• Tortendiagramm mit Ergebnissen der Befragung

    Auszug aus den Umfrageergebnissen zu klimaneutralen Produkten. Bild: Verbraucherzentrale NRW

Dienstag, 27. September 2022

Klimaneutrale Produkte: Wunsch nach Regeln und Siegel

Unternehmen werben zunehmend für sich oder ihre Produkte, dass sie klimaneutral seien. Doch selten machen sie deutlich, wie sie das erreichen. Den meisten Verbraucher*innen reicht das nicht. Sie wünschen sich klare Regeln und ein geprüftes Siegel, um sicher zu sein, dass sie mit dem "klimaneutralen" Kauf wirklich etwas für den Klimaschutz tun. Das zeigt eine Umfrage der Verbraucherzentrale NRW.

Klimaneutralität ist als Begriff äußerst attraktiv geworden. Er taucht in Unternehmensberichten, der Werbung und auf immer mehr Produktverpackungen auf. Was wirklich dahinter steckt, bleibt aber oft unklar.

So gehört klimaneutral zu werden mittlerweile für viele Unternehmen zum guten Ton: Von den einhundert größten deutschen Unternehmen mit Nachhaltigkeitsberichten, schreiben sich 46 diese Ziel auf die Fahnen, zeigte das future-/IÖW-Ranking der Nachhaltigkeitsberichte 2021. Auch fast die Hälfte der 39 kleinen Unternehmen und Mittelständler, die Berichte einreichten, geben dieses Ziel an.

„Was sie genau unter ‚klimaneutral‘ verstehen, machen viele Unternehmen allerdings nicht deutlich – etwa welche Emissionen sie in ihre Betrachtung einbeziehen und welche Rolle die Kompensation von Treibhausgasemissionen dabei spielt“, sagt Christian Lautermann vom IÖW.

Und auch laut der TÜV Sustainability Studie 2022 bezeichnen sich 82 Prozent der befragten Unternehmen als klimaneutral oder streben dieses an. Knapp 30 Prozent nennen sogar das Netto-Null-Ziel 2040. Eine Studie von WWF und der Unternehmensberatung PwC kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

Klimaneutralität ist attraktiv

Insbesondere große Unternehmen haben sich das Ziel der Klimaneutralität gesetzt, stellte das Wuppertal Institut in einer Untersuchung 2021 fest. "Und beinahe wöchentlich kommen neue Unternehmen hinzu", so Nico Kreibich im factory-Magazin Klimaneutral.

Das sei grundsätzlich zu begrüßen, meint Kreibich. Immerhin zeige es das Bewusstsein der Privatwirtschaft für die Klimakrise – und dass sich die Unternehmen ihrer Verantwortung stellen. Schließlich will die Welt bis 2050 klimaneutral wirtschaften, die Bundesrepublik bis 2045.

Doch anders als die Länder hätten Unternehmen selten die globale Balance von Treibhausgasemissionen vor Augen, wenn sie Klimneutralität für sich als Ziel definieren. Sie streben vielmehr eine ausgeglichene Balance ihrer unternehmerischen Emissionen an. Unweigerlich spiele deswegen Kompensation die zentrale Rolle, weniger Vermeidung und echte Reduktion.

In den seltensten Fällen stellen die Unternehmen die Anteile genau dar – und so ist es kein Wunder, dass das sich die Verbraucher*innen mehr Transparenz darüber wünschen.

So sind laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale NRW 89 Prozent für klare Regeln und ein geprüftes Siegel: Der Großteil der Verbraucher*innen fühle sich von der Werbung für Klimaneutralität in die Irre geführt, heißt es. Nur drei von hundert Befragten wüssten im Detail, was hinter der Bezeichnung „klimaneutral“ stecke. Dass Hersteller schädliche Emissionen lediglich durch CO2-Zertifikate ausgleichen, reiche den Konsument*innen nicht aus, fasst die Verbraucherzentrale zusammen.

Aus ihrer Sicht müssen diese Klima-Aussagen strenger reguliert werden: Konsequente Vermeidung und Verringerung von CO2-Emissionen durch Unternehmen müsse im Mittelpunkt stehen.

Denn für die Unternehmen ist es einfach: Aussagen wie „100% CO2-neutral hergestellt“, „klimaneutrales Produkt“ oder schlicht „klimaneutral“ sind gesetzlich nicht geschützt. Sie versprechen meist lediglich, dass für das jeweilige Produkt der CO2-Ausstoß über den Lebenszyklus berechnet und zum Ausgleich Minderungszertifikate aus weltweiten Klimaschutzprojekten gekauft werden.

