Die tröstliche Schönheit des Scheiterns

Zusammen geknüllte Papierknäuel mit lachendem Gesicht
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In Sachen Nachhaltige Entwicklung können nicht alle Blütenträume reifen. Das darf aber nicht frustrieren, sondern muss ermuntern. Zur Ästhetik und Notwendigkeit des Scheiterns.

Von Bernd Draser

Wir befinden uns im Jahre 16 nach der Bundestags-Enquete-Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt, im Jahre 22 nach Rio und der Agenda 21, im Jahre 27 nach dem Brundtland-Bericht, im Jahre 34 der Energiewende-Debatte in Deutschland, im Jahre 42 nach der Grenzen-des Wachstums-Studie, im Jahre 148 des Begriffs Ökologie und bereits im Jahre 301 des Begriffs Nachhaltigkeit. Ganz Deutschland führt das beliebte, aber semantisch ach! so leere Wort im Mund — allen voran die Verantwortung Tragenden. Das klingt nach berechtigter Euphorie.

Bei Menschen aber, die sich seit Jahrzehnten für den Schutz von Ressourcen, Klima und die Förderung nachhaltiger Entwicklungen einsetzen, macht sich Ernüchterung breit, weil trotz des mächtig angeschwollenen Diskurses die wünschenswerten Dinge sich nicht so recht einstellen wollen; allerorten stockt es, fragmentieren sich Entwicklungen, retardieren Unvorhersehbarkeiten hoffnungsvolle Prozesse, formieren sich unerwartete Widerstände von unverhoffter Seite, die frustrieren. Grund genug, einen philosophischen Trost zu versuchen, ausgehend von zwei Mahnungen.

Erste Mahnung: Nachhaltige Entwicklung ist keine Heilsgeschichte

Einige Engagierte in Sachen Nachhaltigkeit denken nach wie vor im Muster von Mahnung und Umkehr, Buße und Errettung. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn in nicht nur einer Hinsicht führt der Nachhaltigkeitsdiskurs theologische Motive fort. Es ist aber der Sache nicht dienlich, mit Schuld und Sühne zu argumentieren, wenn man nicht nur recht behalten, sondern vor allem nachhaltige Lebensstile möglichst vielen Menschen schmackhaft vermitteln will. Der moralische Zeigefinger ist eine denkbar unwillkommene Motivation, vielmehr provoziert er Widerwillen.

Besonders riskant sind alarmistische Krisen- und Katastrophenerzählungen, deren baldige Erfüllung ausbleibt und für Häme bei denen sorgt, die ohnehin nicht daran glaubten. Schlimmer aber ist der Verlust an Glaubwürdigkeit bei denen, die bereit waren, ihr Leben zu ändern. Ein gut belegter Präzedenzfall, dem man viel ablernen kann, ist die frühchristliche Endzeiterwartung, als die Anhänger alle Ereignisse ihrer Zeit als Zeichen der unmittelbar bevorstehenden Wiederkehr Christi deuteten. Die Parusie blieb aber aus, und die Briefe des Apostels Paulus sind in weiten Zügen eine fast Mitleid erregende Anstrengung, dieses Ausbleiben zu rechtfertigen. Daraus wird später eine Ermutigung abzuleiten sein. 

Nach der Fukushima-Katastrophe ließ sich unter einigen Atomkraftkritikern eine gewisse Genugtuung wahrnehmen, dass nun doch endlich die oft beschworene Bedrohung sich erfüllt hatte, sogar einigen Politikern rutschten zynische Bemerkungen heraus. Denen erging es also besser als dem wenig sympathischen alttestamentlichen Propheten Jona, der den Bewohnern der Stadt Ninive Umkehr oder Untergang predigte. Er musste enttäuscht feststellen, dass sie wirklich auf ihn hörten und geriet mit Gott in Streit darüber, dass der erhoffte spektakuläre Untergang ausblieb. 

Es ist fast zu trivial, um es auszusprechen, aber wer eine nachhaltige Entwicklung will, der will ja gerade das Ausbleiben von Katastrophen, der will die Perspektive auf ein mögliches gutes Leben eröffnen, ein realistisches, ein machbares, ein nahes gutes Leben, aber keine postapokalyptische Hoffnung, die zunächst den Untergang voraussetzt. Nachhaltige Entwicklung bietet keine Sensationen, sondern arbeitet daran, sie zu vermeiden. Unsere Kommunikation muss also bescheidener, milder, freudvoller und vor allem: verführerischer werden!

