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    Mittwoch, 19. Januar 2022

    Entwaldungsfreie Lieferkette: EU-Gesetz fördert Verlagerung der Produktion in ebenso schützenswerte Ökosysteme

    Die EU will mit einem Gesetz dafür sorgen, dass für eingeführte Produkte und Rohstoffe kein Wald mehr zerstört wird. Doch das Gesetz greift zu kurz, warnen Kritiker*innen: Schon jetzt weichen die Produzenten in benachbarte Regionen aus, deren Erhalt und Biodiversität ebenso bedroht wie die Wälder sind.

    Das EU-Gesetz zum Stopp der weltweiten Entwaldung ist eigentlich ein guter Schritt, um die weitere Zerstörung beispielsweise der "Lunge der Erde", dem Amazonas-Regenwald und den Regenwäldern im auf den Inseln im indischen Ozean und Pazifik zu verhindern. Dort werden intakte Wälder zerstört, um z. B. Soja für die Massentierhaltung in Europa oder Palmölplantagen für die Energieproduktion anzubauen.

    Der im Herbst veröffentlichte Gesetzentwurf sieht vor, in der EU nur noch die Einfuhr und den Handel mit Rohstoffen und Produkten zuzulassen, für die kein Wald zerstört wurde. Damit sollen die Lieferketten von europäischen Unternehmen nachhaltiger werden.

    Jetzt warnt der WWF erneut vor den Lücken im geplanten Gesetz, die zu einer Verlagerung der Zerstörung in andere, ebenso sensible und bedrohte Bereiche führen würden.

    In einem neuen Report legt der WWF die Dimension der Schlupflöcher im geplanten EU-Gesetz zum Stopp der europäisch verantworteten globalen Entwaldung offen.

    Allerdings: Die Zerstörung anderer wertvoller Ökosysteme mit geringer oder keiner Bewaldung, wie Savannen, Grasland oder Feuchtgebiete, bleibt bisher unberücksichtigt. Erst zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes will die EU prüfen, ob diese auch mit in das Gesetz aufgenommen werden sollen.

    Bereits bedrohte Landschaften wie der südamerikanische Cerrado, die artenreichste Savanne der Welt, können so auch weiterhin für EU-Importe wie Rindfleisch oder Futtermittelsoja zerstört werden, so der Report „Mehr als Wald“.
     
    Der WWF fordert nun, dass die EU ihren Gesetzesvorschlag nachschärft, denn im Kampf gegen Klimakrise und Artensterben würden alle Ökosysteme benötigt. So speichern Grasland und Savannen weltweit insgesamt doppelt so viel Kohlenstoff wie tropische Wälder.

    Laut Report ist die Zerstörung von Torfmooren schon für fünf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich – doppelt so viel wie die Emissionen aus dem weltweiten Luftverkehr.

    Werden wie derzeit geplant nur die Wälder geschützt, wird sich die Produktion in diese Gebiete verlagern. Die erhoffte Wirkung des Gesetzes für den Klima- und Artenschutz würde so unterlaufen.
     
    Bereits jetzt stammt ein großer Teil der in die EU eingeführten Rohstoffe aus artenreichen und kohlenstoffreichen Regionen, die nur teilweise als Wald gelten. Der Bericht nennt einige wichtige Beispiele:

    • Der südamerikanische Cerrado hat bereits die Hälfte seiner ursprünglichen Vegetation verloren, hauptsächlich um Platz für die Soja- und Rindfleischproduktion zu schaffen. Im Jahr 2019 machten die EU-Einfuhren von Rindfleisch aus dem Cerrado 22 Prozent der gesamten Rindfleischeinfuhren der EU und mehr als ein Viertel der Rindfleischexporte aus der Region aus.
    • Schätzungsweise 14 Prozent des argentinischen Chaco, eines Mosaiks aus natürlichem Grasland und Savannen, wurden in den 2000er Jahren für die Landwirtschaft umgewandelt, hauptsächlich für die Sojaproduktion. Im Jahr 2019 importierte die EU rund 24 Prozent des aus diesem Biom exportierten Sojas.
    • 94 Prozent der Torfgebiete Sumatras wurden umgewandelt oder degradiert, hauptsächlich für Palmöl, Plantagenwälder für die Zellstoffproduktion und Gummi. Etwa 19 Prozent der EU-Einfuhren von Naturkautschuk und 14 Prozent von Palmöl, Palmkernöl und Palmkernmehl können Handelsströmen aus Sumatra zugeordnet werden.

    Um eine weitere Zerstörung dieser und anderer Landschaften zu verhindern, müsse das EU-Gesetz für alle Ökosysteme gelten: Mit dem Erhalt der Wälder auf Kosten der Zerstörung anderer Lebensräume ließen sich die Klimakrise und das Artensterben nicht aufhalten, warnt der WWF.

    Wie wichtig der Erhalt der biologischen Vielfalt für die Krisenbewältigung ist und wie auch Unternehmen und Kommunen dazu beitragen können, lesen Sie im factory-Magazin Vielfalt oder online im Themenbereich.

    Quelle: WWF

    Weitere Beiträge: taz.de, Streit um entwaldungsfreie Lieferketten


    Dateien:
    factory_1_2021_vielfalt_web.pdf [5.5 M]

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