Montag, 22. Mai 2017

Nachhaltige Entwicklung geht nur mit gesunden Böden

Zum dritten Mal findet in Berlin die weltweite Bodenwoche, die "Global Soil Week" statt. In ihrem Mittelpunkt steht die weltweit übernutzte Ressource Boden. Die 600 Teilnehmer des Kongresses in Berlin kommen aus über 80 Ländern und wollen mehr Schutz für die Böden als nachhaltige Lebensgrundlage erreichen – sie hoffen auf die erfolgreiche Umsetzung innerhalb der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und plädieren für ein EU-weites Bodenschutzgesetz.

Boden ist neben Wasser und Luft die wichtigste Grundlage irdischen Lebens. Trotzdem erhalten Böden und ihre Nutzung nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Zwar weiß jeder Zimmerpflanzenbesitzer, dass die Erde in seinen Töpfen ohne Pflege seine Pflanzen nicht lange versorgt, bei der Notwendigkeit von Fruchtwechseln in der Landwirtschaft, der Bodendegradation und dem "Landgrabbing" hört es aber schon wieder auf.

Dabei sind die Böden weltweit akut gefährdet, nicht zuletzt durch Klimawandel,  Spekulationsinteressen und die intensive menschliche Nutzung. Weltweit sind bereits 20 bis 25 Prozent des verfügbaren Landes für die Nutzung verloren, sind sozusagen toter Boden, der auch nicht wiederbelebt werden kann. Jedes Jahr gehen weitere Milliarden Tonnen Boden durch Erosion verloren. 2013 wies die Global Soil Week darauf hin, dass der Bodenverlust die Existenz von 1,5 Milliarden Menschen bedrohe.

Gleichzeitig wachsen die Ansprüche and die schrumpfenden Flächen, schließlich werden 90 Prozent der Lebensmittel über Böden und Land gewonnen – bis 2050 wird der Bedarf noch weiter wachsen. Außerdem sind die Böden wichtige Speicher für Kohlendioxid – sie müssen für die Anpassung an den Klimawandel viel mehr als bisher leisten.

Das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, wie sich das IASS, das Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam seit kurzem nennt, ist seit 2012 Veranstalterin der Global Soil Week. Ausgerichtet wird es vom institutseigenen "Global Soil Forum". Standen 2012 schon Gegenmaßnahmen gegen die Bodendegradation im Mittelpunkt der Konferenz, waren es 2013 Landgrabbing und konkrete Entsiegelung von Städten und die Integration des Bodenschutzes in die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN, der Agenda 2030. Mit der Annahme dieser Ziele ist der Bodenschutz nun Teil dieses Programms, wobei er nicht als eigenes Ziel genannt ist, sondern in fast allen 17 Zielen, sowohl den ökologischen, sozialen als auch den ökonomischen von Bedeutung ist. Die Global Soil Week will nun dafür sorgen, dass der Bodenschutz auch in den nationalen Nachhaltigkeitsstrategien die Beachtung erhält, die er verdient.

Da wird zum Beispiel vorgeschlagen, dass die kleinen Landwirtschaftsbetriebe mit weniger als zwei Hektar Land, die 72 Prozent der weltweit 460 Millionen Farmen ausmachen, mit Arbeitskräften, Kapital und anderen Ressourcen unterstützt werden, um Bodenverluste zu verhindern und ihre Lebensgrundlagen zu erhalten. Dieses nachhaltige Landmanagement soll durch lokal aktive Organisationen verbreitet werden, für die die notwendigen nationalen Voraussetzungen geschaffen werden müssen – die die Teilnehmer bei der Global Soil Week diskutieren. 

Weil der Boden nicht nur Lebensgrundlage der Menschen, sondern auch Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere ist, plädiert der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) anlässlich der Global Soil Week für eine bessere Erforschung der Zusammenhänge zwischen Artenvielfalt und Bodenqualität. Denn bisher wird der Verlust nur oberhalb des Bodens gemessen. So nahm die Zahl der Vögel in landwirtschaftlich genutzten Gebieten zwischen 1980 und 2010 in der EU um 57 Prozent ab. Allerdings ernähren sich Vögel ernähren von Larven und Regenwürmern, die im Boden leben – und ihr Lebensraum wird kleiner. „Es liegen bisher kaum Informationen vor, wie sich die Artenvielfalt in landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich genutzten Böden entwickelt. Nur die wenigsten Bodenorganismen sind überhaupt bekannt und erforscht“, sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. „Wir müssen diese Wissenslücke schließen, wenn wir den Verlust der  biologischen Vielfalt stoppen wollen. Nur über die biologische Vielfalt kann die Bodenfruchtbarkeit erhalten und geschädigte Böden wieder regeneriert werden“, so Tschimpke. Als Teil des Netzwerks People4Soil, in dem sich über 500 Vereinigungen zusammen geschlossen haben, fordert der Nabu eine einheitliche Gesetzgebung zum Bodenschutz in der EU.

Dafür setzen sich auch einige der Wissenschaftler*innen ein, die auf der Global Soil Week tagen, wie man in ihren Tweets lesen kann. Sie plädieren für eine Teilnahme an der Petition für ein EU-weites Gesetz zum Schutz der Böden, im Rahmen einer Europäischen Bürgerinitiative (EBI). Werden eine Million Unterschriften erreicht, muss sich die EU-Kommission mit der Forderung beschäftigen.

„Wir brauchen nicht mehr Land, sondern fruchtbare Böden für den steigenden Bedarf an Lebensmitteln und Rohstoffen für eine nachhaltige Bioökonomie“, so Martina Kolarek, Referentin für Bioökonomie im NABU. "Nur durch den Erhalt der biologischen Vielfalt und insbesondere der Artenvielfalt in den Böden sind wir in der Lage, Armut zu bekämpfen und Wohlstand dauerhaft zu sichern.“ Doch bisher gibt es keine gesetzlichen Regelungen zum Schutz der Böden und ihrer Vielfalt weltweit. Und die Bemühungen um ein europaweites Bodenschutzgesetz scheiterten nicht zuletzt am Widerstand Deutschlands.

Quellen: IASS, Nabu

Mehr zum Landgrabbing, das auch in unseren Breiten um sich greift, im factory-Magazin Wir müssen reden. Die Fotoreportage berichtet über die Auswirkungen des Landgrabbing im Osten Deutschlands.



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