• Grafiken und Statistiken zur Biolandwirtschaft in Deutschland, Europa und weltweit
Donnerstag, 15. Februar 2018

Bio wächst weltweit – aber Gesamtanteil gering

Gut sieht die Bilanz der ökologischen Landwirtschaft und des Biolebensmittelhandels 2017 aus: In Deutschland lag der Umsatz erstmals über zehn Milliarden Euro und die ökologisch bewirtschaftete Fläche wuchs um zehn Prozent. Die Bioanteile sind jedoch mit knapp 5 Prozent am gesamten Lebensmittelhandel und 8,2 Prozent der Landwirtschaftsfläche immer noch gering. Ebenso gut ist das Wachstum in Europa und weltweit. Doch trotz der besseren Klima- und Umweltbilanz der Biolandwirtschaft bleibt die Politik unter ihren Möglichkeiten.

Auch in diesem Jahr öffnete die weltweit größte Messe für Biolebensmittel, die BioFach in Nürnberg, wieder mit guten Zahlen für die Branche. 5,9 Prozent mehr Umsatz machte diese 2017 gegenüber dem Vorjahr und übersprang erstmals die Zehn-Millarden-Euro-Marke – im gesamten Markt werden mit Lebensmitteln 200 Milliarden Euro pro Jahr umgesetzt. In den letzten Jahren wuchs der Gesamtmarkt unter anderem durch die Zuwanderung.

Die Zahl der deutschen Bio-Höfe wuchs diesmal um 7,5 Prozent auf insgesamt 29.174 an. "Damit stellten 2017 jeden Tag durchschnittlich fünf Bauern eine Landwirtschaftsfläche von etwa 500 Fußballfeldern auf Bio um“, kommentierte Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), bei der Bilanzpressekonferenz in Nürnberg. Jeder zehnte Hof in der BRD wird nun biologisch bewirtschaftet. Gleichzeitig sank die Zahl aller Höfe um etwa 7.600 auf 267.800 Betriebe.

„Bio bietet immer mehr Landwirten eine wichtige Perspektive, um ihrem Hof eine Zukunft zu geben“, sagt Röhrig mit Blick auf die starke Umstellungsdynamik in 2017. Nach aktuellen Schätzungen legte die heimische Öko-Fläche in 2017 um rund 125.000 Hektar (10 Prozent) auf insgesamt knapp 1,4 Millonen Hektar zu – 8,2 Prozent der gesamten Landwirtschaftsfläche bewirtschaften damit Bio-Bauern.

20 Prozent sollen es sein - seit langem

Im Jahr 2030 soll der Anteil auf 20 Prozent gestiegen sein, wünscht sich die Große Koalition in ihrem Vertrag. So steht es auch in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die schon die letzten Bundesregierung bestätigt hatten. Das 20-Prozent-Bio-Ziel hatte aber auch schon die grüne Agrarministerin Renate Künast 1998 ausgerufen und damit die so genannte Agrarwende begründet. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung bezeichnet den Ökolandbau als Gold-Standard der Landwirtschaft und fordert mehr Fördergelder für die Zielerreichung. Doch erst seit 2015 steigt der Anteil der Bioanbaufläche in nennenswerter Weise.

Tierische Erzeugnisse wie Milch, Eier und Fleisch in Bio-Qualität können die Bauern 2017 besser absetzen. Insgesamt 15,5 Prozent mehr Biomilch lieferten sie an die Molkereien – allerdings ist das immer noch ein Anteil von nur drei Prozent an den gesamten Lieferungen. Um 48,7 Cent pro Kilogramm erhielten die Erzeuger dafür, etwa 1 Cent mehr als 2016 und rund 20 Cent mehr als ihre konventionellen Kollegen - bei aktuell fallenden Preisen wird sich der Abstand wieder vergrößern, auch wenn die Bio-Milchmenge steigt, wie die Branche erwartet.

Die Verkaufserlöse der Bio-Erzeuger wuchsen 2016 um gut 9 Prozent auf 1,99 Milliarden Euro. Der Anstieg ging anders als im Vorjahr vor allem auf das Konto der tierischen Produkte, durch stärkere Produktions- und teils auch Preissteigerungen. Am stärksten legten Bio- Milch und -Eier zu, bei beiden wurde die Produktion spürbar ausgeweitet. Auch Bio-Gemüse und -Obst trugen durch größere Ernten wesentlich zu höheren Erlösen bei.

