Besser als BIP

Talansicht mit Dorf in Bhutan
© Maja Göpel

Im Staat Bhutan wächst das Bruttonationalglück. Dort ist Wohlbefinden statt materieller Wohlstand der nationale Leistungsindikator, ohne dass „arm aber glücklich“ gilt. Die UN hält das Modell für übertragbar.

Ein Reisebericht von Maja Göpel

Mitten im Landeanflug zieht der Pilot plötzlich die Nase wieder hoch. Nach Schrecksekunden die Durchsage, dass wir wegen Wolken im engen Himalaya-Tal in Indien zwischenlanden – Pech gehabt. Doch drei Stunden später betreten wir Thimphu’s Boden. Die Hauptstadt der 750.000 Einwohner-Republik Bhutan hält ihre Häuser im gleichen Stil wie die auf dem Land: wunderbare Holzschnitzereien am Dachgiebel, angenehme Pastellfarben und nicht mehr als fünf Stockwerke. Die große Mehrheit der Bhutanesen lebt aber von der Landwirtschaft und ist über kleinere Dörfer verstreut. In den offiziellen Statistiken zu Armut und Wirtschaftsstärke steht Bhutan noch immer ziemlich weit unten und hängt ökonomisch sehr stark von seinem gigantischen Nachbarn Indien ab. Touristisch bleibt es ein Juwel, weil die Regierung die Anzahl der jährlichen Visa beschränkt und sich diese teuer vergüten lässt. Dennoch haben sich in den letzten Jahren immer mehr Medien mit dem Land befasst. Bhutan wird im reichen, durchindustrialisierten Westen als Inspirationsquelle gehandelt – und zwar aufgrund seines Entwicklungsziels und dem damit verbundenen Indikator Bruttonationalglück

Bruttonationalglück als Staatsziel

In Bhutan
© Maja Göpel

Wir sind auf einer Studienreise von Wissenschaftlern und politischen wie wirtschaftlichen Akteuren mit der Frage, wie sich Glück nicht nur als Lebens-, sondern auch als Gesellschaftsziel etablieren lässt. Dass unser Wirtschafts-Wachstums-Wettbewerbs-Modell immer weniger ein positives Zukunftsbild hervorruft, legt nahe, sich nach Alternativen umzuschauen. Und auch in Ländern, in denen dringend materielles Wachstum zur Grundversorgung der Bevölkerung nötig ist, mehrt sich das Gefühl, dass das herkömmliche westliche Modell dafür nicht optimal ist. So hat das Gallup Institut z. B. für China eine massiv fallende Lebenszufriedenheit ermittelt – während das BIP pro Kopf dort um den Faktor 2,5 nach oben geschnellt ist.

Wenn Paradoxien so sichtbar werden, drängen Sinnfragen ins Zentrum: was sollte eine Gesellschaft und ihre Wirtschaft denn eigentlich liefern – und für wen? Und wie stellen wir sicher, dass dieses Eigentliche ins Zentrum der Krisenbewältigungsstrategien gelangt? Die USA waren da ursprünglich sehr präzise und haben 1776 in ihrer Unabhängigkeitserklärung „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ zum universellen Grundrecht erklärt. Dies zu schützen sei Aufgabe der Regierungsinstitutionen. Ähnlich verhält es sich mit Bhutan, nur dass die Regierung diesen Auftrag explizit gemacht hat. Statt anzunehmen, dass mehr materieller Reichtum den Rest gleich mitliefern wird, hat der vierte König von Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, 1972 erklärt, die Erfolgsmarke seines Regierungshandelns sei nicht die Steigerung des Bruttonationalprodukts (damals BNP, heute Bruttoinlandsprodukt BIP), sondern des Bruttonationalglück.  

Auch die staatsphilosophische Fundierung dafür kommt der in den USA nahe: 1729 war die gesetzliche Grundlage für die Vereinigung von Bhutan formuliert worden und in ihr hieß es bereits: „Wenn die Regierung nicht das Glück ihrer Bevölkerung sicherstellen kann, gibt es keinen Grund für ihre Existenz.“ Glück (dekidk) wird hier anders als im heutigen Westen nicht als individuelles Recht, sondern als multidimensionale, gesellschaftliche Größe verstanden: die Herstellung von Bedingungen, unter denen Menschen ihr Wohlergehen in nachhaltiger Weise verfolgen können und in diesem Prozess selbst Verantwortung für das Ganze und andere übernehmen.

Im Grunde ist es ein exzellentes Beispiel für eine Strategie der Nachhaltigen Entwicklung, dem politischen Leitziel, dem sich alle 193 Länder dieser Erde verschrieben haben. Zur Erinnerung: Eine Art von gesellschaftlicher Entwicklung, in der heutige Generationen ihre Bedürfnisse für gesunde und erfüllende Leben befriedigen, während die Grundlagen für gesunde und erfüllende Leben zukünftiger Generationen bewahrt werden. Dieses Ziel wird nach wie vor verfehlt, was vor allem daran liegt, dass zwar dem Leistungsindex des BIP-Wachstums mit aller Macht nachgejagt, aber nicht genug beachtet wird, dass in diesem Prozess die Menschen nicht mehr zufriedener werden, jedoch die Zerstörung von Natur und soziale wie ökonomische Ungerechtigkeit zunehmen. Kein gutes Glücksumfeld.

Vom kleinen Königreich zum Avantgardisten der Vereinten Nationen

Dorfleben in Bhutan
© Maja Göpel

Bei „glücklich sein“ denken wir meist an einen temporären individuellen Gefühlszustand. Müssen wir uns also die Bhutanesen als durchweg lächelnde Exoten vorstellen? Was macht Bhutan anders? Der Index für Bruttonationalglück (BNG) definiert die Grundlagen für gesundes und erfüllendes Leben heute und in Zukunft genau. Er umfasst vier Säulen: gute Regierungsführung, nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung, Erhalt und Förderung kultureller Werte sowie darüber hinaus der Umwelt. Zu Regierungsqualität gehört, dass Bhutan die Nachhaltigkeit nicht auf Nebenschauplätze verbannt, sondern fest in den Index gesellschaftlichen Fortschritts eingebaut hat und zur Grundlage von politischen Entscheidungen macht: in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und internationalen Wissenschaftlern ist ein langer Indikatoren- und Fragenkatalog entlang von neun Dimensionen erstellt worden. Die Bevölkerung wird nach ihrem psychischen Wohlbefinden wie subjektiver Lebenszufriedenheit, ihrer Gesundheit und Bildung befragt. Sie gibt den Interviewern Auskunft über ihre kulturelle Teilhabemöglichkeiten, ihre Zeitnutzung und wie sie die Regierungsführung und politische Mitbestimmungsmöglichkeiten beurteilt. Zu dem spielen die Bewertung des Gemeinschaftsgefüges, der ökologischen Diversität und Resilienz sowie des Lebensstandards (Einkommen, Vermögen, Wohnqualität) eine Rolle.

Diese Dimensionen sind den elf des kürzlich von der OECD zusammengestellten Better Life Index sehr ähnlich. Das Besondere in Bhutan (gegenüber ähnlichen Befragungen in Europa) ist jedoch, dass die dortige Regierung mit einer BNG-Kommission auf Grundlage der Befragungsergebnisse Politikpläne für die jeweils nächsten fünf Jahre verfasst, die besonders auf die Bedürfnisse der mit „nicht glücklich“ zu Buche geschlagenen Bevölkerungsgruppen eingehen. 

Kein Wunder also, dass Bhutan im Zuge der Vorbereitungen für den Weltnachhaltigkeitsgipfel Rio+20 in 2012 einen Auftrag bekam: im Juli 2011 wurde bei den Vereinten Nationen, unterstützt von 68 Ländern, die Resolution 65/309 mit dem Titel „Glück: Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Entwicklungsansatz“ verabschiedet. Im April 2012 fand dann unter Leitung von Bhutan ein Runder Tisch zum Thema „Ein Neues Ökonomisches Paradigma für Wohlergehen und Glück“ auf höchster politischer Ebene statt. Mit 800 Teilnehmern entstand ein unglaublicher Andrang für ein solches Sondierungstreffen, das unter anderem zur Einführung eines Internationalen Tag des Glücks führte, der am 20. März 2013 zum ersten Mal ausgerufen wurde. 

Seit die Erklärung des Rio+20-Gipfels ebenfalls die Empfehlung umfasst, Indikatoren „Jenseits des BIP“ für gesellschaftliche Entwicklung stark zu machen, ist Bhutan endgültig zum Mekka der Inspiration geworden.

Den Schlüssel zum gemeinsamen Wohl finden

Gebetsfahnen in Bhutan
© Maja Göpel

Unsere Studiengruppe ist also bei weitem nicht die einzige. Viele Teilnehmer berichten von ähnlichen Beobachtungen: eine unvoreingenommene Freundlichkeit und Wachheit der Menschen, trotz der Armut gibt es keine Slums und sogar die Straßenhunde scheinen entspannt. Was mich am meisten beeindruckt, ist die Bescheidenheit zur eigenen Rolle in der Welt und die Anerkennung, die Wertschätzung von Leistung und Meinung anderer: während wir tagtäglich dem Geschrei um die beste Lösung, den billigsten Preis, die feindlichste Übernahme und die Inkompetenz anders Denkender und Lebender ausgesetzt sind, lässt sich in Bhutan der Respekt vor Menschen und Natur förmlich anfassen. Schönstes Symbol mögen die bunten Gebetsfahnen sein: durch Windstöße und als Schatten werden die in ihnen gespeicherten guten Wünsche aus der Meditation auch auf Tiere und Natur übertragen. 

Mir scheint genau hier ein wichtiger Schlüssel zum Glück und zur erfolgreichen Krisenbewältigung zu liegen: einfach mal innehalten, das Gegebene wie die Mitwelt schätzen und verstehen lernen. Achtsam hinterfragen, was wir denn wirklich für ein gutes Leben brauchen, in gesellschaftlichen Dialogprozessen eruieren, wie ein Wirtschaftssystem dies nachhaltiger, gerechter und resilienter liefern könnte.

Dr. Maja Göpel ist Leiterin des Berliner Büros des Wuppertal Instituts. Die Reise nach Bhutan unternahm sie mit der GIZ Global Leadership Academy zu Beyond GDP im April 2013. Fotos: Maja Göpel

Literatur:

An Extensive Analysis of GNH Index von The Centre of Bhutan Studies.

Bericht zum Rio+20-Roundtable Ein Neues Ökonomisches Paradigma für Wohlergehen und Glück und dem darauf folgenden Expertenforum.

Die UN-Resolution 65/309 Glück: Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Entwicklungsansatz

Initiativen aus der Zivilgesellschaft dazu: dayofhappiness.net, www.worldhappyday.com, in Deutschland vor allem ministeriumfuerglueck.de

Wie sich Glück in seinen unterschiedlichen Formen erreichen lässt, lesen Sie in weiteren  Beiträgen zum Guten Leben im factory-Magazin Glück-Wunsch. Das ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen. Noch dazu enthält das PDF-Magazin sämtliche Online-Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.0 von 5. 1 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen







Mehr zum Thema «Glück-Wunsch»:

News:

  • drucken
 
© 2018 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften