• Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts. Bild: Denkwerk Zukunft

Dienstag, 11. März 2014

Suffizienzpolitik für mehr Nachhaltigkeit

Die politischen Rahmensetzungen für mehr nachhaltige Entwicklung wirken zu langsam, da sie weder Konsumenten noch Produzenten fordern wollen. Die Diskussion einer Politik des Genug könnte das Verständnis ändern, meint Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts. 

Suffizienzpolitik, schon mal gehört? Könnte das neue Ding in der Debatte um mehr Nachhaltigkeit werden. Schon mit letzterem Begriff kann eine Mehrheit der Menschen wenig anfangen und auch Experten stört seine Vieldeutigkeit. Seit einiger Zeit macht dagegen die Suffizienz als Idee die Runde. Erstmals verwendete den Begriff immerhin schon 1993 Wolfgang Sachs, Wissenschaftler am Wuppertal Institut. Er sprach von einer Suffizienzrevolution zur Beschränkung der Ziele. Im Grunde geht es um die heiklen Fragen, wieviel Ressourcenverbrauch können sich Gesellschaften leisten, welchen Wohlstand wollen wir und wie lassen sich genügsame Lebensstile dazu fördern.

Doch diese Diskussion wird medial begleitet von der Angst vor Veränderungen, vor dem Verlust von Bequemlichkeit. Notwendige Einschränkungen sind mit "Verzichtsethik" und "Ökodiktatur" sofort diskreditiert. Dass hinter einem suffizienten Leben aber durchaus das gute Leben stecken kann, dass es vor allem politisch diskutiert werden muss, fordern führende Köpfe der Nachhaltigkeitsforschung. Wie zum Beispiel Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, in seinem Standpunkt für das Denkwerk Zukunft:

Wir brauchen eine Politik der Suffizienz!

"Gutes Leben" ist auf den ersten Blick etwas, das uns nur ganz persönlich betrifft. Denn am Ende kann nur jeder für sich entscheiden, was ihr oder ihm besonders wichtig im Leben ist. Und zurecht reagieren wir sensibel, wenn wir diese Freiheit bedroht sehen. Der Ruf nach politischer Rahmung unserer individuellen Lebensgestaltung wird schnell als "Zwangsstaat" oder "Ökodiktatur" verteufelt. Doch ganz so einfach ist das Verhältnis von Individuum und Politik nicht.

Politik zielt darauf, das Zusammenleben von Menschen in einer allgemein verbindlichen Form zu regeln. Eine gute Politik sorgt dafür, dass die Entfaltung von individueller Lebensführung möglich wird, ohne die Lebensentwürfe anderer einzuschränken. Eine gute Politik schafft Möglichkeitsräume für gutes Leben. Wie schnell Möglichkeitsräume für die einen zur Beschränkung anderer werden können, zeigt die Verkehrspolitik: Autogerechte Innenstädte mit breit ausgebauten Straßen sind hilfreich für Autofahrer, in aller Regel aber behindernd für diejenigen, die sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß in der Stadt bewegen wollen. Politik muss hier einen Ausgleich schaffen. Gute Politik schafft die Grundlage dafür, dass sich eine möglichst große Zahl individueller Lebensentwürfe entfalten kann.  

Vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen brauchen wir eine Politik, die genügsame Lebensstile einfacher macht, eine Politik, die ein "Weniger", "Langsamer", "Näher" und "Persönlicher" erleichtert statt es zu erschweren. Darauf zielt die Idee einer "Suffizienzpolitik". Es wird Zeit, dass sie einen Platz in der politischen Debatte bekommt. 

Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Zusammen mit Angelika Zahrnt hat er kürzlich das Buch Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik veröffentlicht.
Für factory Trans-Form schrieb Schneidewind seinen Standpunkt Die transformative Kraft der Wissenschaft. Angelika Zahrnt setzte sich in factory Trennen für eine gemeinsame Behandlung des Themas Nachhaltigkeit ein. 



Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.0 von 5. 1 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

« Die drei Strategien für das gute Leben in der Postwachstumsgesellschaft
« News

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen






  • drucken
 
© 2018 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften