Wirklich Selbermachen? Über Unfreiheit und Kreativität

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Gegen das Selbermachen spricht vieles, nicht nur mangelnde Professionalität, hoher Zeit- und Ressourceneinsatz. Ohnehin machen wir schon viel zu viel selbst, jetzt müssen wir uns auch noch selbst produzieren.

Von Birger P. Priddat

In einer hypermodernen, arbeitsteiligen, dynamischen Gesellschaft ist es zumindest bemerkenswert, wenn jemand alles selbermacht. Es ist eine Art archaischer Attitude, die auch nicht durch die Maxime ‚simplify your life!’ geadelt wird. Eine Maxime, die eher eine life-style-compensation-attitude zum Ausdruck bringt als eine viable Lebensform. Dass man ‚spart’, wenn man selber tätig wird – sein Haus ausbauen, tapezieren, Auto reparieren, Umzüge machen, den Garten umgraben, ist wenig belegt: oft ist die Eigenarbeit qualitativ nicht hochwertig. Anstatt etwas zu tun, worin man wirklich kompetent ist, dilettiert man in Bereichen, die andere sehr viel besser, schneller und billiger bearbeiten – eine Form von Deprofessionalisierung.

Diese Fragen sind in unserer Gesellschaft, in der man eher selber kocht als ins Restaurant zu gehen, nicht so leicht zu klären. Es gibt eine Tiefenstruktur des Selbermachens, an die wir uns längst so gewöhnt haben, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Warum sollen wir uns zum Beispiel teure Maschinen kaufen, die uns mit drei Prozent ihrer Standzeit die Wäsche waschen, wenn wir alternativ einen Service beauftragen könnten, der uns die alte Wäsche abholt und frisch zubereitet zu vereinbarten Terminen wieder zuliefert?

Und das Service-Angebot, von A nach B zu kommen in garantierter Zeit, ist ein höherer Nutzen als der Besitz eines Autos, das auch noch selber gefahren werden muss, also andere Nutzungspotentiale extrem einschränkt. Fahrdienstleistungen sind in dieser Welt smart supplies, statt des Besitzes toten Kapitals in der Garage. 1,5 Tonnen Stahl über 20 Stunden herumstehen zu lassen, bei zwei bis drei Stunden Bewegungszeit am Tag: wo ist da der Nutzen? Eigentum ist, an diesem Beispiel, ein Zeichen für Nutzlosigkeit.

Wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, wie viele Aspekte des Alltags wir uns angewöhnt haben, selber zu machen – Tanken, Möbel zusammenbauen, Bankautomaten bedienen, Müll sortieren, Einkaufen gehen und auch noch die Einkaufstüten tragen, Rasen mähen und Laub fegen, etc. –, müssten wir erstaunt sein, wie ineffizient wir unser Leben verbringen. In Japan werden alle Einkäufe geliefert, jedenfalls in größeren Städten. Das shoppen wird dort zu einem entlasteten Vorgang, befreit von schweren Tüten, die wir durch die Stadt schleppen, mindestens zum weitab geparkten Auto. Wir können uns, frei von Belastung, als freier Mensch bewegen.

Stattdessen nimmt die Tendenz zu, alles selber zu machen: Dass wir selber tanken oder Geld aus dem Bankautomaten ziehen, ist bereits selbstverständlich und bekannt als prosumption, ein Mix aus Konsum und Co-Produktion. Auch dass wir unsere Kontoführung elektronisch selbst verwalten und Ähnliches: Wir sind an diese Mensch-Maschine-Schnittstellen inzwischen so gewöhnt, dass wir sie für die moderne Form der Arbeitsteilung halten. Hier wandelt sich tatsächlich etwas: anstatt zur Bank gehen zu müssen, können wir die Dinge schnell selber erledigen.

Die Entlastung durch Dienste anderer, die wir in den oben genannten Bereichen unprofessionell verschmähen, nehmen wir – technologisch serviert – an. Wir ersparen uns die Zeit der Bewegung im Raum, indem wir uns im virtuellen Raum des Internets bewegen. Weil wir so lange bewegungslos vor den Computern sitzen, geben wir die Zeit durch ausgleichende Bewegung im Sport oder in der wellness-Bude wieder aus – und bezahlen auch noch dafür. Was wir an Zeit für den Sport aufwenden, ist allemal mehr, als was wir durch die hightech-virtual-services einsparen.