Zweite Mahnung: Nachhaltiges Agieren ist essayistisch, nicht instrumentell

Nachhaltiges Handeln bedeutet Handeln in Zyklen, in konsistenten, also natürlichen Kreisläufen; die Kreisläufe der Natur sind aber für uns überkomplex und lassen sich nicht ohne weiteres technisch-industriell nachbilden, was wenig überraschen kann, wenn man sich die ungeheure zeitliche Dimension der Evolution vor Augen hält. Teil dieser Zyklen ist auch das Scheitern, das Nichtgelingen; es muss sogar gesagt werden: Zyklisches Denken hat eine Ästhetik des Scheiterns. Und so kann ein Künstler vermutlich Wesentlicheres zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen als ein Prozesschemiker.
In vielfacher Hinsicht ist aber der Nachhaltigkeitsdiskurs immer noch linear und instrumentell geprägt. Man spricht mechanistisch von „Stellschrauben“, „Maßnahmen“, „Instrumenten“ und „Strategien“. Da klingt eine Hybris der Machbarkeit durch, wie sie Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung herausarbeiteten. Wenn die nachhaltige Vernunft aber eine instrumentelle ist, dann muss ihr das zyklische Denken und Agieren wesensfremd bleiben, sie wird immer wieder den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben versuchen. 

Wer für eine nachhaltige Entwicklung den allein selig machenden Masterplan entwirft, philosophisch gesprochen, die „Große Erzählung“, kultiviert im Denken jene Monokultur, die er der Landwirtschaft austreiben will. Aber erst wenn dem Nachdenken über Nachhaltigkeit die Monokultur ausgetrieben wird, kann das Scheitern einzelner Versuche, Projekte, Experimente und Insellösungen insgesamt produktiv werden. Anders gesagt: Die Akteure der Nachhaltigkeit müssen ihr Denken vom Strategischen zum Essayistischen umdenken, vom Totalen zum Vorläufigen. Die Textsorte der Nachhaltigkeit muss der Essay sein, nicht die Gebrauchsanweisung – und schon gar nicht die Apokalypse.

Täuschen wir uns nicht! Ein Trostversuch.

Das lateinische Wort „frustratio“ hat einen aktiveren Sinn als der passive deutsche „Frust“, der das Vergebliche der Anstrengung meint. Im Lateinischen klingt die aktive „Täuschung“ stärker mit als die passive „Enttäuschung“. Der Frustrierte ist der „Irregeführte“, der „Gefoppte“ vor allem in der Komödie. Je wichtiger und ernster wir uns selbst nehmen, desto sicherer werden wir zu unfreiwillig komischen Figuren. Das lässt sich vermeiden; blicken wir dazu auf die frühen Christen mit ihrer Endzeiterwartung zurück. Sie waren unfreiwillig komisch, als der Heiland nicht kam. Aber sie begannen, sich mit der Realität zu befreunden, sich im Diesseits einzurichten und für die Welt, in der sie lebten, Verantwortung zu übernehmen. Sie institutionalisierten sich in Rom, sie intellektualisierten sich in Athen, sie adaptierten die Traditionen und Kulturen ihrer Zeit und prägten sie um in ihrem Sinne, und das auf eine beachtliche Dauer – nachhaltig im wörtlichen Sinne. 

Eine solche Transformation unserer Kultur und Denkweise steht der Nachhaltigkeit noch bevor; das wird Anstrengungen kosten, das wird vielfaches Scheitern mit sich bringen, aber es stimmt hoffnungsvoll, weil es möglich ist. Und möglich wird es, wenn wir ein Scheitern nicht als einen Rückschlag betrachten, sondern als ein Experiment, das erfolgreich gezeigt hat, was eine Sackgasse ist. Unsere Wissenschaft sollte eine, mit Nietzsche gesprochen, Fröhliche Wissenschaft werden, eine, die nicht eine große Erzählung in die Wirklichkeit hineinprügeln will, sondern eine, die den Versuch, den Essay pflegt. 

Der Grundton des Essays ist aber die Heiterkeit, die Freude am Experiment und damit am Scheitern, der Widerstand gegen tierischen Ernst und kalte Instrumentalität. Und die Pointe eines jeden Essays ist der Ausblick auf ein gelingendes, auf ein gutes Leben – nicht als Heilsgewissheit, sondern als beharrliches Versuchen.

Bernd Draser ist Philosoph und lehrt an der Ecosign-Akademie in Köln. Die factory begleitete er schon mit Die Kunst des Trennens, Utopie ist nicht machbar, Herr Nachbar und Freiwillig nur unter Zwang.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Frust & Scheitern und Nachhaltigkeit gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Sisyphos. Schön illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen enthält das PDF-Magazin sämtliche Beiträge und Fotos sowie Zahlen und Zitate zum Thema.

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