Freitag, 16. Oktober 2015

Heute ist der Welternährungstag ...

... oder besser: Welthungertag. Warum wir unser Milleniumsziel zwar auf dem Papier erreicht haben, uns aber nicht darüber freuen sollten. Eine kleine Zusammenstellung zum Hunger auf der Welt.

Seit 1979 ist jährlich am 16. Oktober der Welternährungstag. Dieses Datum wurde gewählt, weil am 16. Oktober 1945 als Sonderorganisation der UNO die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO gegründet wurde. Angesichts der aktuellen Schätzung der FAO von 795 Millionen Hungernden in 2015 ( The state of Food Insecurity in the World ) kann man die Ziele des Welternährungsgipfels von 1996 in Rom als gescheitert betrachten. Dort verpflichteten sich die Staatschefs feierlich, bis 2015 die absolute Zahl der Hungernden auf 425 Millionen zu halbieren.

"Auf dem Millenniumsgipfel 2000 der Vereinten Nationen sollte dann nur noch der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung halbiert werden, später wurde auch noch das Basisjahr von 2000 auf 1990 vorverlegt. 2012 hat die FAO dann auch noch die Methode geändert, wie die Zahl der Hungrigen berechnet wird. Mit all diesen Tricks gelang es, einen stetig anwachsenden Trend in einen stetig abfallenden zu verwandeln", sagte Thomas Pogge, Direktor des Global Justice Program der Yale University, der ZEIT im Interview mit Christiane Grefe.
Aktuell hungert also mindestens jeder 9. Mensch weltweit, wobei diese Zahlen aufgrund der neuen Berechnungsgrundlagen stark geschönt erscheinen. Die FAO legt für ihre Schätzungen nun einen bewegungsarmen Lebensstil mit einem minimalen Kalorienbedarf von 1840 Kcal zugrunde, nimmt man einen normalen Lebensstil und einen Kalorienbedarf von 2020 Kcal als Grundlage, erreicht die Zahl der Hungernden wieder über 1,2-Milliarden, so die kritische Dachorganisation Weltagrarbericht
Die große Mehrheit der Hungernden (98 Prozent) lebt in Entwicklungsländern. Davon leben zirka 511 Millionen in Asien und der Pazifikregion, 232 Millionen in Afrika. Jedoch ist der Anteil der Hungernden an der Bevölkerung mit 20 Prozent in Afrika am höchsten. (Quelle:The state of Food Insecurity in the World, FAO 2015)

Ursachen

Angesichts der Tatsache, dass pro Kopf zur Zeit trotz wachsender Weltbevölkerung die größten Ernten aller Zeiten eingefahren werden, müsste theoretisch kein Mensch hungern. Würden die Lebensmittel effektiv eingesetzt, könnten 12 bis 14 Milliarden Menschen ernährt werden.
Die wichtigsten Ursachen für den Welthunger sind Armut, Klimabedingungen und Naturkatastrophen sowie Krieg und Vertreibung. Den Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten zeigt deutlich der neue Welthunger-Index 2015: Länder, in denen noch Krieg herrscht oder wo er erst vor kurzem beendet wurde, weisen die höchsten Hungerwerte auf, wie etwa die Zentralafrikanische Republik. 
Ein immer größer werdendes Problem für den Anbau von Lebensmitteln für die menschliche Ernährung sind die Konkurrenz zu Futtermittelanbau und der Herstellung von Biosprit. 2,5 Milliarden Tonnen Getreide wurden 2014 weltweit geerntet, mehr als je zuvor. Doch nur 43 Prozent des Getreides dient als Lebensmittel. Der Rest wird zu Tierfutter, Sprit und Industrierohstoffen verarbeitet, so die Zusammenstellung des Weltagarbericht.
Dieses Problem dürfte sich noch deutlich verschärfen, denn die Konzentration von Landbesitz hat sich in den letzten Jahrzehnten auch in Europa, insbesondere in Osteuropa, extrem beschleunigt und erreicht Dimensionen wie in Brasilien oder Kolumbien, die für ihre ungleiche Landverteilung bekannt sind. In der EU kontrollieren 3 Prozent der Grundbesitzer – das sind die großen Betriebe, die über 100 Hektar oder mehr verfügen – die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen, so eine Studie des Transnational Institute 2013
Die zunehmende Konzentrierung des Landbesitzes in den Händen großer Konzerne, ist eine Gefahr für die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln denn kleinbäuerliche Strukturen zur regionalen Versorgung verschwinden. Eine Auswertung von Oxfam von über 600 Land Deals zeigt, dass nur 34 Prozent der Produktion von Lebensmitteln dienen, während die übrigen Projekte den Anbau von Futter- und Energiepflanzen zum Ziel haben. Bei den meisten Projekten ist die Ernte für den Export bestimmt.

Lösungen 

Der Vorsitzende des Bio-Spitzenverbandes BÖLW, Felix Prinz zu Löwenstein, erklärt anlässlich des heutigen Welternährungstages : „Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Art wie wir in Deutschland Lebensmittel produzieren und den Lebenschancen der Menschen anderswo. Wir müssen aufhören, Landwirtschaft so zu betreiben, dass den Menschen im Süden der Klimawandel die Ernten verbrennt oder auf großen Teilen ihrer Äcker Futter für unsere Tiere wächst.Der Schlüssel zur Hungerbekämpfung liegt in einer ökologischen und ressourcenschonenden Nahrungsmittelproduktion durch die vielen Millionen Kleinbauern weltweit. Stabile Ernährungssysteme, ganz egal ob in Afrika oder hier in Europa, entstehen ohne die teuren Produkte der Agrarchemie. Entscheidend sind stabile politische Bedingungen, Investitionen in lokale Infrastrukturen und die Ausbildung der Bauern vor Ort. Mit Ökolandbau können Menschen gerade in den Regionen Afrikas und Asiens, die laut Welthungerbericht stark vom Hunger betroffen sind, ihre Ernährungssituation aus eigener Kraft verbessern. In afrikanischen Ländern haben über 10 Millionen Bauern durch partizipative Forschung in agrar-ökologische Intensivierung ihre Erträge mehr als verdoppelt.“



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