Ein auf die Wand gemalter Mensch verschwindet in der Wand
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Fiktion ist der Schlüssel zu kreativen Lösungen

Die Beschäftigung mit Fiktionen und Utopien ist nicht gerade en vogue. Erfolgreiche Transformationsbewegungen haben jedoch als Ausgangspunkt, dass ein anderes als das gegenwärtige Leben gewünscht wird oder vorstellbar ist – statt wie zur Zeit eine Hyperrealität als Zukunft zu akzeptieren. Leider können nur die wenigsten Menschen formulieren, in welcher Welt sie leben möchten – und dafür Ideen entwickeln. Das ließe sich durch das Lernen utopischen Denkens wiedererlernen – durch die Integration von Fiktion in die Wissenschaften.

Von Alan N. Shapiro

Aus dem Englischen von Florian Arnold

 

Der Triumph Donald Trumps als US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner im Jahr 2016 veranschaulicht die wachsende und allgegenwärtige Konfusion zwischen dem ,Realen‘ und dem Virtuellen in der zeitgenössischen Geschichtssituation der Hypermoderne. Bei diesem politischen Vorfall wurde das traditionell demokratische Feld öffentlicher Debatten über ernsthafte soziale, ökonomische und internationale Angelegenheiten auf massive Weise eingenommen von der wahnsinnigen Selbstdarstellung eines virtuellen Unterhaltungsexperten, der aus dem spektakel-gesättigten Reich einer medialen Celebrity-Kultur, aus dem Reich von Spielkasinos, Schönheitswettbewerben, der World Wrestling Federation und Reality-Shows hervorgegangen ist. Simulation und Hyperrealität sind nicht mehr länger, was sie in postmodernen Zeiten gemäß der Definition des Philosophen und Soziologen Jean Baudrillard waren: die künstliche Inszenierung einer so genannten ,Realität‘ durch bestimmende Modelle und Kodes, die ihr vorausgingen. Simulation bedeutet nunmehr eine Farce, eine immense Ironisierung, eine Maskerade, letztlich ein Zerrspiegel von Werten und Idealen des liberal-demokratischen Modernismus.

Die Konfusion des Realen und Virtuellen bildet die verallgemeinerte Voraussetzung der Konsumgesellschaft und einer Medienkultur von Bildern, die uns mit einem sozialen Rahmen für unser Leben einige Jahrzehnte lang versorgt haben.

Dieses Wirrwarr aus Faktischem und Imaginär-Fantastischem ist bereits auf die Werbeindustrie abgestimmt. Dass Konsumprodukte wilde Fantasien für sich in Anspruch nehmen und unseren Träumen und Fantasien verführerisch erscheinen, ist eine universelle Gegebenheit. 

Unsere sich beschleunigende Teilnahme an Online-Existenzen führt zusätzlich zur Verwirrung einer jeglichen logischen Trennung zwischen dem Realen und dem Virtuellen. 

Kurzum: Unsere Bildkultur basiert auf einer bestimmten naiven Vorstellung von Kunst. Es handelt sich dabei um eine bestimme Idee von Mimesis (Nachahmung) oder Repräsentation, nämlich die Idee, dass das Reale einfach kopiert werden kann und diese Kopie genauso gut sei wie ihr Original. Im Zuge dieser unreflektierten Annahme vermischen wir unbewusst und unterscheidungslos Realität und Kopie. Die Verwechslung von Realem und Virtuellem ist im Kern die Krise unserer gegenwärtigen Kultur. Eine radikale Praxis, Science Fiction zu schreiben, könnte auf einem ersten axiomatischen Prinzip beruhen, das der Konstruktion der Bildkultur entgegengesetzt ist. Schließlich veranlasst deren grundlegendes erstes Prinzip der Mimesis uns dazu, in das Hyperreale und in die Simulation abzugleiten. Wie können wir uns dagegen wehren? – Mit einer fortschrittlicheren Vorstellung von Kunst. Wie sieht diese zukunftsweisende Auffassung von Kunst aus? – Sie ist Fiktion. Fiktion ist das Bewusstsein der Kluft. Mind the gap! Dies wäre also eine zeitgenössische Definition von Fiktion im Zeitalter der Hyperrealität: Fiktion ist das Bewusstsein vom Unterschied oder der Kluft zwischen der Realität und ihrer Repräsentation. Dabei handelt es sich um einen direkten Kontrast zum Bewusstseinsverlust dieses Unterschieds, der nahezu universell für die Medienkonsumkultur der Hyperrealität gilt. Das ist das Prinzip. Hyperrealität entsteht dort, wo die Abbilder so mächtig werden, dass die Realität, die von den Abbildern eigentlich repräsentiert werden sollte, unter der Macht der Abbilder verschwindet. Mimesis mündet in Hyperrealität. In der hypermodernen Verfassung gibt es keine Lüge und keine Wahrheit mehr. ‚Lügen‘ inaugurieren ihre eigene Wahrheit. Mehr Lüge als Lüge: Hyperlüge sozusagen. Mit der Betonung des fiktionalen Aspektes jedes kreativen Aktes wird Science Fiction das Privileg eines Schlüsselparadigmas unserer Wirklichkeitserfassung zuteil. Albert Camus, der 1957 den Literatur Nobelpreis gewann, verband Fiktion mit Kreativität und sprach sehr häufig von seiner eigenen Arbeit als der eines Künstlers.

 

Science Fiction geht weiter als Science

Science Fiction stellt einen umfangreicheren Rahmen zur Erklärung unserer gegenwärtigen Situation und zum kreativen Handeln innerhalb ihrer dar als die ‚Wissenschaft‘ (‚science‘ im Englischen). In der Wissenschaft geht es nicht wirklich um die Entdeckung der wahren Natur der Realität, wie es manche Wissenschaftler, die das zu ihrer Mission erkoren haben, gerne beschreiben. Die wahre Natur der Realität entdecken zu wollen, wäre letztlich eine tautologische Behauptung, da es im gegenwärtig vorherrschenden Paradigma gerade die Wissenschaften sind, die zuallererst den Begriff der ‘Realität‘ hervorgebracht haben. Die Wissenschaft würde lediglich ihre eigene Projektion erforschen. Wir können nicht wollen, dass die Wissenschaft auf einem ersten Prinzip beruht, das tautologisch und selbstwidersprüchlich ist.

Um die geometrisch umfassende Neuverdrahtung unseres Wissensparadigmas – von der so genannten Realität zu einem größeren Rahmen, der sowohl Realität als auch Fiktionalität beinhaltet – zu erläutern, müssen wir uns in die verzwickte Welt der mathematischen Mengentheorie begeben. Die beiden Mengen – die eine jeweils in der anderen enthalten – unterscheiden sich nicht wirklich durch ihre jeweilige Größe voneinander. Es geht eher um die Frage der Dichte oder Mächtigkeit. Die Realität ist nicht kompakt, jedoch die Fiktion. Die Kompaktheit der Fiktion leitet sich von der Tatsache ab, dass Fiktionen unbeschränkt, unendlich und kontinuierlich sind. Die Realität hingegen, wie wir sie im Laufe der Geschichte gestaltet haben, ist beschränkt, endlich und diskret, mit einer Teilbarkeit in klar trennbare Identitäten und Differenzen. Etwas wird als wissenschaftlich ‘real‘ betrachtet, wenn es etwas ist, worüber wir uns sicher sein können; wenn es ein Verhalten aufweist, das für uns greifbar, das in einer experimentellen Schrittfolge wiederholbar ist und über das ein Konsens besteht. Fiktion hingegen ist dasjenige, was wir für eine ‘bloße Geschichte‘ (‘just a story‘) halten. Dementsprechend lautet unsere operationale, gewohnte und pragmatische Definition von Fiktion: Fiktion ist das, was nicht real ist; Fiktion ist das Andere der Realität. Fiktion als die andere Seite einer binären Opposition – der verbannte Gegenpart eines Dualismus. Das Reale, vom Anti-Realen entkleidet. Das Medium, in dem die Kreativität aufgehen kann, ist jenes einer radikalen Ungewissheit. Das ‘Andere‘ eines Beharrens auf dem Realen ist der ausgeschlossene Begriff des Paares: eine radikale Ungewissheit oder die Fiktion. Dabei ist eine Wertschätzung für Fiktionen ebenso wichtig für den Futurismus wie für ein futuristisches Design. 

Um die Zukunft zu antizipieren, müssen wir über die fiktionale Dimension der sozialen Realität Wissen erlangen. Umso mehr wir die Gegenwart verstehen, desto mehr können wir in die Zukunft sehen.

 

Fiktion als eine Art kreativen Designs

In ihrem 1985 veröffentlichten ,Cyborg Manifesto‘ schrieb Donna Haraway: „Die Grenzen zwischen Science Fiction und sozialer Realität sind eine optische Täuschung.“ Die Science Fiction, wie sie sich in ihren kanonischen Romanen und Filmen ausgedrückt findet, hat sich in unserer Gegenwart, in unserer Lebensweise, in unserer Gesellschaft bereits realisiert. Viele der futuristischen Technologien und totalitären Sozialgefüge, wie sie in diesen Werken ausgemalt wurden, sind wahr geworden. Jede Idee von klassischer Science Fiction, es mit einem geradlinigen Modell zu tun zu haben, das Vorhersagen über die Zukunft erlaubt, ist mittlerweile weg vom Tisch. Doch die besten Zeiten für Science Fiction Fans und Schriftsteller stehen erst noch bevor. Sind wir uns der vielen wirkungsvollen Science Fiction Narrative, die geschrieben und verfilmt wurden, bewusst, ebenso wie des Umstands, dass die Gesellschaft tatsächlich auf vielen Wegen zu den Dystopien herabgesunken ist, die diese Narrative vorhergesehen haben, so können wir nun Science Fiction wahrhaft als Fiktion erleben, als eine Form kreativen Designs. Fiktion ist ein wesentliches Element des kreativen Aktes. Fiktion sollte an Design- und Kunsthochschulen gelehrt werden – und nicht nur dort.

 

SF behandelt die Gegenwart

Eigentlich geht es in der Science Fiction nie um die Zukunft, um Zukunftsvoraussagen oder die Frage der ‘Treffgenauigkeit‘ dieser Voraussagen. Science Fiction handelt von der Gegenwart, der virtuellen Realität der Gegenwart, die angemessen wahrzunehmen, die herrschenden Denkweisen gerade verhindern. Wir müssen die Gegenwart sowohl mit literarischer als auch wissenschaftlicher Einsicht betrachten, um paradoxerweise etwas von der Zukunft vorhersehen zu können. Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir von der Zukunft durch die Kluft des Chaos getrennt sind. Niemand hat den Fall der Sowjetunion am 26. Dezember 1991 oder den Einsturz der World Trade Center Twin Towers am 11. September 2001 in New York vorausgesagt. Wir können uns die Unmöglichkeit der Vorstellung, wie die Welt in hundert Jahren aussehen möge, klarmachen, indem wir uns einfach das offensichtliche Unvermögen der Menschen von vor hundert Jahren vorstellen, sich jene Welt vorzustellen, in der wir heute leben.

Ray Bradbury hat bekanntermaßen behauptet: „Sobald Sie eine Idee haben, die irgendeinen kleinen Teil der Welt verändert, schreiben Sie Science Fiction. Es geht dabei immer um die Kunst des Möglichen, niemals des Unmöglichen.“ Wie ich in meinem Buch „Star Trek: Technologien des Verschwindens“ erläutere, handelt es sich bei Science Fiction um eine proaktive, realitätsformende Kraft, die die Kultur, Ideen, Technologien, Wissenschaften und das Design prägend beeinflusst. Science Fiction kann der lebendige Initiator eines ‘neuen Realen‘ sein. Für Designer – und Wissenschaftler – wird es zu einer Frage nicht des Lesens oder Schauens von Science Fiction (innerhalb des Medienparadigmas der Passivität und des Konsumismus einer Gesellschaft des Spektakels), sondern zu einer Frage des Schreibens; eines Schreibens von Science Fiction durch situationistische Akte der ‘Konstruktion von Situationen‘ und der Initiierung transdisziplinärer Projekte, die sich auf der Grenze zwischen geisteswissenschaftlicher Theorie und gestalterischer Praxis bewegen und zwar als Aktivitäten jener neuen Wissenskulturen, die mit der Informationsgesellschaft aufkommen.

 

Die Hypermodernität als endlose Gegenwart

Das Paradox der Science Fiction besteht darin, dass wir innerhalb der Kultur der Simulation keinen klaren Zugang zur Zukunft haben. Die ungebändigte Kreativität, die notwendig wäre, diese Türen der Wahrnehmung zu öffnen, fehlt nach wie vor. Aufgrund der Unschärfe der Virtualität sind wir von einem direkten Blick in die Zukunft abgeschnitten und können anstelle dessen nur eine paradoxe Beziehung zu ihr haben. In der Hypermodernität leben wir in einer endlosen Gegenwart. So schauen wir in die Zukunft mithilfe von Science Fiction. Dank der multimedialen Technologisierung unserer Erfahrung oder der hightechbasierten Archivierung von Ereignissen, können wir ein Halbwissen der Zukunft auf dem Weg eines Paradoxes erlangen. 

Ohne solche Dinge wie ein Komplementaritätsparadox der Quantenphysik können wir nicht zwischen Gegenwart und Zukunft unterscheiden, und unsere sogenannten Vorhersagen für neue Medien und neue Technologien bleiben heiße Luft.

,Fiktion‘ zu lehren könnte der Schlüssel sein, um die Kreativität nicht nur von Kunst- und Designstudenten anzuspornen. Das Studium der Literatur, des Storytelling und der Narration sollte für den Lehrplan der Kunst- und Designhochschulen adaptiert oder eigens individuell angepasst werden, anstatt die Materie so zu unterrichten, wie es in größeren Standarduniversitäten der Fall ist. Romane, Filme, Fernsehsendungen, trans- und cross-media, Computerspiele ,virtual reality‘-Plattformen, augmented reality, Software Programmierungen, Programmiersprachen und Soziale Medien können alle aus der Perspektive des überlieferten und angesammelten Wissens der Literaturwissenschaften untersucht und betrachtet werden. Gemeinsam mit Studierenden können die Wunschmedien der Zukunft ins Auge gefasst und eine utopische Imagination herausgebildet werden. Man könnte mehr Science ­Fiction verordnen, um die Hyperrealität zu stürzen und in ein ‚neues Reales‘ zu verwandeln; man könnte mehr Fiction in die Sciences einführen, neue Formate einer emanzipatorischen Arbeit und eines emanzipatorischen Spiels einbringen und schließlich ließen sich neue Architekturen und städtische Lebenswelten für einen passionierteren Alltag, für nachhaltigere ökologische Entwicklungen und für eine bessere Welt entwerfen.

 

Eine neue Wissenschaft der Fiktion

Mein Plädoyer für die Einführung eines mehr imaginativen Denkens und Lehrens über Fiktion und Utopien beschränkt sich nicht auf die Ausbildung von Designern und Künstlern. Es ist ebenso relevant für viele andere akademische Fachrichtungen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Transformationsdesign, welches Science Fiction und Utopien integriert, kann ebenso Teil der Ausbildung von Ökonomen, Soziologen, Politikwissenschaftlern und Lehrern werden. Auch die naturwissenschaftliche Forschung profitiert von dem größeren Ideenpool in der Science Fiction. Und das ist bereits Realität, denn Physiker, Informatiker und Biologen lassen sich in der Wahl ihrer Forschungsthemen von futuristischen Visionen und Technologien, die in Science Fiction-Szenarien ausgearbeitet werden, beeinflussen. Utopische Studien bringen die Bereiche von Literatur, Film und Gesellschaftstheorien zusammen.

Um unsere Gegenwart zu verstehen, werden wir in ganz vielen Fällen auf die Perspektive der Fiktion zurückgreifen müssen. Wir brauchen eine radikal neue Wissenschaft von der Fiktion, um Erklärungen für die Vorgänge in der Welt zu finden. Die Injektion von Fiktion in den Kern des Wissens wird letztlich zu einer Erweiterung des Wissensstands in der Wissenschaft führen.

 

Alan N. Shapiro ist Philosoph, Soziologe, Medientheoretiker und Informatiker. Zur Zeit ist er Gastprofessor für Transdisziplinäres Design an der Folkwang Hochschule in Essen. 20 Jahre arbeitete er als Software-Entwickler in der Industrie und lehrte kreatives Programmieren und Interaktives Design an verschiedenen Universitäten in Deutschland und Italien. Er ist der Autor von „Star Trek: Technologies of Disappearance“, das als bestes akademisches Buch über Star Trek und Zukunftstechnologien gilt, „Software of the Future“ (über Künstliche Intelligenz) und Herausgeber von „The Technological Herbarium“ (über neue Medienkunst). Zudem berät er Start-ups zur Blockchain-Technologie.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Utopien, ihrer Entwicklung und Umsetzung, ihren Beispielen konkreter Realisierung, ihrer Notwendigkeit für Gesellschaften und Wissenschaften, ihren Erzählformen und ihrer Ausgestaltung finden Sie im factory-Magazin Utopien. Das PDF-Magazin lässt sich kostenlos laden. Es ist so gestaltet, dass es besonders gut Tablet-Computern und Bildschirmen zu lesen ist – natürlich lässt es sich auch ausdrucken. Es enthält sämtliche Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie zusätzliche Zahlen, Zitate und eine Wordcloud – während online zunächst nur wenige Beiträge verfügbar sind.

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