Selbstbauanleitung ist weiter Open Source. In Bielefeld kam eine Werkzeugbibliothek hinzu: Wer Werkzeuge lokal verleihen kann, stellt sie online. Es gründeten sich zudem die Rad-Retter und mittlerweile wird gemeinsam Sauerkraut eingemacht und Butter gestampft.

Ressourcenschutz lässt sich lernen

Eine Könnensgesellschaft wünscht sich die Hamburger Philosophin und Autorin Christine Ax. Sie befasst sich mit lokaler Ökonomie, Handwerk und Degrowth und behauptet im Rahmen der Repair-Forschung der Anstiftung: „Eine Gesellschaft ist immer nur so reich wie das Können, die Erfahrung und das Wissen, das sie an die nächste Generation weiter gibt.“ Wahre Könnerschaft sei immer Ergebnis praktischer Übung. „Wer übt, lernt aus Fehlern. Wer gelernt hat, aus Fehlern zu lernen, lernt, weniger schnell aufzugeben. Und sich aus Abhängigkeiten zu befreien.“ Ob Repair-Cafés dazu führen, dass die Teilnehmer einen nachhaltigeren Lebensstil entwickeln und Wohlstand anders definieren? Schwer zu sagen. Aber vielleicht entwickelt jemand, der weiß, dass er Beschädigtes reparieren kann, ein anderes Verhältnis zu Dingen.

Auch im großen Maßstab kann die Fürsorge fürs Produkt etwas für den Ressourcenschutz bringen – neue Geschäftsmodelle entstehen. Vorzeitigen Verschleiß plant ein Unternehmen wie der niederländische Teppichhersteller Desso erst gar nicht mit ein. Es ist bestrebt, möglichst gute Materialien zu verwenden. Denn daraus fertigt es später einen neuen Teppich. Anstatt einen Teppich zu kaufen, least sich der Kunde bei Desso einen und gibt ihn zum Beispiel nach 25 Jahren wieder zurück. In den Niederlanden kann man sich auch bei Mud-Jeans seine Hosen für 7,50 Euro im Monat für die Dauer von mindestens einem Jahr lang leasen. Das Konzept der beiden Firmen heißt „Nutzen statt Besitzen“. Statt Wegwerf-Mentalität fördert es das Denken und Handeln in Kreisläufen. Das ginge selbst bei Autoherstellern.

Es sind viele verschiedene Bausteine aus privaten Projekten oder zunehmend aus der Wirtschaft, mit denen Menschen zeigen, wie die Welt vor dem Crash gegen die Wand noch gerettet werden könnte. Sozialunternehmertum ist heute kein blasser Begriff mehr, die US-amerikanische NGO Ashoka fördert Sozialunternehmer bereits in mehr als 70 Ländern. Nachhaltige Studiengänge schießen wie Pilze aus dem Boden, es gibt bereits spezialisierte Jobportale wie talents4good.org oder thechanger.org, die gezielt Menschen ansprechen, die am gesellschaftlichen Wandel mitwirken wollen. Bedauerlich schwer tut sich die Politik. Sie bekennt sich zwar offiziell zu Ressourcen- und Klimaschutz, reagiert aber zu zaghaft auf dieses allerorts stärker werdende Vibrieren. Warum nur? Es sind doch schon viele enkeltaugliche utopische Realitäten entstanden… 

Isabella Hafner ist freie Journalistin in Bremen. Sie hat in Bremen und Ulm Nachhaltigkeit und Journalismus studiert.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Utopien, ihrer Entwicklung und Umsetzung, ihren Beispielen konkreter Realisierung, ihrer Notwendigkeit für Gesellschaften und Wissenschaften, ihren Erzählformen und ihrer Ausgestaltung finden Sie im factory-Magazin Utopien. Das PDF-Magazin lässt sich kostenlos laden. Es ist so gestaltet, dass es besonders gut Tablet-Computern und Bildschirmen zu lesen ist – natürlich lässt es sich auch ausdrucken. Es enthält sämtliche Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie zusätzliche Zahlen, Zitate und eine Wordcloud – während online zunächst nur wenige Beiträge verfügbar sind.

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