• Aus dem Titel des Sustainability Barometers 2012

Dienstag, 05. Februar 2013

Für große Unternehmen ist Nachhaltigkeit in erster Linie Imagepflege und Risikominimierung

Eine Studie der Leuphana-Universität Lüneburg befragte 152 Großunternehmen zu ihrem Nachhaltigkeitsmanagement. Fast alle machen "Sustainability for Compliance", Chancen des Nachhaltigen Wirtschaftens zur Steigerung von Innovation und Umsatz nutzen sie selten.

Zwar setzen die großen deutschen Unternehmen auf das Thema Nachhaltigkeit, sie lassen sich aber wirtschaftliche Vorteile entgehen. Getrieben werden sie in ihrem Engagement vor allem von der Öffentlichkeit, Produktinnovationen oder eine stärkere Orientierung auf den Absatz nachhaltiger Produkte kommen aber nicht dabei heraus.

Im aktuellen „Corporate Sustainability Barometer“ haben Wissenschaftler des Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg 152 der umsatzstärksten deutschen Unternehmen aller Branchen unter die Lupe genommen. Demnach berücksichtigen 83 Prozent Nachhaltigkeitsthemen in ihrem Kerngeschäft, zum Beispiel in Form einer ressourceneffizienten Produktion. In erster Linie jedoch heißt Nachhaltigkeitsmanagement für die Unternehmen: Reputation sichern, Risiken mindern und interne Prozesse optimieren. Chancen auf Umsatzsteigerung und Innovationen nutzen sie nur selten.

Ohne Erfolgsmessung

Ökonomie, Ökologie und Soziales sind für die größten deutschen Unternehmen offenbar weiterhin getrennte Säulen. Wie sehr sie vom Nachhaltigkeitsengagement auch öknomisch profitieren, überprüft nur eine Minderheit. Weniger als die Hälfte der Befragten misst den Einfluss auf die Kosten und nur ein Drittel untersucht die Wirkung auf den Umsatz. Der Grund: Rechnungswesen und Controlling sind von allen Unternehmensbereichen am wenigsten in das Nachhaltigkeitsmanagement eingebunden. „Ohne entsprechende Kennzahlen und Analysen kann ein wirtschaftlich erfolgreiches Management ökologischer und sozialer Themen kaum gelingen“, sagt Professor Stefan Schaltegger, Leiter des Lüneburger CSM.

Ohne Stakeholder

Schaltegger sieht mehr Handlungsbedarf auch bei der Einbindung der sogenannten Stakeholder, den verschiedenen Anspruchsgruppen wie etwa Umweltverbände, Kunden oder Anwohner. Zwar informiert und beobachtet die Mehrheit der befragten Unternehmen seine Anspruchsgruppen, doch nur fallweise und selten systematisch. Schlimmer: „Intensive und partizipative Formen der Einbindung sind sogar rückläufig“, stellt Professor Schaltegger mit Blick auf seine Untersuchung aus dem Jahr 2010 fest. Aktuell liegt die Zahl der Unternehmen, die bei Nachhaltigkeitsfragen grundsätzlich mit ihren Stakeholdern zusammenarbeiten, unterhalb von 20 Prozent. Dabei gebe es mittlerweile viele gute Beispiele für fruchtbare, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Kooperationen zwischen Unternehmen und Stakeholdern, wie etwa den Forest Stewardship Council (FSC) für nachhaltige Forstwirtschaft, so Schaltegger.

Schwache Marktanreize

Tatsächlich sehen die deutschen Großunternehmen in Nichtregierungsorganisationen und Medien die wichtigsten Antreiber für ihr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit. Kunden machen bislang wenig Druck: "Von Konsumenten, Händlern und Banken empfangen sie bisher keine ausreichend starken Signale für ein stärkeres Engagement auf diesem Gebiet", heißt es diplomatisch in einer Meldung der Universität. "Dies könne ein Grund dafür sein, weshalb Unternehmen Nachhaltigkeit noch selten als Ansatzpunkt für die Entwicklung von Marktchancen und Innovationen sehen", vermuten die Forscher weiter. Nur ein gutes Drittel der Unternehmen misst die Wirkung des Nachhaltigkeitsengagements auf Innovationen.

Fortschritte gibt es doch

Immerhin: Einen Aufwärtstrend haben die Wissenschaftler in Sachen marktorientierte Nachhaltigkeitsmaßnahmen, wie dem Bewerben ökologischer und sozialer Produkte, registriert: Der Anteil der Unternehmen, die „häufig oder immer“ solche Maßnahmen ergreifen, hat sich im Vergleich zu 2010 auf rund die Hälfte der Befragten fast verdoppelt. Zudem binden die Unternehmen jetzt mehr Bereiche als nur die Public-Relations-Abteilung in das Nachhaltigkeitsmanagement ein. Auch für die Geschäftsführungen ist Nachhaltigkeit nun ein Thema. Unternehmerische Nachhaltigkeit komme zwar langsam, aber stetig voran, bilanziert Professor Schaltegger. 

Bildung zur Nachhaltigkeit

Die Lüneburger Wissenschaftler empfehlen den Unternehmen mehr Weiterbildung zu den Chancen durch Nachhaltiges Wirtschaften. Viele der Befragten halten die eigene Belegschaft nicht für ausreichend qualifiziert. Die meisten Unternehmen setzen dazu auf interne Weiterbildungsmaßnahmen. Externe Angebote wie Coachings oder Weiterbildungsstudiengänge nutzen nur wenige. Professor Schaltegger hat dagegen die ganze Nachhaltigkeit im Blick: „Wenn Unternehmen die Potenziale des Nachhaltigkeitsmanagements besser nutzen, indem sie ihre Belegschaft entsprechend qualifizieren, bietet das nicht nur ihnen neue Chancen, sondern fördert auch die nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.“

Die Studie "Corporate Sustainability Barometer 2012 – Praxisstand und Fortschritt des Nachhaltigkeitsmanagements in den größten Unternehmen Deutschlands" kann kostenfrei über das Centre for Sustainability Management der Leuphana Universität Lüneburg bezogen werden und steht unter www2.leuphana.de/csm/CorporateSustainabilityBarometer2012.pdf zum Download bereit.



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