Tierische Bio-Produkte treiben Wachstum und Einnahmen

In der Tierhaltung hatten Schafe und Rinder die höchsten Bio-Anteile, wobei die Fleischrinder- und Schafhalter häufig extensive Flächen bewirtschaften und nicht alle Produkte oder Zuchttiere tatsächlich auf dem Bio-Markt verkauft wurden, berichtet der BÖLW. Deutlich zugenommen hatten – wie schon in den Vorjahren – Legehennen- und Masthähnchenbestände.

Während der Bio-Anteil bei der Eierproduktion inzwischen 10,5 Prozent erreichte, waren es beim Geflügelfleisch nur gut ein Prozent. Bei den Schweinen lag der Bio-Anteil unter einem Prozent. Die Zahl der Bio-Mastschweine und der Zuchtsauen konnte 2016 und auch 2017 wieder ausgeweitet werden, sodass der Markt im Herbst 2017 erstmals nach drei Jahren nicht mehr unterversorgt war.

Die Bio-Bauern erhielten 2017 für viele Produkte mehr Geld als 2016. Dabei entkoppelten sich die Bio-Erzeugerpreise immer mehr vom konventionellen Markt und folgten einem eigenen Marktgeschehen. Bio-Getreide wurde bei höherer Nachfrage teurer. Mit Öko-Schlachttieren erzielten Bio-Bauern deutlich stabilere und höhere Preise als ihre konventionellen Kollegen. Einzig die Erzeugerpreise für Bio-Kartoffeln lagen unter dem Niveau der Vorjahre.

Überdurchschnittlich stark stiegen mit 8,8 Prozent die Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel, er setzte 5,93 Milliarden Euro um, und ist damit für 59 Prozent des Bio-Marktes verantwortlich. Bei vielen Produkten holten insbesondere die Discounter auf, die zuletzt ihre Bio-Sortimente deutlich verbreiterten, aber auch die Drogerien erweiterten ihr Angebot.

Die Bio-Pioniere des Naturkostfachhandels konnte ihren Umsatz dagegen nur um 2,2 Prozent auf 2,91 Milliarden Euro steigern (inkl. Non-Food: 3,29 Mrd. €) und stellten 2017 einen Anteil am Bio-Markt von 29 Prozent. In den sonstigen Geschäften, zu denen Bäckereien, Metzgereien, Hofläden, Versandhandel, Wochenmärkte und Reformhäuser zählen, kauften die Kunden Bio-Produkte im Wert von 1,20 Milliarden Euro, etwas weniger als 2016.

Europas Bio-Sektor wächst wiederholt zweistellig

Die Europäer gaben laut FiBL 2016 rund 11 Prozent mehr Geld für Bio-Produkte aus. Damit wuchs der Bio-Markt in Europa schon im zweiten Jahr in Folge zweistellig. Durchschnittlich kaufte jeder Europäer für rund 40 Éuro im Jahr Bio-Lebensmittel, in der EU-28 sogar für 60 Euro, in Deutschland für 116 Euro. Dänemark hat mit 9,7 Prozent den höchsten Bio-Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt, Deutschland liege mit 5,1 Prozent im Mittelfeld, wesentlich schwächer sind die ärmeren Länder in Ost- und Südeuropa.

Insgesamt gaben die Europäer 33,5 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus, davon 30,7 Milliarden Euro in der Europäischen Union (EU-28), so die gemeinsame Auswertung des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL) und der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI).

2016 wurden in Europa 13,5 Millionen Hektar biologisch bewirtschaftet (Europäische Union: 12,1 Millionen Hektar). Mit mehr als 2 Millionen Hektar ist Spanien nach wie vor das Land mit der grössten Biofläche in Europa, gefolgt von Italien (1,8 Millionen Hektar) und Frankreich (1,5 Millionen Hektar), teilt das FibL mit.

Die Biofläche nahm in Europa und in der Europäischen Union um fast eine Million Hektar zu, was einem Zuwachs von 6,7 Prozent in Europa und 8,2 Prozent in der Europäischen Union entspricht. Das Wachstum war höher als im Jahr 2015 und deutlich höher als in den ersten Jahren des laufenden Jahrzehnts. Im Jahr 2016 verzeichnete Italien über 300'000 Hektar mehr als im Jahr 2015 und Frankreich über 200'000 Hektar mehr.

2017 gab es in Europa mehr als 370'000 Bioproduzenten und in der Europäischen Union fast 300'000. Die Türkei ist das Land mit den meisten Betrieben (fast 68'000). Die Anzahl der Produzenten in Europa wuchs 2016 um 7 Prozent (10 Prozent in der EU).

