Mehrere Ameisen tragen eine Kugel auf der eine Ameise sitzt
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Gemeinsam sind wir stärker

Ressourceneffizienz ist inzwischen beinahe ein alter Hut: Wer Kosten sparen und Umwelt und Klima entlasten will, reduziert den Einsatz von Energie und Material – kluge Unternehmen gehen das systematisch an. Der nächste Schritt ist es, die großen Potenziale in der Wertschöpfungskette zu nutzen. Mit Kunden und Lieferanten darüber zu reden, kann mehr für den Ressourcenschutz bringen, als nur im eigenen Betrieb nach Optimierungen zu suchen.

Von Ralf Bindel

Es rauscht im Tal. Nicht das Wasser in der Wupper, von der Autobahnbrücke im Osten Wuppertals fließt das Grundrauschen herab. Hier, am Rande eines Wohngebiets, steht das Kabelwerk Muckenhaupt und Nusselt (M&N). 110 Mitarbeiter stellen Kabel zum Beispiel für Großkräne, Roboter und Aufzüge her. Es waren mal mehr, aber immerhin, den Betrieb gibt es noch. Eines von vier Kabelwerken in der Stadt – 13 waren es in den 1960er Jahren. Das Unternehmen hat sich im harten internationalen Wettbewerb etabliert mit Nischenprodukten für den Maschinen- und Anlagenbau. Aus den Grundmaterialien Kupfer und Kunststoff entstehen auf Extruder-, Flechter- und Verseilmaschinen Spezialkabel aller Art, es sieht eher aus wie in einer Textilfabrik.

Nachhaltiges Wirtschaften steht seit knapp 20 Jahren auf der Agenda des Unternehmens – es war eines der ersten, die Agenda 21, EMAS und soziale Verantwortung für sich entdeckten und auch propagierten. In Sachen Ressourceneffizienz lässt M&N kaum ein Projekt aus. Wohl auch deswegen stehen sie heute so gut da. „Ich habe hier Blanko-Formulare für die Teilnahme an Projekten liegen“, scherzt Christian Lehmann, Umweltbeauftragter bzw. Nachhaltigkeitsmanager bei M&N. Schon vorher hatten sie am Projekt Ressourcenkultur des Wuppertal Instituts teilgenommen und mit der Effizienz-Agentur NRW (EFA) den PIUS-Check gemacht, um den produktionsintegrierten Umweltschutz zu verbessern. „Uns wurde klar, dass wir nicht nur auf eigene technische Aspekte, sondern auch in Markt und Vertrieb schauen müssen, wenn wir weitere Ressourcen sparen wollen“, erzählt Lehmann. Weil das Unternehmen bei den Zulieferern von Kupfer und Kunststoffen keinen Einfluss nehmen kann, kam nur das Ende der Wertschöpfungskette für eine Verbesserung in Betracht. „In dem vom Wuppertal Institut moderierten Projekt Ressourcenkooperation suchten wir mit einem Kunden nach Lösungen.“ Und siehe da: Die bisher benötigten Spezialkabel waren oft überdimensioniert. „Vereinfacht gesagt: Statt drei Kabel war nur ein Kabel notwendig.“

Bisher hatten weder Vertrieb noch Kunde über derartige Dinge nachgedacht – geschweige denn darüber gesprochen. Erstmals kam dadurch das Thema Nachhaltigkeitskommunikation beim Kunden auf. Wirtschaftlich gab es dazu aus seiner Sicht keinen Grund, denn die Kabel machen in den Millionenaufträgen für Krananlagen und Aufzüge nur einen kleinen Teil aus – auch kostenmäßig. Für den Kunden kommt es also nicht so genau darauf an, ob zu viele Ressourcen beim Lieferanten eingesetzt werden. Bei M&N stößt diese Information eine Neuentwicklung an: ein anderer Produktaufbau, andere Kunststoffe, das ergibt ein effizienteres Kabel mit weniger Materialeinsatz und mit besseren Eigenschaften wie höherer Lebensdauer.

