• Titel des factory-Magazins Utopien
Mittwoch, 07. September 2016

Mit utopischem Denken kreative Lösungen für die Zukunft finden

Sie sind nicht gerade en vogue: Utopien. Die Realität heißt Krise, die Zukunft "Auswirkungen des Klimawandels". Die Wende zu einer besseren, ressourcenleichten Gesellschaft ließe sich erreichen, wenn wir utopisches Denken neu erfinden – und uns positive Bilder in eine gemeinsame Zukunft leiten. Dafür plädiert das neue factory-Magazin "Utopien".

Die Gegenwart ist bestimmt vom Krisenmanagement. Ängste regieren, rechte Populisten versprechen eine Rückkehr zu nationalistischer Vergangenheit. Gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Visionen, die tatsächlich zukunftsfähig sind, die einen Glauben an eine lebenswerte, gerechte Zukunft für alle Menschen etablieren: im gesellschaftlichen Diskurs kommen diese nicht vor. Allenfalls die Energiewende ist bekannt und beliebt – und dennoch ständig bedroht. Ressourcenwende, Agrarwende, Mobilitätswende, Wohlstands- und Wirtschaftswandel? Die Menschheit scheint auf der Höhe ihrer Entwicklung zu stehen, doch die kollektive Lust auf eine ökonomisch, ökologisch und sozial gerechte Zukunft ist ihr abhanden gekommen. Vielmehr: Die Lust ist da, es fehlt der Wille zur Vorstellung. Utopien sind diskreditiert als totalitärer, fehlgeschlagener Ansatz, für heute und die Zukunft gilt Problemlösungsmanagement. Einfach muss es sein, schnell wirken, Strukturen unverändert lassen – die langfristigen Folgen kümmern nicht.

Dabei lässt sich unsere Zukunft gestalten, wir müssen sie uns nicht aufbürden lassen. Die Große Transformation in diesem Jahrhundert enthält viele Herausforderungen: für die Energieversorgung, die Bewältigung der Klimafolgen, Landwirtschaft, Urbanisierung, Gesundheit, Migration, Bildung. Die Liste scheint unendlich, doch für all das gibt es nachhaltige, gerechte Lösungen. Sie liegen zum Teil schon vor oder sie lassen sich gemeinsam entwickeln, ob es um treibhausneutrale Städte und Länder geht, urbane oder globale Mobilität oder um ressourcenleichtes Leben. Was wir für die Realisierung jedoch brauchen, ist eine neue Lust am utopischen Denken, an der Entwicklung eines Möglichkeitssinns, eine Abkehr vom angeblich alternativlosen Immerweiterso. Wir brauchen Bilder lebenswerter Zukünfte, in die sich Menschen hineinversetzen können, die ihnen die Ängste vor dem Unbekannten nehmen, ihnen Mut auf eine ungewisse, aber gerechtere Zukunft machen. Denn das zeigt sich: Überall dort, wo diese Bilder entstehen, realisieren sich auch konkrete Utopien. Wie Antoine de Saint-Exupéry empfahl: Wenn Du ein Schiff bauen willst, beginne nicht Holz zu sammeln, Planken zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern mache den Menschen Lust auf das weite und offene Meer.

In diesem Sinne plädieren die Autor_innen im aktuellen factory-Magazin für die Neuerfindung utopischen Denkens, für das Malen positiver Zukunftsbilder, für die Institutionalisierung visionären Forschens – es passt zu uns und unserer Zeit.

So zeigt der Soziologe Andres Friedrichsmeier, dass das Credo der Alternativlosigkeit des globalen Neoliberalismus eine versagende Utopie ist, aus der es dutzende Auswege gibt. Isabella Hafner beschreibt alternative Lebens- und Produktsionsweisen, die als utopische Inseln Anschlusspotenzial besitzen. Der Science-Fiction-Forscher Alan Shapiro plädiert für fiktionales Lernen als Schlüssel für kreative, nachhaltige Lösungen. Auf die konkreten Wuppertaler Utopien und ihre Kopierfähigkeit verweisen Jan Filipzik und Olaf Joachimsmeier in unserer Fotostory. Dass Wissenschaft und Utopie gar nicht so weit auseinanderliegen, daran erinnert Uwe Schneidewind mit seinem Plädoyer für eine neue Möglichkeitswissenschaft. Mit welchen Erzählungen und Leitbildern sich eine zukünftige ressourcenleichte Gesellschaft vermitteln ließe, fassen Holger Berg und Christa Liedtke zusammen. Dass sich auch in der medialen Vermittlung neue journalistische Ansätze für die Große Transformation durchsetzen müssen, davon berichtet Manfred Ronzheimer. Spannend und inspirierend entfalten sich Zukünfte und Gegenwarten in der Science-Fiction-Literatur, das zeigen die Leseempfehlungen von Henning Meyer. Wie Mythen und Vorstellungen von Utopien unsere Hoffnungen vernebeln und wie neue utopische Orte entstehen können, erzählt der Philosoph Bernd Draser in seinem Beitrag Die nächsten 500 Jahre, den Sie nur online lesen können.

Utopien sind ein komplexes Thema – doch wir sind überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt: Wenn die Große Transformation gelingen soll, benötigen wir wieder fiktionales, utopisches Denken in allen gesellschaftlichen Bereichen. Und je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto größer wird die kreative Vielfalt und um so wahrscheinlicher der Erfolg der Transformation.

Das factory-Magazin Utopien steht als PDF-Magazin kostenlos zum Download. Es ist reich illustriert, enthält sämtliche Beiträge, zusätliche Zitate, Zahlen und Wordcloud und lässt sich ausgezeichnet auf Tablet-Computern und Bildschirmen lesen, gegebenenfalls auch ausdrucken. Online im Themenbereich sind zunächst nur einige Beiträge zu lesen – der Beitrag Die nächsten 500 Jahre jedoch exklusiv. Ein Newsletter informiert über das Erscheinen des nächsten Magazins. factory wird herausgegeben von der Aachener Stiftung Kathy Beys, der Effizienz-Agentur NRW und dem Wuppertal Institut.



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