Vorsicht vor zuviel Vorsicht

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Karlheinz Steinmüller ist Physiker, Philosoph, Futurologe, Science-Fiction-Autor und Mitgründer von Z_punkt, The Foresight Company. Mit seiner Frau Angela schrieb er in der DDR Romane über den Überwachungsstaat und war Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften. Seiner Ansicht nach ist nicht viel von Büchern und Studien zu halten, die die Zukunft in 100 Jahren vorhersagen. Andererseits können utopische Romane auch die Gegenwart verändern. Mit dem Schriftsteller sprach Ralf Bindel.

Herr Dr. Steinmüller, Sie haben in der DDR gelebt und waren dort als Wissenschaftler und Autor anerkannt. Heute sind Sie es in einem vereinigten Land. Die DDR war eine konkrete Utopie, eine Vision einer antifaschistischen, antirassistischen, kommunistischen, sozial gerechten Gesellschaft, die sich mit Stacheldraht-Grenzen, einer bestimmenden Elite und Dauer-Überwachung realisierte. Sie ist gescheitert. Hat sich das Experiment gelohnt?

Als großes soziales Experiment hat sich die DDR mit Sicherheit für den Großteil der Bevölkerung nicht gelohnt. Es ist gescheitert, weil es nicht die richtigen Voraussetzungen hatte und von Menschen vorangetrieben wurde, die ausschließlich das Primat der Machterhaltung verfolgten. Nur in einer Richtung ist das Experiment aussagekräftig: Wie schnell utopische Vorstellungen in anti-utopische Realität umschlagen können. Es bleibt wieder einmal die Botschaft: Wer zu stark auf Utopien setzt und den humanen Faktor vernachlässigt, wer zu stark vom eigenen Gesellschaftsentwurf überzeugt ist, der endet im Totalitarismus. Der Weg zur Hölle ist mit Idealen gepflastert, das wurde ja spätestens unter Stalin deutlich.

Was halten Sie persönlich von Utopien?

Ich beklage, dass Utopien so in Verruf gekommen sind. Heute gibt es nur noch sehr hausbackene Utopien. Die große Narration, der große utopische Impetus sind verloren gegangen. Vor 100 Jahren konnte man für eine soziale Utopie, die Befreiung der Arbeit, kämpfen, heute verhakeln wir uns im Streit um Arbeitszeit- und Rentenregelungen. Was den utopischen Entwürfen noch am nächsten kommt, ist das Konzept der Nachhaltigkeit. Aber dieses Konzept besitzt kaum noch Strahlkraft, weil es zu einer politische Leerformel geworden ist, die alle nachbeten. Es fehlt der große, umfassende, ruhig auch kontroverse Entwurf einer nachhaltigen Gesellschaft. Eine Energiewende erzeugt noch keine bessere Gesellschaft. Die emotionale Aufladung fehlt. Freilich muss man auch sehen, dass dieser Nachteil auf einem Lernprozess beruht und sich in einer Zeit der immensen Informationsmengen wohl auch nicht auflösen lässt. Die Lösungen liegen heute eher im Kleinteiligen. Es geht nicht mehr um die andere Gesellschaft, die auch den anderen, den neuen Menschen braucht. Und wir haben gelernt, dass das Übermaß an Utopien nicht funktioniert, sondern in den Totalitarismus führt. Wir leben heute von kleinteiligen Visionen, alles ist runterskaliert.

Hat sich Ihre Einstellung zu Utopien geändert?

Wahrscheinlich schon. Meine Frau Angela und ich haben ganz am Anfang unserer Schriftsteller-Karriere, 1982, die „Weltraum-Utopie“ Andymon veröffentlicht. Das war eine dynamische Utopie, ein Gesellschaftsentwurf, der nicht statisch vorgegeben war, sonders sich entwickelte. Im Zentrum standen junge Leute, Individuen, die sich eine eigene Welt schaffen mussten. Das war ein deutlich emanzipatorischer Ansatz, eine verdeckte Spitze gegen die DDR, wo absolut feststand, wie die „lichte“ Zukunft auszusehen hatte. Das war unser Ausgangspunkt, daran hat sich nichts geändert. Wir können nicht mit festen Entwürfen operieren, sondern müssen tastend versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Aber wir haben schon Schwierigkeiten uns auf die Ziele zu einigen. Heute merke ich in Zukunftswerkstätten und auf Kongressen, wie unterschiedlich schon bei Mobilität und Ressourcen die Zielvorstellungen sind.

