Wert und Werte

Waage mit Gewichten
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Das heute dominierende ist das ökonomische Werturteil, der Preis bestimmt den Wert. Die eigentliche Bedeutung von Werten liegt jedoch in ihrem Nutzen, in ihrer Qualität. Ein Wandel der Wertschätzung könnte die Wertvorstellungen ändern.

Von Joachim Spangenberg

Wert bezeichnet sprachgeschichtlich das, was wir wertschätzen, was uns wichtig ist. Der Duden spricht in seiner Etymologie beim Wert von der positiven Bedeutung, der Gewichtigkeit, der besonderen Qualität. Heute ist meist der Preis einer Sache gemeint, wenn von ihrem Wert die Rede ist. Interessant ist die Geschichte hinter diesem Wertewandel, und wie er zu bewerten ist.

Wer vom ‚Wert‘ im Singular spricht, sucht einen Wert, der quantifizierbar und damit aufaddierbar ist, zwischen verschiedenen Gütern und Menschen vergleichbar, also möglichst unabhängig von subjektiver Wertschätzung und in diesem Sinne objektiv ist. Das bietet der Geldwert: Preise werden qua definitionem vom Markt bestimmt, sind personenunabhängig und dienen dazu, den Wert von Gütern vergleichbar zu machen: Wir tauschen Dinge gleichen Geldwerts (seltener) direkt gegeneinander, oder (häufiger) indirekt durch Bezahlung, also durch das Geldsystem. Die klassischen Ökonomen (Smith, Marx, Ricardo) nannten das den Tauschwert.

Sie kannten aber auch den Brauchwert. Der besagt, wie wichtig etwas für den Nutzer oder Besitzer ist, also die subjektive Wertschätzung bezeichnet. Ein Marktprozess ergibt sich demnach immer dann, wenn der Brauchwert für den Besitzer eines Gutes geringer ist als der Tauschwert (bzw. der imaginierte Brauchwert eines mit dem Erlös zu erwerbenden anderen Gutes): dann verkauft man. Am Ende hat jeder – entsprechend der eigenen Kaufkraft – die Güter, die er am höchsten schätzt. Ist die Wertschätzung dagegen von vornherein sehr hoch, so gibt es gegebenenfalls niemanden, der soviel bietet, dass es zu einer Transaktion käme: Angebot und Nachfrage treffen sich nicht, es gibt keinen Tauschwert. Betrachten Eigentümer Güter als unverzichtbar und sind keinesfalls bereit sie zu veräußern, so gibt es a priori keinen Austausch damit keinen Tauschwert (Preis). Die Abwesenheit eines Preises besagt also nicht, dass etwas wertlos wäre – es kann im Gegenteil so wertvoll sein, dass ein Verkauf nicht in Frage steht und sich daher kein Marktpreis bildet.

Den Wert bestimmt nicht der Preis

Auch heute wird kein verständiger (auch neoklassischer) Ökonom bestreiten, dass es weitere als die in Geld ausdrückbaren Werte gibt. Das sind der intrinsische Wert fühlender Wesen, der unabhängig von jedem Nutzen gilt und der keinen Preis hat, oder (weniger allgemein anerkannt) der inhärente Wert von Objekten, die einmalig und nicht ersetzbar sind: Die Mona Lisa hat unabhängig von jedem Preis einen inhärenten, nicht in Geld ausdrückbaren Wert; eine bedrohte Vogelart ist wertvoll, hat aber keinen Marktpreis. Nach Kant haben solche Objekte infolge ihrer Unersetzbarkeit keinen Preis, sondern eine Würde. Preise bewerten dagegen unterschiedliche aber austauschbare und ersetzbare Güter bezüglich ihres instrumentellen Werts. Dennoch wird in der ökonomischen Wissenschaft – und zunehmend auch in Politik und Gesellschaft – der Geldwert als der dominierende, wenn nicht gar als der einzige Wert ins Kalkül gezogen.

Ein Beispiel für diese Ökonomisierung des Denkens ist die zunehmende Bewertung der Natur, von Ökosystemen und ihren Leistungen in Geldeinheiten. Werttheoretisch handelt es sich hierbei um einen Kategorie-Fehler: inhärente Werte (‚Würde‘) werden mit instrumentellen Werten verwechselt – nur letztere haben einen Geldwert. Das häufig benutzte Argument, ein – auch fragwürdiger – Geldwert sei immer besser als ein Preis von ‚Null‘ illustriert das: Es setzt die Nichtexistenz eines Preises gleich mit der Existenz eines Preises von ‚Null‘ und fordert einen anderen Preis statt anderer, nicht ausschließlich auf monetäre Werte fixierter Entscheidungskriterien (z. B. in Kosten-Nutzen-Analysen).

Woher kommt diese Engführung? Die frühesten Ökonomen, die Physiokraten des 18. Jahrhunderts, reagierten auf die Krise der Agrargesellschaft zu Zeiten Ludwigs XIV; sie beschrieben den Boden (heute würde man sagen: die Umwelt) als die Quelle allen Reichtums. In der frühen Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts mit ihrer Massenproduktion und den riesigen Arbeitskräfte­heeren war weitgehend unstrittig, dass die menschliche Arbeit die Quelle aller ökonomischen Werte sei, auch wenn Smith, Marx oder Malthus die notwendigen Beiträge von Natur und Umwelt erwähnten. Zur Gründerzeit dominierte die Neoklassik, die die Wirtschaft im Wesentlichen als Austauschsystem beschreibt – der Handel wuchs und die Globalisierung war 1900 stärker als 100 Jahre später. Ein Eigenwert der Dinge war nicht mehr von Interesse, es zählte der Tauschwert, der Markt- und Handelspreis. Arbeit und (zunehmend wichtiger) Kapital waren die Produktionsfaktoren, die Werte schafften.

Wertkrisen und Krisenwerte

Die Weltwirtschaftskrise unterbrach die Hegemonie der Neoklassik in den Wirtschaftswissenschaften; von den 1930er bis in die späten 1970er Jahre dominierte der Keynesianismus, der nicht auf den Austausch auf der Mikroebene, sondern auf die Regulation des komplexen Systems einer Volkswirtschaft fokussierte. Nach dem Versagen eines politischen Vulgärkeynesianismus in der Krise der 1970 Jahre gewann die angebotsorientierte, auf die Mikroebene des Austauschs fixierte Sicht der Neoklassik erneut die Oberhand: Handelsfreiheit wurde zum Dogma, Märkte dürfen nicht (z. B. durch politische Eingriffe oder Tarifverträge) gestört werden, damit sie die ‚objektiv richtigen‘ Preise bilden, die Werte der Konsumenten (ihre Präferenzen) abbilden, optimale Lösungen hervorbringen und so die Wohlfahrt maximieren. Die sich mit der Globalisierung entwickelnde Dominanz des Finanzsektors änderte an der Weltsicht nur wenig, die „Marktgesetze“ wurden auf die Finanzmärkte übertragen und diese dereguliert (obwohl schon Adam Smith den Finanzsektor von seiner Forderung nach Deregulierung ausgenommen hatte). 

Das Weltbild blieb einfach und monetär, die Wirtschaft wurde als Austausch und Geldkreislauf verstanden: Firmen zahlen Löhne im Tausch gegen Arbeitskraft, Konsumenten kaufen damit Waren im Tausch gegen Geld, der Brauchwert spielt keine Rolle. Ressourcen sind einfach vorhanden, Abfälle verschwinden ungesehen (was bis in die 1960er Jahre dem Stand der Abfallwirtschaft entsprach). Als sich die Natur bemerkbar machte und sich nicht diesen Annahmen gemäß verhielt, als die Beschaffung und Entsorgung von Material ein wesentlicher Kostenfaktor wurde (im produzierenden Gewerbe gibt eine Firma heute durchschnittlich doppelt so viel für Material wie für Löhne und Gehälter aus, aber nur rund zwei Prozent für Energie), schlug die Stunde der Umwelt- und Ressourcenökonomen.

Kostenrelevante Umweltaspekte wurden in das monetär geprägte Weltbild integriert: Ressourcen haben einen Preis, die Natur einen Geldwert (soweit sie als Produktionsfaktor relevant ist). Umweltbelastungen signalisieren ein Marktversagen: Weil der Verursacher nicht für die Schäden zahlen muss, liefert der Markt nicht – wie sonst gesetzmäßig – ein optimales Ergebnis. Die Lösung ist dann klar: Die externalisierten, also nicht vom Verursacher getragenen Kosten, müssen internalisiert, also dem Verursacher in Rechnung gestellt werden; das ist das Verursacherprinzip in seiner angelsächsischen, auf Geldwerte reduzierten Fassung, das ‚polluter pays principle‘. Dann ‚sagen die Preise die ökologische Wahrheit‘ und der Markt funktioniert wieder optimal. Dazu ist es nicht notwendig, dass die Ausgleichszahlungen den Geschädigten zugute kommen. 

Allerdings ist diese Theorie – verbunden mit Namen wie Pigou und Coarse – für die Korrektur geringfügiger Zielverfehlungen entworfen. Ökologische und soziale Belastungen sind aber, wie schon Karl William Kapp in den 1950er Jahren zeigte, kein vermeidbarer Nebeneffekt, sondern ein Funktionsprinzip unserer Marktwirtschaften: Externalisierung ist nicht Marktversagen, sondern Unternehmenserfolg.

Der Stellenwert der Wertstellung

Hinter der Bewertung der Umwelt als Geldwert steht also der Glaube an den Markt und seine Fähigkeit, optimale Lösungen zu liefern – dafür muss die Umwelt einen Marktpreis haben, also einen Tauschwert, und muss dazu zum Handelsgut werden (man nennt das Kommodifizierung). Dabei wird verkannt, dass das ökonomische Optimum nicht sozial oder ökologisch optimal sein muss, ja nicht optimal sein kann, weil es alle Werte vernachlässigt, die sich nicht in Preisen ausdrücken lassen. So kann unter Umständen die Ausrottung einer Art die ökonomisch optimale Option sein – sie muss sich nur lohnen, und die Art darf keinen allzu hohen Marktwert haben.

Statt sich auf den Markt als Lösungsinstanz zu verlassen, wäre es notwendig, die von ihm bereitgestellten Informationen als einen Faktor neben anderen zu nehmen, der bei Entscheidungen eine Rolle spielen kann, aber nicht muss, und dessen Stellenwert in einen sozialen oder politischen Abwägungsprozess zu bewerten ist. Märkte sind Institutionen zur Verteilung von Gütern, zur Koordination von Kaufentscheidungen und zur Sammlung von Informationen, aber keine legitimen und schon gar keine optimalen Entscheidungsgremien.

Fazit: Wir sollten die Funktion von Märkten und die Aussagekraft von Preisen weder über- noch unterbewerten und in Entscheidungen den Stellenwert von intrinsischen und inhärenten Werten (die ‚Würde‘ der Dinge) berücksichtigen, die nicht in Geld gemessen werden können. Es trotzdem zu versuchen, ist eine Form der ‚Suboptimierung‘. Es ist ein Versuch, etwas so gut wie irgend möglich zu machen, das gar nicht getan werden sollte. Kommodifizierung beruht auf einem Denkfehler, ihr Ergebnis ist im besten Fall eine schwache Hilfe auf tönernen Füßen, und im schlechtesten ein Desaster für Mensch und Umwelt.

Dr. Joachim Spangenberg ist Biologe, Sozialwissenschaftler und Volkswirt. Er ist Vizepräsident des Sustainable Europe Research Institute (SERI) und arbeitet an Kriterien, Indikatoren und Szenarien von Integrierter und sozio-ökonomischer Nachhaltigkeit.

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