Dem Großteil der Verbraucher*innen ist das laut Umfrage jedoch nicht bekannt. Sie erwarten vielmehr, dass derart beworbene Produkte tatsächlich weniger klimaschädlich hergestellt sind. Die repräsentative Umfrage des SINUS-Instituts im Auftrag der Verbraucherzentrale NRW zeigt das deutlich.

„Selbst besonders umweltbewusste Konsument:innen können oft nicht richtig einordnen, was ,klimaneutral‘ auf Produkten bedeutet. Der Fehlglaube, dass sich die Herstellerunternehmen zu einer CO2-Reduzierung verpflichten würden, ist in dieser Gruppe sogar überdurchschnittlich vertreten", sagt Wolfgang Schuldzinski, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW. Somit führten solche Bezeichnungen Verbraucher*innen in die Irre. Er fordert: "Wir brauchen verlässliche Kennzeichnungen, die die Erwartungen der Menschen erfüllen und keinen Platz für Greenwashing lassen."

Viele Assoziationen zu „klimaneutral“

Insgesamt hatte das SINUS-Institut 1.000 Verbraucher*innen im Alter von 18 bis 69 Jahren befragt. Diese wurden unter anderem gebeten, in eigenen Worten zu erläutern, was die Bezeichnung „klimaneutrales Produkt“ ihrer Ansicht nach bedeutet. Hierbei wurde deutlich, dass es dazu ganz unterschiedliche Vorstellungen gibt: 42 Prozent der Befragten äußerten, dass bei klimaneutralen Produkten „Klima- und/oder Umweltschutz berücksichtigt“ werden oder dass sie „umweltfreundlich“ seien.

21 Prozent waren der Meinung, dass es allgemein um „umweltfreundliche Herstellung“ geht, 18 Prozent verbanden klimaneutrale Produkte mit „weniger/reduzierter/kein CO2-Ausstoß“. Weitere 21 Prozent gaben an, es gehe um „Regionalität, kurze Transportwege“ oder um „weniger Plastik und Verpackungen“.

Lediglich 13 Prozent der Umfrageteilnehmenden erwähnten explizit das Prinzip des CO2-Ausgleichs beziehungsweise der Kompensation. Im Detail angeben, was „klimaneutral“-Aussagen bedeuten, konnten in einer weiteren Fragerunde sogar nur drei Prozent. 86 Prozent waren hingegen der Auffassung, dass ein Produkt nicht die Bezeichnung „klimaneutral“ tragen dürfe, wenn es nicht klimafreundlich hergestellt wurde.

Vertrauenswürdiges Label gewünscht

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die marktgängigen ,klimaneutral‘-Aussagen für die meisten Verbraucher:innen missverständlich sind“, sagt Schuldzinski. Die Verbraucherzentrale NRW begrüßt daher die EU-Initiative, Werbung mit allgemeinen Umweltaussagen zu regulieren, mahnt aber noch Nachbesserung des aktuellen Richtlinienvorschlags an.

„Aus unserer Sicht muss die konsequente Vermeidung und Verringerung von CO2-Emissionen durch Unternehmen im Mittelpunkt zukünftiger Regulierung stehen – Klima-Aussagen, die nur auf Kompensation beruhen, müssen unterbunden werden“, unterstreicht der Vorstand der Verbraucherzentrale NRW.

„Die Umfrageergebnisse sind an dieser Stelle eindeutig: 89 Prozent der von uns befragten Verbraucher:innen wünschen sich klare Regeln für klimaneutrale Produkte, 88 Prozent sind der Meinung, dass bei solchen Produkten garantiert sein sollte, dass das Unternehmen den eigenen Kohlendioxid-Ausstoß reduziert und nicht nur ausgleicht.“


Mehr dazu, wie Unternehmen wirklich klimaneutral werden können, wie sie ihre Produkte und Prozesse dafür optimieren können und wie sie echte CO2-Senken fördern können, gibt es im factory-Magazin Klimaneutral zu lesen – oder im Online-Themenbereich mit entsprechenden News.


Dateien:
factory-magazin-klimaneutral_1_2022_30.pdf [5.9 M]

Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.5 von 5. 2 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

« Nachhaltige Unternehmen gehen auf die Straße
« News

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen






  • drucken
 
© 2022 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften