Donnerstag, 04. April 2013

Open Data für mehr Umweltschutz

Freien Zugriff vor allem auf Daten und Forschungsergebnisse würde automatisch für besseren Umwelt- und Gesundheitsschutz sorgen, so die Forderung von Wissenschaftlern, die die bisherige Veröffentlichungspraxis verändern wollen.

Weil Umweltschutz, Gesundheitsvorsorge und Warnung vor giftigen Stoffen grundsätzlich alle Menschen angehen, müssen sie sich auch zu jeder Zeit aus dem vorhandenen Datenpool darüber informieren können, so die Forderung der Open Data-Initiative der Wissenschaftler. Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Betroffenen würde verbessert, die Transparenz führte zu mehr Engagement und Erkenntnissen und zu einem höheren Schutzniveau.

Bisher verhindere die  Veröffentlichungspraxis von Daten und Forschungsergebnissen den notwendigen Wissensaustausch. Weil die Studien häufig nur in kostenpflichtigen Zeitschriften publiziert würden und die Sparpraxis der Universitäten dazu führen würde, dass diese auch nicht überall verfügbar wären.

Wissenschaftler des Instituts für Umweltwissenschaften Landau an der Universität Koblenz- Landau fordern jetzt daher gemeinsam mit Kollegen vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ, der Universität Wageningen und der Swedish University of Agricultural Sciences in einem Fachartikel freien Zugang zu aktuellen Daten. Dies würde nicht nur schneller zu neuen Erkenntnissen führen, sondern auch zu effizienteren Warnungen der Bürger vor Gefahren.

Aufgrund von Preissteigerungen der Verlage und Budgetkürzungen bei Universitäten können sich diese immer weniger Hochschulen leisten. In der Folge fehlen Forschungsgruppen oft aktuelle Erkenntnisse ähnlicher Projekte, wodurch sie gleiche Problemstellungen ein zweites Mal lösen müssen. Daraus folgt nicht nur eine Verschwendung öffentlicher Gelder, sondern beispielsweise auch eine Verzögerung der Forschung zum Umwelt- und Gewässerschutz.

Offener Wissenstransfer bringt mehr

Ein freier Zugang auf neueste Daten würde die Forschung deutlich schneller voranbringen. Forschungsgruppen könnten auf ähnliche Ergebnisse zurückgreifen und häufig bereits einen oder gar zwei Schritte überspringen. Zwar zahle die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) bereits zum Teil für deutsche Bildungseinrichtungen den Zugang zu Zeitschriften. Insgesamt ist das Publizieren in frei zugänglichen Zeitschriften jedoch kaum verbreitet. Zum Teil dürfen zu den Ergebnissen die zugehörigen Daten nicht veröffentlicht werden, etwa Daten von Behörden. Ein positives Beispiel ist hier die Stadt Hamburg, die vor kurzem ein Open Data Portal mit zahlreichen Verwaltungsdaten zum kostenlosen Herunterladen gestartet hat.

Freier Zugriff für freie Bürger

Noch schwieriger ist es für Bürger, aktuelle Daten in den Bereichen Umwelt- und Gewässerschutz oder Gesundheit zu erhalten. In Deutschland sind diese nur selten frei zugänglich, wie einige Klimadaten vom DWD (Deutscher Wetterdienst), Gewässerdaten von einzelnen Bundesländern oder Vorkommensdaten zu Lebewesen über GBIF (Global Biodiversity Information Facility). Die meisten Informationen müssen einzeln angefragt und zum Teil bezahlt werden.

„In Deutschland wäre ein zentrales Internetportal für alle sicherheitspolitisch oder datenschutzrechtlich unbedenklichen Daten wünschenswert“, meint der Landauer Umweltwissenschaftler Ralf Schäfer. „Schließlich wird die Erhebung und Forschung meist aus öffentlichen Geldern bezahlt und der Bürger hat somit ein Anrecht, die Ergebnisse auf einfache Weise einzusehen.“

Wie in den USA und Australien garantiert in Deutschland das Umweltinformationsgesetz, dass jeder Bürger innerhalb von ein bis zwei Monaten die angeforderten Daten erhält. In der Praxis hängt die Einhaltung dieser Fristen jedoch häufig von der Personalausstattung und dem Engagement der Behördenmitarbeiter ab, so dass Wartefristen bis zu einem Jahr möglich sind und die Identifikation des zuständigen Sacharbeiters schwierig sein kann.

Demgegenüber können in den USA die meisten Monitoring-Daten zur Umwelt online frei heruntergeladen werden. In Deutschland hängt das vom jeweiligen Bundesland ab. Der freie Zugang ist aber nicht nur aus allgemeinem Interesse heraus wünschenswert, sondern auch aus konkreten gesundheitlichen Gründen: So sind etwa Informationen über giftige Substanzen in der Umwelt oder Gewässern sowie belastete Nahrungsmittel einfacher zu erfahren. Und im Falle eines Falles können entsprechende Warnungen auch über soziale Medien oder durch zentrale Stellen verbreitet werden. Vor allem in Entwicklungsländern sind entsprechende Smartphone-Apps oder SMS-Services für den Katastrophenschutz bereits im Einsatz.

Gesundheitsschutz konkret

In El Salvador ist die chronische Niereninsuffizienz unter Arbeitern in Zuckerrohr- und Bananenplantagen Todesursache Nummer Eins. Mit freier Software und Zugang zu allen Daten können die Wissenschaftler der Uni Landau die Ursachen identifizieren und Gegenmaßnahmen entwickeln. So konnten Übergewicht und Diabetes ausgeschlossen werden und der starke Einsatz von Pestiziden, denen die Arbeiter ohne entsprechenden Schutz ausgesetzt sind, als möglicher Auslöser eingegrenzt werden. Aber auch Hitzestress oder Wassermangel werden diskutiert.

Gleichzeitig können im Rahmen des Projekts Satellitendaten zeigen, wie der Zustand des Zuckerrohrs, die Beschaffenheit des Geländes oder die Fließrichtung des Wassers ist – und dadurch die gezielte Dosierung von Pestiziden verbessert werden. In Zukunft können Smartphone-Apps Risikogebiete wie Sümpfe mit Krankheitserregern oder den Einsatz von Pestiziden anzeigen.

Weitere Informationen zur Hilfe durch freien Zugang zu Daten gibt es im Artikel Progress in Ecotoxicology through Data Sharing von Ralf B. Schäfer, Mirco Bundschuh, Andreas Focks, Peter Carsten von der Ohe, der in der Ausgabe April 2013 der Fachzeitschrift “Environmental Toxicology & Chemistry” erschienen und frei zugänglich ist.



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