Die Kunst des Trennens

Die Kunst des Trennens
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Wer heute trennt, der trennt den Müll – oder löst sich aus einer Beziehung. Beides fällt schwer, wir schieben es darum gern auf. Den Müll oder andere Dinge zu trennen wird in der Schulgrammatik transitiv genannt, uns von etwas zu trennen hingegen reflexiv. Es ist diese reflexive Dimension, die für nachhaltige Lebensweisen maßgeblich ist und über das Gelingen aller Strategien der Nachhaltigkeit entscheidet – das Gestalten unserer selbst, nicht das Agieren an Dingen. Heidegger würde sagen: Es geht ums Dasein, nicht ums Zeug.

Von Bernd Draser

Warum ist es schwer, sich von etwas und jemandem zu trennen? Weil das Trennen Gewohnheiten in Frage stellt; Gewohnheiten sind bequem, weil sie eben keine Fragen stellen, sondern unreflektiert, also anstrengungslos geschehen. Wir haben dort Gewohnheiten nötig, wo es uns überfordert, alles und in jedem Augenblick zu reflektieren, also im gewöhnlichen Alltag. Aber die unreflektierten Routinen gerinnen in unserer Lebensweise des Massenkonsums zur Gefahr, das vertraute Schon-immer-so kann kein Weiter-so bleiben. Im öffentlichen Diskurs ist das seit Jahren präsent, aber zu oft nur als rhetorische Figur, nicht als eine tatsächliche Wende in den Gewohnheiten. Sie werden mit ein wenig grüner Tünche zu Gepflogenheiten aufgehübscht – das berühmte Greenwashing. Wir Sophisten trennen folglich lieber unseren Müll als uns von den Routinen.

Dabei wären wir nicht da, wo wir sind, wenn wir uns nicht trennen könnten – auch wenn es uns schwer fällt. Das Trennen ist eigentlich Teil einer uralten Kulturtechnik, die der französische Ethnologe Arnold van Gennep 1909 in „Riten des Übergangs“ mit verblüffender Klarheit analysierte: In nichtschriftlichen Stammesgesellschaften gelten die Übergänge von einem Zustand in einen anderen als gefährlich. Das Alte ist erschöpft, das Neue noch nicht etabliert. Das können Lebensabschnitte wie Erwachsenwerden, Heiraten, Sterben sein, aber auch Amtsübergaben, Jahreszyklen, Reisen, Gebäudeeinweihungen. Hier hat das Trennen als Kulturtechnik seinen Ort: Erstens muss man sich vom Alten, Verbrauchten, Erledigten lösen (Trennungsriten), um zweitens in der Schwellenphase den Übergang zum Neuen an sich selbst zu vollziehen (Schwellen- oder Wandlungsriten), um dann drittens gewandelt, erneuert, gestärkt wieder in die Gemeinschaft zurückzukehren (Reintegrationsriten).

Schönheit macht Sinn

Die Trennungsriten machen einen pointierten Schritt des Ablösens und werden mit Trauer begangen. Die Schwellenriten nutzen die Todessymbolik, denn das Alte muss absterben und bestattet werden, um dem Neuen Kraft zum Leben zu geben. Die Riten der Reintegration sind Freuden- und Geburtsfeste, sie geben Anlass zur Ausgelassenheit, weil der gefährliche Übergang bewältigt wurde. Jeder der drei Schritte hat komplexe Symbolismen hervorgebracht, die aufs Engste mit den mythisch-religiösen Geschichten und Gestalten verknüpft waren. In ihrer symbolisch aufgeladenen Performativität sind die gefährlichen Übergänge zu ästhetischen Prozeduren kristallisiert, sie produzieren für unser Auge nicht mehr nur Sinn, sondern auch Schönheit.

