Es geht um Gerechtigkeit

© Jörg Bohn, www.wirtschaftswundermuseum.de

Wirklich nachhaltig ist immer auch geschlechtergerecht. Energiewende und die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft wären weiter, würde die Genderperspektive mehr berücksichtigt, sagt Ulrike Röhr, Expertin für Gender und Nachhaltigkeit im Gespräch mit Ralf Bindel.

Ist Geschlechtergerechtigkeit ein zentrales Element nachhaltigen Wirtschaftens bzw. einer nachhaltigen Gesellschaftsstrategie? Ist sie eine Bedingung der nachhaltigen Entwicklung?

Beides ist erforderlich. Das Problem ist leider, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die zum Thema Nachhaltigkeit arbeiten, es ebenso sieht.  Es gibt kein einheitliches  Verständnis von Nachhaltigkeit. Deswegen ist immer wieder wichtig zu betonen: Bei Nachhaltigkeit geht es um die verschiedenen Aspekte von Gerechtigkeit. Geschlechtergerechtigkeit spielt dabei eine wesentliche Rolle. Nach der UN-Konferenz in Rio, als der Begriff boomte, war das Verständnis von Nachhaltigkeit deutlich breiter als heute. Mein Eindruck ist, dass es seitdem immer enger geworden ist. Auch dass heute als Hauptstrategie der Nachhaltigkeit die Green Economy gesehen wird, rührt von diesem sehr eingeschränkten Verständnis.

Dieses breite und damit auch geschlechtergerechte Verständnis hat sich aber offenbar nicht durchgesetzt. Spielt Gender in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung eine Rolle, setzt z. B. der Nachhaltigkeitsrat auf Gender?

Der Rat ignoriert das Thema völlig. Mit der ersten rot-grünen Regierung wurde die erste Nachhaltigkeitsstrategie erarbeitet. Wir haben mit der AG Frauen im Forum Umwelt & Entwicklung und genanet (Leitstelle Gender; Umwelt, Nachhaltigkeit bei LIFE e.V.) bereits im Vorfeld Eckpunkte dazu erarbeitet: Was bedeutet die Strategie aus der Geschlechterperspektive, wie wird diese einbezogen, wer sollte beteiligt werden? Wir hatten auch Vorschläge für die Besetzung des Nachhaltigkeitsrats. Doch konnten wir damit nicht durchdringen. In der Strategie findet sich nichts davon wieder. Wir haben uns jedoch nicht entmutigen lassen und haben zum ersten Fortschrittsbericht Vorschläge und Positionen zu jedem Thema erarbeitet – aber auch auch davon hat sich im veröffentlichten Bericht nichts mehr wiedergefunden.

Was ist passiert?

Ein Grund  lag sicher darin, dass die Strategie nicht im Umweltministerium – wo die Genderperspektive damals noch sehr unterstützt wurde –, sondern im Bundeskanzleramt angesiedelt war. Im Abstimmungsprozess mit allen Ministerien ist Gender wie so oft als Verhandlungsmasse verloren gegangen.

Geschlechtergerechtigkeit kommt also in der bundesdeutschen Nachhaltigkeitsstrategie nicht vor?

Nur begrenzt als Chancengleichheit, für die als einizger Indikator der Gender-Pay-Gap herangezogen wird. Das eigentliche Mainstreaming von Genderaspekten in die Inhalte fand nicht statt. Das verwundert schon deshalb so, weil gerade zu der Zeit Gendermainstreaming in allen Ministerien umgesetzt wurde. Die Diskrepanz zeigt sich nun in der Strategie in einer technisch-technokratischen Sicht, in der Fixierung auf Wachstum, auf Technologien, und in einer starken Ausrichtung auf und Dominanz von quantitativen Daten. Was quantifizierbar ist, findet statt, was qualitativ und nicht einfach messbar ist, taucht nicht auf in der Nachhaltigkeitsstrategie. Weil es keinen anderen Indikator zu Gender als den Gender-Pay-Gap gibt, ist Gender praktisch nicht mit mehr in der Strategie vertreten. Dabei gäbe es genügend Möglichkeiten, auch qualitative Daten zu erheben und aufzunehmen.