Woher kommt diese Differenz der Ziele?

Das liegt an den unterschiedlichen Biographien, der unterschiedlichen Herkunft, an der sozialen Diversität. Daraus entsteht eine Diversität der Ziele und Visionen, befördert durch neue Medien. Es gibt ein Übermaß an Meinungen, wir sind eine fragmentierte Gesellschaft mit zahllosen Einzelinteressen – und jeder findet im Internet ein Grüppchen, das ihn in seiner Meinung, so schräg sie auch sein mag, noch bestärkt. Darunter leidet die gemeinsame Basis von Werten und Zielen.

Können literarische Visionen eine solche Gesellschaft verändern?

Utopische Bücher haben durchaus Diskurse verursacht und dadurch die Welt verändert. 1984 von George Orwell hat wesentlich die Debatten um den Überwachungsstaat, Informationsfreiheit und Privatheit angeschoben. Bücher wirken vor allem als Warnungen. Den scharfen Diskurs um Gentechnik hätten wir ohne Aldous Huxley mit seiner Schönen neuen Welt  nicht. Die starken Bilder aus der Literatur ermöglichen es einem breiteren Publikum, frühzeitig über neuartige Herausforderungen zu diskutieren. Auch überzogene Visionen haben den Vorteil, dass sie Probleme wie Datenschutz, Klonen usw. diskutierbar machen, egal ob sie sich so einstellen, wie sie geschildert werden, oder nicht. Wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Möglichkeiten sind für den Laien, also für die meisten Menschen, schwer zugänglich, durch Science Fiction werden sie vorstellbar und damit diskutierbar. Und manche Menschen werden davon motiviert, sich dafür oder dagegen einzusetzen. Ein Kollege aus der Technikfolgenabschätzung fordert daher ein öffentliches „Vision Assessment“, bei dem ein breites Publikum die Visionen hinterfragen und bewerten kann.

Müssen wir denn gegenwärtig Angst vor der Zukunft haben?

Nicht mehr als in anderen Epochen. Wir haben heute keine apokalyptischen Zustände, wir sehen zwar immense Herausforderungen, aber auch die Handlungsmöglichkeiten sind gewachsen. In den Zeiten des Kalten Krieges war die ultimative Katastrophe wahrscheinlicher. Selbst der Klimawandel ist harmlos im Vergleich mit einem nuklearen Schlagabtausch. Und vielleicht ist er sogar leichter zu überwinden als Diktaturen. Das Dritte Reich jedenfalls war katastrophaler als der Klimawandel. Doch es gibt keine Zeit, die sich nicht als Endzeit sieht. Jede Zeit sieht sich als exzeptionell.

Woran liegt das?

Es ist der Hunger nach Hoffnung, kombiniert mit der Faszination durch Angst und Schrecken.

Also macht Angst machen keinen Sinn?

Es ist richtig, Angst auszulösen, wenn dadurch Handeln ausgelöst wird. Im Rahmen des Vorsorgeprinzips kann der Angst sogar eine kognitive Funktion zukommen, sie lenkt die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf bislang unterbewertete Probleme. Individual-psychologisch aber verengt die Angst den Blick, als Einzelner ist man schlecht beraten, wenn man der Angst folgt.

Technologie verändert die Gegenwart, aber verbessert sie auch die Zukunft?

Die Wörter „Technik“ und „Zukunft“ sind zu groß, zu pauschal, man verliert zu viel an Differenzierung. Man muss im Konkreten hinschauen, einzelne Themenfelder wie Mobilität und Ernährung feingliedrig betrachten. Einige Technikfelder entwickeln sich extrem schnell, denken wir an all die digitalen Technologien, so dass wir ständig gezwungen sind, uns anzupassen. Bei anderen läuft die Entwicklung sehr langsam, z. B. bei der Transmutationsforschung. Diese untersucht die Frage, wie radioaktive Isotope in stabile Elemente verwandelt werden können – womit man das Atommüllproblem vielleicht etwas entschärfen könnte.