Und darum fällt es uns so schwer, uns zu trennen: Das abendländische Denken hat seit der Industrialisierung die Lebensweisen der ganzen Welt intensiv überformt. Es begann vor über 2500 Jahren mit der Kritik von Mythen und Riten. Schon mit den ionischen Naturphilosophen schäumte ein erster Wellenkamm der Säkularisierung auf, und die Brandung wird seither stärker. Das hat Vorzüge: Humanität, Entbindung von der Last der Tradition, Angstminderung durch Rationalität. Aber es gibt auch Nachteile, wie sich das am deutlichsten an unserem Umgang mit dem Sterben ablesen lässt: Dieser delikateste Übergang wird abgedrängt in Kliniken und dezent von Experten verwaltet. Den Tod erleben wir nur noch gespielt im Fernsehen. Die Kunst des Trennens sinkt uns ab in die Trivialität, weil wir Kritiker der Riten und Mythen wurden, die wir in ihrer vulgarisierten Form als Heldenreise im Kino, als Fanclub, als krude Kasernen-Initiation konsumieren.

Wir Säkularisierte verlernen aber die ganz eigene Bewegung des Trennens und Lösens, nämlich das Kreisen. Wir können kaum noch zyklisch denken, wir denken linear (oder dialektisch – aber Dialektik ist auch Linearität, nur mit viel Hüftschwung), das haben uns Jahrtausende von Heilsgeschichte eingeschrieben. An solche düstere Stelle gehört traditionell das Hölderlin-Wort aus dem Patmos-Gedicht: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ Und tatsächlich: Im gleichen Maße, wie die Religion im 18. Jahrhundert in den Zwinger der reinen Vernunft interniert wurde, wuchs ihr Korrektiv, die Kunst, um sie zu beerben, und insbesondere ihre performative Ästhetik der Riten. Zwischen 1750 und 1800 explodierten die ästhetischen Diskurse, mit einem Mal traute man der Kunst jede Erlösungsleistung zu, und wir tun es bis heute. Die reduktionistische Ästhetik des 20. Jahrhunderts dann, mit ihren Heroen der Avantgarde, hat uns, so die bemerkenswerte Einsicht der gegenwärtigen Lebenskunst-Diskurse, eines sinnlich erlebbar gemacht: Das ästhetisch Gelungene (früher hätte man „das Schöne“ gesagt) ist nicht dann gelungen, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann, um es noch schöner zu machen.

Transition ästhetisch

Dieses ästhetische Kriterium, auf unsere Lebensstile angewendet, verschmilzt auf frappierend einfache Weise die ästhetische Qualität mit dem, das sich praktisch als geboten weil nachhaltig erweist. Charmant daran ist, dass der unappetitliche moralische Rigorismus entbehrlich wird, der nachhaltige Lebensweisen mehr verhindert als befördert.

Die Kunst des Trennens gehört zu den schönen Künsten. Sie ist so alt wie die menschlichen Kulturen. Sie ist eine anthropologische Universalie, und damit eine Ressource, die nicht nur im Überfluss vorhanden ist, sondern im Gebrauch sich noch mehrt. Und sie produziert Sinn, denn das ist es, was Rituale tun: Sinn und Symbole produzieren. So lassen sich neue und gleichzeitig sehr alte Geschichten erzählen. Und wir brauchen solche Geschichten vom gelingenden Leben, gelingend in Trennung, Übergang und Erneuerung, Transformation und Transition, denn ohne sie wird keine Nachhaltigkeitsstrategie lebenswirklich glaubhaft sein. Während Nachhaltigkeit heute vor allem als eine ökonomisch-technologische Herausforderung angegangen wird, liegt die Chance des Gelingens im Miteinbeziehen des ästhetisch-symbolischen Bereichs, dort, wo früher die Riten lagen. Müssen wir also traditionell werden? Oder sogar religiös? Nein. Wir können säkular bleiben, wenn wir ästhetischer werden.

Bernd Draser lehrt Philosophie an der ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln. Für factory schrieb er zuletzt über Teilhabe.

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