Montag, 04. März 2013

Weltbevölkerung könnte über 10 Milliarden wachsen

Neun Milliarden Menschen bis 2050 prognostiziert der Club-of-Rome, zehn Milliarden Menschen die Vereinten Nationen. Darüber werde die Bevölkerung der Welt nicht wachsen. Doch es werden mehr, berechneten jetzt Demografie-Forscher, weil weniger Energie zur Verfügung steht.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Weltbevölkerung beim Stand von 10 Milliarden Menschen aufhört zu wachsen, sagen die Rostocker Experten des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR). Das stellten bisher die UNO-Prognosen für das Ende des Jahrhunderts in Aussicht. Eine kurzfristige Stagnation ja, aber schon kleine Schwankungen in der Energie- oder Nahrungsversorgung dürften aber dazu führen, dass die Bevölkerung von der 10-Milliarden-Marke abweicht und erneut stark wächst.

Oskar Burger hat am MPIDR zusammen mit John DeLong von der Yale Universität in New Haven, USA, und Marcus Hamilton vom Santa Fe Institute in Santa Fe, USA, diese Modellrechnungen durchgeführt.

„Die Obergrenze der Vereinten Nationen ist alles andere als ein stabiles Gleichgewicht“, sagt Burger. Die Berechnungen des Forscherteams veröffentlichte jetzt das Wissenschaftsmagazin Frontiers in Ecology and the Environment. Das Populationsmodell geht von der Beobachtung aus, dass das Bevölkerungswachstum stark vom Pro-Kopf-Energieverbrauch abhängt: Ist mehr Energie nutzbar, begünstigt dies die wirtschaftliche Entwicklung und drückt in der Folge die Geburtenraten.

Sind die Geburtenraten rund um den Globus klein genug, hört die Weltbevölkerung auf zu wachsen. Damit steht das Modell im Kontrast zu den Vorhersagen der UNO, die lediglich den seit einigen Jahrzehnten sichtbaren Trend sinkender Geburtenziffern für kommende Zeiten fortschreiben, dafür aber keinen Mechanismus angeben.

Nullwachstum möglich aber nicht von Dauer

„Bei 10 Milliarden Menschen ist tatsächlich ein Nullwachstum erreichbar“, sagt Oskar Burger. „Die Bevölkerungsgröße bleibt aber nur auf diesem Niveau, wenn weiterhin ständig genügend Energie pro Kopf zur Verfügung steht.“ Das sei jedoch kaum zu erwarten. „Seit 1960 ist die Bevölkerung stärker angewachsen als die weltweit nutzbare Energiemenge“, sagt Burger. Im Mittel sei darum die pro Person bereitstehende Energie gesunken. Diese Entwicklung halte nach wie vor an.

„In den letzten 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung damit von einem stabilen Gleichgewicht sogar noch entfernt“, sagt der MPIDR-Forscher. Komme es tatsächlich zu einem Nullwachstum bei 10 Milliarden Menschen, ohne dass es genügend Energiezufuhr gebe, reichten schon kleinste Veränderungen bei den Ressourcen oder im Verhalten der Gesellschaften, um eine Abweichung auszulösen, die sich sofort verstärke.

„Unser Modell des Bevölkerungswachstums ist noch recht einfach“, sagt Oskar Burger. Es soll weder die existierenden UNO-Projektionen ersetzen, noch selbst konkrete Voraussagen machen. Aber es ist ein Ausgangspunkt, um mehr kausale Dynamik in Bevölkerungsmodelle einzubauen, indem in einem ersten Schritt die fundamentale Abhängigkeit von der Energie berücksichtigt wird. Nun müsse mehr darüber herausgefunden werden, wie die Energie im Detail auf die Bevölkerungsgröße wirke, sagt Burger.

Begründete Faktoren für Bevölkerungsmodelle

Auch falls sich der Zusammenhang von Energie und Bevölkerungswachstum ändere, sei die Stabilität des 10-Milliarden-Niveaus nicht gewährleistet, betont Burger. „Der große Nachteil der UNO-Berechnungen ist, dass Stabilitätsanalysen für ein Nullwachstums prinzipiell unmöglich sind.“ Denn für eine solche Analyse reiche es nicht, wenn die Bevölkerungsgröße einfach nur von der Zeit abhängt – ohne weitere kausale Begründung. Insbesondere ist die Bevölkerung in den UNO-Berechnungen völlig unabhängig von der verfügbaren Energie.

Nötig sei stattdessen ein echtes dynamisches Modell der globalen Population, in dem die Bevölkerungsgröße mindestens vom Energieverbrauch bestimmt wird, aber auch von weiteren dynamischen Größen wie den natürlichen Ressourcen, der Wirtschaft, Kultur und von politischen Einflüssen. Erst dann lasse sich sagen, ob es für die Menschheit tatsächlich eine dauerhafte Wachstumsgrenze gebe und wie sie sich ansteuern lasse.

Jorgen Randers, Autor des 2052-Nachfolgeberichts des Club-of-Rome-Reports von 1972 "Die Grenzen des Wachstums" geht von einem Nullwachstum der Weltbevölkerung aufgrund entsprechender Energie-, Ressourcen- und Nahrungssituation ab 2050 aus.

Literatur: Oskar Burger: The UN medium population projection is an unstable equilibrium, Frontiers in Ecology and the Environment (DOI 10.1890/13.WB.004)



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