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    • Braunkohle Bagger in der Lausitz

      Bild: Isabell Zipfel, aus dem Beitrag Schwarzes Gold im factory-Magazin Sisyphos

    Mittwoch, 21. Oktober 2015

    Vattenfall-Braunkohle-Ende: Genossenschaft könnte Wind- und Solaranlagen auf den Tagebauflächen betreiben

    80 Prozent der Kohlevorräte müssen unangetastet bleiben, wenn das Zwei-Grad-Klimaziel erreicht werden soll. Vattenfall will jetzt die Braunkohle-Sparte an den Meistbietenden verkaufen. Greenpeace schlägt eine Energiegenossenschaft vor, damit der Tagebau wirklich beendet wird.

    Vier Fünftel der Kohlevorräte müssen unter der Erde bleiben, um die Treibhausgasemissionen wirksam zu reduzieren. Der Klimaforscher Ottmar Edenhofer hat es in seinem Beitrag Schuld und Schubumkehr erneut gefordert. Weil Braunkohle mehr CO2 erzeugt als jede andere fossile Energiequelle und kein Land der Welt mehr davon fördert, hat Deutschland besondere Verantwortung. Für den Klimaschutz müsste Deutschland bis zum Jahr 2030 aus der Braunkohle und bis 2040 komplett aus der Kohleverstromung aussteigen. Die Moralkritik und die mangelnden Gewinnaussichten sind inzwischen auch in der Konzernzentrale bei Vattenfall angekommen. Dort will man sich von der schmutzigen Sparte durch Verkauf trennen – und die tschechischen Energiekonzerne EPH und CEZ würden gern zuschlagen, weil dort die Braunkohletagebaue nicht mehr erweitert werden dürfen. Damit wäre für den Klimaschutz wenig gewonnen, denn die Konzerne sind schon jetzt als Verhinderer einer europäischen Energiewende bekannt.

    Die schwedischen Umweltschützer von Greenpeace Nordic haben deswegen gestern mit einem "Statement of Interest" ihr schon angekündigtes Interesse an der Übernahme der Braunkohlesparte von Vattenfall offiziell gemacht. Sie planen das Unternehmen in eine gemeinnützige Stiftung zu überführen. Deren Zweck ist der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis zum Jahr 2030 und der Umbau des Konzerns zu einem Erneuerbare-Energien-Unternehmen.

    Mit dem "Statement of Interest" legte Greenpeace Nordic auch eine Kalkulation für den Wert der Kohlesparte vor. Auf weniger als eine halbe Milliarde Euro berechnet das Institut Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace den Barwert (net present value) des Kohlegeschäfts bis zum Jahr 2030. Der "wahre Wert" liegt jedoch nach Greenpeace-Berechnungen noch deutlich darunter. Hohe Folgekosten des Kohleabbaus beispielsweise für die Renaturierung der Tagebaue und den Rückbau der Kraftwerke drücken den Preis auf einen negativen Betrag von mehr als zwei Milliarden Euro minus. Denn wie auch schon im factory-Beitrag Die unendliche Geschichte beschrieben, sind die Ewigkeitskosten der Braunkohle bisher weder vom Betreiber noch von der öffentlichen Hand gedeckt. Berücksichtigt man darüber hinaus die enormen sozialen und Umweltkosten errechnen sich finanzielle Verpflichtungen in Höhe eines zweistelligen Milliardenbetrags, die Vattenfalls Braunkohlesparte in der Lausitz der Gesellschaft verursacht. 

    Das Angebot von Vattenfall umfasst die Braunkohlekraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe (Brandenburg) sowie das Kraftwerk Boxberg und Block R des Kraftwerks Lippendorf (Sachsen). Diese Kraftwerke stoßen jährlich mehr CO2-Emissionen aus als ganz Schweden. Wer wissen will, welche außerirdischen Landschaften und Umweltbelastungen der Tagebau hinterlässt, dem sei die Fotoreportage von Isabell Zipfel im factory-Magazin Sisyphos empfohlen. Das Interesse an der Braunkohle scheint auch bei den anderen Konzernen gering: Neben Greenpeace Nordic haben offiziell nur die beiden tschechischen Energieunternehmen ihr Kaufinteresse signalisiert.

    Das in Berlin vorgestellte Konzept von Greenpeace sieht vor, zunächst eine von Bürgern, Kommunen und weiteren Akteuren getragene Stiftung zu schaffen. Unter dem Dach dieser Stiftung mit dem Namen "Beyond Lignite Foundation" sollen zwei getrennte Unternehmen entstehen: Eine Abwicklungsgesellschaft, die die Braunkohleförderung von Vattenfall nach und nach beendet - sowie eine als Genossenschaft organisierte Erneuerbare-Energien-Gesellschaft, die dort Wind- und Photovoltaik-Anlagen entwickelt, baut und betreibt. Wie gut derartige Energiegenosschenschaften funktionieren, schildert Christine Ax in ihrem Beitrag Genossen für Energie und Region im factory-Magazin Teilhabe.

    Der Ansatz der Genossenschaft könnte sein, Gewinne aus der Flächennutzung und der Ökostrom-Erzeugung zu nutzen, um die wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Verluste der Braunkohlesparte zu verringern, schlägt Greenpeace Energy-Chef Nils Müller vor. Gewinne aus der Nutzung der Erneuerbaren sollen größtenteils an die Mitglieder der zu gründenden Genossenschaft fließen, die Erlöse aus Pachteinnahmen fließen in die Abwicklungsgesellschaft.

    Dass auf Seiten der Bürgerenergie sowohl ausreichend Kapital als auch Investitionsbereitschaft vorhanden sind, zeigen Studien wie die der Universität Lüneburg aus dem Jahr 2013: Demnach haben Bürgerprojekte und Privatleute in nur einem Jahr mehr als fünf Milliarden Euro in Erneuerbare-Energie-Projekte investiert.

    Laut den Berechnungen von Greenpeace Energy kann zudem ein großer Teil der Arbeitsplätze in der Region erhalten werden. "Durch neu geschaffene Photovoltaik-Anlagen und Windenergieanlagen schaffen wir rechnerisch rund 1.000 bis 1.500 Vollzeitarbeitsplätze in der Region", sagt Nils Müller. Durch Produktion, Zuliefer- oder Serviceleistungen dürften bundesweit noch einmal einige tausend weiterer Arbeitsplätze geschaffen werden.



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