Haben zum Teilhaben


Es gibt Begriffe wie Skalpelle: kalt, scharf, präzis. Es gibt auch Begriffe wie große Handtaschen: man kann viel Zeug hineinstopfen. Der Begriff der Teilhabe gleicht eher einer Dobostorte: traditionsreich, gehaltvoll, vielschichtig. Darauf muss sich eine Betrachtung des Begriffs einlassen.

Von Bernd Draser

Beginnen könnte diese Betrachtung so: Als man im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts begann, die problematischen Konsequenzen des industriellen Wirtschaftens zu diskutieren stand zunächst die beschädigte Umwelt im Mittelpunkt. Die soziale Gerechtigkeit blieb ein Diskurs der Tarifpartner und des so genannten Fürsorgeapparats, des Staates. Erst mit dem Begriff der Nachhaltigkeit, der sich in den Neunzigern zum Leitbegriff mauserte verstand man die ökologischen mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen komplex wechselwirkend zu denken. Heute nutzt man die Teilhabe zur Beschreibung der sozialen Dimension der Nachhaltigkeit in ihrer Gesamtheit.

Aktuell reden wir, wenn wir Teilhabe sagen, von Vielem auf einmal: Von gesellschaftlicher und politischer Partizipation, von Existenzsicherung und Geschlechtergerechtigkeit, von Integration und Inklusion, von Bildung und seit kurzem auch von liquid democracy und Netzpolitik.


Gleichberechtigung und Gesellschaft

Zunächst etablierte sich die Rede von der Teilhabe als Strategie zur Normalisierung der Lebensumstände behinderter Menschen; dieser Gebrauch klingt aus dem neunten Sozialgesetzbuch, SGB IX, nach, wo von der Förderung der „gleichberechtigten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ und der Selbstbestimmung die Rede ist.

Nehmen wir die Teilhabe beim Wort: Das Haben klingt an, und das Teilen, oder der Teil. Was den Begriff so appetitlich macht, ist einerseits der Beiklang des Teilhabers, der als wirtschaftlicher Akteur mit anderen zusammen Eigner von Habe ist: die ökonomische Dimension; andererseits schwingt das gemeinschaftliche Teilen (communio) mit, sei es liturgisch, als Mitteilen (communicatio) oder sozialpolitisch als Umverteilen.

In der Zeit der Netzwerke erscheint Teilhabe vor allem als das Mitteilen der je eigenen Haltung im Sinne politischer Partizipation bis hin zur liquid democracy, aber auch blind und wütend im Shitstorm, der Botnet-Attacke, in Occupy Everything, im Lynch-Flashmob. Dieses Spektrum ist denkbar weit und der Differenzierung wert. Am einen Ende die Entladung in der Masse, Nicht­identisches ausschaltend, Gleichheit in der Vernichtung des Ungleichen erhoffend.


Demokratie und Delegation

Am anderen Ende die liquid democracy, die das Paradoxon direkter Demokratie lösen will: In einer Gesellschaft, deren Komplexität inflationär anwächst, müsse gerade der Laie Experte in Allem werden. Die liquid democracy aber möchte nicht einfach nur jeden gleich laut zu Worte kommen lassen, sondern will jedem zumuten, sein Stimmrecht zu delegieren, wenn er nicht nur die eigenen Interessen vertreten, sondern auch die Expertise gegeben sieht. Das schließt die Pflicht mit ein, die eigenen (In-)Kompetenzen zu reflektieren und die eigene Stimme in einem stets im Fluss bleibenden Verfahren verständig zu delegieren.

