Über das Wasser hüpfender Stein
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Von Rebound, Prebound und Performanzlücken

Effizienz als Wunderwaffe für den Umweltschutz? Effizientere Technologien können auch zu mehr statt weniger Verbrauch führen: Der Rebound-Effekt ist in der Diskussion angekommen. Gerade Energieeffizienz-Steigerungen sind in der Kritik. Für eine Beurteilung ist jedoch eine deutliche Differenzierung notwendig.

Von Reinhard Madlener

In den letzten Jahren hat das Rebound-Thema in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion sowohl in Deutschland als auch international an Bedeutung gewonnen. Dies ist auch gut so, denn die Politik sieht Energieeffizienz-Steigerungen als probates und kostengünstiges Mittel, um den Fossilenergieverbrauch und damit die Treibhausgasemissionen zu vermindern. Daher ist es wichtig, sowohl die gegenläufigen Trends dieser erhofften Einsparungen zu verstehen als auch den Einfluss der Methodik und der Systemgrenze (sowie möglicher Verzerrungen in den Schätzungen) auf die Höhe des Rebound-Effektes. Energiepolitisch bedeutet dies, dass Politiken nicht mehr so effektiv und damit auch kosteneffizient sind, als wenn der Rebound Null betragen würde.

Die Begriffsdefinitionen und -verwendungen in der Literatur sind leider auch heute noch recht uneinheitlich – trotz einer über 30 Jahre andauernden Diskussion über Begrifflichkeiten in der wissenschaftlichen Literatur. Trotzdem bezeichnet „Rebound“ letztlich das Maß, in dem durch Verhaltensreaktionen auf aufgrund technischer Effizienzsteigerungen kostengünstiger gewordene Energiedienstleistungen erhoffte bzw. ingenieurwissenschaftlich kalkulierte Einsparungen konterkariert (Rebound zwischen 0 und 100 %), wieder zunichte gemacht (Rebound von 100?%) oder sogar überkompensiert werden (Rebound > 100 %, auch mit „Backfire“ bezeichnet) (Jenny et al., 2013). Beispiele sind höhere Fahrleistungen mit energieeffizienteren Fahrzeugen (für Toyota Prius Fahrer empirisch tatsächlich festgestellt und nicht zu vernachlässigen!) oder zusätzliche Heizenergieverbräuche nach energetischen Gebäudesanierungen (z. B. aufgrund ungesättigter Bedürfnisse oder wider besseren Wissens – etwa wenn das alte Heiz- und Lüftungsverhalten trotz effizienterer Gebäudehülle und neuartiger Systemtechnik beibehalten wird).

Auf das Maß kommt es an

Von Rebound zu unterscheiden ist die Energie-Performanz-Lücke (EPL): Sie ist ein Maß für die Differenz zwischen tatsächlichem und errechnetem Energiebedarf beispielsweise nach der energetischen Sanierung eines Gebäudes (in Prozent). Ebenso anders definiert ist das Energie-Einspar-Defizit (EED) als Maß für die Unterschreitung der erwarteten Energieeinsparungen nach der Sanierung (ebenfalls in Prozent). Solche Messgrößen helfen bei der Unterscheidung zwischen den verhaltensbezogenen Effekten (verhält sich der Mensch bewusst anders als vor der technischen Effizienzsteigerung) und den technischen Effekten (letztere können auch mit mangelnder Funktionalität der Technik oder unzureichend genauen technischen Berechnungen zu tun haben).

Prebound wiederum – ein von Ray Galvin eingeführter Begriff (Sunikka-Blank und Galvin 2012) – bezeichnet das Phänomen, dass der tatsächliche Energieverbrauch (bereits vor der Energieeffizienzsteigerung) oft sogar unter dem kalkulierten, zu erwartenden Energieverbrauch liegt. Bei energieeffizienten Gebäuden kann oft „Rebound“ festgestellt werden, bei schlecht isolierten Gebäuden hingegen vielfach „Prebound“. Daraus lassen sich zumindest zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens, die errechneten Einsparungen sind ein gefährliches Maß dafür, um durch Gebäudesanierungen erzielbare Energie- und CO2-Einsparungen vorauszusagen. Zweitens, nicht-technische, durch Verhaltensänderungen erzielbare Einsparungen können die durch technische Verbesserungen erzielte Einsparungen bei weitem übertreffen (mit entsprechender Relevanz für die optimale Politikgestaltung).

Soziokulturelle Effekte berücksichtigen

Aus sozialer Sicht ist Rebound ebenfalls ein wichtiges Thema, da es Konflikte zwischen energiepolitischen und sozialpolitischen Zielen geben kann. Ist der Rebound-Effekt – beispielsweise bei der Raumwärme – nämlich bei Mietern höher als bei Eigenheimbesitzern, und höher bei einkommensschwachen Schichten (beides wurde für Deutschland erstmals nachgewiesen in Madlener und Hauertmann, 2011), so muss abgewogen werden, inwieweit Rebound eher bei einkommensschwachen Mietern oder bei reichen Eigenheimbesitzern bekämpft werden sollte (und ob überhaupt) – hier spielen also auch die ethisch-moralische und die soziale Dimension eine wichtige Rolle.

Soziokulturelle Aspekte sind ebenfalls ein spannendes Forschungsfeld im Rebound-Kontext. Hier möchte das Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) an der RWTH Aachen im Rahmen des im Aufbau befindlichen Virtuellen Instituts Energietransformation NRW (Koordinatoren: Wuppertal Institut und Kulturwissenschaftliches ­Institut) in den kommenden Jahren weitere, tiefgreifendere Rebound-Forschungsaktivitäten betreiben. Damit soll letztlich auch mehr Klarheit über die Höhe der Rebound-Effekte nach soziokulturellen Gruppen (ein Projektverbund von ZEW/Universität Stuttgart/Fraunhofer-ISI hat in den letzten Jahren wichtige Vorarbeiten geleistet; vgl. www.zew.de/rebound), aber auch bezüglich der räumlichen Verteilung von Rebound-Effekten geschaffen werden.

Nicht ein oder zwei Effekte ...

Rebound-Effekte setzen sich zusammen aus direkten (erhöhte Nachfrage nach einer durch die Effizienzsteigerung günstiger gewordenen Energiedienstleistung – ein Preiseffekt), indirekten (erhöhte Nachfrage nach anderen energie- und ressourcenverbrauchenden Produkten und Dienstleistungen, da die eine Energiedienstleistung infolge der durch die Effizienzsteigerung eingesparten Energiekosten kostengünstiger geworden ist – ein Einkommenseffekt) und makroökonomischen Effekten (Effizienzsteigerungen verändern potenziell Angebot und Nachfrage in der gesamten Wirtschaft und führt zu Strukturveränderungen und meist auch zu wiederum ressourcenverbrauchsfördernden Wachstumseffekten).

Betrachtet man die makroökonomischen Rebound-Effekte nicht nur auf der Ebene einer nationalen Volkswirtschaft, sondern global, wird die Untersuchung methodisch sehr aufwändig und anspruchsvoll. Durch die zunehmende Verflechtung der Volkswirtschaften in folge der voranschreitenden Globalisierung ist globaler Rebound jedenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor. Eine Energieeffizienz-Politik in einem Land könnte Rebound-Effekte in anderen Ländern hervorrufen, welche die Energieverbräuche untem Strich steigen statt sinken lassen. Dies ist bei Exporten von energieeffizienten Gütern kritisch mit einzubeziehen.

Rebound und Ressourcen

Außerdem können Energie-Rebound-Effekte auch zu Mehrverbräuchen an nicht-Energie-Ressourcen und dadurch zu Problemverschiebungen führen (bei einer bestimmten Energiedienstleistung wird zwar – notabene auf der Mikro­ebene – gegenüber der Situation vor der Effizienzsteigerung Energie eingespart, andererseits wird aber vielleicht ein erhöhter Materialverbrauch induziert). Die Ressourceneffizienz insgesamt bzw. die absolute Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und nicht regenerativem Ressourcenverbrauch ist also ebenfalls im Blick zu behalten.

Ein noch viel zu wenig beforschter Aspekt der Energiewende, in dem auch Rebound-Potenziale schlummern (durch Effizienzsteigerungen erst kommerziell attraktiv genug gewordene Energietechnologien), sind schließlich auch die Energie- und Materialverbräuche (inkl. kostbarer Materialien, die in den sogenannten seltenen Erden vorkommen), aber auch die ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Nutzung erneuerbarer Energietechnologien.

Hier ist es sehr wichtig mit Hilfe von Energiesystemanalysen (Lifecycle Costing, Lifecycle Sustainable Assessment usw.) festzustellen, wo und wie die Energiewende auch zu negativen Folgen führt (z. B. Kinderarbeit in Malaysia) und sie entsprechend zu minimieren. Eines steht jedoch trotz aller Komplexität um Rebound fest: Lösungen der großen energie- und ressourcenpolitischen Herausforderungen werden durch eine tiefgreifende Transformation der Gesellschaft in Richtung nachhaltiger Entwicklung und einer verbesserten Transparenz der Konsequenzen des eigenen Handelns leichter zu bewältigen sein als lediglich mit „technological fixes“ und blindem Vertrauen darauf, dass technischer Fortschritt im überwiegenden Maße immer nur gut ist.

Prof. Dr. Reinhard Madlener ist Leiter des Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) an der RWTH Aachen. Er schrieb 2011 das Gutachten zu Rebound-Effekten für die Bundestags-Enquete Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität.

Literatur

Antal M., van den Bergh J.C.J.M. (2014). Re-spending rebound: A macro-level assessment for OECD countries and emerging economies, Energy Policy, 68: 585-590.

Kösler S., Swales K., Turner K. (2014). Beyond National Economy-wide Rebound Effects. An Applied General Equilibrium Analysis Incorporating International Spillover Effects, ZEW Discussion Paper No. 14-025.

Madlener R. (2011). Energiesparen durch Effizienzfortschritte ist in einem weiter wachsenden System schlichtweg eine Illusion, Energiewirtschaftliche Tagesfragen Jg. 62 Heft 8, S. 2-5.

Madlener R., Hauertmann M. (2011). Rebound Effects in German Residential Heating: Do Ownership and Income Matter?, FCN Working Paper No. 2/2011, Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior, RWTH Aachen.

Santarius T. (2012). Green Growth Unravelled. How rebound effects baffle sustainability targets when the economy keeps growing. Heinrich Böll Foundation / Wuppertal Institute for Climate, Environment and Energy.

Sunikka-Blank M., Galvin R. (2012). Introducing the prebound effect: the gap between performance and actual energy consumption, Building Research & Information, 40(3): 260-273.

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