Es heißt ja oft, dass der weibliche Blick die Verhältnisse nachhaltig ändern könnte.

Der weibliche Blick … Ich würde diesen Begriff lieber gar nicht zu benutzen. Man läuft auch in den Genderkonzepten ohnehin immer Gefahr, mit Stereotypen zu argumentieren: Die Frauen sind so, die Männer sind so. Redet man vom weiblichen Blick, wird es richtig prekär, da ist man schnell bei dem „Frauen sind sanft und vorsorgend, Männer risikobereit und technikorientiert“. Das sind nichts anderes als traditionelle Rollenzuschreibungen, die damit zementiert zu werden drohen.

Wo macht sich das bemerkbar?

Wir merken das z. B. bei den Klimaverhandlungen. Es hat Jahre gebraucht, um Aufmerksamkeit für die Genderperspektive zu bekommen. Jetzt wird sie als unbedingt zu integrierend betrachtet, aber bei genauem Hinsehen geht es dabei nur selten um Gender, also um die Geschlechterverhältnisse, sondern fast ausschließlich um Frauen. Entweder die armen Frauen, die unter dem Klimawandel besonders leiden, oder die Frauen als „Agents of Change“. Die Gefahr ist groß, dass bestehende Geschlechterverhältnisse gefestigt werden, wenn man Frauen weil sie fürsorgend und vorsorgend sind, unterstützt, und sie in die Verhandlungen und in die Delegationen holt, damit sie eben diese Rolle übernehmen. Dabei muss es darum gehen, dass alle Geschlechter fürsorgend und vorsorgend agieren und nicht nur auf den Markt und die Technik setzen. Da gibt es häufig noch sehr große Missverständnisse.

Welche Vorteile hat denn eine Genderperspektive innerhalb einer Nachhaltigkeitsstrategie?

Ein breiterer Blick hat letztlich immer Vorteile. Als Gendermainstreaming (die Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen) strategisch umgesetzt wurde, auch in der Politik, war immer ein Argument, dass wir mit Gender ganz schnell bei Diversität landen. Wir schauen dann nicht nur auf die Frauen und die Männer als Gesamtgruppen, sondern wir müssen den Blick werfen auf die armen Frauen und Männer, auf junge oder alte Frauen und Männer, auf die gut und die schlechter Gebildeten, auf Frauen und Männer mit migrantischem Hintergrund und so weiter. Von daher bringt es immer einen umfassenderen Blick auf nachhaltige Entwicklung. Und es hat nebenbei den Vorteil, dass man an einer Entwicklung oder Strategie arbeitet, die alle mitzunehmen versucht.

Was hat ein Unternehmer davon, wenn er die Genderperspektive auch in seinem Unternehmen unter dem Nachhaltigkeitsaspekt einsetzt?

Das machen viele Unternehmen schon. Sie nennen das nur nicht Genderperspektive. Aber viele, vor allem größere Unternehmen, arbeiten zur ökologischen Nachhaltigkeit auf der einen und zu Work-Life-Balance, Familienfreundlichkeit oder Frauen in Führungspositionen auf der anderen Seite. Viele der großen Unternehmen sind da weit, die internationalen sowieso, weil Gender und Diversity dort ein Muss ist. Die Deutschen hängen leider auch da hinterher. Kleinere Unternehmen haben noch wesentlich mehr Probleme mit Gender, weil sie schlicht weniger Kapazitäten haben – aber es gibt auch hier gute Beispiele. 

Reichen Work-Life-Balance-Workshops, Familienfreundlichkeit und Führungsfrauen für die Gendergerechtigkeit?

