Vom Faustkeil zur Desktop-Fabrication

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Selbermachen, Do-it-yourself, ist ein neuer, alter Trend. Baumärkte, Bank- und Fahrkartenautomaten, Ikea und Wikipedia gehören für uns zum Alltag. In einer Welt, in der Unternehmen einen Teil der Produktion auf ihre Kunden verschieben, erhalten diese immer mehr Konzepte für die Eigenproduktion.

Von Ralf Bindel

Im „Labor“ in Bochum steht einer, in der „Garage Bilk“, dem GarageLab Düsseldorf auch. Wahrscheinlich auch in den meisten anderen so genannten FabLabs in Deutschland und weltweit. 3DDrucker sind in den offenen High-Tech- Werkstätten und Hackerspaces, wo Laser-Cutter und CNC-Maschinen die neue Do-it-yourself-Generation repräsentieren, die jüngste Errungenschaft der technologischen Entwicklung. Man bekommt sie schon für unter 1500 Euro, doch im Gegensatz zu ihren großen Brüdern in der Industrie für 50000 Euro, können sie noch nicht viel. Manches allerdings sehr gut: Ersatzteile fertigen. „Als die Rollen unserer Spülmaschine durch waren, haben wir ähnlich geformte Teile gedruckt“, sagt Laurenz vom Bochumer „Labor“. Doch die Laboristen sind sich einig: „Die Selbstbaudrucker sind noch nicht wirklich ausgereift, die Objekte benötigen viel Nacharbeit“, erläutert Jens.

Doch es tut sich was im dreidimesionalen Druckgewerbe. Der New Yorker Hersteller Makerbot hat jetzt seinen neuesten 3D-Drucker „Replicator 2“ vorgestellt, der eine Auflösung von 0,1 Millimeter erreicht. Inzwischen gibt es Software, die verteilte 3D-Drucker im Netz ansteuern kann, günstige Pulver- 3D-Drucker für Objekte aus Keramik und Metall und australische Riesendrucker, die so groß wie ein Zugabteil sind und vier verschiedene Metalle gleichzeitig verarbeiten können.

3D-Drucker machen selbständig

Trendforscher bezeichnen den 3D-Druck als Killerapplikation (siehe S. 30), mit der die Materialintensität selbstorganisierter Prozesse vermindert würden. Drucker sollen zukünftig sich selbst, sämtliche Teile bis hin zu Waffen und sogar Fleisch drucken können. Wenn die Phantasie nicht reicht: man muss sich die Technologie wohl heute auf dem Stand von IBM-Großrechner-Etagen aus den 1970er Jahren vorstellen, deren Kapazität heute jedes Smartphone hat.

Nicht nur Selbermacher, auch Unternehmen können mit derartigen Technologien mehr selber machen: Das reicht von plastischen Modellen von Entwicklungsprototypen bis hin zum seriellen Print-on-demand, der bedarfsgerechten Produktion. Schon heute werden Werkzeuge und Funktionsbauteile in Betrieben durch Lasersintern hergestellt. Rapid Manufacturing, die schnelle Fertigung, ohne die Verwendung von Halbzeugen und Bearbeitungsschritten, die zusätzliche Ressourcen kosten, ist heute in jedem produzierenden Unternehmen ein Begriff. Nach dem Boom des Outsourcing werden mit Insourcing wieder mehr Prozesse ins Haus geholt.

Doch noch sind die 3D-Drucker auf dem Schreibtisch, die selbständigen Unternehmen Zukunftsmusik, die Diskussion um die Ressourceneffekte des High-Tech-Selbermachens hat gerade erst begonnen. Noch ist das Selbermachen ein beinahe uraltes Geschäftsmodell, das unter dem Kürzel DIY für Betriebswirtschaftler den Erfolg der Baumärkte kennzeichnet. Aus der DIY-Bewegung, die in den 1950er Jahren in England entstand, wurde ein ganzer Wirtschaftszweig der unbezahlten Arbeit. Das Umsatzvolumen der 30 größten deutschen Baumarktbetreiber verdoppelte sich in den letzten fünfzehn Jahren auf 30 Milliarden Euro, die Anzahl der Standorte stieg auf 4321. Die Zahl der über 14-Jährigen Deutschen, die zwischen wöchentlich mehrmals bis seltener als einmal monatlich basteln oder heimwerken, hat sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert: Rund 45 Millionen sollen es sein, während die Zahl derer, die niemals zum Hammer greifen, sich von knapp 21 auf 25 Millionen erhöht hat.

Die Ressourceneffekte des Selbermachens in der Heimwerkernation Deutschland sind schwer abzuschätzen: Grundsätzlich scheint es nach der letzten Zeitbudget-Studie des Bundesamts für Statistik 2001 so, dass diejenigen, die im sekundären, industriellen Sektor tätig sind, auch dreimal mehr selbermachen, als diejenigen, die im nicht gewerblichen Bereich beschäftigt sind. Sprich: Wer ohnehin mit den Händen arbeitet, packt auch eher mal an. Hinzu kommt: Wer mehr Zeit hat, macht auch mehr selbst. Grundsätzlich ist der Anteil der unbezahlten gegenüber der bezahlten größer, bei Frauen höher als bei Männern.

Das Bewusstsein des Selbermachens

Von einem mit unnötigen Elektrowerkzeugen überquellenden Koffer pro Haushalt ist nicht auszugehen, auch wenn der Akkuschrauber Ixo von Bosch sich seit 2003 weltweit über 1,5 Millionen mal pro Jahr verkauft und damit das meistgekaufte „Power Tool“ der Welt ist. Zwar werden immer mehr Elektrowerkzeuge mit Akkus ausgestattet, doch bis der komplette Gerätepark drahtlos funktioniert - das dauert. Selbst die Massenbilanz scheint, auf den einzelnen Prozess bezogen, nicht zuungunsten für die Selbermacher auszuschlagen.

Weil Bedarf, finanzielle Lage, Kompetenz, Kreativität, Spaß und Zeit die ausschlaggebenden Kriterien für das Selbermachen sind, wird eher weniger Material für einen längeren Zeitraum eingesetzt. Wer mit den Händen arbeitet, Dinge repariert, ein Webblog pflegt oder sich sozial engagiert, schätzt Materialität, Zeitaufwand und Wert dieser unbezahlten Arbeit. Einen Tisch zum Beispiel - und dabei muss es nicht ein aufwändig selbstgemachter sein - werden Selbermacher nicht so schnell dem neuesten Einrichtungstrend opfern, wie diejenigen, die „unbewusst“ konsumieren.

Kommt die Zugänglichkeit der Dinge hinzu: If you can not fix it, you don’t own it, lautet das Fixit-Manifesto, der Seite, die alle möglichen neuen elektronischen Geräte auf Selbst-Reparierbarkeit untersucht. Vom nicht austauschbaren Akku im Smartphone oder Notebook über geplant begrenzte Lebensdauer wie bei Druckern bis hin zum Auto, in das selbst Kfz-Mechaniker nur noch das Kabel mit Verbindung zur Zentrale für die Diagnose stecken können, gibt es inzwischen viele Beispiele dafür, dass die Nutzer die Macht über die Nutzbarkeit verloren haben. Open-Data-Initiativen zur Öffnung von Konstruktionsdaten, Offene Werkstätten und Repair-Cafés, in denen Instandsetzung erlernt und geübt wird, sind die Antwort. Oder man schult bereits die Jüngsten, wie Simon Wiggen in einem Beispiel zeigt (S. 41).

Mehr oder weniger selber machen?

Über die positiven Effekte des Selbermachens für die nachhaltige Entwicklung, für den globalen Wandel, die große Transformation spekulieren die Soziologin Andrea Baier (S. 33) und der Konsumforscher Gerhard Scherhorn (S. 17) in dieser factory. Selbermachen, FabLabs, offene Werkstätten, Urban Gardening, Gemeinschafts-Eigenproduktion scheinen demnach unbedingte Bausteine einer Bildung für nachhaltige Entwicklung zu sein, wie sie die UN im Rahmen ihrer gleichnamigen Kampagne belohnen sollte.

Die negativen Effekte des Selbermachens sind überall dort zu suchen, wo Individualität zu sehr contra Gemeinschaft steht. Dezentral vs. zentral ist im makroökomisch-geographischen Sinne im Vorteil, auf der Mikroebene sind jedoch zentrale, gemeinschaftlich genutzte Systeme ressourceneffizienter. Beispiel Verpflegung: Großküchen sind ressourceneffizienter als einzelne Haushalte, wobei der größte Ressourcenfaktor der Ernährung die Form der Landwirtschaft ist. Beispiel Energieversorgung: Ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit Nahwärmeversorgung für mehrere angeschlossene Haushalte ist effizienter und ressourcenschonender als ein Mini-BHKW in jedem Keller, dagegen sind zentrale Braunkohlekraftwerke ohne Kopplung Muster der Ressourcenverschwendung. Generell sind Nutzungsgemeinschaften ressourceneffizienter: Car-Sharing, Energiegenossenschaften, ÖPNV, Wohngemeinschaften. Die modernen, ressourcenschonenden Werkzeuge von Selbermachern heißen „Collaborative Consumption“, die Power Tools besorgt man sich in Verleihforen und über Smartphone-Apps wie von Whyown.it oder Leihdirwas, wo Werkzeuge im Netzwerk verliehen werden.

Vom Con- zum Prosumer

Apropos „unbewusste Konsumenten“: Im Grunde hat Birger Priddat (S. 24) Recht, wir machen alle schon viel selbst, selbst wenn wir nichts für uns selbst produzieren. Als Prosumenten sind wir nicht länger ausschließlich Konsumenten, sondern produzieren, gestalten, bewerten mit. Diesen Beteiligungswillen nehmen Unternehmen auf, so dass sich der Kern der Wertschöpfung zunehmend ans Ende der Kette verlagert - die qualitative Aufwertung geschieht zum Schluss. Ganze Reihen von Produktleistungen übernehmen jetzt die Prosumer. Von Banken bis Tanken, von Amazon über Ebay bis Ikea, von Online-Druckshop bis Supermarkt, von sprachgesteuerten Wartungsdiensten bis zur Einrichtung ganzer Anlagen reicht die Palette der inzwischen als gewohnt geltenden Aktivitäten des Prosuming, für die wir zusätzlich Ressourcen und Zeit aufwenden müssen.

Dafür haben Unternehmen aufzurüsten bei Kundenmanagement- und kommunikation. Bewertungs- und Empfehlungsbeobachtung in sozialen Netzwerken, Erfahrungsberichte und Nutzertests sind wichtig für die Qualitätssicherung, die rasche Reaktion wichtig für das Image. Ökologische und soziale Defizite werden im Netz schnell zum vernichtenden „Shitstorm“.

Mit zunehmender Sättigung der Konsumbedürfnisse in vielen Segmenten wird der Konsum hedonistischer, die Produkte werden individualisiert, „Mass Customization“ steht auf dem Programm. Der Verkäufer- wandelt sich zum Käufermarkt. Nicht länger sind die Käufer auf der Suche nach dem Produkt, sondern die Anbieter suchen die Kunden. Die neue Markt- und Verhandlungsmacht können die Kunden für eine Ökologisierung des Angebots nutzen und fordern sie zunehmend ein.

Die Entwicklung vom Konsumenten zum Produzenten zeigt also: Der Trend geht zu „Mehr Selbermachen“, sowohl auf Seiten der Verbraucher wie den Unternehmen.

Insofern passt ins Bild, dass 3D-Drucker wie der Replicator II schon als künftige Produktionssystematik für den Hausgebrauch gesehen werden. Die Vorstellungen reichen so weit, dass bei gleichem Ressourcenverbrauch die Universal-Desktop-Fabrication über vollautomatisierte 3D-Printer die bekannte Konsumgüterindustrie sogar ablösen könnte. Wenn jeder 3D-Replikator die gleichen offenen Produktdatenmodelle nutzen könnte, könnte sich jeder Haushalt seinen Konsumgüterbedarf selbst herstellen. Eine marktbedingte Notwendigkeit zur Überflussproduktion und Verkauf gäbe es für die individuellen Prosumer nicht, nur die Herstellung großer Dinge und die Landwirtschaft blieben unberührt. Voraussetzung für eine solche Vision des fast vollständigen Selbermachens: Offene Datenmodelle und gerechte Verteilung der Ressourcen. Zumindest ersteres bremst der bekannteste Hersteller der günstigen 3D-Drucker für den Heimbedarf gerade wieder aus: Die Produktdatenmodelle für den neuen Replikator II sind nicht länger Open Source und mitgestaltbar.

Ralf Bindel ist Redakteur der factory.

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