Utopie ist nicht machbar, Herr Nachbar.

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Jedes zweite neue Auto wird in Deutschland in wenigen Jahren ein schwerer Geländewagen vom Typ SUV sein, dabei leben wir zu fast 80 Prozent in Städten. Die Vermutung liegt nahe, dass aus der nachhaltigen Entwicklung nur etwas wird, wenn die Menschen sich ändern. Doch eine nachhaltige Entwicklung braucht keinen neuen „Neuen Menschen“, sondern den neugierigen Blick auf bewährte und widerlegte Traditionen.

Von Bernd Draser

Es wäre so gut, wenn der Mensch besser wäre. Wie gerecht, wie zukunftsfähig, wie glücklich könnte die Welt dann sein! Aber was tun, da der Mensch einfach nicht besser sein will? Wenn er weiterhin tapfer sündigt? Sich lieber einen Zweitwagen leistet als ein Zweirad, lieber eine Fernreise als ein Cityticket? Müsste er nicht zu seinem Glück gezwungen werden? Oder wenigstens zu dem der künftigen Generationen? Soll man ihn nicht erziehen zu einem besseren, einem neuen Menschen? Und wenn er sich nicht erziehen lassen will, dann eben züchten? Brauchen wir nicht die Utopie einer anderen Welt? Sind wir, die wir doch das Gute wollen, nicht berufen, die uns zu Gebote stehenden Mittel auch einzusetzen? Gerade jetzt, im Vollgefühl der tiefsten Krise? 

Im Jahre 1999 hoffte Peter Sloterdijk in seinen Regeln für den Menschenpark auf „wirkungsvolle Verfahren der Selbstzähmung“ mittels „Anthropotechnologie bis hin zu einer gezielten Merkmalsplanung“ in Gestalt der „optionalen Geburt“ oder „pränatalen Selektion“. Damit wäre beispielsweise die Gewaltwelle an amerikanischen Schulen in den Griff zu bekommen, wenn schon die schulische Zähmung vor den „Enthemmungsmedien“ kapituliere. Umtost von der Empörung des Feuilletons verwandelte Sloterdijk auf offener Bühne seine gewitzten (bei Platon, Nietzsche und Heidegger entlehnten) Spiele mit den Worten „Lektion“ und Selektion in den Ernst der Biopolitik

Spielen wir das Sprachspiel weiter und dehnen die Biopolitik aus, um den Menschen selbst „bio“ zu machen, um eine nachhaltige Entwicklung mit den gründlichsten Mitteln zu befördern: Wenn die beiden Hot Spots der Ressourcenausbeutung die Ernährung und der Verkehr sind, hätte es da nicht seinen Charme, die zukünftigen Generationen pränatal dergestalt zu optimieren, dass sie aus freien (oder vielmehr: biologisierten) Stücken auf Fleisch und Fernreisen verzichten und die kooperativen den kompetitiven Lebensstilen vorziehen? 

Utopien als Inseln

Seit dem 19. Jahrhundert erfreuen sich die Phantasien und Praktiken von Zucht und Züchtung großer Resonanz; der „Neue Mensch“, so der Titel einer Ausstellung des Dresdner Hygiene-Museums (1999), gehört zu den „Obsessionen des 20. Jahrhunderts“ bei allen, die eine andere Welt wollen, sei es in Architektur oder Wirtschaft, Rasse, Politik oder Verkehr. Der utopischen Träumerei von einem neuen Menschen folgte stets das barbarische Erwachen. Das liegt am Wesen von Utopien, und das ist der totale Anspruch auf Herstellung eines neuen goldenen Zeitalters unter Ausmerzung all dessen, was dem im Wege steht. Der Ausgangspunkt einer utopischen Phantasie ist das Leiden an den Unzulänglichkeiten der aktuellen Gesellschaft. Deshalb fertigt man zwecks einer handlichen Erzählung eine vereinfachte Spiegelung der Gegenwart an, indem man beispielsweise Komplexität reduziert, Antworten vereinfacht und Szenarien zuspitzt, z. B. durch glasklare Aufteilung in Gut und Böse, Freund und Feind. Erzählerisch bedarf es entweder des Entwurfs einer vermeintlich besseren, gerechteren Gesellschaft, oder des Ausmalens der Konsequenzen eines Weiter-So als Endzeit-Szenario. Die dramaturgisch geschickteste Lösung ist freilich die Paarung beider Varianten in einer großen Erzählung der nahen und katastrophalen Endzeit, auf die dann eine neue Welt mit einem neuen Menschen folgt; um die und den endlich zu erreichen, muss freilich die Endzeit herbeigeführt werden!

Ein unerlässlicher Kunstgriff ist der totale Bruch mit Vergangenheit und Gegenwart, denn nur so ist die rücksichtslose Durchsetzung des als gut Postulierten zu erreichen, notfalls mit Gewalt, denn alles Nichtkonforme muss ausgelöscht werden. Und da die Zukunft meist sehr lange auf sich warten lässt, um dann doch wieder in Gegenwarten zu zerrieseln, verliert der utopisch entflammte Geist die Geduld und will sofort Ergebnisse erleben, als konkrete also sehr kleine Utopie. Und die heißt mit Vornamen Alternative und macht viel Arbeit, weil die Komplexität, die man der Utopie zuvor mühsam ausgetrieben hatte, durch alle Poren wieder hereinquillt. Da hilft nur eines, nämlich die Poren zu stopfen, der utopische Raum muss von der dekadenten Restwelt sauber abgetrennt werden. Daher sind literarische Utopien meist auf Inseln angesiedelt (Utopia bei Morus, Atlantis bei Platon). Lukas Cranach umgibt auf seinem Gemälde Das goldene Zeitalter den Ort mit einer veritablen Mauer, politische Utopien des 20. Jahrhunderts folgten dieser Tradition und pointierten sie mit Stacheldraht.

Nach hinten statt nach vorn

Was folgt daraus? Müssen wir vor der Zukunft kapitulieren? Entzieht sich alles Kommende unserer Verfügung? Durchaus nicht. Wenn Nachhaltigkeit tatsächlich eine Utopie wäre, dann hätten wir ein echtes Problem. Sie ist aber kein Zukunfts-, sondern ein Traditionsprojekt. Was will das sagen? Die Zukunft ist nichts, was bereits feststünde und sich lediglich unserer Kenntnis entzöge, vielmehr wird sie das Ergebnis von überkomplexen Wechselwirkungen sein, die sich unserem formenden Eingriff entziehen. Wenn wir nach vorne schauen, blicken wir ins Leere. Unsere Zukunftsprojekte sind in Wahrheit Projektionen. Schlimmer noch: Die großen Phantasmen der Machbarkeit, die Utopien, sind der Ursprung all der Probleme, die wir mit ihnen zu lösen suchen. Das Abenteuer der technischen Unterwerfung der Natur ist auch der Anfang unserer neuzeitlichen Philosophie mit Bacon und Descartes, und mit einer eigentümlich zivilisationskritischen Pirouette, auch Rousseau

Es ist eine beliebte Phrase in der ökologischen Bewegung, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Das Bild ist tiefer als der häufige Gebrauch vermuten lässt. Denn der Ast, auf dem wir sitzen, ist nicht die Natur, sie ist der Grund, in dem der Baum wurzelt. Unser „Sitz“ sind unsere Traditionen, denn die prägen unsere Verhaltensmuster und unser Weltverhältnis. Der Blick nach hinten ist produktiver, wichtiger als der nach vorn, wo nichts zu sehen ist, denn wir lernen von unserer Vergangenheit mehr als von müßigen Endzeiterwartungen. Wir können vor allem eines lernen, dass Nachhaltigkeit nichts ist, das durch Biopolitik und genetische Optimierung herbeigezwungen werden muss oder kann, sondern vielmehr den allergrößten Teil unserer Tradition ausmacht.

