• Wolke über dem Meeresstrand
Donnerstag, 21. Januar 2016

Wissenschaftler warnen vor noch schnellerer Erderwärmung, wenn nicht rasch gehandelt wird

Die Szenarien sind klar: Lassen die Emissionen nicht deutlich nach, wird sich die Erde noch weiter erwärmen. Mit dem Klimaabkommen von Paris sind die Hoffnungen gestiegen, dass die Staaten handeln. Berner Klimaphysiker haben nun berechnet, welche Folgen das Hinauszögern von CO2-Reduktionen für das Klima und die Ozeane hätte.

"2015 war das bei weitem wärmste Jahr seit Beginn der Messungen", gab Gavin Schmidt, Chef des New Yorker Goddard-Raumfahrtinstituts der Nasa gestern bekannt. "Fast überall auf der Erde ist es viel wärmer geworden, im Durchschnitt um ein Grad". Mit dem gegenwärtigen El Niño-Wetterphänomen könnte das Jahr 2016 sogar noch wärmer werden. Das bedeutete dann drei Jahre in Folge jeweils neue Hitzerekorde – ebenfalls Rekord. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Politik schnell handeln muss, falls man das 1,5-Grad-Ziel der maximalen Erwärmung, für das sich die Staaten im Pariser Klimavertrag vom Dezember 2015 ausgesprochen haben, erreichen will. Denn: "Wir sind fast schon bei einem Grad Erderwärmung".

Zwar beinhaltet das Paris-Abkommen das konkrete Ziel, die globale Erwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit "deutlich unter zwei Grad" zu halten, und wird deswegen allgemein als historisch bezeichnet. Konkrete Wege, wie die Unterzeichnerstaaten das realisieren sollen, enthält der Vertrag jedoch nicht. So sind viele Klimawissenschaftler unzufrieden mit dem Ergebnis, weil das Grundproblem billiger fossiler Brennstoffe nicht mit einer den Energieverbrauch verteuernden CO2-Steuer angegangen wurde und die Motivation der Staaten zur Reduktion begrenzt ist. So steigen die Zulassungszahlen schwerer Autos schneller, seitdem die Kraftstoffpreise immer weitere Tiefen erreichen. Mit einer CO2-Steuer oder einer schnellen Erhöhung der Mineralölsteuer könnten die Tiefstpreise sogar den Umbau zu einer erneuerbaren und klimagerechten Infrastruktur finanzieren – doch die Politik ist weit davon entfernt, entschlossen zu handeln.

Dabei sind massive Reduktionen der CO2-Emissionen, die aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und der Abholzung von Wäldern stammen, wirklich notwendig. Die Netto-Emissionen sollten ab Mitte des 21. Jahrhunderts auf Null sein. In den letzten Jahrzehnten sind diese Emissionen jedoch global um ungefähr zwei Prozent pro Jahr angestiegen. Wann genau das Absenken der Emissionen beginnt, lässt das Pariser Abkommen außerdem noch offen.

Damit erhalten die Länder zu viel Spielraum. Leider sogar mehr als das Klimasystem zum Erreichen ambitionierter Klimaziele zulässt, wie Patrik Pfister vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern betont. Pfister hat zusammen mit dem Klimaphysiker Thomas Stocker eine Studie publiziert, welche die Konsequenzen einer Verzögerung von globalen Emissionsreduktionen aufzeigt. Die Studie erscheint nun im Open Access Journal "Environmental Research Letters".

Hinauszögern bedeutet noch schnellere Erwärmung als heute

Die Forscher benutzten ein von ihnen entwickeltes Klimamodell, um die maximale Erwärmung als Folge weiterer CO2-Emissionen zu berechnen. Die maximale Erwärmung in der Zukunft steigt mit weiterhin zunehmenden Emissionen viel schneller an als die momentan beobachtete Erwärmung, nämlich ungefähr 3 bis 7,5 mal so schnell.

"Kurzfristige Klimaschwankungen und Episoden abgeschwächter Erwärmung könnten uns vor der Dringlichkeit des Problems ablenken", sagt Patrik Pfister, der Hauptautor der Studie. Aufgrund der Trägheit des Klimasystems und der extrem langen Wirkung von einmal emittiertem CO2 "bedeutet ein Herauszögern von Emissionsreduktionen um 10 Jahre eine weitere Erhöhung der Maximaltemperatur von 0,3 bis 0,7°C", so Pfister.

In zehn Jahren ohne Reduktion wird das 2,5-Grad-Ziel so ehrgeizig geworden sein wie heute das Zwei-Grad-Ziel. Es bleibt laut den Forschenden also nur wenig Zeit, um globale Reduktionen einzuleiten, wenn das Paris-Abkommen eingehalten werden soll.

Existenzielle Bedeutung für Inselstaaten

Neben der Atmosphäre erwärmt sich auch der gesamte Ozean, der sich dadurch ausdehnt. Dies trägt wesentlich zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Eine verzögerte Emissionsreduktion wirke sich hier besonders drastisch aus, sagt Pfister: "Bis globale Emissionsreduktionen einsetzen, steigt die Ausdehnung des Ozeans langfristig sogar sieben bis 25 mal so schnell an wie heute." Jede Verzögerung der globalen Emissionsreduktionen um zehn Jahre erhöht den zukünftigen Meeresspiegelanstieg insgesamt um etwa 0,4 bis 1,2 Meter, abhängig von der realisierbaren Geschwindigkeit der Reduktionen. Für Inselstaaten und Küstenstädte sind der Zeitpunkt und die Geschwindigkeit der weltweiten Emissionsreduktionen daher von existentieller Bedeutung, wie die Autoren betonen.

Gleichzeitig erhöhen andauernde Emissionen auch die Versauerung der Meere – mit erheblichen Folgen für Meeresökosysteme. Gemäss Berechnungen des Berner Klimamodells bewirkt die Versauerung zum Beispiel, dass Ozeanregionen mit chemisch idealen Bedingungen für das Korallenwachstum rapide schrumpfen. Solche Regionen verschwinden bis zum Ende des Jahrhunderts fast vollständig, wenn die Emissionsreduktionen um wenige Jahre bis Jahrzehnte verzögert werden.

"Unsere Studie liefert die wissenschaftliche Grundlage der Dringlichkeit von Massnahmen", sagt Mitautor Thomas Stocker. "Die noch verbleibenden Handlungsoptionen entgleiten uns rasant: Pro Jahrzehnt Herauszögern verlieren wir 0,5°C Klimaziel." Dies bedeute laut den Forschern, dass in den nächsten Jahren bereits die ehrgeizigsten Klimaziele unerreichbar werden, wenn die Umsetzung des Pariser Abkommens auf sich warten lässt.

Mehr zum Thema Maßnahmen gegen die Erhöhung des Meeresspiegels und gegen die Folgen der Erwärmung in Binnen- und Meeresgewässern im factory-Magazin Baden gehen. Wie Staaten handeln können, zeigen die factory-Magazine Sisyphos und Handeln (erscheint nächste Woche).

Quelle: IDW-Online.de
Bild: Cloud Vessel, DSLRManu, Flickr.com




Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.5 von 5. 2 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

« Vielfalt ist wirklich produktiver
« News

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen






  • drucken
 
© 2018 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften