Ein in Ketten gelegter Gefangener kickt seine Eisenkugel weg.
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Rethink statt Rebound: Der Effizienzrevolution muss eine Suffizienzrevolution vorangehen.

Die Effizienz-Versprechen sind kein Allheilmittel für die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit. Doch mit einer Politik des Genug lassen sich auch die Effekte des Rebound begrenzen. 

Von Wolfgang Sachs und Tilman Santarius

Suffizienz ist die Strategie des Unterlassens. Spätestens nach der Atombombe hat sich die Menschheit zu der Einsicht durchgerungen, dass nicht alles, was möglich ist, getan werden dürfte. Hans Jonas hat in den 1970er Jahren diese Erfahrung zum moralischen Imperativ verdichtet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Laufend verstößt nun gegen diesen Imperativ die gesamte Weltwirtschaft: Sie ist gemeingefährlich für die Biosphäre geworden, die den Menschen und andere Lebewesen umhüllt. 

Allein zu definieren, was „echtes menschliches Leben“ abgesehen von der nackten Fortexistenz der Gattung homo sapiens bedeutet, erfordert eine gesellschaftliche Wertedebatte. Und sich um diese drücken zu können, ist ein befreiendes Versprechen – zumal in Zeiten scheinbar unaufhaltsam fortschreitender Individualisierung und Globalisierung. Das ist die Attraktivität der Strategie der Effizienz: Sie verspricht, der weitreichende Wechsel von Technologien mache es unnötig, den Status-quo der Wirtschafts- und Lebensstile überhaupt in Frage zu stellen. Ist Autofahren schlecht für die Umwelt? Einerlei, sagen die Effizienz-Enthusiasten, wenn Autos zukünftig pro Kilometer nur noch so wenig Sprit verbrauchen wie öffentliche Verkehrsmittel heute. Doch die Sache hat einen Haken. Wenn die einzelne Autofahrt finanziell und moralisch kaum mehr ins Gewicht fällt – werden Menschen dann vielleicht immer häufiger und weiter fahren? Das ist die Problematik der Rebound-Effekte.

SUV mit Hybrid-Motoren

Gut bekannt sind bereits die finanziellen Rebound-Effekte: Effizientere Technologien sparen häufig Geld ein, das man an anderer Stelle für erneuten Konsum oder Investitionen ausgeben kann, die mit zusätzlichem Energie- und Materialverbrauch einhergehen. Für manchen mag es überraschend sein, dass indessen auch dann Rebounds eintreten, wenn durch eine Effizienzverbesserung gar kein Geld gespart wurde. Zunächst kann es materielle Rebound-Effekte geben, da schon die Herstellung effizienterer Geräte und Produkte einen Teil ihres Einsparpotenzials bei der Nutzung auffrisst. Hinzu aber kommen psychologische Rebound-Effekte, denn effizientere Produkte verändern nicht nur ihre technischen, sondern auch ihre symbolischen Eigenschaften. Sport Utility Vehicles (SUV), aufgrund ihres unnötigen Gewichts und horrenden Spritverbrauchs noch vor kurzem als ‚Vorstadtpanzer’ und ‚Klimakiller’ stigmatisiert, gelten plötzlich als Vorreiter-Autos, wenn sie mit einem Hybrid-Motor ausgestattet sind. Tatsächlich können deutliche Effizienzsteigerungen eines Produkts dazu führen, dass sich soziale Normen und individuelle Einstellungen gegenüber seiner Nutzung verändern. Doch ohne Suffizienz, oftmals in die falsche Richtung.

Schließlich lösen Energieeffizienzsteigerungen in der gesamten Wirtschaft neue Wachstumsschübe und -zwänge aus. Für Ökonomen ist das ein Allgemeinplatz: natürlich macht jede Produktivitätssteigerung die Wirtschaft „fitter“ und forciert das Wachstum. Und was als Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Wachstum völlig unstrittig ist, gilt ebenso für den Zusammenhang zwischen Energieeffizienzsteigerung und Wachstum. Übrigens ist dies eines der zentralen Argumente der Anhänger eines green growth: je stärker die ‚Karbonproduktivität’ der Wirtschaft, desto höheres Wachstum lässt sich erzielen.

Doch wer die Rebound-Effekte dieser Wachstums- und Nachfrageeffekte einkalkuliert, wird nicht an der Einsicht vorbeikommen, dass Technologie- und Innovationsoffensiven alleine nicht ausreichen, um in den Industrieländern den Ressourcenverbrauch und die Treibhausgasemissionen um den Faktor 10 zu verringern. Mehr noch, wer ‚grünes Wachstum’ als Parole ausgibt, wird Rebound-Effekte gar noch vergrößern, denn der Konsum grüner Produkte kann dann als persönlicher Beitrag zum Umweltschutz missverstanden werden. Es ist offenkundig, dass der „Effizienzrevolution“ bei den Technologien eine „Suffizienzrevolution“ bei den gesellschaftlichen Institutionen vorangehen muss. Andernfalls lösen die neuen Technologien bloß eine weitere Fessel des Prometheus.