Traditionelle Sozialtechniken sind innovativ

Das, was wir heute als Nachhaltigkeitsstrategien etablieren wollen, ist durchweg altmodisch und liegt ganz dicht unter der Oberfläche unserer industrialisierten Lebenswelt. Das zyklische Denken ist uns stammesgeschichtlich zueigen. Dieses ganze Konzept von machbarer Zukunft ist so frisch und oberflächlich, dass es gegen die kilometerdicken Sedimente unserer Stammesgeschichte nicht mehr als eine Staubschicht bildet. Einige nahe liegende Beispiele: Was sich heute als Urban Gardening großer Beliebtheit erfreut, ist der schöne Nachklang der alten Subsistenzwirtschaft, die von der neolithischen Revolution bis in die Nachkriegszeit hinein als kleines häusliches Gemüsebeet der Normalfall war. Der regionale und saisonale Konsum ist überhaupt erst seit kurzem in Vergessenheit geraten. Das Tauschen und Teilen ist so alt wie die dörfliche Lebenswelt und das Wirtschaften in Sippen. Das Do-It-Yourself und Reparieren statt Entsorgen war bis vor kurzem eine Selbstverständlichkeit. Der Verzicht auf Fleisch hat sein Jahrtausende altes Präludium in den religiösen Fastenzeiten. Schon der schnelle Blick zurück erweist sich als deutlich pragmatischer denn die Verheißung eines neuen Menschen. Das Navigieren mit dem Rückspiegel ist als einziges nicht blind.

Tradition ist eine wachsende Ressource 

Wenn wir, gerade was unsere Lebensstile angeht, die aufgeblasenen Ziele der Utopien vergäßen und statt ihrer in unserem unmittelbaren Bereich einige Dinge geschickter, also traditioneller anstellten, wäre viel gewonnen. Die Nachhaltigkeitsdebatte wird sich von den großen, totalen, globalen Lösungen abwenden müssen und kleinteiliger, regionaler, vielfältiger werden. Sie wird feststellen, dass es nicht um industriell-technologische Lösungen gehen kann, auch nicht um die großen ökonomischen und politischen Würfe, die zuletzt doch wieder in brutalem Umfang natürliche Ressourcen verpulvern, sondern um kleine Akzentverschiebungen in Geschmäckern und Wertschätzungen einzelner Individuen. Das Charmante daran: Die Ressource Tradition wird durch Gebrauch nicht dezimiert, sondern wächst und gedeiht. 

Und was wir von der Tradition der Künste lernen können: Die Ästhetik kann in der Nachhaltigkeit ihr Recht einfordern. Hoffentlich auf Kosten der Ethik, denn wenn ein nachhaltiger Lebensstil als sittliche Forderung erhoben wird, dann ist der sicherste Schritt getan, um das Geforderte an Widerwillen scheitern zu lassen. Ästhetik kann alles, was die Ethik will, nur besser. Ein schlichtes Beispiel verdeutlicht das: Wird ein Kunstwerk schöner, wenn man noch etwas hineinsteckt, oder wenn man etwas weglässt? Ein Museumsbesuch oder ein klassisches Konzert wird mehr für eine Ökonomie der Zurückhaltung und des rechten Maßes sensibilisieren als eine moralischer Appell oder ein noch ökologischeres Produkt, das man nun auch unbedingt haben muss. Eine ästhetische Auffassung von unserem Leben ist die beste Absicherung gegen die Scheußlichkeiten des Massenkonsums. Nietzsche sagte einmal, in einem ganz anderen Kontext: „Jetzt entscheidet unser Geschmack, nicht unsere Gründe.“

Wir können von exemplarischen und experimentellen Lebensweisen sprechen, und nicht nur sprechen, sondern auch an ihnen arbeiten: ganz konkret, ganz kleinteilig, ohne große Entwürfe, die aus der Leugnung von Komplexität die Kraft des Brüllens beziehen. Das wären dann lustvolle Versuche, vorläufige Entwürfe, ohne den Hang zum Totalen, ohne den Willen zu einem letzten Ende, ohne Abschaffung des Menschen, eine nicht endende Bewegung, lebendig, heiter, ein Spiel…

Bernd Draser ist Philosoph und Dozent an der ecosign-Akademie in Köln. Für factory schrieb er über die Kunst des Trennens im Magazin Trennen und über Haben zum Teilhaben im Magazin Teilhabe.

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