In Zukunft doch nur mit Atom?

Nein, es geht nur um das Beispiel Atommüll. Die Grundhaltung zu diesem Problem irritiert mich: nur weg damit, versenken, vergraben, endlagern. Auf allen anderen Gebieten haben wir gelernt, dass Recycling eine gute Sache ist. Nicht beim Atommüll. Entsprechend wenig ist auf diesem Gebiet geforscht worden, weniger als bei der Endlagerung. Da hätte ich gern mehr Wissenschaft und Technik. Vielleicht führt dieser Weg aber auch gar nicht sehr weit, ich bin schließlich auf diesem Gebiet kein Experte.

Gibt es denn Grenzen der Digitalisierung, der Miniaturisierung?

Es gibt für alles irgendwann Grenzen. Für die Digitalisierung sind sie sehr schwer einzuschätzen. Die Leistungssteigerung der Informations- und Kommunikationstechnologie hält nun schon seit ungefähr 200 Jahren an, seit dem elektrischen Telegraphen. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass ein Ende bald bevorsteht. Die Grenze, bei der ein einzelnes Elementarteilchen ein Bit Information trägt, wird voraussichtlich erst in einigen Jahrzehnten erreicht.

Der Wettbewerb um Ressourcen zwischen Erneuerbarer Energietechnik und der Digitalisierung könnte aber einen Strich durch die Rechnung machen.

Ohne Zweifel werden manche Ressourcen knapp. Zugleich erschließen wir uns immer neue Rohstoffarten oder nehmen Lagerstätten wieder in Betrieb, die als ausgebeutet galten. Die Engpässe wirken sich als Treiber aus, sind die Preise hoch, erhöht sich der Druck zur Substitution. Es lässt sich allerdings nicht alles substituieren. Neodym kann durch andere Materialien für Supermagnete ersetzt werden, aber für verlorene gegangene Tier- und Pflanzenarten gibt es keinen Ersatz.

Es gibt keine Grenzen des Wachstums?

Die Grenzen sind immer schwer zu ermitteln. Peak Oil, das Ölfördermaximum, ist in aller Munde, aber gleichzeitig werden immer neue fossile Energieressourcen erschlossen. Teersande und Ölschiefer haben die Grenzen ausgeweitet, allerdings mit hohen ökologischen Kosten, und die aus Klimaschutzgründen notwendige CO2-Abscheidung und -Deponierung würde einen beträchtlichen Anteil der erzeugten Energie verbrauchen.

Was ist von Büchern zu halten, die die Welt in 20, 50 oder 100 Jahren beschreiben?

Das hängt vom konkreten Buch ab. Vieles langweilt mich, weil immer wieder dieselben bekannten Vorhersagen verbreitet werden. Und je öfter ich sie lese, desto mehr zweifle ich an ihnen. Auch kann man deutliche Denkschulen erkennen. Nehmen wir als Beispiel Michio Kakus Buch Die Physik der Zukunft. Von der Physik der Zukunft handelt es kaum, dafür bringt es technologische Vorhersagen, die einem recht engen Determinismus verhaftet sind und außer acht lassen, dass Gesellschaften durchaus die Entwicklung der Technik in eine bestimmte Richtung lenken können – oder sogar bestimmte Entwicklungspfade austrocknen lassen können.
Bei manchen Autoren amüsiert mich, dass sie im Eingangskapitel schreiben, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann – und dann später ihre Sorgen über den Klimawandel, die künftige demographische Entwicklung usw. ausbreiten und sich in Horrorprognosen ergehen. Vorhersagen sind immer an Bedingungen geknüpft, und die wichtigste Bedingung ist menschliches Handeln.
Außerdem muss man bedenken, dass die Zeithorizonte sehr unterschiedlich sind. Bei manchen Technologiefeldern weiß man nicht, wie die Technik in fünf Jahren aussehen wird, bei der Demografie lässt recht gut vorhersagen, wie viele Menschen im Jahr 2050 leben werden, wie der Altersaufbau der Bevölkerungen sein wird. Selbstverständlich können auch hier noch Überraschungen – Wild Cards wie eine Pandemie – eintreten. Es lohnt sich immer, konkret hinzuschauen.

Brauchen wir mehr Mut zu gesellschaftlichen Entscheidungen oder eher mehr Vorsicht durch mehr Vor-Sicht, also Vorausschau?

Das Vorsorgeprinzip hat seine Berechtigung: Wer handelt, sollte über die nahen und ferneren Folgen, die Wirkungen und Nebenwirkungen seines Handelns nachdenken, um ungewünschte Folgen zu vermeiden. Ich habe aber den Eindruck, dass dieses Prinzip bisweilen so interpretiert wird, als sei es am besten, überhaupt nicht zu handeln. Es ist ein psychiatrisches Bild: Man handelt nicht, wenn man zu vorsichtig ist, wenn man überall nur Risiken und Gefahren wahrnimmt. Es kommt darauf an zu erkennen, auf welchen Gebieten man besonders vorsichtig sein muss und wo Übervorsicht zu Lähmung führt. Welche Risiken dürfen wir uns erlauben, welche dürfen wir auf keinen Fall eingehen? Das ist bisweilen schwer zu entscheiden, zumal unsere Risikowahrnehmung oft nicht den objektiven Risiken entspricht. Beispiel Asbest. Die Asbestsanierung von Schulen war sicher angebracht. Aber es gibt Fälle, in denen die Schüler in der Sanierungszeit eine andere Schule besuchen mussten und dadurch einen viel längeren Schulweg hatten. Sie waren damit Verkehrsrisiken ausgesetzt, die statistisch gesehen viel gefährlicher waren als die Asbestexposition. Wir neigen dazu, bestimmte Risiken, die wir gut kennen, einfach zu akzeptieren, solche, mit denen wir wenig vertraut sind, nehmen wir auf keinen Fall an. Das größte Risiko bei einer Flugreise ist die Anreise, Autofahren ist auch gefährlicher als Feinstäube.

Ist es also besser, nichts zu tun? Angesichts der schweren ökonomischen Krise oder besser der Krise der Ökonomie und ihrer dramatischen Folgen für viele Menschen scheint das Risiko des Nichts-Tuns höher zu sein.

Bei der Krise handelt es sich fast schon um ein Experiment von der Größenordnung des missratenen Kommunismus im Osten. Das extreme Risiko des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft sollte auf jeden Fall vermieden werden. Allerdings hat niemand dieses Szenario konkret beschrieben und durchgerechnet. Es gibt eine breit angelegte Horrorliteratur über die Euro-, Finanz-, Staatsschulden-, Wirtschaftskrise, aber was sie konkret bedeuten, wird nicht durchbuchstabiert. Vor allem gibt es auch kaum Überlegungen zu Gegenreaktionen der Gesellschaft. Beispielsweise können wir beobachten, dass in Krisenregionen Regionalwährungssysteme aufgebaut werden, die sozusagen eine Erneuerung der Wirtschaft von unten bezwecken. Wenn also das Bankensystem zusammenbricht gäbe es vielleicht die Chance für ein neues Wirtschaftssystem. Da sehen wir, wie die Angst Scheuklappen erzeugt, wir denken die Konsequenzen nicht weiter und erkennen nicht, welche Alternativen sich öffnen.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Vorhersage, Zukunft, Trends, Visionen und Utopien finden Sie nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Vor-Sicht. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

Literatur von Angela und Karlheinz Steinmüller:

Andymon. Eine Weltraum-Utopie. Roman, überarbeitete Neuausgabe, Shayol-Verlag Berlin 2004
Computerdämmerung. Phantastische Erzählungen, Shayol-Verlag Berlin 2010Darwins Welt. Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs, (Biographie) oekom Verlag München 2008
Die Zukunft der Technologien, Murmann Verlag Hamburg 2006
Wild Cards

Mehr zu Zukunftsforschung und Literatur von Angela und Karlheinz Steinmüller auf www.steinmuller.de

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