Die Kunst, sich selbst zu schätzen

Ein hübscher weißer Pudel schaut sich im Spiegel an.
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Unser Selbstwertgefühl bestimmt unsere Lebensfreude, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, beruflich wie privat. Mit einem gesunden Narzissmus sind wir kreativ, selbstbewusst und widerstandsfähig gegen Ängste, Leistungssucht und Kaufrausch. Die Selbstwertanalyse ist deswegen auch ein Schritt in eine andere Gesellschaft.

Von Heinz-Peter Röhr

Das Selbstwertgefühl entwickelt sich maßgeblich während der ersten sechs Lebensjahre. Darüber besteht überwiegende Einigkeit in der Wissenschaft. In dieser Zeit werden die Weichen gestellt, die lebenslänglich von Bedeutung sind. Doch wie sehr frühe Erfahrungen das Leben bestimmen, ist den meisten Menschen gar nicht bewusst.

Das Selbstwertgefühl ist etwas, das man immer bei sich trägt, das ständig präsent ist, bei Tag und bei Nacht, das die Stimmung maßgeblich beeinflusst, die Lebensfreude bestimmt, über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, also in besonderer Weise für unser Lebensglück verantwortlich ist. Und weil wir soziale Wesen sind, ist unser Glück auch entscheidend für das anderer Menschen.

Falsche Ansichten für richtiges Leben

Wir glauben, viel für unser Selbstwertgefühl zu tun, wenn wir uns Mühe geben, gute Leistungen erbringen, erfolgreich sind, uns um unser Äußeres kümmern, etwa durch Schminken oder schöne Kleidung. Dabei bleibt das Selbstwertgefühl von solchen Aktionen letztlich wenig beeindruckt. Gerade extreme Anstrengungen sind eventuell schädlich, da sie das Gegenteil von dem bewirken können, was wir erreichen wollen. Zudem suggeriert die Leistungs- und Konsumgesellschaft hier falsche Lösungen: Wer viel hat, ist glücklich; wer wenig hat, muss unglücklich sein. Wer eine hohe Position bekleidet, ist wertvoll; wer arbeitslos ist, wertlos. Diese Klischees sind oft tief in unserem Denken verankert. Wie sehr Erfolg, Reichtum, Macht usw. vielfach nur „Beruhigungsmittel“ sind, wird nicht verstanden.

Ein rot-weißer Fuchs-ähnlicher Kleinhund schaut sich im Spiegel an.
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So ist zum Beispiel die Sucht nach Anerkennung ein Hinweis auf ein gestörtes Selbstwertgefühl. In einer Leistungsgesellschaft sind es Erfolg, Karriere und Wohlstand, die zu einem starken Selbstwertgefühl verhelfen sollen. Dabei haben australische Forscher nachgewiesen, dass ein Karrieresprung nicht glücklicher macht. Die Freude über die Beförderung währt in der Regel nicht sehr lange. Auch wenn das Einkommen gestiegen ist und die bessere Position gesellschaftliche Anerkennung bedeutet, wird dies mit einem Mehr an Stress, verstärktem Arbeitseinsatz, etwa durch Überstunden usw., bezahlt. Wer sich der Karriere opfert, keine Zeit mehr für sich und seine Familie hat, verliert meist viel mehr, als er gewinnt.

Aber wie kann man effektiv an seinem Selbstwertgefühl arbeiten? Sind wir unserem Schicksal ausgeliefert oder gibt es wirksame Lösungen? Mit Hilfe der Selbstwertanalyse lassen sich die inneren negativen Programme, die unser Selbstwertgefühl untergraben, verstehen. Weiterhin wird deutlich, welche neuen Programme zu einer positiven Veränderung führen. So wird es möglich, die Wahrnehmungsperspektive zu erweitern und eine neue Vision für das eigene Leben zu entwickeln und umzusetzen.

Die meisten seelischen Krankheiten sind Folge eines gestörten Selbstwertgefühls. Dazu gehören Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Für Menschen, die Mobbingopfer werden oder ein Burnout erleben, ist es ebenfalls hilfreich und effektiv, sich mit der Selbstwertanalyse zu beschäftigen, um so neue Perspektiven zu erkennen und in den Alltag zu integrieren.

