• Titel der Studie zum Stresstest für Kohlekraftwerke nach dem Paris Abkommen.
Donnerstag, 09. Februar 2017

Studie: EU muss bis 2030 alle Kohlekraftwerke abschalten, um das Pariser Klimaziel zu erreichen

Will die die EU das Pariser Klimaziel einhalten, muss sie die Kohlendioxid-Emissionen aus Kohlekraftwerken innerhalb der nächsten 15 Jahre praktisch auf null zurückfahren. Ein heute in Brüssel veröffentlichter Bericht zeigt auch, welche Kraftwerke wann abgeschaltet werden müssen. Die meisten laufen in Deutschland und Polen.

Im Oktober 2016 hat die Europäische Union das Pariser Übereinkommen ratifiziert und sich zur Umsetzung verpflichtet. Auf 1,5 Grad Celsius wollen 187 Staaten der Erde den globalen Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen. Jetzt liegt erstmals ein Bericht vor, der zeigt, wie die EU mit ihren Kohlekraftwerken umgehen muss, um das Ziel zu erreichen. A stress test for coal in Europe under the Paris Agreement des Klimaforschungsinstitutes Climate Analytics stellt außerdem genau fest, wann welches der mehr als 300 Kohlekraftwerke in der EU abgeschaltet werden müsste.

Laut Berechnungen von Climate Analytics beträgt das verbleibende CO2-Budget für Kohleverstromung in der EU ungefähr 6,5 GT CO2, wenn das langfristige Ziel des Pariser Abkommens, den Temperaturanstieg auf deutlich unter 2°C zu beschränken und Anstrengungen zu unternehmen, diesen auf 1,5°C zu begrenzen, eingehalten werden soll. Doch leider wird die EU das Emissionsbudget, das mit dem Pariser Abkommen kompatibel ist, um 85 Prozent überschreiten, wenn die bereits existierenden Kohlekraftwerke über ihre volle Lebensdauer betrieben werden.

„Bereits die existierenden Kohlekraftwerke würden das Emissionsbudget der EU für Kohlekraftwerke überschreiten. Kämen noch die elf geplanten und angekündigten Kraftwerke hinzu, lägen die Emissionen aus Kohlekraftwerken um beinahe das Zweifache über dem Niveau, welches für die Einhaltung des langfristigen Temperaturziels des Pariser Abkommens notwendig ist,“ sagt Dr. Michiel Schaeffer, der Wissenschaftsdirektor von Climate Analytics während der Präsentation des Berichts in Brüssel heute (1).

Der Bericht stellt fest, dass die Emissionen aus Kohleverstromung in der EU in 2030 beinahe Null sein müssen (-95 Prozent bis 2030, -100 Prozent in 2031), wobei ein Viertel der laufenden Kraftwerke vor 2020 und weitere 47 Prozent bis 2025 abgeschaltet sein müssen.

„Der kostengünstigste Weg für die EU, um die unter dem Pariser Abkommen notwendigen Emissionsreduktionen durchzuführen, ist der rasche Verzicht auf Kohle im Stromsektor und ihr Ersatz durch erneuerbare Energien und Energieeffizienzmaßnahmen,“ sagt Paola Yanguas Parra, eine der Hauptautoren des Berichts.

„Deutschland und Polen stehen vor den größten Herausforderungen beim Kohleausstieg: Zusammen sind sie für 51 Prozent der installierten Kohlekapazität und 54 Prozent der Emissionen aus Kohlekraftwerken in der EU verantwortlich.“

Der Bericht entwirft zwei mögliche Szenarien, wie die EU einen vollständigen Kohleausstieg erzielen könnte und schlägt jeweils ein Jahr der Abschaltung für jedes der 315 Kraftwerke (mit insgesamt 738 Kraftwerksblöcken) vor (2).

Ein Szenario basiert auf einer Marktperspektive, wobei der wirtschaftliche Wert eines Kraftwerks wichtiger ist als seine Emissionsintensität; das andere basiert auf einer Regulierungsperspektive, bei dem Kraftwerke mit der höchsten Emissionsintensität zuerst stillgelegt werden. Beide führen zu einem Kohleausstieg um 2030, jedoch unterscheiden sich die Zeitpunkte, zu dem einzelne Kraftwerksblöcke abgeschaltet werden, deutlich zwischen den beiden Szenarien. Dies führt zu unterschiedlichen Auswirkungen auf regionaler Ebene innerhalb von Mitgliedsstaaten.

Um diesen ambitionierten Kohleausstieg zu erreichen, muss die EU die richtigen politischen Rahmenbedingungen durch sich ergänzende Maßnahmen schaffen:

  • Ein effektiveres EU Emissionshandelssystem
  • Ein stabiler und vorhersagbarer Investitionsrahmen
  • Ein höherer Anteil erneuerbarer Energien – entscheidend für einen erfolgreichen Kohleausstieg
  • Strategien und Politikmaßnahmen auf nationaler und regionaler Ebene um einen weichen Übergang zu ermöglichen und soziale und wirtschaftliche Chancen eines raschen Kohleausstiegs bestmöglich zu nutzen.

Bedeutende institutionelle und finanzielle Mittel sind nötig, um die Realisierung der ökonomischen, sozialen und ökologischen Vorteile dieser wichtigen Umwandlung des Energiesektors zu ermöglichen.