Den Deckel auf die Rebounds

Effizienz-Enthusiasten teilen diese Einschätzung selten. Wer gefangen ist im alten Steigerungsspiel der Moderne, der betrachtet absolute Reduktionsziele als Einschränkung der „Konsumentensouveränität“ und legt es daher allein darauf an, die Ressourcenproduktivität zu steigern. Doch produktiver für wen oder was? Für den Reichtum der Arten? Für die Würde der Mitarbeiter? Für die Langlebigkeit der Produkte? Nein. Produktiver, so wird gesagt, muss der Ressourcenverbrauch relativ zum Bruttoinlandsprodukt werden. Definiert wird die Steigerung der Ressourcenproduktivität als Entkoppelung von der Wachstumskurve – womit leicht übersehen wird, den Wachstumszwang selbst in Visier zu nehmen. Der Subtext der Rede vom „decoupling“ ist fortlaufendes Wachstum der Volkswirtschaften. Kein Wunder, dass die absolute Entkopplung, der Rückbau des Ressourcenverbrauchs bei anhaltendem Wachstum, nicht gelingt – und wenn, dann in Ausnahmefällen. Deswegen schert sich eine Politik der Suffizienz nicht um die Auswirkungen für das Wachstum, sie ist wachstumsindifferent, aber behält das Wohlergehen der Bürger im Auge. Die Wachstumsneutralität der Suffizienz hingegen ist widerständig gegenüber allen Arten von Rebound-Effekten. 

Suffizienz kann in vielen Feldern erfolgen, gemeinsam aber ist die Idee des „cap“, des Deckels, oberhalb dessen der Ressourcenverbrauch nicht steigen darf. Um Rebound-Effekten Einhalt zu gebieten, ist es ratsam, Caps auf kollektiver Basis einzuführen. Denn Caps auf persönlicher Ebene, so verdienstvoll sie auch immer sein mögen, können Caps auf kollektiver Ebene nicht ersetzen. Suffizienz ist keineswegs nur eine persönliche Sache, sie ist eine Sache der Institutionen und ihres Designs. Eine rein auf individueller Ebene ansetzende Suffizienz kann materielle und wachstumsbedingte Rebound-Effekte nicht ausschließen und die Verlagerung von Ressourcenverbrauch – zu anderen Verbrauchern, in andere Länder – gar noch verstärken. 

Indessen können kollektive Vereinbarungen leidlich gegen Verlagerung und Nachrücker des Überverbrauchs schützen. Einige der größten Erfolge der Umweltpolitik sind der Suffizienz zu verdanken: Das bleifreie Benzin, der Ozon-Vertrag (Montreal-Protokoll), die POP-Konvention über langlebige organische Schadstoffe, der Atomausstieg, ja letztendlich der Anfang aller Umweltpolitik, die Ausweisung von Naturschutzgebieten, sind aus dem Geiste der Suffizienz erwachsen. Nicht der Ressourcenproduktivität und ihrer Steigerung zuliebe. Zugegeben, die CO2-Emissionen sind von anderer Qualität, sie durchdringen jeden Aspekt des Wirtschaftens und erfordern ressourcenleichte Technologien allerorten. Doch die kollektiv vereinbarten Emissions-caps, also Suffizienzziele, bringen erst die „Effizienzrevolution“ in Schwung – und halten zugleich die Rebound-Effekte im Zaum. Auch die vielerorts diskutierten Energie- und Ressourcensteuern, die Einsparungen aus Effizienzgewinnen kompensieren können, sind, genau betrachtet, Suffizienz light.

Der Kapitalismus überlebt nur, wenn er sein Betriebssystem ändert

Wie schaut eigentlich eine Politik der Suffizienz aus? Falls man in den nächsten Jahrzehnten den Herausforderungen gerecht werden möchte, wäre zu nennen: ein ressourcensparendes solares Energiesystem, niedermotorisierte Autos, Abbau des europäischen Flugverkehrs, Null-Option im Flächenzubau, ökologischer Landbau, Exit-Strategie für schwimmende Fischfabriken. Und im sozialen Sinne: Sharing von Autos, Wohnungen, Geräten und alle Formen von Ko-Produktion, elektronisch wie handgreiflich. Solche Vorhaben gibt es bereits; sie aus der Nische zu holen, ist das Gebot der Stunde. Sie tragen bei zu einer Kultur des Genug. Werden sie größer und umfassen ganze Sektoren, verblassen die Rebound-Effekte.

„Ausstieg“ und „Wende“, „Transformation“ und „Postwachstum“, diese Begriffe deuten schon an, dass sich Suffizienzpolitik in einen größeren Wandel eingebettet versteht. Überhaupt ergibt eine Politik des rechten Maßes nur dann Sinn, wenn sie Chancen öffnet. Zum Beispiel: eine verkehrsberuhigte und daher lebenswerte Stadt; eine chemiefreie, aber qualitativ hochstehende Landwirtschaft; und eine dezentrale, doch dichte Regionalwirtschaft. Auf ein Wort gebracht: eine Gemeinwohlökonomie, die der Natur verpflichtet ist und den Menschen achtet. So wenig mehrheitsfähig es heute manchen Orts erscheinen mag: Der Kapitalismus in der Demokratie überlebt nur, wenn er sein Betriebssystem ändert und auch ökologische und soziale Wertschöpfung betreibt. Das ist ein weites Feld, aber es geht schließlich darum, eine Gesellschaft nicht nur auf Geld, sondern auch auf Solidarität mit Menschen sowie mit anderen Lebewesen zu bauen. Das nicht zu vernachlässigen, ist vielleicht die wichtigste Empfehlung, die man ins Stammbuch der Effizienz-Enthusiasten schreiben kann.

Prof. Dr. Wolfgang Sachs  ist Senior Researcher am Wuppertal Institut, war Vorsitzender des Aufsichtsrats von Greenpeace, lead author beim IPCC und hat die Studie Zukunftsfähiges Deutschland geleitet. Tilman Santarius war bis 2009 Projektleiter am Wuppertal Institut, bis 2011 Referent bei der Heinrich-Böll-Stiftung und bis vor kurzem Gastwissenschaftler an der University of California in Berkeley.

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