Fairphone im Test: So komfortabel ist das soziale Smartphone

  • Fairphone Ansichten
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    Die schlanke Fairpackung
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    Der erste Eindruck: Solide, schwer, glänzend
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    Das Fairphone-OS mit einem der fünf Homescreens, hier dem für die zuletzt und am häufigsten verwendeten Apps
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    Sozialer Silberrücken: Das Fairphone ist dicker als die magersüchtigen Normalphones
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    Das Gorilla-Glas des Fairphones ist Dragontrail-Glas
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    Später teuer bei Ebay: Die First Edition Fairphone
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    Tauschbarer Akku, zwei SIM-Schächte, 64 GB SD
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    Kein USB-Netzteil, keine Kopfhörer, dafür ermunternde Postkarten

Fairphone First Edition steht auf dem stabilsten Akkudeckel der Welt: Ordentlich liegt es in der Hand und macht alles, was ein Smartphone heute können muss. Obwohl es nicht mit den High-End-Geräten konkurrieren kann und will, hat das Fairphone schon jetzt einiges für Menschen und Umwelt bewirkt.

Von Ralf Bindel

Rund 1,8 Milliarden Smartphones wurden schätzungsweise 2013 weltweit verkauft. Die Lebensdauer der Mini-Computer liegt im Schnitt bei anderthalb bis zwei Jahren, die verwendeten Materialien kosten hohen Naturverbrauch und viel menschliche Arbeitskraft, die noch dazu schlecht bezahlt ist. Einige wichtige Metalle stammen aus Kriegsgebieten, Kinderarbeit und von ausbeuterischen Minen-Unternehmen. Der ökologische Rucksack eines älteren Handys liegt schon bei 44 Kilogramm, erklärt Dr. Jola Welfens vom Wuppertal Institut im factory-Interview, die Verbraucherzentrale NRW spricht sogar von einem lebenslangen Rucksack von 75 Kilogramm inklusive Betrieb. Der Rucksack eines modernen Smartphones mit nahezu permanenter Internet-Verbindung dürfte noch wesentlich schwerer wiegen. Dennoch landen die meisten Handys und Smartphones nach dieser Zeit in der Schublade (siehe factory-Interview mit dem Recycling-Experten Christian Hagelüken), weil sich der Akku nicht tauschen lässt, oder eine Reparatur zu teuer ist oder der Hersteller das Betriebssystem nicht mehr aktualisiert. Nicht einmal die wertvollen Materialien werden recycelt, weil laut einer Nokia-Studie nur drei Prozent der Geräte in die Verwertung gelangen.

Weil das Smartphone heute das wichtigste Kommunikationsgerät der Welt ist, sowohl in der westlich industrialisierten wie in der sich entwickelnden, wie Zukunftsforscher wie Peter Wippermann und Ortwin Renn berichten, schraubt sich die Spirale des Ressourcen- und Energieverbrauchs weiter nach oben. Das Fairphone-Projekt, initiiert von einer Gruppe junger Menschen rund um den Amsterdamer Bas van Abel, wollte das Bild ändern. 2011 starteten sie die Kampagne für ein fair produziertes Smartphone, das universell einsetzbar und reparierbar ist und ein offenes Betriebssystem besitzt, im Januar 2013 gründeten sie das soziale Unternehmen Fairphone und sammelten per Crowdfunding Geld für das Projekt: Ein kleines unbeugsames Dorf in der Welt des unbegrenzten Handy-Wachstums.

Wartezeit wie früher auf den Trabi

Mit mindestens 5000 Vorbestellungen für 325 Euro sollte ein Smartphone produziert werden, dessen Herstellung transparent und sozial, ökologisch sowie ökonomisch gerecht ist. Im Juni 2013 waren genügend Unterstützer gefunden, 20000 Fairphones wollten die Amsterdamer in Auftrag geben, im September erhöhten sie auf 25000, im November war das Finanzierungsziel erreicht, waren Partner für die Produktion in aller Welt gefunden. Ursprünglich geplant war die Auslieferung für Oktober 2013, wurde dann aber mehrmals verschoben. Die ersten Käufer hatten ihr Fairphone kurz nach Weihnachten in der Hand, fast sieben Monate nach der Bestellung, die meisten werden noch im Januar ausgeliefert.

Doch das Warten hat sich gelohnt: Das Fairphone liegt zwar recht schwer in der Hand, ist aber mit einem silbernen Rahmen ansprechend gestaltet, der Touchscreen besteht aus dem robusten Dragontrail-Glas, das sich austauschen lässt, die Nutzerfreundlichkeit des offenen Fairphone-Betriebssystems, einem Klon des Android-OS von Google, ist gut – eben Android-typisch. Die Google-Apps sind nicht vorinstalliert, so dass auf die Verbindung mit dem datensammelnden Unternehmen auch verzichtet werden kann, wenn alternative Android-App-Stores wie SlideMe oder F-droid.org mit freier Software genutzt werden oder Apps direkt von den Entwicklern bezogen werden.

Die spezifischen Werte zum Vergleich:

Größe: 126 x 63,5 x 10 Millimeter
Gewicht: 170 Gramm
Display-Größe: 4,3 Zoll
Auflösung: 960 x 540 Pixel, 256 Pixel
Chipset: Mediatek MT6589M mit vier Kernen und 1,2 Gigahertz
Speicher: 16 Gigabyte + 1 Gigabyte RAM
Frontkamera: 1,3 Megapixel (angegeben), aufgenommene Auflösung = 5 Megapixel
Rückenkamera: 8 Megapixel
Betriebssystem: Android 4.2.2, Fairphone OS
Akku: 2000 mAh, austauschbar

Die weiteren Ausstattungsmerkmale:

Zwei SIM-Kartenplätze im Mini-Format
Ein MicroSD-Kartenschacht für Karten bis 64 GB
Standardanschluss MicroUSB 2.0
A-GPS
WiFi/WLAN mit 2,4 GHz 802:11b/g/n
Bluetooth
UKW-Radio, Lichtsensor, G-Sensor, E-Kompass, Näherungssensor, Gyroskop, Blitzlicht, übliche UMTS-, GPRS- und Edge-Werte, kein LTE, kein NFC
Video-Codierung mit 720 Pixeln bei 30 Bildern pro Sekunde

Die Spezifikationen musste Fairphone noch im Dezember nach unten korrigieren: Statt eines schnelleren Prozessors kam nur die mobile Variante zum Einsatz, die geringer getaktet ist, so dass die UMTS-Downlink-Gschwindigkeit statt der angekündigten maximalen 42,2 Megabit pro Sekunde (Mbps) bei 21,1 Mbps liegt, und die Videos nur mit 720 Pixeln, also nicht in Full-HD aufnehmen und zeigen kann. In der Praxis tut das dem Minimovie-Genuss auf dem kleinen Bildschirm aber keinen Abbruch und ist kaum bemerkbar.

Rot ist die Farbe der Mitte

Abstriche muss man zur Zeit bei der Qualität der Fotos machen. Die Bilder haben selbst in gut ausgeleuchteten Situationen in der Mitte einen Rotstich. Die Tester von c’t, Golem und Computerbild nennen die Qualität im Smartphone-Bereich durchschnittlich. Weil auch die Frontkamera vom Rotstich betroffen ist,  scheint es ein Software-Problem zu sein. Fairphone will mit Kamera-Lieferant Sony nachbessern.

Insgesamt fasst sich das Fairphone aber sehr gut an, gerade das etwas höhere Gewicht als inzwischen üblich wirkt in der Hand stabilisierend, das Ganze empfinden Nutzer als weniger filigran sondern ordentlich robust. Flach auf dem Tisch wackelt das Fairphone etwas, wenn man die Tastatur bedient, da die Rückenkamera etwas vorspringt und der Lautsprecher mit einem Nippel versehen ist, damit er Abstand zur Auflagefläche hat. Ein weiterer Nippel gleicher Größe könnte Abhilfe schaffen.

Die Größe des Displays von 4,3 Zoll ist ausreichend, alle Punkte sind auch in Einhandbedienung bei normaler Handgröße zu erreichen. Hilfreich ist der Fairphone-eigene softwareseitige Schnellzugriff (Quick Access), den die multinationale Entwickler-Kooperative Kwamecorp in das System integriert hat. Dieser lässt sich auf den fünf Home-Bildschirmansichten durch Fingerwisch vom Rand aufrufen. Die fünf darin im Halbkreis angeordneten Favoriten-Apps sind beliebig editierbar. Schade, dass sich dieser Schnellzugriff nicht systemweit in allen Apps aufrufen lässt.

Auf eine Schnellstartleiste mit den üblichen vier Apps auf dem Homebildschirm haben die Entwickler verzichtet, stattdessen erscheinen dort nur zwei Elemente. Eines davon ist die App „Peace of Mind“ („Genießen Sie die Ruhe“), mit der eine Art „Smartphone-Freizeit“ (oder erweiterter Flugmodus) von bis zu drei Stunden aktiviert werden kann. Störungen von außen via Telefon oder Internet werden in dieser Zeit ausgeschlossen – prima zum Arbeiten oder Entspannen. Dazu kommt der Hinweis von Fairphone, dass wir ohnehin zu viel Zeit mit dem Smartphone verbringen: auch eine Form der Wachstumskritik.

Ich bin zwei Smartphones

Eine weitere vorinstallierte App auf dem Homebildschirm lädt bei Bedarf die Google-Apps herunter. Für den über eine Million Apps umfassenden Google Play Store ist ein Google-Account notwendig, mit dem das Unternehmen alle Bewegungen und inhaltlichen Interessen des Nutzers im Netz protokolliert. Obwohl der Account komfortabel ist, äußern sich viele Fairphone-Nutzer einverstanden mit der Politik, die Google-Apps nicht zu integrieren, auch wenn dahinter angeblich eine nicht rechtzeitig erhaltene Lizenz von Google stecken soll.

Bei Aktivierung der Google-Install-App werden jedoch nicht alle Google-Programme automatisch geladen, Play Music, Play Books und Google Maps müssen manuell installiert werden. Für den Deutsche Bahn Navigator kommt man um den Google Play Store nicht herum, bisher scheint auch die Integration mit den Google Maps nicht recht zu funktionieren. Auf den Seiten der XDA-Developer Community ist ein Weg zur Erreichung des vollen Funktionsumfangs beschrieben, Fairphone verspricht zudem eine eigene Lösung. Allerdings lässt sich natürlich auch über den Browser die mobile Version von Bahn.de aufrufen, will man nicht die App benutzen.

Bei den Bluetooth-Verbindungen scheint das Fairphone noch Schwierigkeiten zu haben. Ein Pairing mit einem Mac Book Air klappte bei uns zwar, auch der Empfang von Daten auf dem Fairphone, nicht jedoch der Versand ans Macbook. Mit Windows- und Android-Geräten scheint der Austausch laut Forum zu funktionieren, Navigations- und Freisprechsysteme in Autos scheinen ebenfalls Probleme zu bereiten. 

Mit einem Fingernagelhakeln lässt sich der Akkudeckel auf der Rückseite lösen – innen eingraviert ein Dankeschön an die 10185 Erstbesteller, die das Fairphone-Projekt erst möglich gemacht haben. Mit zwei SIM-Karten-Slots können zwei Karten genutzt werden: zum Beispiel beruflich und privat, im In- und im Ausland, für ein bzw. zwei Nutzer. Das spart Ressourcen, Ärger und Kosten. Rechts daneben der SD-Kartenschacht für die bis zu 64 Gigabyte großen Erweiterungsspeicherkarten, darunter der wechselbare Akku.

Ein USB-Ladegerät gibt es nur optional dazu, ebenfalls Kopfhörer. Beides besitzen die meisten Nutzer meist sogar in mehrfacher Ausführung, dennoch legen alle konventionellen Hersteller diese den Smartphones ungefragt bei und verursachen dadurch weitere Ressourcen- und Kostenbelastungen. Der Verzicht auf ein eigenes Ladegerät durch Fairphone ist deswegen nur konsequent nachhaltig.

