• Nordseite von Riyadh City mit 59 geplanten neuen Wolkenkratzern, die jedoch unter ökologischen Kriterien geplant wurden. Bild: Maher Najm, Flickr.com

Donnerstag, 24. November 2016

Klimafreundliche Stadtplanung ist der Schlüssel zum Zwei-Grad-Ziel

Weltweit ziehen die Menschen in die Städte. Werden die dafür notwendigen Erweiterungen um Gebäude, Infra- und Mobilitätsstrukturen so geplant und realisiert, wie bisher, macht der hohe Ressourceneinsatz das Klimaziel von zwei bzw. 1,5 Grad Celcius maximaler Erwärmung unmöglich. Werden sie jedoch klimafreundlich gestaltet, wird schon jetzt die Hälfte der zukünftigen Treibhausgasemissionen eingespart, zeigt eine neue Studie.

In Deutschland leben schon jetzt 70 Prozent der Bevölkerung in Städten. Weltweit werden es 2050 70 bis 80 Prozent sein – noch ist es erst die Hälfte der Weltbevölkerung, die in Städten lebt. Das Wachstum der Städte so zu gestalten, dass zwei bis drei Milliarden Menschen mehr in den nächsten Jahrzehnten Platz finden, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe mit nicht nur lokaler oder nationaler Bedeutung. Denn die neuen Gebäude, Straßen und Infrastrukturen kosten vor allem Ressourcen – und die sind nicht nur teuer, sondern vor allem durch ihre Gewinnung und Verarbeitung klimarelevant, und das betrifft bekanntlich alle.

Werden die Städte der Zukunft so gebaut bzw. die Städte so erweitert, wie die Stadtplaner die bisherigen Städte gebaut und erweitert haben, wird das Klimaziel von maximal zwei Grad Celsius Erderwärmung nicht erreicht, sagt Prof. Dirk Messner im factory-Interview. Nun haben Wissenschaftler berechnet, wie hoch die Einsparung an Kohlendioxid bei entsprechender klimafreundlicher Stadtplanung sein kann: Dabei lässt sich schon die Hälfte der zukünftigen CO2-Emission eingesparen. Das entspräche ab 2040 rund 10 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Das ist immerhin die Menge, die derzeit die USA, Europa und Indien zusammen ausstoßen. Dies sind Kernergebnisse der neuen Studie, die Felix Creutzig vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) jetzt mit Kollegen im Fachmagazin Nature Climate Change veröffentlicht.

Konkret lässt sich diese enorme CO2-Einsparung erreichen, wenn energieeffiziente Gebäude in den Städten weltweit jetzt stärker verdichtet gebaut und neue Mobilitätskonzepte, die zum Beispiel mehr Carsharing, Elektrifizierung und Fahrradwege beinhalten, umgesetzt werden. Nötig wären dafür bei der Stadtplanung vor allem in Asien, Afrika und dem Nahen Osten auch kürzere Pendlerstrecken, Mautstraßen und sowohl architektonische als auch technologische Verbesserungen der Gebäude. Entscheidend sind aber auch höhere Benzinsteuern. 

„Die Stadtplanung und das Verkehrswesen könnten eine wesentliche Straßensperre auf dem Weg zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels darstellen. Sind entsprechende Infrastrukturen einmal errichtet, bestimmen sie den CO2-Ausstoß nahezu eines ganzen Jahrhunderts – viel länger als selbst Kohlekraftwerke“, sagt Leitautor Felix Creutzig. „Wenn die Welt jedoch in den nächsten 15 Jahren die gebotenen Chancen beherzt ergreift, liegt in der besseren Planung der bestehenden und vor allem der künftigen Infrastrukturen der Städte ein Schlüssel zum Erreichen ambitionierter Klimaziele. Gerade in Zeiten rechtspopulistischer und klimafeindlicher Regime, können pragmatische städtische Entscheidungsträger mehr Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen.“

Die neue Arbeit ist vor allem für die kommunalen Entscheidungsträger von sowohl Groß- als auch Kleinstädten von besonderer Relevanz: In den jeweiligen Klimaschutzplänen werden meist der Transport- und der Gebäudesektor getrennt voneinander und auf nationalstaatlicher Ebene betrachtet. Der Artikel in Nature Climate Change nimmt dagegen die Ebene von Städten gezielt in den Blick und unterscheidet dann in der Bewertung des jeweiligen Klimaschutzpotenzials zwischen der Benutzung bestehender Infrastrukturen, der Benutzung neuer Infrastrukturen sowie den Emissionen, die mit dem Aufbau der Infrastrukturen einhergehen. 

Die Wissenschaftler haben für ihre Ergebnisse bereits bestehende Daten aggregiert und daraus das Klimaschutzpotenzial der drei Infrastrukturklassen berechnet. Demnach kommt dem Bau neuer Infrastrukturen die größte Bedeutung zu: Für das Jahr 2040 ist hier ist das Einsparpotenzial drei bis vier Mal so hoch wie bei dem klimafreundlichen Anpassen vorhandener städtischer Infrastrukturen. Doch auch in Städten wie Berlin, Bielefeld oder Bonn können durch das energieeffiziente Sanieren bestehender Gebäude, dem Bau neuer höherer Gebäude und dem Bereitstellen sicherer Fahrradschnellwege große Klimaschutzeffekte erzielt werden. Darüber hinaus entstehen bei dem Bau dieser Infrastrukturen aber nach wie vor viele CO2-Emissionen. Hier kommt der Abscheidung und umgehenden Speicherung von CO2 während des Produktionsprozesses von Zement eine große Bedeutung zu. 

„Wenn die Staaten der Welt die globale Erwärmung auf weniger als 2 Grad begrenzen wollen, sollten sie die städtischen Politiker und Planer stärker in die Pflicht nehmen“, sagt Creutzig. „Damit neue Technologien wie etwa Elektroautos und elektrische Fahrräder beim Klimaschutz voll zum Tragen kommen, muss die Politik sicherstellen, dass sie auch wirklich die alten, dreckigen Technologien ersetzen – und nicht neben ihnen herfahren.“

Die Verwendung nachwachsender Materialien für die Hochgebäude wie Holz und Bambus, um den Anteil an klimaschädlichem Beton zu verringern, kann den Druck auf das Klimaziel ebenfalls verringern, wie zum Beispiel die österreichischen Cree-Holzhochbauten zeigen, die in Wien, Berlin, München und London entstehen. Dadurch ließe sich auch der Anteil des gespeicherten CO2 erhöhen, denn zukünftige Gebäude haben eine Lebenszeit von über hundert Jahren. Japanische Holzpagoden mit 19 Stockwerken sind teilweise über 1400 Jahre alt.

Bild: Nordseite von Riyadh City mit 59 geplanten neuen Wolkenkratzern, die jedoch unter ökologischen Kriterien geplant wurden. Maher Najm, Flickr.com

Mehr zum Thema Klimaschutz und Stadtplanung in den factory-Magazinen Handeln und Baden gehen.



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