Wirklich in Richtung Transformation geht es nur mit der Integration von Care, also Versorgungsarbeit, in die Nachhaltigkeitsdebatte, auch in die Green Economy-Debatten. Mit Familienfreundlichkeit ist es nicht getan, solange sie als Zielgruppe nur die Frauen hat. Es geht um eine Umverteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit. Wenn wir nicht alle die Versorgungsarbeit für die Kinder, die Pflege der Kranken, der Alten übernehmen, wird sich nicht grundlegend etwas ändern. Wir erreichen keine Geschlechtergerechtigkeit, wenn wir alles, was mit Versorgung zusammen hängt, in den Verantwortungsbereich der Frauen schieben.

Warum ist das so wichtig, dass auch Männer Sorgearbeiten übernehmen?

Dadurch ändern sich Perspektiven. Bereits vor zehn Jahren wurde in einer Untersuchung des Umweltbundesamtes zum Umweltbewusstsein der Bevölkerung festgestellt, dass Väter mit kleinen Kindern genauso umweltbewusst sind wie Frauen. Das deutet darauf hin, dass ein stärkeres Bewusstsein für Vorsorge, für Umwelt nicht abhängig vom Geschlecht ist, sondern davon, wer für zukünftige Generationen sorgt. Und wenn man sich dafür verantwortlich fühlt, schlägt sich das auch in anderen Bereichen nieder. Das ist meiner Ansicht nach auch eines unserer Probleme: Unsere Politik, unsere Wirtschaft wird bestimmt von Männern oder auch Frauen, die weit entfernt von persönlicher Sorge für andere sind und denen diese Perspektive fehlt.

Bei den unternehmerischen Persönlichkeiten, die sich zu Nachhaltigem Wirtschaften äußern, spielt Care-Ökonomie keine Rolle. Selbst im wissenschaftlichen Sektor kommt das nicht an.

Das ist etwas, woran wir verzweifeln, aber wofür wir uns auch weiter einsetzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Frauen oder Männer sind, es sind Personen mit einem starren Werte- und Normensystem, das sich seit Hunderten von Jahren entwickelt hat und so immer weiter geführt wird. Werte und Normen werden aus der immer gleichen Perspektive definiert, aber nicht aus einer, die „Sorge“ um Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt, sondern die orientiert ist an Effizienz und schneller, größer, höher, weiter, an Wachstum.

Könnten mehr Frauen in den Institutionen da mehr bewegen?

Das Problem ist, dass Frauen, um an die Macht zu kommen, an diesen Mainstream angepasst werden: Es wird alles abgeschliffen, das anders ist als die herrschende Norm. Mit einigen wenigen Ausnahmen, die diesem Prozess standhalten. Deswegen agieren dann Frauen in Führungspositionen auch nicht anders als Männer.

Das heißt, wir brauchen keine Frauenquote, sondern eine Quote für Versorgungsarbeit?

Eine mögliche Forderung wäre, dass ein Kriterium für das Erreichen von Leitungspositionen ist, dass alle Männer und Frauen zwei Jahre Kinderversorgung übernommen haben müssen. Wie schon beschrieben, erweitert das die Perspektive, aber es ist auch eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Fehlzeiten wegen Versorgungsarbeit nicht allein Frauen zugeschrieben werden und sie somit ein Unsicherheitsfaktor im Betrieb sind. Und es fehlen neue Ideen, wie Betriebe dabei unterstützt werden können.

Was müsste sich ändern?

Derzeit ist die Regelung so: Der Arbeitgeber zahlt zwar nicht den Ausfall der Arbeitskraft bei Krankheit des Kindes, dafür kommt die Krankenkasse auf. Aber die Frauen müssen von der Sozialversicherung abgemeldet werden, sie erhalten für den betreffenden Zeitraum Krankengeld, und müssen danach wieder angemeldet werden. Das ist ein ungeheurer verwaltungstechnischer Aufwand. Die Kinder sind ja in der Regel nicht vier Wochen am Stück krank, sondern eher zwei bis drei Tage oder vielleicht mal eine Woche. Da rechnet sich der Aufwand nicht. Das ist schon absurd, dass es ein Instrument gibt, das aber so technokratisch und aufwändig ist, dass es nicht angewendet wird. Wirkliche Fürsorgepolitik sieht anders aus.

Wie sähe denn eine Energiewende aus, wenn sie tatsächlich von mehr Frauen geprägt wäre? Zurzeit ist sie ja zum größten Teil von Männern gestaltet.

Das ist komplex und lässt sich nicht in drei Sätzen beantworten. Ich habe ein Problem mit der wiederkehrenden Forderung nach mehr Frauen. Genauso gut kann ich mir vorstellen, dass sich auch Männer ändern und anders mit der Energiewende umgehen. Aber einmal angenommen, dass Frauen in einer solchen Überzahl sind, dass sie bestimmen könnten, dann hoffe ich, dass die Energiewende weniger technisch ausgerichtet wäre. Sie lässt viel zu sehr die Lebensstiländerungen außer Acht, also die Reduktion des Energieverbrauchs. Ob Frauen es dann anders machen würden, ist reine Spekulation. Ich hoffe immer, dass die Dominanz der Industrie­lobby dann etwas weniger groß wäre. Die Energiewende ist ja doch deutlich davon geprägt, dass das durchgesetzt wird, was die großen Energieversorger und die Industrie will, wie die Ausnahmen von der EEG-Umlage zu Lasten von Privathaushalten und kleinen Unternehmen zeigen. Ich hätte die Hoffnung, dass Frauen mehr auf Gerechtigkeit setzen und sich auch andere Konzepte überlegen würden. Oder auch, dass die Fixierung auf Großanlagen wie Offshore-Windkraft mit all ihren Folgeproblemen, wie neue Nord-Süd-Stromtrassen, geringer wäre. Der technokratische Größenwahn spiegelt sich auch bei der Energiewende. Meine Hoffnung wäre, dass es mit einer gendersensiblen Herangehensweise oder auch mit mehr Frauen in den Entscheidungspositionen doch etwas anders laufen würde.

Könnte eine Quote für derartige Transformationsprozesse und ihre Institutionen mehr Gendersensibilität erzeugen? Also analog einer Quote für Spitzenfrauen?

Für mich sind das zwei Paar Schuhe. Die Quote ist eine Frage der Gerechtigkeit und deswegen berechtigt. Aber ich verspreche mir von der Quote nicht automatisch mehr Gendersensibilität. Dazu braucht es mehr. Wichtig wäre es einzufordern, dass jedes unternehmerische oder wissenschaftliche Projekt die Genderperspektive berücksichtigen muss. Das wäre der richtigere Schritt in eine geschlechtergerechte Transformation.

Eine Frauenquote beispielsweise für Aufsichtsräte in den DAX-Unternehmen unterstützen Sie?

Die Quote ist wie gesagt wichtig für die Gerechtigkeit, nicht für die Gendersensibilität. Dann kann man immer noch schauen, ob sich wirklich etwas verändert, wenn dort mehr Frauen sind. Aber selbst wenn sich nichts verändert, ist es doch gerecht, wenn da 50 Prozent Frauen sitzen.

Es kann ja durchaus sein, dass dadurch auch die Versorgungsfrage thematisiert wird.

Das ist sicher ein längerfristiger Prozess. Wir wissen ja, wie die Reaktionen ausfallen, wenn irgendwo 30 Prozent Frauen etabliert sind und die Ergebnisse nicht wesentlich anders sind als vorher. Dann geht sofort das Geschrei los, dass es keinen Unterschied mache. Man lässt sich kaum Zeit für Veränderungen, wenn diese erst in der nächsten oder übernächsten Generation zu spüren sind. Es ist ja auch schwierig, so viel Geduld aufzubringen.

Ulrike Röhr, Bauingenieurin und Dipl. Soziologin, ist Mitgründerin von LIFE e.V. - Bildung Umwelt Chancengleichheit. Sie leitet dort den Arbeitsbereich genanet - Leitstelle Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit.

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