Die größten Bio-Produzenten sind down-under

Weltweit wächst der globale Biomarkt, den das Marktforschungsunternehmen Ecovia Intelligence 2016 auf 89,7 Milliarden US-Dollar (ca. 80 Milliarden Euro) beziffert. Der grösste Markt sind die Vereinigten Staaten (38,9 Milliarden Euro), gefolgt von Deutschland (9,5 Milliarden Euro), Frankreich (6,7 Milliarden Euro) und China (5,9 Milliarden Euro). Auch 2016 verzeichneten wichtige Märkte ein zweistelliges Wachstum, und der französische Biomarkt wuchs um 22 Prozent. Der höchsten Pro-Kopf-Verbrauch hatte mit 274 Euro die Schweiz.

Über 2,7 Millionen Bioproduzenten gibt es inzwischen weltweit. Wie in den Vorjahren sind die Länder mit den meisten Produzentinnen und Produzenten Indien (835’200), Uganda (210’352) und Mexiko (210’000). Die Biolandwirtschaftsfläche wuchs global um 15 Prozent auf fast 58 Millionen Hektar. Das sind fast 7,5 Millionen Hektar mehr als 2015, das größte Wachstum, das je verzeichnet wurde. Australien ist das Land mit der grössten Biolandbaufläche (27,2 Millionen Hektar), gefolgt von Argentinien (3 Millionen Hektar) und China (2,3 Millionen Hektar).

Fast die Hälfte der globalen Biofläche liegt in Ozeanien (27,3 Millionen Hektar), gefolgt von Europa (23 Prozent; 13,5 Millionen Hektar) und Lateinamerika (12 Prozent; 7,1 Millionen Hektar).

Wachstum mit Nebenwirkungen ...

Die wachsende Bionachfrage von Supermärkten führt nach Einschätzung von Branchenexperten jedoch auch zu einem immer größeren Zwang zur Wirtschaftlichkeit bei den Biolandwirten – gerade bei den tierischen Produkten auf Kosten der Haltungsqualität. Der Trend zu größeren Ställen und mehr Tieren pro Standort gilt auch hier. So dürfen nach der kürzlich verabschiedeten EU-Ökoverordnung rund 3000 Hühner in einem Stall gehalten werden, die Landwirte können jedoch mehrere Ställe bauen. "Betriebe mit mehr als 30.000 Legehennen haben der Branche einige Kritik eingebracht", schreibt die Zeitung Neues Deutschland. Beim Fipronil-Skandal aus dem Sommer 2017, der zum Rückruf mit dem Insektizid belasteter Eier führte, waren auch Bio-Eier betroffen.

In den Bio-Massenställen hat auch das Betriebspersonal zu wenig Zeit, um sich um die Tiere zu kümmern. Die neuen Großfarmer lassen häufig die richtige Einstellung vermissen, wenn sie aus dem konventionellen Sektor umsteigen, kommentiert Jost Maurin in der taz. In der Produktion dürfen sie zwar kein Glyphosat oder sonstige Pestizide einsetzen, aber zum Beispiel kupferhaltige, die in der Intensivbewirtschaftung ebenfalls umweltschädlich seien. Auf widerstandsfähige ökologische Mischkulturen würde zu wenig geachtet, so Maurin, deswegen müsse die Biobranche ihre eigenen Standards erhöhen, um solche Missstände zu vermeiden – denn diese erlaube auch die neue EU-Öko-Verordnung.

... doch ohne Wachstum kein Klimaschutz

Weil der Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz des Biolandbaus wesentlich größer als der der konventionellen Landwirtschaft – trotz höheren Flächenverbrauchs bei gleicher Produktmenge – ist ein weiteres Wachstum gegenüber einer Schrumpfung der konventionellen Landwirtschaft unabdingbar. Nicht nur verbraucht die Biolandwirtschaft weniger Energie und Ressourcen für Düngemittel und Pestizide – weil sie keine  Produkte der Agrarchemie einsetzt, gelangen deren Reststoffe auch nicht in Pflanzen, Tiere, Böden und Gewässer. Dabei ist der Anteil der Humusbildung, die wichtig für die CO2-Speicherung ist, doppelt so hoch wie im konventionellen Anbau, die den CO2-speichernde Humus sogar verringert.

