Unternehmungslust statt Frust

Hände halten vom rechten und linken Bildrand jeweils eine ausgeschnittene Figur, die einen freudigen Luftsprung macht
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Nach traditioneller Betriebswirtschaftslehre dürfte es manche Unternehmen gar nicht geben. Doch wenn Glück statt Geld die Hauptrolle spielt, entsteht ökonomischer Erfolg auf völlig andere Weise, als es Lehrbücher beschreiben.

Von Annette Jensen

Es passierte an einem Wochenende: Ein paar Menschen aus Dorfen bei München beschlossen, dass sie der Lebensmittelindustrie nicht länger hilflos ausgeliefert sein wollten. Sie hatten es satt, Eier von gequälten Hühnern zu kaufen und Gemüse zu essen, das auf irgendeinem Acker Hunderte von Kilometern entfernt gewachsen war. Sie hatten auch keine Lust mehr, zu protestieren oder auf politische Entscheidungen zu hoffen. Und deshalb nahmen sie die Sache selbst in die Hand. Weil sie verstanden hatten, dass kleine Höfe im herrschenden System kaum eine Überlebenschance haben, organisierten sie einen Marktstand für einen Biobauern und stellten sich selbst dahinter. Anfangs hatten sie nicht einmal eine Waage, damit musste eine Kinderärztin aushelfen. 

Das Ganze machte allen Beteiligten Spaß, das Netzwerk wuchs und so entstand die Genossenschaft Tagwerk, an der heute neben vielen Konsumenten auch einhundert Erzeuger vom Bauern, Imker, Schlachter über den Müller bis zur Käserei beteiligt sind. Die Genossenschaft setzt knapp fünf Millionen Euro im Jahr um, beschäftigt 39 Menschen und ist vor Ort ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

"Kooperation macht Menschen glücklich ..."

Dabei geht es den Tagwerk-Genossen bis heute nicht allein um die Förderung der regionalen Nahrungsproduktion. „Das sind alles so lustige, interessante Leute“, begründet die langjährige Vorstandsfrau Inge Asendorf, warum sie für die Mitarbeit bei „Tagwerk“ eine wissenschaftliche Karriere sausen ließ. Laufend entstehen hier neue Projekte: Ein Genosse schreibt witzige Jahreszeitenkochbücher, der ehemalige Bankvorstand Rudolf Oberpriller organisiert Radeltouren zu Bauernhöfen und hat einen deutschlandweiten Biofernradweg erfunden. „Meine frühere Arbeit war totaler Blödsinn. In einem Netzwerk wie unserem braucht man nicht viel Geld, um was wirklich Sinnvolles auf die Beine zu stellen“, sagt er. Oberpriller bestätigt damit die Erkenntnisse der internationalen Glücksforschung, die Kate Pickett und Richard Wilkinson auf Grundlage von weltweiten Untersuchungen zusammengefasst haben: Kooperation macht Menschen glücklich – wohingegen mehr Geld zu verdienen das Wohlbefinden nur in armen Gesellschaften fördert und eine wachsende Ungleichheit nicht einmal die immer reicher Werdenden glücklich macht. 

Auch die Gründung der Elektrizitätswerke Schönau, die heute ein bundesweiter Ökostromversorger sind, hatte niemand geplant. Vielmehr sind die Beteiligten da immer weiter „reingeschlittert“, wie Geschäftsführerin Ursula Sladek es beschreibt. Begonnen hatte alles 1986 nach dem AKW-Unfall in Tschernobyl: Mit Stromsparwettbewerben wollten einige Nachbarn erste konkrete Schritte in Richtung privater Atomausstieg tun. Dann aber entwickelte das Ganze eine Eigendynamik, die angetrieben wurde von einem sturen Energieversorger, der die Energiesparer wegen Geschäftsschädigung zu verklagen drohte. 

Die Schönauer Stromrebellen erfuhren in den Folgejahren viel Solidarität. Ist es „Glück“, dass sich immer im entscheidenden Moment Experten fanden, die ihnen halfen? Ingenieure, Unternehmens- und Steuerberater, Stadtwerksvertreter und Werbefachleute stellten freiwillig und oft kostenlos ihr Fachwissen zur Verfügung. Sie waren fasziniert von dem Projekt und wussten, dass es jetzt auf ihre Unterstützung ankam. Was sie bekamen, war kein Geld, sondern das gute Gefühl, entscheidend zum Gelingen eines ganz und gar außergewöhnlichen Unternehmens beizutragen. Gemeinsam boten sie den mächtigen und finanziell bestens ausgestatteten Gegnern Paroli und verhalfen David damit zum Sieg über Goliath. Gelingende Beziehungen sind der wichtigste Faktor für Glück, argumentiert der wachstumskritische Ökonom Tim Jackson – und „Vertrauen, Sicherheit und Gemeinschaftsgefühl tragen entscheidend zum sozialen Wohlbefinden bei“. Auch wer bei den Schönauer Rebellen seinen Strom ordert, darf sich als Teil dieser Erfolgsgeschichte fühlen. 

"Gelingende Beziehungen sind der wichtigste Faktor für Glück."

Zwei Hände einer Person halten vom äußeren Bildrand eine Dreierreihe ausgeschnittener Papierfiguren.
© Sergey Nivens, Fotolia.com



Und es gibt weitere glückliche Unternehmerpersönlichkeiten. Ein Beispiel ist der Chemiker Hermann Fischer, in dessen Braunschweiger Chemiefabrik Auro nur pflanzliche und andere natürliche Stoffe zur Herstellung von Lacken, Klebern und Putzmitteln zum Einsatz kommen. Damit ist Fischer zwar ein völliger Außenseiter seiner Branche – etwa 90 Prozent der Chemikalien basieren heute auf Erdöl und anderen fossilen Rohstoffen. Doch der 60-Jährige ist fest davon überzeugt, dass sich seine „solare Chemie“ auf Dauer durchsetzen wird. Schließlich ist nicht nur der wichtigste Rohstoff der konventionellen Chemieindustrie endlich. Darüber hinaus funktioniert deren Produktion auch nur durch den Einsatz vieler hochgiftiger Stoffe wie Chlor oder Salpetersäure. Durch die zahlreichen Syntheseschritte entstehen neben den gewünschten Produkten jedes Mal auch große Mengen Abfälle, deren Gefährlichkeit unübersehbar ist. Dagegen sind die Produkte der Firma Auro alle biologisch abbaubar

Schon als Student war Hermann Fischer klar, dass er niemals bei den Branchengrößen Bayer oder BASF würde arbeiten wollen. Deshalb gründete er mit zwei Kommilitonen seine erste Firma. „Wir konnten es nicht ertragen, dass man etwas Richtiges nur denken sollte,“ fasst er sein Credo zusammen. Eine Überzeugung zu leben und in die Tat umzusetzen, macht zufrieden, meinen Glücksforscher – und umgekehrt belegt der Happy Planet Index, dass Umweltzerstörung das Wohlbefinden extrem herunterzieht. Wer den energiegeladenen Chemiker Hermann Fischer einmal erlebt hat, wird ihn als Beleg für diese beiden Thesen empfinden.  

Ein anderes Beispiel liefert Sina Trinkwalder. Die 35-Jährige hatte viel Geld mit Werbung verdient – und ­irgendwann kam ihr das öde und schal vor und sie wollte etwas Sinnvolles tun. Deshalb beschloss sie, einen Betrieb aufzubauen, der älteren Frauen und Alleinerziehenden sichere Jobs bietet. In ihrer Heimatstadt Augsburg hatten früher viele Menschen in der Textilwirtschaft gearbeitet, bis deutsche Arbeitnehmer als zu teuer galten und die Produktion nach Osteuropa und Asien verlagert wurde. Diese Leute musste es doch noch geben, dachte Sina Trinkwalder.

"Eine Überzeugung zu leben, macht zufrieden."

Dass sie keinerlei Ahnung von Kleiderproduktion hatte, störte sie nicht – schließlich ist sie ein lernfähiger Mensch. Vor allem aber ist sie jemand, der andere mitreißen und begeistern kann. So hat ihr erster Nähmaschinenlieferant ihr das Nähen beigebracht, Museumsmitarbeiter klärten sie über Stoffeigenschaften auf und als ihr am Ende Geld für eine Maschine fehlte, gewährte der Lieferant einen üppigen Preisnachlass. Heute haben 130 Frauen und Männer unbefristete Stellen bei Manomama. Sie nähen Taschen für DM-Märkte und Jeans für Real, verarbeiten ausschließlich Biostoffe und verdienen alle mindestens zehn Euro pro Stunde

Dass funktioniert, was alle Ökonomen für unmöglich erklärt hatten, hat mehrere Gründe. Zum einen macht Sina Trinkwalder ihre Preiskalkulation völlig transparent – und dabei wird klar, dass sie selbst nur bescheiden verdient und auch für Werbung kein Geld ausgibt. Ihr Marketing sind ihre Talkshowauftritte, bei denen sie Politikern und traditionellen Wirtschaftsbossen schlagfertig Paroli bietet. Zugleich dreht sie das ansonsten in der Branche herrschende Verhältnis von Lieferanten und Abnehmern um. Sie kalkuliert den Preis und macht ihren Kunden unmissverständlich klar, dass sie weder die Stoffhersteller herunterhandeln noch ihre Arbeiterinnen antreiben oder im Lohn drücken werde. Und siehe da – es funktioniert: Die Leute kaufen ihre Produkte. Wunder muss man selber machen, heißt das Buch, das gerade von Sina Trinkwalder erschienen ist und auch als kostenloses E-Book erhältlich ist. Das zu lesen macht nicht nur Mut, sondern auch Spaß und sogar ein bisschen glücklich.

Annette Jensen ist Journalistin und schreibt seit vielen Jahren über ökonomische Alternativen zum Mainstream. Ihr Buch „Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben“ ist im Herder-Verlag erschienen.

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