„Es ist bemerkenswert, dass die Europäische Union in den vergangenen 20 Jahren in der Klimapolitik global wegweisend war, sei es in Sachen Emissionsvermeidung oder Anpassung an den Klimawandel, den rechtlichen Strukturen internationaler Abkommen oder der Finanzierung von konkreten Maßnahmen in Entwicklungsländern. Die nächste große Herausforderung ist die Führungsrolle auf dem Weg zur Erreichung des 1.5°C Ziels, wobei die Erwärmung zuvor auf deutlich unter 2°C beschränkt werden sollte, wie in Paris vereinbart,“ sagt Bill Hare, CEO von Climate Analytics.

„Diese neuartige und innovative Analyse auf Ebene einzelner Kraftwerksblöcke zeigt, dass eine der größten Herausforderungen für Europa der Kohleausstieg im Stromsektor bis 2030 sein wird. Dies wäre eine Herausforderung für jedes Land in jedem Teil der Welt, sowohl ökonomisch als auch politisch.“

„Die EU hat jedoch bereits viele der entscheidenden politischen Instrumente eingeführt, inklusive solcher für faire und gerechte Übergangsstrategien. Die Herausforderung für Europa besteht nun darin, Nutzen aus seinen massiven Investitionen in die Klimapolitik zu ziehen, die Chance des Kohleausstiegs zu ergreifen und seine Institutionen zu nutzen, damit alle europäischen Regionen davon profitieren.“

„Deutschland ist Europas größter Kohleverbraucher. Eine Reihe großer Kohlekraftwerke wurde in den vergangenen 15 Jahren gebaut und ein weiteres Großkraftwerk könnte 2018 in Betrieb gehen. Unsere Analyse legt dar, dass diese Kraftwerke lange vor dem Ende ihrer wirtschaftlichen Lebensdauer geschlossen werden müssen, um das Temperaturziel des Paris Abkommens einzuhalten,“ sagt Niklas Roming, einer der Autoren des Berichts. „Dies ist auch bereits im Klimaschutzplan 2050 angedeutet, dessen Umsetzung sich auch auf unseren Bericht stützen sollte.“

Polen muss die Kohle aufgeben

„Die polnische Elektrizitätsversorgung basiert zu 85 Prozent auf Kohle. Obwohl diese mit steigenden Förderkosten, rasch sinkenden Reserven und zunehmender Konkurrenz durch erneuerbare Energien zu kämpfen hat, setzt die polnische Regierung auch in Zukunft auf Kohle als den Hauptpfeiler der Stromversorgung. Die Umsetzung des Pariser Abkommens bedeutet jedoch, dass Polen die Pläne für neue Kohlekraftwerke nicht umsetzen kann und stattdessen den Kohleausstieg planen muss,“ sagt Dr. Andrzej Ancygier. Politikmaßnahmen auf Ebene der EU und der Nationalstaaten für das EU-ETS und Erneuerbare Energien müssen ergänzt werden mit langfristiger Planung für einen nachhaltigen Wandel, vor allem in den Regionen die am meisten betroffen sind.“

Obwohl der Wandel eine große Herausforderung ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Kohle zu ersetzen, vor allem angesichts des deutlichen Rückgangs in den Kosten für Wind- und Sonnenenergie und dem polnischen Potenzial für Biomasse. Alle diese Möglichkeiten stehen Polen zur Verfügung um seinen Stromsektor sauberer und auf verschiedene Energieträger aufbauend zu machen.

„Der notwendige Schritt weg von der Kohle bringt wirtschaftliche und soziale Möglichkeiten mit sich. Die Alternativen aus dem Gebiet der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz werden bedeutende soziale und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen welche belastbar und langandauernd sein werden. Die Politik der EU sollte dabei helfen, Alternativen zu entwickeln und negative sozioökonomische Auswirkungen für einige Regionen zu vermeiden und nachhaltige Beschäftigungsalternativen zu entwickeln.“

„Neben der Schaffung von Beschäftigung wird der Kohleausstieg und der verstärkte Ausbau erneuerbarer Energien den polnischen Stromsektor widerstandsfähiger machen gegen Stromausfälle aufgrund von höherer Häufigkeit von extremer Trockenheit und dem verbundenen Mangel an Kühlwasser für Kohlekraftwerke.“

(2) Die vollständige Liste mit dem Jahr der Abschaltung nach Kraftwerksblock ist hier erhältlich. Anmerkung: In einigen Fällen befinden sich mehrere Kraftwerke am selben Ort oder gehören zum selben Komplex.  Zum Teil werden diese als unterschiedliche Kraftwerke betrachtet – teilweise mit unterschiedlichen Eigentümern – und zum Teil werden sie jedoch als zum gleichen Kraftwerk zugehörend betrachtet. Eigentümerschaft kann sich wandeln, wodurch sich dann auch die Zahl der Kraftwerke ändern kann. Unter Beachtung dieser Umstände kommen wir auf eine Zahl von 315 einzelnen Kraftwerke. Jedoch wird unsere Analyse auf Basis von individuellen Kraftwerksblöcken durchgeführt.

Mehr zum Ausstieg aus der Kohle im factory-Magazin Divestment oder im Themenbereich online.



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