Geheime Programme erkennen, neue installieren

Das Selbstwertgefühl wird von inneren Programmen bestimmt, die früh erworben wurden. Menschen sind natürlich keine Computer, aber jeder funktioniert nach bestimmten Mustern, die ihn begleiten, die wie auf einer Festplatte programmiert wurden und sozusagen zu seinem Betriebssystem gehören. Mit Hilfe der Selbstwertanalyse werden schädliche Programme aufgespürt, die sogenannten „geheimen Programme“, damit sie bearbeitet werden können. 

Viele Menschen sind sich dieser „Schädlinge“ nicht bewusst und versuchen, sie mit den falschen Mitteln, „Gegenprogrammen“ wie Leistung, Perfektionismus oder Anpassung, zu beseitigen. Mit Hilfe der Selbstwertanalyse werden „neue Programme“ gefunden, die zu einem unabhängigeren und glücklichen Leben führen.

Neue Programme sind diejenigen Programme, die Menschen mit einem starken Selbstwertgefühl ganz selbstverständlich in sich tragen. Die Lösung ist einfacher als geglaubt, wenn das System der Selbstwertanalyse verstanden wurde: Aus Ich bin nicht willkommen wird Ich bin willkommen; aus Ich genüge nicht wird Ich genüge immer oder Ich genüge mir immer. Aus Ich bin nicht satt geworden wird In mir ist alles, was ich brauche. Die neuen Programme sind die Umkehrung ins Positive. Das Problem ist jedoch, dass geheime Programme fest in seiner Persönlichkeit verankert sind und so glaubt er zunächst, zu nichts anderem in der Lage zu sein.

Die moderne Hirnforschung hat in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte gemacht. Sogenannte bild­gebende Verfahren machen es möglich, die Prozesse im Gehirn genau zu beobachten. Zum Erstaunen der Wissenschaftler konnten sie feststellen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt, das bedeutet: Jeder kann sich verbessern und neue Programme im Hier und Jetzt installieren. Das Gehirn bleibt außerdem lernfähig, daher ist jeglicher Optimismus berechtigt.

Zufriedenheit kollektiv lernen

Eine kleine getigert-gemusterte Katze schaut sich im Spiegel an.
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Wer die Methode der Selbstwertanalyse verstanden hat, wird auch bei anderen die geheimen Programme im Alltag erkennen: etwa wenn jemand um Anerkennung kämpft, wenn Neid und Eifersucht überdeutlich sind, wenn jemand dafür sorgt, dass er abgelehnt wird. Er wird die verschiedenen Gegenprogramme identifizieren oder weiß sie zumindest ungefähr einzuordnen.

Wer sich mit seinen geheimen Programmen beschäftigt hat, entwickelt ein wesentlich größeres Verständnis für sich selbst und für andere. Er versteht ein klein wenig besser, wie Menschen in dieser Welt „funktionieren“.

Heinz-Peter Röhr war über dreißig Jahre an der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittel psychotherapeutisch tätig. Sein Beitrag ist ein leicht veränderter Auszug aus: Heinz-Peter Röhr, Die Kunst, sich wertzuschätzen ©- Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2013, www.verlagsgruppe-patmos.de

Wenn die richtige Selbstbewertung auch zum nachhaltigen, also ressourcenschonenden Lebensstil führt, klappt es auch mit der richtigen Wertschätzung von Dingen und Dienstleistungen. Mehr dazu können Sie hier im Themenbereich oder schön ausführlich und zusammenhängend im factory-Magazin Wert-Schätzung lesen. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist fein illustriert und besser lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

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Kommentare

09. November 2016 um 16:11 Uhr | Rudi Piwko

Aus meiner Sicht ein extrem wertvoller aber auch mühsamer Zugang zu vielen ökonomisch Unsinnigen Aktivitäten. Spannend ist auch, dass es das auch auf der Ebene der Organisationen geben kann - also Minderwertigkeitsgefühle einer Organisation führen zu "merkwürdigen Aktionen", die man bei guten Organisations-Selbstwertgefühl so nicht freiwillig täte.
Rudi Piwko socius Organisationsberatung gemeinnützige GmbH


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