Schöne Fairpackung

Das Versandpaket des Fairphone kann deswegen auch schön schlank bleiben. Auf dem unlackierten Karton sind die Quasi-Visa seiner Komponenten aus Ländern wie China, Demokratische Republik Kongo, Niederlande, Singapur abgedruckt, neben dem Fairphone und einem schmalen aber seitenreichen, mehrsprachigen Handbuch sind mehrere Postkarten mit der Philosophie des Fairphones enthalten. Die zeugen von Selbstverständnis und Selbstironie: Da wird mit „Meet Our Tiny Friend“ auf einen exemplarischen Kondensator hingewiesen, der das seltene Metall Tantal enthält, das aus dem Erz Coltan gewonnen wird und im Fairphone aus zwei konfliktfreien Minen in der Demokratischen Republik Kongo stammt. Diese werden von der Initiative Solutions for Hope betreut, die dafür sorgt, dass nicht länger Bürgerkriegsmilizen und Warlords mit dem Erzverkauf ihre Waffen und Mitglieder finanzieren, sondern örtliche Arbeiter auch nach dem Ausstieg und Quasi-Embargo der großen industriellen Abnehmer („an Coltan klebt Blut“) von der Schürfarbeit leben können. Das schließt zwar Kinderarbeit nicht komplett aus, versucht aber, diese allmählich durch die verbesserte wirtschaftliche Situation der Familien zurückzudrängen.
„Nur, wenn wir dort investieren, geben wir den Menschen die Perspektive, an besseren Bedingungen zu arbeiten“, erklärte Bas van Abel in In kleinen Schritten zum fairen Telefon in der c’t 2013. Mit dem Zinn, das in einer ähnlichen Initiative (Conflict Free Tin Initiative) im Kongo gewonnen wird, gibt es in dieser ersten Fairphone-Charge von 25000 zwei fair gehandelte, konfliktfreie, essenzielle Inhaltsstoffe. Alle Komponenten sind mit der konfliktfreien Zinnpaste verlötet. Weitere Metalle der ca. 60 verschiedenen in Smartphones verwendeten sollen folgen. Fairphone will als erstes Unternehmen Gold für die Leiterplatten und Cobalt für die Akkus aus zertifizierten Quellen einsetzen.

Neben weiteren Karten zum individuellen Urban Mining Projekt mit dem eigenen alten Handy, das durch das Fairphone ersetzt wird, gibt es auch noch ein Rezept für den Chongqing Hot Pot, ein scharfer chinesischer Eintopf, der siebeneinhalb Stunden kochen soll. Eine schöne Art, auf den Standort des Fairphone-Fertigers A’Hong und die dortige Küche hinzuweisen.

Und in Sachen Selbstironie spricht die Wendekarte Failphone / Fairphone Wahres aus, denn wie bei fast allen Neuveröffentlichungen, egal ob von Apple, Google oder Samsung funktioniert vieles noch nicht so, wie erwünscht, wenngleich sich Fairphone alle Mühe gibt, im eigenen Forum die Bugs aufzunehmen und Verbesserungsvorschläge anzunehmen.

  • Fairphone Screenshots
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    Die Fairphone-eigene Peace-of-Mind-App für die störungsfreie Zeit
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    Zuletzt und meist benutzte Programme im schnellen Zugriff auf einem der Homescreens
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    Bei wenig Gebrauch reicht der Akku tagelang, bei häufigem etwa zwei Tage
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    In vier Stunden ist der Akku aufgeladen
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    Schnelleinstellungen über das Pull-Down-Menü vom oberen Bildschirmrand aufrufen
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    Das Android-OS legt alle Einstellungen offen
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    Wenn das Fairphone mal Ruhe geben soll: Schlafzeiten-Einstellung
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    17 Gigabyte Speicher insgesamt, davon 16 Gigabyte Telefonspeicher, in den auch Apps und Medien geladen werden

Das Innere bestimmt das Äußere

Zurück zum Gerät: Das 256 Pixel darstellende Display ist dank seiner kompakten Größe genügend scharf für den Lesegenuss, die Farben wirken natürlich, der Kontrast ist vielleicht etwas schwach. Weil das Deckglas vom kapazitiven Touchscreen getrennt und nicht verklebt ist, ist das Gehäusemaß etwas dicker und man muss manchmal etwas kräftiger als nur sanft auf das Display tippen. Dafür lässt sich aber bei einem Schaden auch das Deckglas leichter austauschen – gut für den Geldbeutel und die Umwelt. Angesichts der Qualität des Dragontrail Glases des japanischen Herstellers Asahi scheint das aber kaum wahrscheinlich, wie ein Video zeigt.

Beim schnellen Scrollen bzw. Fingerwischen gibt es keine Ruckler, beim langsamen Seitenschieben stören diese besonders bei dunklem Text auf hellem Grund. Golem verweist dazu auf das „offenbar von unten eingefräste Punktmuster im Deckglas“, das uns aber nicht aufgefallen ist. Das Gehäuse macht einen sehr guten Eindruck, nichts wirkt billig oder knarzt, alles scheint solide und eher überstabil, selbst die Redakteure der Computerbild freuen sich über den „wohl stabilsten Akkudeckel der Welt“. Die Android-Tasten auf der Vorderseite sind nicht hinterleuchtet, mit dem mittleren Homebutton gelangt man zum Homebildschirm, mit dem rechten Rück-Button springt man in den jeweils vorherigen Screen oder Seite, mit dem linken Settings-Button ruft man die jeweiligen Einstellungen des aktiven Programms auf. Ein schnelles Zweifach-Tippen vergrößert die Darstellung, nötig besonders bei Internetseiten, oder zoomt wieder heraus.

Zum Betriebssystem Android gäbe es viel zu sagen. Kommt man als Nutzer vom iPhone oder iPad, erscheinen Bedienung und Design zunächst inkonsistent und schwerfällig. Dafür ist das System offener und transparenter und spart nicht mit Detailinformationen über das, was die Apps tun oder nicht tun, auch wenn die Darstellung und Bedienung manchmal verwirrend und umständlich ist. Will man aber sein Fairphone auch als Zeichen gegen Datenklau, Protokolle und Überwachung einsetzen, dann lässt sich mit einem offenen Android-Klon wie dem Fairphone OS oder mit später möglichen Firefox OS und Ubuntu jedoch mehr erreichen als mit dem schlüssigeren und einfacheren iOS auf iPhone und iPad. Aber das bedeutet zugegebenermaßen etwas mehr Mühe und Zeit.

Erstaunlicherweise hat das Fairphone-Projekt sehr viel Aufmerksamkeit selbst in den Mainstream-Medien erhalten (siehe auch die Liste unten). Dass das Gerät nun weniger kann oder nicht mit den aktuellen Boliden mithalten kann, führte in den Berichten letztlich nicht zur Häme, eher jedoch in den Kommentaren: Dass es nicht so fair wie versprochen sei, dass die Arbeiter in Chongqing weniger als die iPhone-Arbeiter von Foxconn erhielten, dass sie trotzdem 60 Stunden pro Woche arbeiten müssten und nur einen Tag frei hätten, dass die Fairphone-Mitarbeiter mit dem geringen Gewinn sich kein Leben im teuren Amsterdam leisten könnten, dass man bei Samsung Galaxy S4 ein Smartphone erhalten könne, das mit dem neuen Nachhaltigkeitslabel der TCO zertifiziert sei, dass die großen Konzerne mit ihrer Macht und Millionen Geräten mehr als eine kleine Company mit 20 Mitarbeitern und 25000 Fairphones für den Wandel tun können, dass Fairphone das Marketing übertrieben und enttäuscht hätte.

Ein langer Marsch

Doch den Fairphone-Machern sind die vielen Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem faireren Mobiltelefon durchaus bewusst. Sie sehen ihre Arbeit auch eher als einen mühsamen und langwierigen Prozess, mit dem sie und die Nutzer mehr und mehr erkennen, wie und unter welchen Umständen das komplexe und begehrte Produkt Smartphone entsteht, an welchen Stellen die Ausbeutung von Mensch und Umwelt korrigiert werden kann und wo es bei den herrschenden Verhältnissen nicht möglich ist. Nichts weniger als einen System-Wandel haben sich die Holländer mit dem Fairphone vorgenommen und sie sind zur Zeit im besten Fall in der Lage mit der jetzt erreichten Popularität den Finger in die Wunde zu legen.

Man muss sich einmal überlegen, was es heißt, mit zwei Handvoll Menschen ein eigenes Smartphone zu produzieren, das soziale Werte höher als technische oder ökonomische setzt.  Dass viele Ansprüche dabei noch nicht so vollständig erreicht werden konnten, dass es ein Unternehmen wie A’Hong verändert, dass über 10000 Menschen beschäftigt, von denen 1000 in fünf Wochen 25000 Fairphones zusammen bauen, erscheint logisch. Immerhin fließt über das soziale Projekt Fairphone der Mehranteil von knapp vier Euro pro Gerät in einen Sozialfonds (zwei Euro für jedes Fairphone gibt der Hersteller dazu), über den die A’Hong-Mitarbeiter selbst entscheiden können – wobei es laut Fairphone schwierig genug war, ein interessiertes Unternehmen zu finden, das sich überhaupt auf ein solches Projekt einlässt. Laut Bitkom wurden in Deutschland 2013 etwa 26 Millionen Smartphones verkauft, das ist an jedem Werktag mehr als das dreifache der ersten 25000 Fairphones, die nach drei Jahren Projektarbeit jetzt bei den Crowdfundern gelandet sind.

22 Euro vom Kaufpreis eines jeden Fairphones von 325 Euro finanzieren Nachhaltigkeitsprojekte bei Rohstoffförderung, Fertigung und Recycling. Nicht viel, aber immerhin. Diesen Satz auf die Preise von iPhone, Galaxy und Nexus aufgeschlagen, dazu tauschbare Akkus, wie sie das Umweltbundesamt generell für Smartphones fordert – welchen Wandel würde die Industrie damit bewegen? Auf die Frage, was das Fairphone für eine fairere IT-Industrie erreicht habe, antwortete uns Roos van de Weerd, Sprecherin des sozialen Startups, dass Fairphone sicher noch nicht fair sei, ebenso wie die Industrie. Was aber Fairphone neben anderen Unternehmen, die sich um eine faire Beschaffung und Produktion bemühen, erreicht habe, sei eine erwachte Kundenperspektive. „Da gibt es eine ganze Gemeinschaft, die durch aktives Engagement oder sogar nur einfaches Bezahlen eines Telefons, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gebaut war, zeigen, dass sie in den Wandel investieren“, so van Weerd. „Weil wir alle fühlen, dass die Dinge besser sein könnten. Auch wenn es nur ein Anfang ist.“

In diesem Sinne lautet auch unser Fazit: Das Fairphone ist ein grundsolides, gut gestaltetes, hochwertiges und universell einsetzbares, reparaturfähiges Smartphone der Mittelklasse mit guter Akku-Laufzeit, das erste soziale Werte aufweist und als kleiner Game-Changer gestartet ist. Wenn sich eine faire Entwickler-Gemeinde findet, die auch die Software-Problemchen des Fairphones angeht, sollten sich auch die technischen Unzulänglichkeiten lösen lassen.

In diesem Jahr (2014) soll es weitere Produktions-Chargen mit weiteren Verbesserungen geben, sagte uns van Weerd. Die Industrie bewegt sich ebenfalls: Immerhin hat Chip-Produzent Intel jetzt auf der Consumer-Electronics Messe CES angekündigt, dass künftig alle Intel-Prozessoren konfliktfrei seien. Unsere Empfehlung: Interessierte, die ein soziales Unternehmen unterstützen wollen, das transparent über sein Vorhaben, die Voraussetzungen, das Erreichte und die Finanzen berichtet, das auf kritische Fragen antwortet und Fehler zugibt, liegen beim Fairphone nicht falsch.

Vorteile: Soziales Projekt, wechselbarer Akku, reparierbar, Flashspeicher erweiterbar, offenes Betriebssystem, liegt gut in der Hand

Nachteile: rotstichige Fotos, kein HD-Video, Bedienung gewöhnungsbedürftig

Mehr Beiträge zum Thema Teilhabe, dazu Zahlen und Anekdoten, schön illustriert und prima lesbar auf Bildschirmen und Tablets gibt es in unserem factory-Magazin Teilhabe.

Ralf Bindel ist Redakteur der factory.

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Kommentare

15. Januar 2014 um 18:01 Uhr | Klaus Dosch

Hilfreicher Artikel, gut geschrieben, eine solide Standortbestimmung des fairphone.
Ich wünsche dem fairphone ein langes Leben. Mögen ihm die Götter der Schwerkraft und des Wassers gnädig sein!
Danke!


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