„Mehr als ein geeignetes Vehikel“

„Wir können immer eine bessere Lösung anbieten, wenn wir darüber reden“, sagt Lehmann. Als kleiner Anbieter sei das ihre Spezialität: „Kaufen die Kunden aus dem Katalog, können beide wenig für die Ressourceneffizienz tun.“ Ohne Projekt wäre es wohl nie dazu gekommen, meint Lehmann, trotz eigener Vorreiter-Rolle. „Das Projekt war mehr als ein geeignetes Vehikel, wir haben eine strukturierte und systematische Vorgehensweise gelernt, einen neutralen Einstieg, eine überzeugende Argumentation und psychologische Wege, um Nachhaltigkeit zu kommunizieren – sowohl intern wie extern.“ Jetzt hat das Unternehmen eine neue Vision: Kundenanforderungen so zu erfüllen, um mehr Ressourceneffizienz in der Kette zu erreichen – auch mit den Lieferanten. „Die Frage ist, ob uns das auch ohne Berater gelingt“, so Lehmann. Er setzt besonders auf die Qualifizierungsbausteine im Projekt, verbunden mit der Analyse und Auswertung. „Die waren Meilensteine für uns – und wichtig für die Weiterentwicklung.“

Wie groß die Effekte einer „überbetrieblichen“ Ressourcenkooperation wirklich sind, lässt sich nicht genau beziffern. Zu groß sind die Unterschiede in den einzelnen Branchen und Produkten, zu verschieden die Möglichkeiten je nach Position in der Wertschöpfungskette, erklärt Dr. Holger Berg, Leiter des Projekts am Wuppertal Institut. „Es kann so sein, aber ein Versprechen, dass 25 Prozent Ressourcen durch Kooperation gespart werden, gibt es nicht.“ Die Logik liegt darin, dass durch Abstimmung untereinander eine Vielzahl verborgener Potenziale zutage treten. Je näher die Position in der Kette am Endkunden liegt, um so mehr lässt sich tun, sagt Berg. Der Kunde definiert zwar den Ressourceneinsatz durch das gewünschte Produkt, redet aber in den meisten Fällen – wenn überhaupt – nur einmal darüber: bei der Auftragsvergabe. „Das A und O der Kooperation ist die Kommunikation“, ist Berg überzeugt. Das sei eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Pilotprojekts.

Zuvor waren die Effekte von Ressourcenkooperationen nicht im Fokus der Forschung, weil sich aber der Material- und Energieeinsatz in den heutigen Wertschöpfungsketten mit geringer Fertigungstiefe und vielen Teilnehmern entlang der Kette potenziert, sind auch die Potenziale der Einsparung groß. Der Weg zu weniger Ressourceneinsatz in der Kette ist allerdings mit Aufwand verbunden: Der Lernprozess in den Unternehmen ist schwer. Zwar bestehen oft langjährige Beziehungen zwischen Lieferanten und Kunden, aber die Kommunikationswege sind eingefahren, bestehen häufig nur zwischen Vertrieb und Einkauf. „Wenn es um Ressourceneffizienz in der Produktion geht, dann müssen auch Menschen aus der Produktion miteinander sprechen – und die bisherigen Verhandler müssen mehr über Ressourceneffizienz wissen“, empfiehlt Berg.

Weil das nicht zum ohnehin dichten, betrieblichen Alltag gehört, braucht es dafür systematische Prozesse, eine Moderation und vor allem Motivation. „Wir haben das Instrument des Storytelling eingesetzt. Das ist kein Märchenerzählen, sondern es geht darum, das Vorgehen mit Stories zu verbinden, die auch auf emotionaler Ebene illustrieren, warum Ressourcenkooperation wichtig ist.“ Dazu gehöre auch die richtige Atmosphäre, die den Menschen Zeit gäbe, sich zu erklären, in der sie Geschichten und Absichten vermitteln könnten. „Die reinen Sachargumente reichen dazu nicht aus. Wenn die Beteiligten nicht anders mobilisiert werden, klappt es nicht. Nur wer dazu begeistert wird, spart auch Ressourcen.“ Im Grunde sei es eine einfache Rechnung: Die Unternehmen investieren Zeit, um mehr Überblick und Bewusstsein zu schaffen, um zu reden. Das Tagesgeschäft wird aufgelockert, am Ende entsteht eine höhere Ressourceneffizienz. „Wenn das Teil der CSR-Strategie wird, gewinnen wir alle“, sagt Berg.

„Wir wünschen uns Verstetigung“

Dass „darüber reden“ in jedem Fall etwas bringt, zeigt das Beispiel Dornbracht. Der renommierte Hersteller von Design-Armaturen im benachbarten Iserlohn verkauft zwar weltweit, produziert mit über 1000 Mitarbeitern aber in Deutschland, auch die Zulieferer sind zu rund 90 Prozent inländische, etwa 70 Prozent sogar aus der Region. Design und Qualität stehen für die Marke Dornbracht an erster Stelle. Im Kooperationsprojekt sollte die Qualität der Gussrohlinge verbessert, daraufhin der Dialog mit der externen Gießerei gesucht werden. Beinahe nebenbei wurde das größte Einsparpotenzial des Projekts entdeckt: 250.000 Kilowattstunden pro Jahr, rund 40.000 Euro, ganz ohne Investition, nur durch organisatorische Anpassung der Losgrößen. „In einem einzigen Gespräch haben wir geklärt, dass das energiezehrende Vorhalten eines Gussofens auf wenige Termine reduziert werden kann“, erzählt Thomas Richter, Leiter Business Entwicklung bei Dornbracht.

Fast eine Angst-Situation für Kooperationsvorhaben: Wer „verdient“ an den gemeinsam gehobenen Ressourcenschätzen? Verlangt der Kunde jetzt niedrigere Preise, muss der Lieferant den Preis reduzieren? „Wichtig ist eine vertrauensvolle Basis für die Kooperation. Vereinbart wird vielleicht, nicht über Preise zu verhandeln, aber natürlich entsteht Druck, die Einsparungen in Qualitätsverbesserungen zu investieren“, sagt Richter. Am besten sei ein neutraler Unabhängiger, der die Effizienzgewinne zu einer gemeinsamen Win-Win-Situation kläre. Denn das eigentliche Problem, die Zahl der Ausschüsse beim Armaturenhersteller wegen Gussfehlern beim Lieferanten zu reduzieren, bleibt weiter ungelöst. „Ich hatte mir etwas mehr erhofft“, klagt Richter, „es reicht nicht, über den ökologischen Fußabdruck zu sprechen, man muss ihn anwenden können. Ohne Begleitung ist das schwierig.“ Ein Handwerkszeug für den kooperativen Alltag, eine Art Surfbrett, mit der man die besten Ressourcenwellen reiten kann, stellt er sich vor. „Bei dem Pilotprojekt ging es nur um eines von 800 Gussteilen. Wir wünschen uns eine Verstetigung.“

Den Pilot-Ansatz hält er für dauerhaft erstrebenswert. Am besten fand er jedoch den gemeinsamen Workshop, in dem die Instrumente besprochen wurden, die sie noch bräuchten. „Es muss wie Schwimmen lernen sein. Irgendwann braucht man keinen Lehrer und keine Leine mehr.“ Für die Katz sei das Projekt natürlich nicht, meint Richter. Im Unternehmen ist auf jeden Fall etwas passiert, im Bewusstsein etwas angekommen, dass mit solchen Gesprächen etwas zu gewinnen ist. „Bei uns macht noch der Senior mit 85 Jahren das Licht aus, um Geld zu sparen. Wenn man das Bewusstsein für Ressourceneffizienz stärker im Unternehmen verbinden kann, wenn es Tagesgeschäft wird, lässt sich viel mehr für Kosten und Umwelt erreichen.“

Ein ganzes Paket an Arbeitsmaterialien als Teil des Projekts soll helfen, dass die Unternehmen weitermachen in Sachen Ressourcenkooperation und -kommunikation – und sich neue Betriebe in das Feld der unentdeckten Einsparpotenziale mit ihren Kunden und Lieferanten begeben. Die Effizienz-Agentur NRW, Partner im Projekt, bietet als Erfahrung daraus einen kostenlosen Halbtages-Workshop dazu an – plus externem Berater.

„Wir haben unsere Instrumente wie den PIUS-Check zum produktionsintegrierten Umweltschutz um Kunden- und Lieferantenbeziehungen erweitert“, berichtet Frederik Pöschel, Projektleiter bei der EFA. „Mit einem Tool wie JUMP für die ressourceneffiziente Produktentwicklung bewegt man sich am besten in der Kette.“ Wichtig seien bestimmte Leitfragen und das Zusammentreffen unterschiedlicher Verantwortlicher an einem Tisch. „Wer sich dazu austauscht, erzielt auch Ressourcengewinne“, garantiert Pöschel und nennt eine ganze Reihe von weiteren Beispielen. Natürlich sei eine Moderation durch Externe zwischen den kooperationswilligen Unternehmen hilfreich, die erzielbaren Gewinne rechtfertigten das auf jeden Fall.

