DIY – Konturen einer neuen Lebens- und Wirtschaftskultur

© istockphoto.com

Welche wirtschaftliche Dimension erreicht in Zukunft das Selbermachen, was ist der quasi- industrielle Aspekt von Do-it-yourself? Hat der Trend zum Selbermachen nachhaltige Effekte und wie integrieren ihn Unternehmen? Der Standpunkt eines Zukunftsforschers.

Von Holger Glockner

Viel wurde in den letzten Jahren bereits über den Trend zum Selbermachen und die Implikationen für Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert. Unbenommen ist dabei, dass es einige Treiber gesellschaftlicher, ökonomischer und technologischer Natur gibt, die diese Entwicklung unterstützen. DIY ist einerseits Ausdruck des Strebens nach Autarkie und Partizipation, stellt ökonomisch die reinste Form der Individualisierung dar und ist technologisch durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien vielfach erst ermöglicht worden.

Wie sich dies aber mittel- bis lang fristig auf die wirtschaftlichen Strukturen auswirkt, ist eher unsicher. Wenn es auch vereinzelt Märkte gibt, die durch den DIY-Trend maßgeblich beeinflusst werden können, wie unter anderem die Erzeugung von Medieninhalten, Energieerzeugung, Mode und Design, ist die bisherige Wirkung in vielen Fällen recht überschaubar. Aus ökologischer Sicht bleibt einstweilen der Konflikt zwischen dem Ziel der Ressourcenschonung und dem Wunsch nach individualisierten Produkten ungelöst.

Individualisierung und Personalisierung in Wirtschaftsprozessen gehen häufig zu Lasten der Effizienz, der Ressourceneinsatz wird bei einem gesellschaftlichen Durchbruch zum Selbermachen zunächst steigen. Dies könnte sich in Zukunft durch die absehbare Killerapplikation des DIY, den 3D-Druck, ändern: die neuen Verfahren drehen die bisherigen Konstruktionsprinzipien um, die Produkte werden nicht mehr aus vorgefertigten Formen gewonnen, sondern Schicht für Schicht „gedruckt“. Dadurch kann die Materialintensität gemindert und so die Nachhaltigkeit der selbstorganisierten Prozesse sicher gestellt werden. Dabei gilt es aber, den Fokus nicht nur auf die Produktion, sondern auch auf die damit verbundenen logistischen Prozesse zu richten.

Nachhaltiges Selbermachen erfordert jedoch Formen des kooperativen Individualismus. Nur in Zusammenarbeit, nicht in Autonomie, können Individuen den (Teil-)Umstieg in eine neue Lebens- und Wirtschaftskultur ressourcenschonend bewältigen. Den individuellen Lernprozessen, dem Entfalten von Kreativität und Innovation muss eine Neukonfiguration der Wertschöpfungsnetze gegenüberstehen, wodurch sich für (Start-up-)Unternehmen die Chance bietet, die Schnittstellen zwischen den einzelnen Prozessstufen neu zu definieren und zu besetzen.

Für die Zukunft ist zu erwarten, dass sich DIY in bestimmten Nischenmärkten durchsetzen kann. Vor allem aber wird es zu einem Selbermachen mit Anleitung kommen: Individuen werden durch unternehmerische Angebote erst in die Lage versetzt, Dinge und Prozesse selbst zu gestalten. Intelligente Formen der Kollaboration sind der entscheidende Erfolgsfaktor für die Möglichkeiten, neue Technologien dem Selbermachen zur Verfügung stellen.

Der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Holger Glockner ist Mitglied der Geschäftsleitung des Foresight-Unternehmens Z_punkt in Köln. Er untersucht die Gestaltung nachhaltiger Zukunftsmärkte und ist Lehrbeauftragter an der FU Berlin für den Masterstudiengang Zukunftsforschung.

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen







Mehr zum Thema «Selbermachen»:

News:

  • drucken
 
© 2018 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften