Mikrokredite sind kein Allheilmittel, aber …

.. ein wichtiger Bestandteil in umfassenden Strategien zur Armutsbekämpfung. Die Pro-Position von Martin Herrndorf.

 

© Geoff Sayer/Oxfam
Nolmaai bei einem Mitgliedertreffen von Oxfams Partner Inkidemi. Die Organisation unterstützt Frauen darin, existierende Kleingewerbe zu erfolgreichen Geschäftsmodellen zu vernetzen und dadurch nicht nur ihre familiäre Rolle zu stärken, sondern auch sozialen und politischen Einfluss zu gewinnen. Malambo, Tanzania.

Die Begeisterung war groß: Mit Hilfe von Mikrokrediten sollten vor allem Frauen in Entwicklungsländern von hilfsbedürftigen Opfern zu aktiven Kleinunternehmern werden. Die naive Illusion über die Wirkung von Mikrokrediten ist einer anderen Wirklichkeit gewichen. Beigetragen haben dazu mit Sicherheit die Exzesse im Mikrokreditwesen: Die schnelle Expansion, multiple Kredite an den gleichen Kreditnehmer, dubiose Praktiken beim Krediteintreiben und der zeitweise Zusammenbruch des Sektors, vor allem im indischen Bundesstaat Andra Pradesh.

Trotzdem: Mikrokredite und das hinter ihnen stehende Prinzip der marktbasierten Armutsbekämpfung sind wichtige Bestandteile von umfassenden Strategien für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe.

 Arme Haushalte müssen bei stark schwankenden Einnahmen regelmäßige tägliche Ausgaben, langfristige Investitionen wie Haus(aus)bau, Hochzeiten oder Geschäftsausstattung und überraschende Sonderausgaben wie Krankenhausaufenthalte oder Beerdigungen bewältigen. „Finanzielle Tagebücher“ zum Beispiel in Südafrika oder Bangladesch haben gezeigt auf welche vielfältige und komplexe Weise das geschieht. Sie sparen und leihen sich Geld – von Nachbarn, Kollegen und Freunden, in Sparzirkeln (sogenannten Roscas, rotierenden Kredit- und Sparvereinen), von Geldverleihern, Händlern und Zulieferern und, ja, von Mikrofinanz-Institutionen.

 Dabei haben formelle Mikrokredite Vor- und Nachteile. Vor allem wegen der Planbarkeit und der Verlässlichkeit des Zugangs sind sie informellen Mechanismen überlegen. Aber auch durch die Möglichkeit, größere Summen für die „missing middle“ zwischen Kleinstunternehmertum und wirklicher Gründung zu finanzieren, schneiden sie gut ab. Vorteile gibt es auch bei den Kreditzinsen. Die Zinsen, oft bis zu 45 Prozent im Jahr, sind weitaus niedriger als die Zinsen von Geldverleihern, die auch 50 Prozent „bis Monatsende“ betragen können. Und sie spiegeln die hohen Kosten für dezentrale Vertriebs-Strukturen in Entwicklungsländern und die wöchentlichen Tilgungs­zahlungen wider.

 Um ihr Potenzial voll entfalten zu können, müssen Mikrokredite verstärkt mit Instrumenten wie Mikro-Sparen, Mikro-Versicherungen und Mikro-Transaktionen gebündelt werden. Wichtig ist zudem die Vernetzung mit Programmen zur Beschäftigungsförderung von Kleinstproduzenten mit Abnehmern und Exporteuren sowie der Aufbau von Marktstrukturen. Auch die lokale Politik ist gefragt: Wie jeder Markt braucht der Mikrokredit-Markt Infrastruktur, wie öffentliche Kreditbüros, Kundenaufklärung und Regulierungen.

Letztendlich zählen andere Faktoren bei der Reduzierung von ­Armut: Frieden, Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Good Governance. Aber Mikrokredite können die Teilhabe von vorher ausgeschlossenen gesellschaftlichen Gruppen an einer allgemeinen positiven Entwicklung fördern – oder die negativen Auswirkungen fehlender Rahmenbedingungen wenigstens zum Teil ausgleichen.

Martin Herrndorf hat über Mikroversicherungen promoviert und arbeitet für die Universität St.Gallen in der Schweiz und das Endeva Institut in Berlin


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