Kleine Kredite und der große Mythos

… von Teilhabe und Armutsbekämpfung. Die Contra-Position von Christa Wichterich

© Jane Beesley
Meron holt Wasser von einem von Oxfam errichteten Brunnen in Kotido/Uganda. Geringere Regenfälle – eine Folge des Klimawandels – verringern die Ernteerträge und die Vielfalt der angebauten Nutzpflanzen.

Frauen brauchen Teilhabe an der Wirtschaft, am Markt, an der Wertschöpfung, am Wohlstand. Arme Frauen erst recht. Mikrokredite versprechen diese Teilhabe. Sie galten als entwicklungspolitisches Patentrezept, um Frauen zu „empowern“ und Armut zu bekämpfen. Die Grameen-Bank von Nobelpreisträger Mohammed Yunus in Bangladesh stand Pate dafür, die Mikrokredite mit einer „einkommensschaffenden Tätigkeit“ zu verkoppeln, damit die Frauen sich am eigenen Schopf aus der Armut ziehen können. Die hohe Rückzahlungsmoral der Frauen von 98 % begründete ihren Siegeszug um die Welt. Eine Fehlannahme war allerdings, dass arme Frauen das Mini-Darlehen gleich produktiv investieren würden. Die meisten Frauen nutzten den Kredit für die Begleichung anderer Schulden, für Notfälle wie eine Operation, für Gebrauchsgüter oder Hochzeiten. Der Kredit verhinderte, dass sie noch tiefer in die Armut abrutschten. Zurückzahlen konnten sie ihn davon aber nicht. Wo er unternehmerisch investiert wurde, mussten sie oft lange auf Gewinne warten. 

Die brauchen sie aber. Denn die erste Rate ist schnell fällig, und die Zinsen sind heftig, zwischen 20 und 40 Prozent. Der Rückzahlungsdruck verschärfte sich seit kommerzielle ­Finanzdienstleister Mikrofinanzierung als riesiges Geschäftsfeld ausbauten. In Indien verdrängten speziell gegründete Mikrofinanzinstitutionen die sozial motivierten Frauengruppen der frühen Jahre. Sie verzeichneten irre Wachstumsraten und fuhren Hyperprofite ein. Die Agenten jagten sich die Kundinnen gegenseitig ab, um Erfolgsprämien zu kassieren. Bei der derart kommerzialisierten Kreditvergabe geht es um Rendite, nicht um Frauen-Empowerment, Selbstorganisierung oder ­Solidarität. Hinter der hohen Rückzahlungsquote verbarg sich eine hohe Verschuldung. Um die Rückzahlungen prompt leisten zu können, nahmen die Frauen mehrere Kredite von mehreren Anbietern auf und gingen zusätzlich noch zum lokalen Geldverleiher. Zwar gewannen viele Anerkennung und Verhandlungsmacht in der Familie und gegenüber Behörden. Doch der ökonomische Nutzen oder die Teilhabe am Wohlstandsgewinn war gering. Im Herbst 2010 platzte die Blase in Indien: Die Rückzahlungsquoten brachen ein, über 50 Frauen nahmen sich das Leben, die Industrie geriet in Liquiditäts- und Legitimationsprobleme. 

Fazit: Die Mikrokredite sind überwiegend zu einem Mittel neoliberalen Armutsmanagements verkommen. Die ökonomischen Machtstrukturen, die Armut erzeugen, lassen sie unberührt. Und sie politisieren die Armen nicht, gemeinsam für ihre Rechte zu streiten, im Gegenteil: sie ermuntern sie, auf den Märkten gegeneinander zu konkurrieren.


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