Bares für Wertvolles

Pfandleiher prüft mit Lupe Wert von Schmuckstück
© Simon Wiggen

Es zählt nur der Wert. Ihn zu schätzen, ist eine Wissenschaft für sich. Die Branche der Pfandleiher ist eine der ältesten der Welt und profitiert in diesen Tagen von der Euro-Krise und Währungsunsicherheiten.

Von Simon Wiggen (Text und Fotos)

Ein kleiner Einschluss, ein feiner Riss oder ein unsauberer Schliff – schon verliert ein Diamant an Wert im vierstelligen Euro-Betrag. Khalid Malik von der Deutschen Pfandkredit AG  schaut genau hin, wenn er für tauschwillige Kunden den Wert von Uhren, Schmuck und Gold schätzt. Dafür nimmt er nicht nur die Oberfläche in Augenschein, sondern steigt mit Indikator-Säuren, Feinmechaniker-Werkzeug und Röntgenstrahlen tief in das Innenleben von Rolex, Breitling und Co. ein. Von seinem Urteil hängen Lebensentwürfe und Geschäftsideen ab. Karrieren, Insolvenzen und Träume ebenfalls.

Mit einem Leihhaus im klassischen Sinne hat der Sitz der Deutschen Pfandkredit AG in einem geschichtsträchtigen Essener Handelsbau nicht mehr viel zu tun. Das Ambiente liegt irgendwo zwischen Bank und Juwelier; hinter der Glastür verschwindet der Lärm und Stress der Einkaufsstadt. In Vitrinen glitzern Ringe, Ketten, Colliers und Armreife um die Wette – wie selbstverständlich aus Gold, Platin oder Palladium, verziert mit Diamanten und Brillianten. Die Wände schmücken großformatige Poster von edlen Uhren im Preissegment von Mittelklasse-Limousinen. Durch die Glasscheiben zweier Schalter können Kunden mit Khalid Malik sprechen und ihr wertvolles Tauschgut zur Begutachtung in die schwarze Schublade legen.

Wert und Wahrheit

Pfandleiher Malik mit Tablet mit Schmuck
© Simon Wiggen

Der 38-jährige Kaufmann für Uhren, Schmuck und Juwelen verschwindet dann in den Geschäftsräumen hinter dem Schalter, klappt seine Lupe am Brillengestell herunter und überprüft anhand verschiedener Merkmale eine Uhr auf ihre Echtheit. Die Referenznummer und die individuelle Uhrnummer auf dem Gehäuse (beide nur Bruchteile eines Millimeters groß), die Kaliber-Nummer im Inneren des Uhrwerks sowie die Kombination aus Uhrglas, Modell und Armband sind nur einige Bestandteile einer professionellen Wertschätzung. „Mit ein paar Jahren Erfahrung weiß man schnell, ob eine Rolex eine Rolex ist oder eine gute Fälschung“, sagt Malik, der seit über 20 Jahren im Geschäft ist. Neben der optischen Prüfung wird auch der Feingehalt von Gold mit einer Säure ermittelt, die auf eine winzige Probe des Materials aufgetragen wird. Manche Gegenstände werden mittels Röntgenstrahlen auf Echtheit getestet, Diamanten auch mit elektronischen Wärmeleit-Prüfern.

Die Beleihung ist für beide Seiten mit Stress verbunden: Der Betreiber muss schnell ein Schmuckstück bewerten, der Kunde eine Entscheidung treffen. Noch immer haben Leihhäuser einen schlechten Ruf, sagt Dr. Achim ­Illner, Chef der Deutsche Pfandkredit AG. Er selbst muss sich im Bekanntenkreis immer wieder rechtfertigen für seinen Einstieg in das Pfandwesen. Früher sei man den Preisen des oft einzigen Leihhauses in der Stadt als Kunde ausgeliefert gewesen. „Von diesem Image wollen wir weg.“ Das „seriöse und angenehme Interieur“ des Essener Geschäfts zeige diesen Wandel, sagt der Start-Up-Gründer Illner, der mit dem Computer-Spiel Moorhuhnjagd an die Börse ging.

Pfandleihhäuser profitieren in Deutschland zur Zeit von der Euro-Krise, strengeren Banken-Auflagen und Währungsunsicherheiten. Das Jahr 2011 war mit einem Umsatz von 580 Millionen Euro das erfolgreichste in der 50-jährigen Geschichte des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes. Mehr als eine Million Deutsche nutzen laut Branchenverband den Pfandkredit zur Überbrückung von Engpässen. Tendenz steigend. Erfahrungsgemäß werden neun von zehn Kunden, die schnell an flüssiges Geld kommen müssen, zu Stammkunden im Leihhaus. Darunter auch Ärzte, Handwerker, Selbstständige, frisch Geschiedene.

„Unsere Branche punktet durch die Unkompliziertheit bei der Vergabe eines Kredits“, sagt Illner. „Wir fragen nicht nach Schufa-Eintragungen oder Kreditwürdigkeit. Für uns zählt einzig der Wert des Gegenstandes. In der Regel können wir unseren Kunden innerhalb weniger Minuten mit Geld aushelfen. Das macht uns keine Bank nach!“ 

Die Gebühren, also die veranschlagten Zinsen, sind mit 1 Prozent pro Monat zwar vergleichsweise hoch, haben sich seit 1961 jedoch nicht mehr geändert. Neunzig Prozent der beliehenen Gegenstände werden nach ca. drei Monaten wieder ausgelöst. Alle anderen werden auf öffentlichen Auktionen versteigert.

Wertverschiebung im Alter

Beliehen werden heute immer mehr Luxusgüter wie Uhren, Schmuck und Edelsteine. Früher spielten auch Autos eine größere Rolle und viele kleine Gegenstände, die nur wenige Euro als Kredit brachten. „Unsere Kunden können sich vor allem von älteren Gegenständen trennen“, sagt Khaled Malik. „Niemand trennt sich leicht von einem modernen Ring oder einem aktuellen Uhrenmodell. Auch wenn er es nach drei Monaten wieder einlöst. Von einem Schmuckstück, das seit Jahren im Tresor liegt, schon eher.“ Genau das macht die Arbeit der Sachverständigen schwieriger. Neben Gebrauchsspuren spielen mit steigendem Alter auch Sammler- und Materialwert eine größere Rolle, der ursprüngliche Verkaufspreis eine immer geringere. Dann ist die Expertise des 38-Jährigen gefragt.

Für Malik ist das ein Traumberuf, seit er als 15-jähriger Schüler ein Praktikum beim Juwelier gemacht hat. „Ich habe jeden Tag mit schönen, wertvollen Gegenständen zu tun. Wer kann das schon von sich behaupten?“, schwärmt der heute 38-Jährige, während er mit den Fingern über ein Uhrenarmband aus Echtgold streichelt. Um seinen Job muss er sich keine Sorgen machen: Gute Sachverständige werden gesucht und sein Chef Dr. Achim Illner hat im Mai mit www.ipfand.de das erste Online-Pfandhaus gegründet. „Wir sind nicht die erste Branche, die die Anonymität im Internet nutzt. Nicht jeder will gesehen werden, wenn er ins Pfandhaus geht.“ Auch wenn es noch so edel erscheint.

Pfandleiher prüft Schmuck mit Lupe
© Simon Wiggen

Simon Wiggen ist Online-Redakteur in der Pressestelle des Bistums Essen. Im factory-Magazin Selbermachen schrieb er über die Start- und Durchsetzungsbedingungen von unternehmerischen Selbermachern.

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