Mit Anteilen gegen die Krise

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Geldanlagen sind in Zeiten von Weltwirtschafts- und Eurokrise für viele ein Albtraum. Erst kürzlich hat das das Institut der Deutschen Wirtschaft die Abschaffung der Riester-Rente gefordert, weil sie nur für diejenigen Sinn mache, die über 90 Jahre alt werden. Wo also kann man heute sinnvoll und sicher investieren?

Von Christine Ax

Investieren Sie doch da, wo es schon immer sinnvoll war: In der Region! Das ist heute problemlos möglich. Die Regionalwert AG in Freiburg und die Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften FrankfurtRheinMain sind solche neuen Beteiligungsgesellschaften. Sie sammeln Geld von Bürgern und investieren dieses in regionale Wertschöpfungsketten. Aber auch traditionelle Unternehmen legen regionale Beteiligungsfonds auf, wie die Sparkasse und die Stadtwerke Bochum. Mit dem KlimaBrief unterstützen Anteilseigner den Aufbau erneuerbarer Energieanlagen vor Ort.

Beispiel Regionalwert AG

Christian Hiß, Sprecher der AG, hat das Unternehmen vor drei Jahren gegründet. 500 Aktionäre, die Anteilseigner, haben seitdem zwei Millionen Euro eingelegt, das die AG in Grund und Boden und Unternehmen investiert.

Die so finanzierten Betriebe haben alle etwas mit ökologischem Landbau oder der Weiterverarbeitung und Vermarktung von Bioprodukten zu tun. Zwei junge Landwirte werden dabei unterstützt, einen Biohof zu finden und zu betreiben, das Unternehmen troki Manufaktur stellt Trockenobst und -gemüse her und es gibt die Grüne Kiste. Befüllt wird die grüne Kiste unter anderem mit dem Gemüse aus einer Gärtnerei, die der Regionalwert AG gehört und mit dem Obst eines Biobauern, in die Regionalwert AG investiert hat.

Als zweiter Absatzweg bietet sich den Produzenten der Bioladen an, der auch zur Regionalwert AG gehört. Dort arbeitet Marlene Svedas und ist begeistert: „Ich finde es richtig, dass man da tut, macht und kauft, wo man daheim ist.“

Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften

Die Regionalwert AG hat inzwischen auch an anderen Orten Schule gemacht. Im Oktober 2011 entstand die „Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften FrankfurtRheinMain“. Auch sie will einen Beitrag in der Region und für die Region leisten. Zwei große Projekte werden von der Bürger AG inzwischen finanziert und mitbetrieben.

Das Hofgut Fleckenbühl in Cölbe bei Marburg ist eines davon. Der 260 Hektar große Demeterhof nimmt seit 1984 auch Menschen in jeder Lebenssituation auf und hilft ihnen suchtfrei zu leben. Mehr als 210 Bewohner arbeiten dort oder durchlaufen eine Ausbildung. Fleckenbühl produziert Brotspezialitäten, Käse in unzähligen Variationen, sowie Fleisch und Wurst. Mit dem Kapital der Bürger AG soll eine Mutterkuhherde mit 30 Tieren gekauft und in die Fleischverarbeitung sowie die Bäckerei investiert werden.

Das zweite Regionalwert-Projekt ist der Familienbetrieb Ackerlei in der Nähe von Frankfurt. Er betreibt auf 35 Hektar biologischen Gemüseanbau. Weitere 40 Hektar konventionelle Flächen sollen dort in den nächsten Jahren hinzu kommen und nach Bioland-Richtlinien umgestellt werden. Mit dieser Gesamtfläche wird nicht nur der ökologische Landbau in der Region wachsen, sondern auch der Familienbetrieb langfristig gesichert. Damit werden 20 Arbeitsplätze im Anbau und der Direktvermarktung ebenfalls krisenfester - und neue Arbeitsplätze sind schon in Planung.

Beteiligung mit KlimaBrief

Der KlimaBrief der Bochumer Stadtwerke und der örtlichen Sparkasse ist ein weiteres Erfolgsbeispiel. Die Planungen dazu gab es schon vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Als der Beteiligungsfonds im April 2011 erschien, war er innerhalb von drei Stunden ausverkauft, berichtet Thomas Schönberg, Pressesprecher der Stadtwerke Bochum. Mit mindestens 1500 und maximal 10000 Euro pro Anteilseigner stehen so vier Millionen Euro über fünf Jahre für Investitionen zur Verfügung.

Ein erstes Projekt ist bereits realisiert: 309 Solarmodule auf Wohngebäuden der städtischen Wohnungsgesellschaft erzeugen pro Jahr mehr als 60000 Kilowattstunden sauberen Strom. Die öffentlichen Unternehmen genießen offenbar großes Vertrauen, vermutet Schönberg. „Den Kunden geht es nicht nur um die gute Verzinsung von 3,7 Prozent, sondern auch um die gute, regionale Sache.“ Und vor den Folgen rein profitorientierter Investoren bleiben die teilhabenden Bürger verschont. „Wir haben nur Bochumer Bürger angesprochen.“

Christine Ax ist Autorin und Beraterin für Nachhaltige Entwicklung, Handwerk und Regionale Ökonomien im Büro für zukunftsfähige Entwicklung und Kommunikation, Berlin.

 

 

 

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