Doch erfahren wir im Internet neue Formen der Zusammenarbeit: indem wir uns ausgiebig der Informationen, Wissen, Narrative im Netz bedienen, geben wir gleichzeitig Informationen, Wissen, persönliche Daten, Bilder etc. ins Netz (in den diversen social networks, chats und blogs etc.). Den arbeitsteiligen knowlegde-Kosmos, den wir immens nutzen, beliefern wir wiederum mit allem, was wir im Netz produzieren. Es ist eine arbeitsteilige prosumption und co-production, die der Einzelne niemals erstellen könnten. Eine Form sozialer Intelligenz, der wir aber wiederum ständig zuarbeiten. Die entstehenden Formen des Selbermachens, die net-creativity, nehmen zum einen den alten Impuls auf, sind aber zugleich immer auch Produktion für andere.

Die so erzeugten ‚virtuellen Realitäten’ funktionieren als neue soziale Wirklichkeiten in den social networks zum Beispiel in Form von Anerkennungs-Gabentausch-Hervorbringungen. Was noch anderweitig als prosumption beschrieben wurde, bekommt hier eine andere Wirklichkeit: im Konsumieren / Kopieren, im remix-Format, produzieren die networkers ihre eigenen Produkte (digital homemade, in ihren e-fabrics). In diesen Verfahren stellen sie sich anderen her: indem sie sich anderen vorstellen, wie sie glauben, sich anderen vorstellen zu sollen, um Anerkennung, Bedeutung, netpresence zu erlangen.

Der Konsum hört hierbei auf, private Aneignung zu sein, sondern bildet Transformationsgüter aus, die den Nutzer ändern, indem er sich anders präsentiert, um anders wahrgenommen zu werden (net-compatibility). Wir haben es – die Humanisten unter den Lesern mögen sich für einen Moment abwenden – mit einem Bildungsprocedere zu tun, das communityoriented abläuft. Nicht als privater Konsum, sondern als netz-öffentliche Form der prosumption. Der Konsum erfolgt durch die anderen, denen man sich herstellt (production): man selber konsumiert deren Anerkennung bzw. Resonanz. Es bilden sich, auf eine unerwartete Weise, Gesellschaften aus: communities. Denn man produziert sich für die netcommunity; es geht um connectivity.

Wenn das klassische Selbermachen noch ein Mensch/ Ding-Verhältnis war, gibt sich das Sich-Selber-Produzieren als Mensch/Mensch-Verhältnis im Netzkosmos. Man tritt performativ auf, gibt sich eine personale Form, in der neue Begegnungsweisen geübt und experimentiert werden. Was das für die Gesellschaft und ihren Identitätspool bedeutet, ist noch offen. Aber anstatt sich an Dingen abzuarbeiten – ‚Selbst ist der Mann’, die Materien zwingend –, werden die modernen Netzbenutzer in den Netzkommunikationen auto-produktiv – sich selber produzierend, werden sie gespiegelt, wie sie andere spiegeln. Man beginnt, an den ‚sozialen Dingen’ zu arbeiten.

Der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Birger Priddat leitet den Lehrstuhl für Politische Ökonomie der privaten Universität Witten/Herdecke. Sein Forschungsspektrum umfasst Kultur, Kunst und Ökonomie im weiten Sinn, sein jüngstes Buch ist (zusammen mit Klaus-W. West) „Die Modernität der Industrie“.

Diesen Beitrag finden Sie auch schön gestaltet im factory-PDF-Magazin Selbermachen.

Selber übersetzen:

simplify your life – Vereinfache Dein Leben
life-style-compensation-attitude – Lebensstil-Kompensations-Attitüde
smart supplies – Intelligente Lieferleistungen
shoppen – Einkaufen
prosumption – Sowohl Verbrauch als auch Co-Produktion
wellness – Wohlbefinden
high-tech-virtual-services – Ständig verfügbare Dienstleistungen durch permanente Internet-Verbindung
social networks – Soziale Netzwerke wie Facebook, Google+
Chats – Online-Kommunikation per Textnachricht, Audio oder Video
blog – Individuelle Publikationsmöglichkeit (hergel. v. Web und Logbuch)
knowledge – Wissen net-creativity – schöpferische Fähigkeit des Internets
remix – neu zusammen gestellt
networker – im sozialen Netz Arbeitende/r
digital homemade – per Computer selbst zu Hause hergestellt
e-fabric – Elektronisch gestütztes Produktionszentrum
netpresence – Wahrnehmbarkeit im Internet net-compatibility – Vergleichbarkeit im Internet
community-oriented – gemeinschaftsorientiert
net-community – Internet-Gemeinschaft
connectivity – Möglichkeit, ständig kommunizieren zu können

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