„Das passt zur Nachhaltigkeit“

Auch wenn die Unternehmen des Pilotprojekts schon aus ganz unterschiedlichen Branchen und einer Region kamen: Die Ergebnisse sollen sich auf alle übertragen lassen, auch beispielsweise auf Lebensmittel- oder Textilproduktion. „Prinzipiell können Unternehmen aus allen Branchen oder Ländern profitieren“, ist Holger Berg überzeugt. Weil viele Rohstoff-, Halbzeuglieferanten und Auftragsfertiger europäischer Produzenten in Asien arbeiten, sind Kooperationen zur Ressourcenschonung aufgrund kultureller, zeitlicher und sprachlicher Unterschiede jedoch weitaus schwieriger als regional.

Hinzu kommen die Vorbehalte der Europäer: „Wenn wir die Best-Practice der EU auf Asien übertragen, damit dort Produktionskosten reduzieren, ziehen wir uns Konkurrenz hoch“, erklärt Uwe Weber vom CSCP die Denke der Unternehmer. „Auf der anderen Seite möchte niemand am Pranger stehen wegen schlechter Arbeits- und Umweltbedingungen.“ Weber leitet am Collaborating Center on Sustainable Consumption and Production (CSCP) in Wuppertal das Projekt Switch Asia, das die internationale Zusammenarbeit im Sinne der Ressourcenschonung zu verbessern versucht. „Asiatische Unternehmen sind sehr bottom-line-orientiert“, so Weber. „Über Ressourcenverbrauch wird gesprochen, wenn dazu ein Preis gemacht wird. Ideell funktioniert das nicht, aber wenn sich der Wasserverbrauch verringern lässt, dann schon.“ Gerade in der Massenproduktion von Standardteilen mit geringen Preisspannen erkenne man, dass die Produkte auch teurer werden, werden sie nicht ressourcenschonend hergestellt. Wenn die Zulieferer einen längerfristigen Vertrag erhielten, würden sie auch in Maßnahmen investieren, sagt Weber. „Lokale Banken verstehen jedoch oft ihr Anliegen nicht und so helfen wir von hier mit Green-Finance-Projekten.“

Ein erstes Ergebnis einer internationalen Ressourcenkooperation gab es auch im bergischen Pilotprojekt. Für Hudora, bekannt für Sport- und Freizeitgeräte wie Trampoline, Inlineskates, Scooter und Co., arbeiten über 60 Mitarbeiter am Firmensitz in Remscheid. Dort sitzt auch die Produktentwicklung, während die Produktion in China bei verschiedenen Herstellern erfolgt und die Produkte per Schiffscontainer nach Deutschland gelangen, erzählt Markus Rüther, Senior Product Manager bei Hudora. Mit Hilfe von Material- und CO2-Bilanzierung wurden im Projekt Produkt- und Versandverpackungen bei Inlineskates analysiert. Darüber hinaus ist das Ressourcenthema nicht nur bei den Herstellern in China eingeführt. „Auch die Kommunikation im Unternehmen hat das Thema aufgegriffen“, berichtet Rüther. Das Thema Ökologie ist uns sehr wichtig. „Das Thema passt zur Nachhaltigkeit von Hudora: Lange Lebensdauer der Produkte, Reparaturfähigkeit, guter Service – und jetzt auch ressourceneffiziente Verpackungen.“

Ralf Bindel ist Redakteur der factory. Sein Interview mit Ernst-Ulrich von Weizsäcker leitete die factory Sisyphos über Erreichtes und Erreichbares in der Nachhaltigkeit ein.

Ressourcenkooperation – Ressourceneffizienz in der Wertschöpfungskette durch Unternehmenskooperation

Fünf mittelständische Unternehmen nahmen in den letzten drei Jahren am Pilotprojekt teil: Dornbracht (Armaturen), Gebr. Becker (Vakuumpumpen), Hudora (Freizeitgeräte), Muckenhaupt & Nusselt (Spezialkabel) und Sachsenröder (flexible Trägermaterialien). Gefördert wurde es aus den Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Europäischen Sozialfonds. Ziel war die strategische Einbindung von Ressourceneffizienz als Teil der Corporate Social Responsibility (CSR) in das Kerngeschäft von kleinen und mittleren Unternehmen. Durchgeführt wurde es unter der Leitung des Wuppertal Instituts mit der Beratungsgesellschaft Trifolium, der Bergischen Entwicklungsagentur und der Effizienz-Agentur NRW. Weitere Einblicke in einzelne Maßnahmen, in das Beratungs- und Qualifizierungsangebot und den Leitfaden gibt es unter www.ressourcenkooperation.de

Mehr Beiträge zum Thema Kommunikation und Kooperation gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Wir müssen reden. Das ist wie immer schön illustriert und vor allem gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen und enthält zudem sämtliche Beiträge und Fotos sowie Zahlen und Zitate.

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