An dieser Stelle wird aus drei Gründen eine klassische Denkbewegung nötig, nämlich ein Blick ins antike Athen. Erstens ist das Konzept der liquid democracy, das eigene Stimmrecht nach sorgfältiger Selbstprüfung gegebenenfalls an Kompetentere zu delegieren, nichts anderes als die alte sokratische Frage nach Wissen und Nichtwissen, wobei Sokrates zum Schluss kommt, er wisse wenigstens, dass er nichts weiß, und damit entscheidend mehr als die von ihm befragten Experten. Daraus folgt als Grundbedingung für politische Partizipation die Bildung, und zwar nicht im Sinne von Expertenwissen, sondern Bildung als das Erahnen all dessen, was man nicht weiß. Bildung ist dann nicht ein Ziel von Teilhabe, sondern deren Vorbedingung.


Ganzes und Wahres

Zweitens kannte Athen einen Mechanismus, der die Bürger zur politischen Partizipation motivierte: Wer sich an den demokratischen Entscheidungen beteiligte, wurde mit einer Münze, dem sprichwörtlichen obolós entlohnt, so dass die Demokratie das nötige Publikum gewann. Das war pragmatischer gedacht als unsere Parteienfinanzierung gemäß Wählerstimmen oder die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen, das durch die komfortable Versorgung Freiheit für gesellschaftlichen Einsatz erst schaffen will, anstatt den erbrachten Einsatz für die öffentliche Sache zu entlohnen.

Drittens setzt der Begriff der Teilhabe ein Ganzes voraus, an dem dann Teil gehabt werden kann. Das Wahre sei das Ganze, schreibt Hegel. In der Tat ist die Rede vom Ganzen und vom Wahren die andere Seite der Rede vom Teil-haben oder Teil-sein als eine ontologisch defizitäre Seinsweise. Platon bezeichnet mit Teilhabe (methexis) die Art und Weise, wie Dinge an den Ideen teilhaben. Ideen sind die abstrakten und ewig wahren Urbilder für die konkreten und endlichen, mit Mängeln behafteten Dinge, die uns umgeben und die wir selbst sind. Schon sein Schüler Aristoteles verwarf Platons Begriff von Teilhabe als eine nicht durchschaute Metapher.

Das sollte warnen. Nicht umsonst entgegnet Adorno dem Hegelschen Diktum vom Wahren und Ganzen, das Ganze sei das Unwahre. Teilhabe klingt bei Adorno meist nach Verstrickung ins Falsche: man hat teil an der Massenkultur, an der Kulturindustrie, vielleicht an Schuld: Auslöschen des Nicht­identischen, um den Teil besser ins Ganze fügen zu können. Das kann gesellschaftlich als eine paternalistische Fürsorge erscheinen, Befriedung von Ansprüchen durch Befriedigung von Bedürfnissen.


Schichten und Unterschiede


Die Teilhabe muss aber ihre Vielschichtigkeit bewahren, denn nur so kann sie das Teilen und Haben zusammen erzählen. Unbedingt dazu gehört Subsidiarität: Dinge denen anvertrauen, deren Belang sie sind. Das hat auf der politischen und kulturellen, auch der unternehmerischen Ebene den Effekt, dass die so Betrauten die Haltung der Teilhaberschaft entwickeln: Verantwortlichkeit.

Wer dergestalt an Prozessen, Unternehmungen, Diskursen teilhat, ist nicht ein Rädchen in der Maschinerie oder von Fürsorge kaltgestellt, sondern ein sich selbst ermächtigendes Individuum, das kraft des tätigen Teilhabens politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Werte schafft. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Teilhabe ist die Befähigung und Bereitschaft zum produktiven Handeln in komplexen Zusammenhängen. 

Bernd Draser lehrt Philosophie an der ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln

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Kommentare

22. Januar 2014 um 19:01 Uhr | Arno Niesner

Befähigung und Bereitschaft ist mir zu wenig. Damit werden noch keine Veränderungsprozesse umgesetzt. Damit wir dabei nicht überfordert werden sollten wir uns ausgleichender Strukturen bedienen, damit eine "innere Bekehrung des Menschen zum Guten" (Peter Schallenberg, siehe http://niesner.lima-city.de/ARGE/Unsere-Gutscheine-plus-Regionalwaehrung.pdf Seite 2) besser gelingen kann.


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