Zwar sind die Erträge im Ökolandbau meist um ein Drittel bis um die Hälfte geringer, die Treibhausgasemissionen pro Kilogramm Bio-Produkt sind aber zum Beispiel beim Weizenbrot ebenfalls um zehn bis 35 Prozent geringer. Gleichzeitig speichern biologisch bearbeitete Böden durch Humusanreicherung doppelt so viel CO2 (400 kg*CO2-Äq/ha*a) wie im konventionellen Anbau durch Humusabbau verloren gehen (202 kg*CO2-Äq/ha*a).

Welchen Beitrag die biologische Landwirtschaft im Bereich Gewässerschutz leistet, erkennen immer mehr Wasserversorger. Sie fördern gezielt Bauern bei der Umstellung ihrer Betriebe, um Kosten für weitere Reinigungsstufen und -prozesse wegen zu hoher Nitrat-, Pestizid- und Antibiotikabelastung durch konventionelle Landwirtschaft und Tierhaltung zu vermeiden – wie im factory-Magazin Baden gehen zu lesen. Denn die Verbraucherpreise für Trinkwasser könnten sich durch zusätzliche Reinigungsstufen in einigen Regionen um bis zu 60 Prozent erhöhen, kündigte der Verband der Energie- und Wasserversorger 2017 an.

Rezepte für den Wandel

Die Bundesregierung müsse das große Potenzial des Bio-Wachstums für einen nachhaltigen Umbau von Ernährung und Landwirtschaft nutzen, appellierte der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein in Nürnberg. Bund, Länder und EU sollten das neue Bio-Recht sinnvoll ausgestalten. Wichtig sei auch, mehr Geld für Forschung und Entwicklung bereitzustellen, für verlässliche Honorierung der Umweltleistungen zu sorgen und so die Absatzentwicklung heimischer Bio-Produkte voranzubringen. Damit der Umbau gelinge, müssten viele Ressorts zusammen arbeiten.

Aktuell werden nur 1,5 Prozent der öffentlichen Agrar-Forschungsmittel in die Forschung zum ökologischen Landbau investiert, obwohl heute schon fast 7 Prozent der deutschen Agrarfläche von ca. 9 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe ökologisch bewirtschaftet wird.

So könnte auch ein Bio-Gründungsfonds von BMWi, KfW und Privatwirtschaft nach dem Vorbild des Hightech-Gründungsfonds zu mehr Investitionen führen, ebenso wie eine bessere Beratung und Förderung. Für faire Preise müssten Subventionen, die nicht dem Schutz von z.B. Trinkwasser und Biodiversität dienen, abgebaut werden, das Ordnunsrecht müsse dafür sorgen, dass durch landwirtschaftliche Produktion keine Gemeingüter beschädigt werden, der Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln begrenzt werden.

Wichtig sei, Bio für eine bessere und gesündere Ernährung in der Außerhausverpflegung zu nutzen, wie Kopenhagen es vormacht. Die Verabredung des Koalitionsvertrags mehr in Schulen zu investieren, müsse genutzt werden, um mit Schulküchen und -Gärten in jeder Schule eine bessere Ernährungsbildung zu ermöglichen, so Löwenstein. 20 Prozent Bio-Anbau müsse auch zu 20 Prozent Bio-Verbrauch in der öffentlichen Versorgung führen.

Europäisch und global verändern

Der BÖLW plädiert dafür, vor allem die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) darauf auszurichten, Bauern zu unterstützen, die Umwelt, Tiere, Gewässer, Artenvielfalt und Klima schützen.

Eine verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung für Fleisch analog zur Eierkennzeichnung könnte ebenfalls zu einem weiteren Umbau der Landwirtschaft führen. Insgesamt müsse die Politik für kohärente Regeln für die Land- und Ernährungswirtschaft sorgen, die auf die nachhaltigsten Betriebe zugeschnitten sind – anstatt, wie das derzeit etwa beim Düngerecht passiert, Bio-Betriebe zu benachteiligen und damit ausgerechnet diejenigen, die zur Problemlösung beitragen.

Global müssen die Bundesregierung die G7 New Alliance verlassen, die keine nachhaltige Entwicklungspolitik betreibe und die Länder des Südens weiter in die ressourcenintensive Abhängigkeit der Agrochemieindustrie treibe. Frankreich hat jetzt angekündigt, diese zu verlassen und stattdessen den ökologischen Landbau voranzutreiben. Das fordern Umwelt- und Entwicklungsorganisationen jetzt auch von Deutschland.



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